Analyse der Übersetzerfiguren in „Las dos Orillas“ von Carlos Fuentes


Seminararbeit, 2008

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Merkmale des Textes
2.1 Erzählsituation – Perspektive und Erzählweise
2.2 Raumzeitliche Situierung der Handlung
2.3 Die Übersetzerfiguren als kulturelle Knotenpunkte
2.3.1 Jerónimo de Aguilar – Die Vorraussetzungen für seine Übersetzertätigkeit
2.3.2 Jerónimo de Aguilar – Die Übersetzung als Instrument von Verrat und Manipulation
2.3.3 Malinche – Übersetzertätigkeit und Loyalität?
2.3.4 Jerónimo de Aguilar und Doña Marina – Ein Vergleich
2.4 Übersetzer in „Las dos orillas“: Traduttore /Traditore par excellence
2.5 Intertextualität

3 Fazit

Literaturverzeichnis:

Primärliteratur:

Sekundärliteratur:

1 Einleitung

Im Jahre 1993 erschien erstmals das Werk El Naranjo von Carlos Fuentes. Es besteht aus fünf Kapiteln, von denen „Las dos orillas“ das erste darstellt

Die darin enthaltenen Übersetzerfiguren sollen in der vorliegenden Arbeit analysiert werden. Dabei soll der Schwerpunkt auf das Übersetzungskonzept der Figuren, sowie auf deren Missbrauch ihres Berufs gelegt werden. „Las dos orillas“ ist in elf Abschnitte eingeteilt, die numerisch nicht steigen sondern abnehmen. Als Konsequenz ergibt sich die Zahlenfolge zehn bis null.

Diese wurde deshalb gewählt, um den Text parallel zu seinem Inhalt als Spiegelbild der Geschichtsschreibung und der damit verbundenen aufsteigenden Zahlenfolge erscheinen zu lassen (vgl. Mac Adam 1996, S. 436).

Bei dem Protagonisten handelt es sich um Jerónimo de Aguilar, den es als historische Person gegeben hat. Fuentes lässt diesen die Geschichte der Eroberung Mexikos aus dessen Sichtweise erzählen, welche historische Ereignisse mit fiktionalen verbindet. Im Verlauf dieser Arbeit soll bewiesen werden, dass die Übersetzertätigkeit in „Las dos orillas“ ein Mittel zur Manipulation darstellt. Darüber hinaus werden die Aspekte der Übersetzertätigkeit und die mit ihnen verbundene Problematik untersucht, um aufzuzeigen, wieso der Text ein Musterbeispiel für das Konzept des Traduttore/Traditore gesehen werden kann.

2 Merkmale des Textes

2.1 Erzählsituation – Perspektive und Erzählweise

In „Las dos orillas“ wird die Handlung durch einen aus der internen Perspektive sprechenden Ich-Erzähler beschrieben. Bereits der erste Absatz beginnt mit dem Satz „Yo ví todo esto“ (Fuentes 2003, S. 11), was die erste Person Singular auffällig markiert, da es im Spanischen nicht zwingend notwendig gewesen wäre, bei einer Verbform das zugehörige Personalpronomen voranzustellen. Aber durch die Benutzung des Pronomens „Yo“ wird die erste Person Singular von „ví“ nochmals betont. Diese Erzählperspektive ist im Text ebenfalls stark markiert, so beginnen mehrere der 10 Absätze mit einem Satz, welcher die erste Person Singular des Erzählers markiert und daher dem Leser dessen Präsenz hervorhebt.

Der Erzähler bleibt nicht anonym, sondern verrät auf Seite fünfzehn seinen Namen: „Yo, Jerónimo de Aguilar […]“. Des Weiteren erfährt man von ihm, dass er zwar schon tot sei, „Yo acabo de morir de bubas“, aber dennoch aus seinem Grab heraus seine Geschichte erzählt (Fuentes 2003, S. 11). Mehrmals wird die fiktive Leserschaft vom Erzähler direkt angesprochen: „lector“ (Fuentes 2003, S. 30); „Ved así, lectores, auditores […]“ (2003, S. 13). Interessanterweise gibt es bei der Analyse der Erzählsituation durch verschiedene Autoren der Sekundärliteratur abweichende Ergebnisse, deren Diskrepanz auf folgende Textstelle zurückzuführen ist: „Me quiero despedir del mundo […] Pero mis ojos no llegan a cerrarse en paz, pensando […]“ (2003, S. 15). Dies steht im groben Kontrast zu der früheren Aussage „Yo acabo de morir de bubas“ und „ […] en esta ocasión se escriben desde la muerte“ (2003, S. 11;30). Goytisolo analysiert diese zwei Aussagen dahingehend, dass der Leser mit zwei Erzählpositionen konfontriert wird: der des toten, und der des im Sterben liegenden Aguilar (vgl. Fuentes 2003, S. 76). Er bemerkt hierzu:

Ya muerto, ya agonizante, el narrador circula de uno a otro mundo […] con la misma facilidad y ligereza con las que nos vemos y actuamos en los sueños […] La identidad del narrador – a veces pluma, a veces voz […] (1995, S. 75f.).

Zusätzlich zur Erzählperspektive erkennt Goytisolo daher eine Diskrepanz in der Erzählweise – der im Sterben Liegende erzählt, der tote Aguilar schreibt.

Dieser Kontrast ist in den folgenden Textstellen deutlich nachvollziehbar:

Mirad, sin embargo, lo que son las ironías de la historia (2003, S. 15).

Esta pregunta, lector, me obliga a una pausa reflexiva antes de que los acontecimientos, una vez más, se precipiten, siempre más veloces que la pluma del narrador, aunque en esta ocasión se escriban desde la muerte (2003, S. 30).

Goytisolos Interpretation ist jedoch umstritten; so trifft etwa de Toro diese Unterscheidung nicht, sondern sieht den Erzähler trotz des obigen Zitats als permanent tot an (vgl. de Toro 94, S. 7). Jedoch lässt sich Goytisolos These durch das Argument stützen, dass sowohl die Textstellen, die den Erzähler als tot deklarieren, wie auch die oben angeführten Zitate, welche diesen als sterbend bezeichnen, im Präsens stehen. Beide Aussagen heben sich dadurch von der der erzählten Zeit ab und nehmen denselben Stellenwert auf der Ebene des Erzählens ein. Die Unterscheidung von Goytisolo erscheint deswegen logisch und soll in dieser Arbeit übernommen werden.

Die Erzählperspektive und die ihr zugehörige Erzählweise zieht sich folglich nicht homogen durch den Text, sondern beide wechseln – die Erzählperspektive zwischen einem toten und einem lebenden Aguilar und die Erzählweise zwischen Schreiben und Erzählen. Folglich besitzt die Kurzgeschichte drei temporal-versetzte Ebenen, von denen die ersten beiden durch die zwei erzählenden Ichs realisiert werden. Beide sprechen im Präsens von sich und wenden sich mehrmals direkt im Imperativ an den fiktiven Leser: „Mirad […]“ und „Ved así lectores, auditores […]“ (Fuentes 2003, S. 15; 13). Der Text wirkt daher wie eine unmittelbare Erzählung an diesen.

Auf der dritten Ebene, der der Geschichte, spielt die Handlung, die vor dem Tod von Jerónimo de Aguilar stattgefunden hat. Diese stellt die eigentlichen Geschehnisse dar, welche in der Vergangenheitsform vom fiktiven Erzähler wiedergegeben werden. Auf dieser Ebene findet das Präsens lediglich in den Dialogen statt, die mit Inquit-Formeln in der Vergangenheitsform eingeleitet werden: „-¿Son cristianos también?-preguntó Moctezuma“(Fuentes 2003, S. 27). Des Weiteren wird das in der Vergangenheit Erzählte durch Einschübe unterbrochen, in denen die Leseinstanz nicht nur wie beschrieben angesprochen, sondern das Vergangene auch durch rhetorische Fragen reflektierend betrachtet wird: „¿Lo entendíamos nosotros a él? Esta pregunta, lector, me obliga a una pausa reflexiva […]“ (Fuentes 2003, S. 29f.); „¿Hay justicia, hoy me pregunto, en todo ello?“ (Fuentes 2003, S. 17). Auf keiner Ebene des Erzählens besitzt Jerónimo de Aguilar Allwissenheit, obwohl er vieles, wie er sagt, vom Grabe aus sehen kann, sind zukünftige Ereignisse für ihn nicht ersichtlich: „¿Cuánto durarán […] En realidad, no lo sé“ (Fuentes 2003, S. 11). Da es lediglich den Ich-Erzähler gibt, der die Geschichte seines Lebens erzählt, gibt es in „Las dos orillas“ nur einen autodiegetischen Erzähler.

2.2 Raumzeitliche Situierung der Handlung

Bei der Analyse der zeitlichen Situierung der Geschehnisse des Textes fällt auf, dass sich innerhalb der Diegese neben den fiktiven Ereignissen ebenso historische Begebenheiten finden lassen, welche hier als Orientierungspunkte benutzt werden können. Dies spiegelt die Tatsache wieder, dass der Text sowohl fiktionale Ereignisse wie auch real-historische Tatsachen miteinander verknüpft. Der größte Teil der vom Erzähler berichteten Vorkommnisse findet zur Zeit der Eroberung Mexikos durch Hernán Cortés statt. Wie der Erzähler berichtet, ist er im Jahr 1524 bei der Hondurasexpedition von Cortés schon tot gewesen (vgl. Fuentes 2003, S. 12), was laut Díaz del Castillo den historischen Fakten entspricht (2005, S. 634).

Den Zeitpunkt des Erzählens kann man nicht genau bestimmen: Es ist möglich, dass Aguilar als Toter jenseits des Konzepts von Zeit, daher aus der Ewigkeit schreibt. Diese Annahme wäre auch plausibel, wenn man bedenkt, dass sich Aguilar mehrmals auf ein Buch von Bernal Díaz bezieht, das erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Eine kulturpolitische Kontextualisierung ist darüber hinaus eindeutig möglich und identifiziert nicht nur die geschichtliche Epoche der Kolonialisierung Amerikas im 16. Jahrhundert durch die Spanier, sondern auch die räumliche Situierung in Mexiko mit ausdrücklicher Benennung der Aztekenhauptstadt Tenochtitlans. Zu jener Zeit fanden die Eroberungszüge der Spanier in Amerika statt, welche die Azteken und andere indigene Völker –wie auch im Text vermerkt- blutig unterwarfen. Dieses Vorgehen wird im Text durch die Figur Jerónimo de Aguilar kritisiert, was diesen dazu bewegt, die Pläne der Spanier zum Wohl der indigenen Völker zu sabotieren. Als Mittel dazu nutzt er seine Schlüsselrolle als Übersetzer.

2.3 Die Übersetzerfiguren als kulturelle Knotenpunkte

Im folgenden Abschnitt sollen die beiden Übersetzerfiguren Aguilar und Malinche – letztere wird zuweilen auch mit ihrem Taufnahmen Marina genannt – einerseits auf ihre Interaktion mit anderen Figuren der Diegese, sowie andererseits auf die Beziehung zueinander differenziert betrachtet werden. Im Laufe dieser Analyse wird aufgezeigt, inwiefern das Handwerk des Übersetzens den Figuren eine Machtposition und damit die Möglichkeit zur Manipulation vermittelt.

2.3.1 Jerónimo de Aguilar – Die Vorraussetzungen für seine Übersetzertätigkeit

Der auf einer historischen Figur basierende Protagonist in Fuentes’ Text ist ebenfalls wie sein geschichtliches Vorbild durch Schiffbruch in Mexiko gelandet, und durch Zufall Dolmetscher von Hernán Cortés geworden.

Jedoch ist von ihm bis auf einige Bemerkungen in der Historia verdadera de la conquista de la Nueva España von Bernal Díaz, welcher selbst ein Augenzeuge der Eroberung Mexikos war, nicht viel bekannt: „Pero mis apariciones en la historia están severamente limitadas a lo que de mí se dijo“ (Fuentes 2003, S. 12). Er ist daher kein ausgebildeter beruflicher Übersetzer, sondern verdankt seine wichtige Stellung als Dolmetscher den äußeren Umständen: Cortés benötigt jemanden, der sowohl das indigene Maya als auch die Spanische Sprache verstehen und sprechen kann, eine Anforderung, die Aguilar nach Jahren des Zusammenlebens mit den Indios erfüllt.

Gonzalo Guerrero, welcher ebenso diese Vorraussetzung besitzt, möchte aber die Rolle des Dolmetschers nicht übernehmen, sondern unter den Indios verbleiben, da er eine Familie gegründet hat. Obwohl Aguilar im Text erzählt, dass Cortés den verwilderten Guerrero nicht als Spanier identifizieren konnte, berichtet er auch, dass der Eroberer an den vermeintlichen Indio gewandt fragt: „¿En eso queréis permanecer?“ (Fuentes 2003, S. 48).

Es ist eine Unwissenheit hinsichtlich der Sprachen durch die anderen Figuren notwendig, damit Aguilar die Position des Dolmetschers ausführen kann. Er wird dadurch zum Knotenpunkt der Kulturen, die bei der Eroberung aufeinander treffen, und nimmt damit eine Schlüsselrolle ein. So schreibt sich der Erzähler vom Grab aus, welcher ja seine Mangel an geschichtlichen Ruhm kritisiert, eine wichtige Rolle zu. Paul Jay beschreibt diese Veränderung ebenfalls: „ Aguilar wants […] to imagine a different role for himself in the conquest […]“ (1997, S. 414). Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass die Vorraussetzung für die Übersetzertätigkeit Aguilars das Verstehen der beiden sich gegenüberstehenden Sprachgemeinschaften ist; er erhält damit eine Monopolstellung und nennt sich auch im Text „amo de la lengua“ (Fuentes 2003, S. 32). Dies wiederum gibt ihm eine gewisse Macht über die anderen Spanier, die auf ihn angewiesen sind.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Analyse der Übersetzerfiguren in „Las dos Orillas“ von Carlos Fuentes
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Übersetzerfiguren in der lateinamerikanischen Kurzgeschichte des 20. Jahrhunderts
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V113169
ISBN (eBook)
9783640133314
ISBN (Buch)
9783640134977
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Orillas“, Carlos, Fuentes, Kurzgeschichte, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Florian May (Autor), 2008, Analyse der Übersetzerfiguren in „Las dos Orillas“ von Carlos Fuentes , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113169

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