Im Jahre 1993 erschien erstmals das Werk El Naranjo von Carlos Fuentes.
Es besteht aus fünf Kapiteln, von denen „Las dos orillas“ das erste darstellt. Die darin enthaltenen Übersetzerfiguren sollen in der vorliegenden Arbeit analysiert werden. Dabei soll der Schwerpunkt auf das Übersetzungskonzept der Figuren, sowie auf deren Missbrauch ihres Berufs gelegt werden. Darüber hinaus werden die Aspekte der Übersetzertätigkeit und die mit ihnen verbundene Problematik untersucht, um aufzuzeigen, weshalb der Text ein Musterbeispiel für das Konzept des Traduttore/Traditore gesehen werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Merkmale des Textes
2.1 Erzählsituation – Perspektive und Erzählweise
2.2 Raumzeitliche Situierung der Handlung
2.3 Die Übersetzerfiguren als kulturelle Knotenpunkte
2.3.1 Jerónimo de Aguilar – Die Vorraussetzungen für seine Übersetzertätigkeit
2.3.2 Jerónimo de Aguilar – Die Übersetzung als Instrument von Verrat und Manipulation
2.3.3 Malinche – Übersetzertätigkeit und Loyalität?
2.3.4 Jerónimo de Aguilar und Doña Marina – Ein Vergleich
2.4 Übersetzer in „Las dos orillas“: Traduttore /Traditore par excellence
2.5 Intertextualität
3 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Funktion der Übersetzerfiguren in Carlos Fuentes' Kurzgeschichte „Las dos orillas“. Ziel ist es aufzuzeigen, wie die Protagonisten Jerónimo de Aguilar und Malinche ihre Rolle als Sprachvermittler instrumentalisieren, um durch Manipulation und gezielten Verrat Einfluss auf das historische Geschehen der Eroberung Mexikos zu nehmen und ihre eigenen, gegensätzlichen Interessen zu verfolgen.
- Analyse der Übersetzertätigkeit als Mittel zur gezielten Manipulation
- Kontrastive Untersuchung der Übersetzerfiguren Aguilar und Malinche
- Konzept des „Traduttore/Traditore“ (Übersetzer/Verräter) im literarischen Kontext
- Erzählperspektive und zeitliche Ebenen in „Las dos orillas“
- Intertextuelle Bezüge und historische Kontextualisierung des Werkes
Auszug aus dem Buch
2.3.2 Jerónimo de Aguilar – Die Übersetzung als Instrument von Verrat und Manipulation
Nachdem die Gründe für die Machtposition Aguilars im Text geklärt worden sind, soll nun analysiert werden, auf welche Weise diese von der Figur ausgenutzt wird und welches Ziel Aguilar dabei verfolgt. Um verlässliche Informationen über eine andere Sprachgemeinschaft zu erhalten, muss deren Quelle, in diesem Fall der Dolmetscher absolut verlässlich sein, denn sonst besteht die Gefahr der Manipulation durch den Übersetzer.
Das Problem von Cortés in „Las dos orillas“ ist jedoch, dass sein Dolmetscher Aguilar eine eigene Agenda verfolgt: dieser plant von Anfang an den Sieg der indigenen Bevölkerung über die Konquistadoren:
Me asocié de este modo a la esperanza de una victoria indígena. Todos mis actos, ya lo habéis adivinado y yo os lo puedo decir desde mi sudario intangible, iban dirigidos a esta meta: el triunfo de los indios contra los españoles (Fuentes 2003, S. 28).
Er möchte als Übersetzer der Spanier die Eingeborenen davon überzeugen, dass seine Landsleute nicht in Frieden kommen, sondern eine Gefahr darstellen. Sein Freund Guerrero soll indessen die Eroberung Spaniens vorbereiten: „Queríamos asegurarnos, yo cerca de los extranjeros, Guerrero cerca de los naturales, que el mundo indio triunfase sobre el europeo“ (Fuentes 2003, S. 51). Der Verrat beginnt somit nicht etwa mit der Tätigkeit des Übersetzens, sondern der Übersetzungsverrat ist nur eine Facette des ursprünglichen Plans zur Niederlage der Spanier. Der geplante Verrat ist daher der Grund dafür, dass er überhaupt den Posten des Dolmetschers annimmt: „ […] me llevó a mí con él, sin sospechar siquiera que el verdadero traidor era yo.“ (Fuentes 2003, S. 51).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung des Werkes „Las dos orillas“ von Carlos Fuentes und Definition der zentralen Forschungsfrage bezüglich der Übersetzerfiguren als Manipulatoren.
2 Merkmale des Textes: Untersuchung der erzählerischen Rahmenbedingungen, wie der Ich-Perspektive und der komplexen zeitlichen Schichtung zwischen Leben und Tod.
2.1 Erzählsituation – Perspektive und Erzählweise: Analyse der internen Fokalisierung durch den Ich-Erzähler Aguilar und der Wechsel zwischen erzählender und schreibender Identität.
2.2 Raumzeitliche Situierung der Handlung: Einordnung der fiktiven Erzählung in den historischen Kontext der Eroberung Mexikos im 16. Jahrhundert.
2.3 Die Übersetzerfiguren als kulturelle Knotenpunkte: Einleitende Betrachtung von Aguilar und Malinche als machtvolle Vermittler zwischen den Kulturen.
2.3.1 Jerónimo de Aguilar – Die Vorraussetzungen für seine Übersetzertätigkeit: Darstellung der historischen und situativen Umstände, die Aguilar zum Dolmetscher für Cortés werden ließen.
2.3.2 Jerónimo de Aguilar – Die Übersetzung als Instrument von Verrat und Manipulation: Untersuchung der gezielten Falschübersetzungen Aguilars zur Sabotage der spanischen Pläne.
2.3.3 Malinche – Übersetzertätigkeit und Loyalität?: Analyse der Rolle Malinches als zweite Übersetzerfigur und ihrer im Vergleich zu Aguilar loyale Haltung gegenüber Cortés.
2.3.4 Jerónimo de Aguilar und Doña Marina – Ein Vergleich: Kontrastive Gegenüberstellung der beiden Übersetzerfiguren hinsichtlich ihrer Motive, Machtansprüche und Beziehung zueinander.
2.4 Übersetzer in „Las dos orillas“: Traduttore /Traditore par excellence: Synthese der Erkenntnisse zur Figur des verräterischen Übersetzers als literarisches Musterbeispiel.
2.5 Intertextualität: Analyse der Bezüge zu anderen Werken, insbesondere den Aufzeichnungen von Bernal Díaz del Castillo.
3 Fazit: Zusammenfassende Bestätigung der These, dass Übersetzen im Text als machtvolles Instrument zur bewussten Manipulation und historischen Umdeutung eingesetzt wird.
Schlüsselwörter
Carlos Fuentes, Las dos orillas, Jerónimo de Aguilar, Malinche, Übersetzerfiguren, Manipulation, Verrat, Traduttore Traditore, Eroberung Mexikos, Erzählperspektive, Kulturvermittlung, Sprachmonopol, Hybridität, Kolonialisierung, Intertextualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Kurzgeschichte „Las dos orillas“ von Carlos Fuentes unter besonderer Berücksichtigung der Rollen von Jerónimo de Aguilar und Malinche als Übersetzerfiguren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind Macht durch Sprache, das Konzept des Übersetzer-Verräters (Traduttore/Traditore), die Manipulation historischer Fakten und die gegensätzliche Loyalität der beiden Protagonisten.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Es soll bewiesen werden, dass die Übersetzertätigkeit in dem Werk kein neutraler Akt ist, sondern ein gezieltes Mittel zur Manipulation und zum Machtgewinn darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Analyse verwendet?
Die Analyse stützt sich auf eine detaillierte literaturwissenschaftliche Textinterpretation, die mit historischen Kontexten sowie literaturtheoretischen Konzepten (wie dem Doppelgängermotiv) verknüpft wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Erzählsituation, die raumzeitliche Situierung, eine differenzierte Analyse der beiden Übersetzer sowie die intertextuellen Bezüge zum historischen Werk von Bernal Díaz del Castillo.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselbegriffen gehören „Übersetzungsverrat“, „Manipulation“, „kulturelle Knotenpunkte“, „Erzählperspektive“ und „Machtmonopol“.
Wie unterscheidet sich die Loyalität von Aguilar von derjenigen der Malinche?
Während Aguilar seine Sprachkenntnisse nutzt, um die Spanier zu sabotieren und den Erfolg der indigenen Völker zu fördern, agiert Malinche loyal gegenüber ihrem Geliebten Cortés, um ihren eigenen Status zu sichern.
Welche Rolle spielt die „Ewigkeit“ bzw. die Erzählsituation des Todes im Text?
Da Aguilar die Geschichte als Toter aus der Ewigkeit erzählt, kann er historische Ereignisse und Texte kommentieren, die erst nach seinem tatsächlichen Tod veröffentlicht wurden, was ihm eine übergeordnete Deutungsmacht verleiht.
Warum wird Aguilar als „Anti-Translator“ bezeichnet?
Der Begriff bezieht sich darauf, dass er seine Berufsethik als Dolmetscher bewusst ablehnt und die Sprache als Waffe für seine eigene, gegen den Auftraggeber gerichtete Agenda instrumentalisiert.
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- Florian May (Autor), 2008, Analyse der Übersetzerfiguren in „Las dos Orillas“ von Carlos Fuentes , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113169