Ziel dieser Hausarbeit soll es sein, das frühe Leben des Franziskus zu analysieren. Dabei soll eine Diskussion eröffnet werden, in der die These vom „zweiten Christus“ kritisch reflektiert wird. Den Fokus setzt die Arbeit vor allem auf die Anfangszeit und Endzeit des Lebens von Franziskus und versucht, darin die Rolle Jesus’ zu rekonstruieren.
Die Quellenlage zu Franziskus ist sehr umfangreich. Neben zahlreichen Briefen liegen uns heute sowohl seine für die Gemeinschaft geltende Regel, als auch sein besonders bedeutsames Testament vor. Darüber hinaus wurden nach seinem Ableben verschiedene Biographien von Zeitzeugen und Begleitern Franziskus’ erstellt. Eine der frühesten ist die „Vita prima“, welche auf Thomas von Celano zurückzuführen ist. Dieses in drei Teilen aufgeteilte Werk schildert das Leben des Franziskus im Hinblick auf seine Jugend, seine wundersame Bekehrungsgeschichte, sowie seine spätere Kanonisation. Das Werk von Thomas von Celano ist noch heute eine der wichtigsten biografischen Quellen zu Franziskus, wobei einige Historiker dieses Werk auch kritisch betrachten. Begründet wird dies wie folgt: Kurz nach der Kanonisation Franziskus’ im Jahre 1228 erteilte Papst Gregor IX. Thomas den Auftrag, diese erste offizielle Vita anzufertigen. Da Thomas in der besagten Vita mit Lobpreisungen an den Papst nicht geizt, wird ihm Parteilichkeit vorgeworfen. Im Kapitel zur Quellenkritik soll dieser Aspekt näher erläutert und kritisch reflektiert werden. Mithilfe dieser Vita und ihrer Bewertung und Verwendung in der Forschungsliteratur soll demnach eine Rekonstruktion des Lebens von Franziskus entstehen.
Dabei beschäftigt sich die Hausarbeit zunächst mit der Jugend Franziskus’ und seiner besonderen Bekehrungsgeschichte. Darin sollen seine Einflüsse und die Rolle Jesus, die in den Legenden verlautbart wird, verdeutlicht werden. Das nächste Kapitel thematisiert die darauffolgende Lebensweise des Franziskus. Hier erfolgt die Verknüpfung vom franziskanischen Ideal zum Evangelium. Inhaltlich schließt die Hausarbeit mit der zu erarbeitenden Fragestellung ab, warum Franziskus eine derartige Nähe zu Jesus zugeteilt wird und wie sich diese Nähe in seinem Leben konkretisierte. Ergebnis der Arbeit soll dementsprechend eine Bewertung des von den Legenden vermittelten Jesus-Ideals im Leben und Sein des Franziskus sein.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Biographischer Rückblick auf den frühen Franziskus von Assisi
I. Thomas von Celano und seine Vita prima
II. Die Kindheit und Jugend des Franziskus- Ausdruck einer Vorahnung?
III. Die Kehrtwende seines Lebens und die Rolle Jesu
III. Die neue Lebensweise und die Nähe zu Jesus
I. Leben nach dem Evangelium
II. Die Stigmatisation als endgültiger Ausdruck der Konformität mit Jesus?
IV. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert das frühe Leben des Franziskus von Assisi und reflektiert kritisch die historisch und hagiographisch geprägte These vom „zweiten Christus“. Im Zentrum steht dabei die Untersuchung des Bekehrungsprozesses, des Armutsideals sowie der Bedeutung von Jesu Leiden für das Selbstverständnis des Heiligen.
- Quellenkritische Untersuchung der Vita prima von Thomas von Celano
- Analyse der frühen Lebensphasen und des Bekehrungswandels
- Theologische und historische Einordnung des franziskanischen Armutsideals
- Kritische Reflexion der Stigmatisation als Zeichen vollkommener Konformität mit Jesus
Auszug aus dem Buch
II. Die Kindheit und Jugend des Franziskus- Ausdruck einer Vorahnung?
Die Kindheit und Jugend des Franziskus ist eine besonderen Betrachtung Wert, weil in den unterschiedlichen Legenden ein durchaus gegensätzliches Bild dessen gezeichnet wird. Die unterschiedlichen Deutungen der Kindheit und Jugend Franziskus’ machen deutlich, dass man äußerst vorsichtig in der Untersuchung der historischen Person Franziskus sein sollte, denn „gerade hier tritt hervor, dass die Chronisten des Mittelalters kein naturgetreues Bild seiner Persönlichkeit in ihren Entwicklungsphasen malen wollten.“ Das spätere Bild, welches man von Franziskus’ vermitteln wollte, bedingte, dass sich auch die Jugendgeschichten dieser Argumentation anpassen mussten. So entstanden zwei Richtungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Trotz der vielen Differenzen ist man sich über einzelne Aspekte seines Lebens sowohl in den Quellen, als auch in der Forschungsliteratur einig. Franziskus ist in Assisi geboren und hieß ursprünglich Giovanni Bernadone. Das genaue Geburtsdatum ist allerdings nicht bekannt. Er ist entweder Ende des Jahres 1181 oder Anfang 1182 geboren. Der Name „Franziskus“ lässt erneut viel Raum für Interpretation übrig. So wird auch in der Literatur rege spekuliert, wie der Namenswechsel von Giovanni auf Franziskus zustande kam.
Schon die Überlieferungen zur Geburt Franziskus machen deutlich, wie konstruiert die Kindheits- und Jugendgeschichten in Abhängigkeit zum jeweiligen Franziskus-Bild sind, denn „später ranken sich Legenden um seine Geburt, (die) (...) ihn in die Nähe Jesu rücken (sollen). Einmal wird seine Ankunft von einem Engel angekündigt, ein anderes Mal soll er in einem Stall zur Welt gekommen sein.“ Diese Darstellungsweisen entsprechen den typischen hagiographischen Erzählungen von Heiligen des Mittelalters.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage zum „zweiten Christus“ ein und stellt die Bedeutung der Quellenkritik, insbesondere der Vita prima von Thomas von Celano, heraus.
II. Biographischer Rückblick auf den frühen Franziskus von Assisi: In diesem Kapitel werden die problematische Quellengrundlage sowie die prägende Jugend von Franziskus analysiert, wobei der Fokus auf der hagiographischen Überformung liegt.
III. Die neue Lebensweise und die Nähe zu Jesus: Hier wird die radikale Bekehrung und das daraus resultierende Leben nach dem Evangelium sowie die Stigmatisation als Mittel der Angleichung an Christus diskutiert.
IV. Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Konstruktion des Heiligenbildes durch die Biographen primär dazu diente, eine harmonische Angleichung an Jesus zu inszenieren und die kirchliche Legitimierung zu stärken.
Schlüsselwörter
Franziskus von Assisi, Thomas von Celano, Vita prima, Bekehrung, Armutsideal, Nachfolge Christi, Hagiographie, Stigmatisation, Quellenkritik, Mittelalter, Heiligenviten, Konformität, Jesus Christus, religiöse Bewegungen, franziskanisches Ideal.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Leben des heiligen Franziskus von Assisi und untersucht kritisch die biographischen Überlieferungen, insbesondere die Vita prima von Thomas von Celano, im Hinblick auf seine Darstellung als „zweiter Christus“.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die quellenkritische Einordnung von Heiligenbiographien, die Analyse des frühen Bekehrungsprozesses, das Verständnis von Armut sowie die Bedeutung der Stigmatisation für die Stilisierung Franziskus’.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, das frühe Leben des Franziskus unter Einbeziehung der Forschungsliteratur zu rekonstruieren und die These, er sei ein „zweiter Christus“, kritisch zu hinterfragen und deren hagiographische Konstruktion aufzudecken.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es wird eine quellenkritische, historische Analyse durchgeführt, die verschiedene zeitgenössische Biographien vergleicht und mit moderner Forschungsliteratur in Beziehung setzt.
Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?
Im Fokus stehen die Kindheit und Jugend des Heiligen, sein Bekehrungsprozess inklusive der Trennung vom Vater, das Ideal der freiwilligen Armut und die Interpretation der Wundmale.
Durch welche zentralen Schlüsselbegriffe ist die Arbeit charakterisiert?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Hagiographie, Armutsideal, Quellenkritik, Imitatio Christi und die historische Figur des Franziskus geprägt.
Wie bewertet der Autor die Vita prima von Thomas von Celano?
Der Autor ordnet die Vita prima als eine frühe, parteiische Quelle ein, die zwar von großer Bedeutung ist, aber aufgrund ihrer Entstehung im Auftrag des Papstes und ihrer hagiographischen Zielsetzung kritisch hinterfragt werden muss.
Wie interpretiert der Text das Armutsideal von Franziskus?
Das Armutsideal wird nicht als bloßer Verzicht, sondern als notwendige Konsequenz der bedingungslosen Nachfolge Jesu verstanden, die Franziskus als Befreiung und Weg zur Vollkommenheit empfand.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich der Stigmatisation?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Stigmatisation, auch wenn sie als authentisches Ereignis in der Überlieferung steht, als Teil der bewussten Inszenierung zur Angleichung an das Leiden Christi gedeutet werden muss.
- Arbeit zitieren
- Halima Achhoud (Autor:in), 2017, Der zweite Christus? Die frühe Historiographie zu Franziskus von Assisi, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1131535