Prokrastination als Selbstregulationsstörung beim Lernen und Behandlungsmöglichkeiten


Hausarbeit, 2020

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Selbstreguliertes Lernen

3 Prokrastination
3.1 Erklärungsansätze
3.2 Diagnostik
3.3 Behandlungsmethoden

4 Diskussion

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Eigentlich müsste ich meine Hausarbeit schreiben, aber andererseits habe ich für die 15 Seiten noch drei Wochen Zeit und würde lieber mit meinen Freunden Kaf­feetrinken gehen.“ Die Überlegung, ob man lieber sein Projekt in der Arbeit voll­endet oder doch früher nach Hause zu seiner Familie fährt. Solche oder ähnliche Fragen stellt sich wohl jeder Mensch einmal.

In einer Zeit, in der dem lebenslangen Lernen eine große Bedeutung zugesprochen wird, werden auch das selbstgesteuerte Lernen und die damit verbundenen Störun­gen bedeutsam. Zum Problem kann es beispielweise werden, wenn bestimmte Handlungen immer weiter hinausgezögert werden. In den letzten Jahren hat sich für dieses Verhalten der Begriff „Prokrastination“ durchgesetzt. Insbesondere während des Studiums wird oft davon gesprochen zu prokrastinieren, wenn ein Student eine andere Aktivität dem Lernen auf die nächste Prüfung oder dem Schreiben von Hausarbeiten vorzieht. Das Verzögern von bestimmten Arbeiten muss aber nicht immer eine dysfunktionale Verhaltensweise sein. Häufig wird einfach eine andere Aktivität vorgezogen, da diese eine größere Priorität besitzt. Problematisch wird es für die Betroffenen allerdings, wenn sich dadurch negative Konsequenzen für das Leben ergeben. Dieses Verhalten kann aber nicht nur im Studium, sondern auch im privaten oder beruflichen Umfeld beobachtet werden. In diesem Kontext stellt sich die Frage, ob es geeignete Möglichkeiten der Intervention zur Reduktion von Pro- krastination gibt.

Um sich diesem Thema anzunähern, wird zunächst das selbstregulierte Lernen be­trachtet. Anschließend wird der Begriff „Prokrastination“ definiert und kurz auf das akademische Prokrastinieren und die Häufigkeit des Auftretens in der Bevölkerung sowie auf die Zusammenhänge mit der Persönlichkeit eingegangen. Als nächstes werden einige Erklärungsansätze für das Entstehen dieses Verhaltes und Möglich­keiten der Diagnostik dargestellt. Abschließend werden einige Behandlungsmög­lichkeiten vorgestellt. Ein genauerer Blick wird dabei auf die Münsteraner Inter­ventionsmodule geworfen. Die Arbeit wird mit einem kritischen Ausblick im Rah­men eines Fazits beendet.

Zur Vereinfachung des Leseflusses wird im Folgenden die männliche Schreibform gewählt, gemeint sind jedoch stets alle Geschlechter.

2 Selbstreguliertes Lernen

Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurden unterschiedliche Definitionen und Begriffe verwendet, um selbstreguliertes Lernen zu beschreiben. Abhängig von der verwen­deten Literatur kann dieses Konzept auch als selbstgesteuertes, selbstkontrolliertes, selbstständiges oder autonomes Lernen bezeichnet werden (Konrad, 2014, S. 37).

Im Folgenden wird unter Selbstregulation die Fähigkeit, seine Gedanken, Emotio­nen und Handlungen auf ein bestimmtes Ziel hin auszurichten, verstanden (Zim­merman, 2000, S. 13 ff). Im Kontext von Lernen heißt dies, dass das Lernen be­wusst begonnen und durch bestimmte Strategien gesteuert und reguliert wird (Landmann, Perels, Otto, Schnick-Vollmer & Schmitz, 2015, S. 46). Ziel ist, dass eine Person die Befähigung erlangt, sich Wissen eigenständig anzueignen und die­ses dann auch nutzen kann (Brunstein & Spörer, 2018, S. 742 f). Im Hinblick auf das schnell veraltende Wissen spielt dieser Form des Lernens eine besondere Rolle im Bildungs- und Erziehungsbereich (Landmann et al., 2015, S. 46).

Beim selbstgesteuerten Lernen wird zwischen den kognitiven, den motivationalen und den metakognitiven Komponenten unterschieden. Die kognitive Komponente beinhaltet dabei die Informationen, Lernstrategien und Lernziele. Unter der moti­vationalen Komponente fällt die Selbstmotivation, die Willenskontrolle zur Erhal­tung des Lernens sowie die Bewertung der Ergebnisse. Die metakognitive Kompo­nente umfasst das Wissen, die Planung sowie die Überwachung und auch Anpas­sung des eigenen Lernverhaltens (Brunstein & Spörer, 2018, S. 742 f).

Neben den unterschiedlichen Definitionen haben sich auch verschiedene Modelle der Selbstregulation gebildet. Diese lassen sich grob in zwei Kategorien aufteilen. Zum einen gibt es die Prozessmodelle. Diese gehen von verschiedenen Schritten aus, die einem Regelkreis ähneln. Zum anderen gibt es die Schichtenmodelle. Hier wird nicht der zeitliche Verlauf, sondern die unterschiedlichen Ebenen der Regula­tion betrachtet (Landmann et al., 2015, S. 46 ff). Boekaerts (1999, S. 447 ff) geht in diesem Zusammenhang von drei Ebenen aus. In der inneren Ebene wird die kog­nitive Strategie gewählt. Die nächste Ebene ist durch die Wahl der metakognitiven Strategie gekennzeichnet. Als letztes kommt es zu einer Regulation des Selbst. Hierunter fällt die Motivation, die Zielformulierung und die Überprüfung der Res­sourcen.

3 Prokrastination

Der Begriff Prokrastination leitet sich von dem lateinischen Wort „procrastinate“ ab und bedeutet „aufschieben“ „vertagen“. Im Gegensatz zur heutigen Zeit war dieser Begriff früher nicht negativ, sondern positiv besetzt. Er wurde verwendet, um aus­zudrücken, dass etwas aufgeschoben wird, um es zu einem günstigeren Zeitpunkt zu erledigen (Höcker, Engberding & Rist, 2017, S. 9).

Heutzutage versteht man unter Prokrastination das Aufschieben von Tätigkeiten, die für das Erreichen eines bestimmten Zieles nötig sind, zugunsten einer anderen Aktivität. Es handelt sich dabei um ein bewusstes Unterlassen der Handlung, ob­wohl die damit verbundenen Konsequenzen bekannt sind. Zusätzlich kommt es durch dieses Verhalten zu einer Abnahme oder Gefährdung der Qualität. Sowohl die Tätigkeit, als auch das Unterlassen werden dabei als aversiv erlebt (Höcker et al., 2017, S. 10). Im Gegensatz dazu, geht Holz-Ebeling (2017, S. 46) nicht davon aus, dass die Handlung als aversiv erlebt wird, sondern lediglich, dass eine andere Beschäftigung leichter fällt. Das Aufschieben sollte allerdings nicht nur vereinzelt auftreten. Über die genaue Häufigkeit und Intensität herrscht allerdings keine Ei­nigkeit. Klinisch relevant wird dieses Problem erst, wenn das Wohlbefinden der betroffenen Person darunter leidet und es auch trotz negativer Folgen (z. B. Leis­tungseinbußen oder eine Belastung der sozialen Beziehung) nicht eingeschränkt werden kann (Höcker et al., 2017, S. 10 f).

Diese Störung der Selbststeuerung fällt Engberding, Höcker & Rist (2017, S. 418) zufolge besonders im Studium auf, da das Lernen hier ein großes Maß an Selbst­ständigkeit benötigt. So kommen Corkin, Yu & Lindt (2011, S. 604 ff) zu dem Er­gebnis, dass ein negativer Zusammenhang zwischen Prokrastination, kognitiven und metakognitiven Lernstrategien besteht. Das sogenannte akademische Prokras- tinieren ist besonders gut untersucht. Dies liegt aber lediglich daran, dass dieses Verhalten hier leichter festzustellen und zu untersuchen ist. Insgesamt kann davon ausgegangen werden, dass es keine Unterschiede in Bezug auf die Häufigkeit des Auftretens zwischen akademischem, beruflichem und privatem Prokrastinieren gibt (Höcker et al., 2017, S. 14). In einer Studie von Krumm, Patzelt, Spieker, Frank, Engberding, Höcker & Rist (2011) an der Universität Münster, gaben zwischen 7 und 14,6 % der Studierenden an, unter Prokrastination zu leiden. Zu einem ähnli­chen Ergebnis, 20%, kommen Ferrari, O'Callagham & Newbegin (2005). Hier wur­den Stichproben aus den USA, Australien, England, Spanien und Peru miteinander verglichen (zit. n. Höcker et al., 2017, S. 12 f). Im Vergleich dazu, kommen Kling- sieck & Golombek (2016, S. 195) in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass 40 % der Studierenden zur Prokrastination im Zusammenhang mit ihren Hausarbeiten neigen.

In der Literatur wird oft zwischen einem aktiven und einem passiven Prokrastinie- ren unterschieden. Unter aktivem Prokrastinieren wird das bewusste Aufschieben der Arbeit bezeichnet, um einen Druck aufzubauen, der als benötigt empfunden wird, um eine gute Leistung zu erbringen. Dem gegenüber steht das passive Pro- krastinieren. Hier wird das Aufschieben nicht bewusst beabsichtigt (Chu & Choi, 2005, S. 247). Steel (2010, S. 15 f) kommt allerdings zu der Schlussfolgerung, dass es keine Evidenz für das Unterscheiden in unterschiedliche Typen gibt.

Die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Prokrastination und der Persön­lichkeit gibt, wurde von Steel (2007. S. 74 ff) untersucht. Er hat in diesem Zusam­menhang unter anderem eine hohe Korrelation zwischen Prokrastination und Ge­wissenhaftigkeit (r=-.62) und eine mittlere Korrelation zur Selbstkontrolle (r=-.58) gefunden. Eine mittlere Korrelation lag außerdem für Organisiertheit (r=-.36) und Leistungsmotivation (r=-.35) vor. Zudem besteht auch eine Korrelation zwischen Prokrastination und der Leistung (r=-.19). Im Gegensatz dazu besteht allerdings keine Korrelation mit Intelligenz (r=-.03). Eine mittlere Korrelation besteht aller­dings zwischen Prokrastination und der Angst zu versagen (r=. 58) (Höcker et al., 2017, S. 15 ff).

3.1 Erklärungsansätze

Wie bereits erwähnt, gehen einige Autoren davon aus, dass es sich bei der Prokras- tination um eine Störung der Selbstregulation handelt (Engberding et al., 2017, S. 417; Pychyl & Flett, 2012, S. 204; Steel, 2007, S. 65). Um dieses Phänomen zu erklären, werden unterschiedliche Perspektiven betrachtet. Zunächst kommt es da­bei zu einer Emotionsregulation, da eine negative Aktivität vermieden wird und so ein positives Gefühl entsteht (Höcker et al., 2017, S. 31 f).

Auf der verhaltensbezogenen Seite sind sich Prokrastinierer bewusst, dass sie be­stimmte Handlungen aufschieben und eventuell mit negativen Konsequenzen rech­nen müssen. Kurzfristig kommt es dadurch zwar zum Vermeiden einer aversiven Handlung und gleichzeitig zum Ausführen einer „angenehmen“ Tätigkeit. Die Kon­sequenzen sind dabei zwar bewusst, fließen aber nicht in die Bewertung der Situa­tion mit ein. Um dieses Verhalten beizubehalten, wird häufig versucht eine Erklä­rung dafür zu finden. Dies kann z. B. durch die Argumentation „ich brauche den Druck aber zum Arbeiten“ geschehen (Höcker et al., 2017, S. 24 f).

Eine andere Perspektive bietet die Motivations- und Volitionspsychologie. In die­sem Zusammenhang liefert das Rubikonmodell von Heckhausen & Gollwitzer (1987, S. 118 ff) einen guten Erklärungsansatz. Die erste Phase dieses Modells ist durch einen Abgleich der Wünsche einer Person und den Handlungsalternativen gekennzeichnet. Hier wird neben der Attraktivität des Ziels auch die Wahrschein­lichkeit der Realisierung berücksichtigt. Bei einer prokrastinierenden Person treten hier schon die ersten Probleme auf, da bereits viel Zeit zum Abwägen der Alterna­tiven benötigt wird. Wenn eine Entscheidung getroffen wurde, was auch als Über­schreiten des Rubikon bezeichnet wird, beginnt die zweite Phase. In dieser Phase geht es darum, die Motivation aufrecht zu erhalten und das weitere Vorgehen zu planen. Hier liegt die Gefahr einerseits darin, dass zu wenig Zeit für die Planung verwendet wird. Andererseits kann auch zu viel Zeit dafür verwendet werden, wodurch das Planen selbst zu einer Ersatzhandlung wird. Der Übergang zur dritten Phase fällt einem Prokrastinierer dabei besonders schwer, da es nun darum geht, die Handlung auszuführen, durchzuhalten und gegebenenfalls auch zu korrigieren.

Ohne eine gute Selbstüberwachung und Selbststeuerung kann es hier zu einem Ab­bruch der Ausführung kommen. In der vierten und letzten Phase wird das Ergebnis bewertet. Eine große Diskrepanz zwischen dem erwarteten und tatsächlichen Er­gebnis kann sich negativ auf die zukünftige Motivation auswirken. Gleichzeitig kann der verspätete Beginn allerdings auch als Ursache für die Diskrepanz gesehen werden und so das Selbstbild der Person schützen (Höcker et al., 2017, S. 26 ff).

Neben den bereits genannten Perspektiven spielt auch die kognitive Ebene eine große Rolle. Steel (2007, S. 74 ff) hat einen Zusammenhang zwischen Prokrastina- tion und einem niedrigen Selbstvertrauen (r=-.38) und Selbstwert (r=-.27) gefunden. Gleichzeitig besteht aber auch eine positive Korrelation zu „Self-handicap- ping“ (r=.46). Darunter versteht man, dass eine Person bei einem denkbaren Schei­tern bewusst nach Hindernissen sucht und diese auch zulässt. Dies ermöglicht es, das eigene Versagen zu erklären und so seinen Selbstwert zu schützen. Zusätzlich kommt es noch zu einer Rationalisierung der Prokrastination, indem das Verhalten gerechtfertigt wird. Wie bereits erwähnt sind die Konsequenzen des Aufschiebens bekannt. Dadurch dass diese aber erst zu einem späteren Zeitpunkt eintreten und andere Aktivitäten als positiv oder zumindest als weniger negativ erlebt werden, kommt es zu einer Nutzenabwägung zugunsten der Prokrastination (Höcker et al., 2017, S. 30 f).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Prokrastination als Selbstregulationsstörung beim Lernen und Behandlungsmöglichkeiten
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V1130984
ISBN (eBook)
9783346503206
ISBN (Buch)
9783346503213
Sprache
Deutsch
Schlagworte
prokrastination, selbstregulationsstörung, lernen, behandlungsmöglichkeiten
Arbeit zitieren
Frederick Rumi (Autor:in), 2020, Prokrastination als Selbstregulationsstörung beim Lernen und Behandlungsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1130984

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