Bei der Suche nach den Auslösern der Wende in der DDR werden neben dem wirtschaftlichen Bankrott, stets die Bürgerbewegungen als Initiatoren genannt. Im Rückblick auf die Entwicklung bis zum 3.Oktober 1990 stellt sich dann jedoch die Frage, warum diese Bewegungen im innenpolitischen Einigungsprozeß der beiden deutschen Staaten im Gegensatz zu den ehemaligen Blockparteien Parteien nur eine Randerscheinung darstellen? Der Zusammenbruch der DDR kam im Herbst 1989 ebenso überraschend wie die Geschwindigkeit mit der der Umbruch von statten ging. Der Reformprozeß, der durch Massendemonstrationen, Ausreisewelle und den sich formierenden oppositionellen Bürgerbewegungen eingeleitet worden war, entwickelte eine rasante Eigendynamik, so daß sich bald die Forderungen der Demonstranten änderten. Die Proteste überschritten nun die ursprünglichen Vorstellungen der Bürgerbewegungen. War es zu Beginn noch der Ruf nach Veränderungen in der DDR, der die Oppositionskräfte einte, differenzierte sich der Protest im November/Dezember 1989 in Vereinigungsbefürworter und DDR-Reformer1. Mit dem Zehn- Punkte-Plan Helmut Kohls und den zunehmenden Forderungen der DDR-Bevölkerung nach der deutschen Einheit, war, wie es der damalige Bundespräsident von Weizsäcker formuliert, „der Rubikon überschritten. Die zweite Wende gewann die Oberhand.“2 Die Oppositionsbewegung spaltete sich und war aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage, die ihr aufgedrängte Macht zu übernehmen. Die ersten freien Wahlen entwickelten sich zunehmend zu einer Richtungsentscheidung über den zukünftigen Weg der DDR. Schließlich gingen die Bürgerbewegungen vier Monate nach der Wende als Verlierer der Wahl hervor. Die neue Regierung unter der Führung des CDU Politikers Lothar de Maizière trieb nun die Vereinigung der beiden deutschen Staaten voran. Mit der Einführung der Wirtschafts-, Währungs-, und Sozialunion am 1. Juli 1990 war die erste Hürde auf dem Weg zur Einheit genommen. Nach langen Verhandlungen einigten sich die Bundesrepublik und die DDR darauf, sich am 3.Oktober 1990 durch Beitritt der DDR nach Art. 23 GG zu vereinigen. Die Wahlen zur Volkskammer in der DDR am 18. März 1990 erhalten vor allem im Bewußtsein der darauffolgenden politischen Entscheidungen einen hohen Stellenwert. Um so interessanter ist es, die Phase von der Wende im Herbst 1989 bis zu diesen Wahlen zu beleuchten und die Entwicklung der Protagonisten des Umbruchs zu betrachten [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entwicklungen in der DDR nach dem 9. November 1989
2.1. Das Kabinett Modrow
2.2. Der ‘Runde Tisch’ und die ‘Regierung der nationalen Verantwortung’
2.3. Wahlkampf und erste freie Volkskammerwahlen
3. Einflußnahme der Bundesrepublik
3.1. Die Regierung Kohl
3.2. Die westlichen Parteien
4. Die Bürgerbewegungen in der DDR
4.1. Entstehung und Entwicklung in der DDR
4.2. Einfluß auf die Wende am 9. November
4.3. Machtkontrolle oder Machtübernahme?
5. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den innenpolitischen Einigungsprozess in der DDR im Zeitraum von der Wende im Herbst 1989 bis zu den ersten freien Volkskammerwahlen im März 1990, wobei insbesondere die Rolle und die schwindende Bedeutung der Bürgerbewegungen gegenüber den etablierten politischen Parteien beleuchtet werden.
- Entwicklung der politischen Machtstrukturen nach der Grenzöffnung im November 1989
- Einflussnahme westdeutscher Parteien und der Bundesregierung auf den Transformationsprozess
- Rolle des Runden Tisches als Instrument der Kontrolle und politischen Gestaltung
- Ursachen für das Scheitern der Bürgerbewegungen bei der Etablierung als politische Alternative
Auszug aus dem Buch
4.3. Machtkontrolle oder Machtübernahme?
Die Bürgerbewegungen standen nun vor dem Problem „horizontale und vertikale Dynamik“ der Protestbewegung in einen organisatorischen Einklang zu bringen, um ein effizientes Handeln zu ermöglichen. Christoph Kleemann, einer der führenden Figuren im Neuen Forum Rostock beschreibt die Situation rückwirkend so: „Wir sind von dem Trugschluß ausgegangen: Jetzt (im Herbst’89) sind wir uns einig, und wir sind uns auch einig, wie es weitergeht. Aber dann kam erst mal zutage, was wirklich an Wünschen und Vorstellungen da war. Das hatte etwas Enttäuschendes, weil wir glaubten, daß die Motoren des Herbstes soviel Vertrauen bei der Bevölkerung erworben hatten...“ Die ‘Motoren des Herbstes’ standen nach dem 9. November zunehmend vor der Entscheidung und dem äußeren Druck selbst die Macht zu übernehmen und zu regieren. Denn, wie Joachim Gauck rückblickend bemerkt, „die Macht lag auf der Straße im Herbst und Winter“.
Noch Anfang 1990 war Hubertus Knabe in seinem Aufsatz ‘Politische Opposition in der DDR’ davon ausgegangen, daß die Oppositionsbewegung „vor der Aufgabe steht, spätestens bei den angekündigten freien Wahlen die Macht ganz oder teilweise zu übernehmen.“ Die Bürgerbewegungen selbst hatten ein anderes Politikverständnis: „Wir haben uns nicht nach Macht gesehnt. Die Bürgerbewegung hatte und hat zum Teil immer noch ein gespanntes Verhältnis zur Macht, denn sie bestand aus Menschen, die Macht immer nur als antidemokratische Macht erlebt hatten. Es war quasi eine Tugend die Macht zu hinterfragen und nicht zu übernehmen.“ Detlef Pollack sieht darin vor allem „ein gestörtes Verhältnis zur Macht“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Ausgangslage der DDR-Wende und hinterfragt, warum die Bürgerbewegungen als Initiatoren des Umbruchs letztlich zu einer politischen Randerscheinung wurden.
2. Die Entwicklungen in der DDR nach dem 9. November 1989: Dieses Kapitel analysiert den Regierungswechsel, die Rolle des Runden Tisches und den Verlauf des ersten freien Volkskammerwahlkampfes.
3. Einflußnahme der Bundesrepublik: Hier wird untersucht, wie die Bundesregierung unter Helmut Kohl und die westlichen Parteien den Einigungsprozess aktiv gestalteten und beeinflussten.
4. Die Bürgerbewegungen in der DDR: Das Kapitel widmet sich der Entstehung, der Wandlung von Untergrundgruppen zu Bürgerbewegungen und der zentralen Frage nach der Machtübernahme oder -kontrolle.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Gründe für die Marginalisierung der Bürgerbewegungen zusammen und bewertet ihr Erbe für das vereinte Deutschland.
Schlüsselwörter
DDR, Wende 1989, Bürgerbewegungen, Volkskammerwahlen, Einigungsprozess, Runder Tisch, SED, Deutsche Einheit, Politische Transformation, Opposition, Hans Modrow, Helmut Kohl, Demokratisierung, Machtverweigerung, Systemwechsel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den innenpolitischen Einigungsprozess der DDR zwischen Herbst 1989 und den Wahlen im März 1990 mit Fokus auf das Wirken der Bürgerbewegungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind der Machtverlust der SED, die Etablierung des Runden Tisches, die wachsende Einflussnahme durch westdeutsche Parteien und die politische Entwicklung der Bürgerbewegungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Arbeit fragt danach, warum die Bürgerbewegungen, die als Initiatoren der friedlichen Revolution galten, innerhalb weniger Monate an politischem Einfluss verloren und zur Randerscheinung wurden.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die auf einer Auswertung von zeitgenössischen Dokumenten, Fachliteratur und historischen Berichten basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Regierungsarbeit der Ära Modrow, die Intervention der Bundesrepublik, die interne Dynamik der Oppositionsgruppen sowie die Problematik des Machtverständnisses innerhalb der Bürgerbewegungen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Bürgerbewegung, Friedliche Revolution, Machtkontrolle, Deutsche Einheit, Transformation und Politisches Vakuum.
Warum gelang es den Bürgerbewegungen nicht, die Macht dauerhaft zu festigen?
Die Arbeit verdeutlicht, dass die Bürgerbewegungen ein grundlegendes "gestörtes Verhältnis zur Macht" hatten und eher auf Kontrolle als auf Regierungsverantwortung setzten, während Parteien wie die CDU zielgerichtet auf die Einheit hinsteuerten.
Welche Rolle spielte die Einheitsfrage für das Schicksal der Bürgerbewegungen?
Die unterschiedlichen Ansichten zur deutschen Einheit spalteten die Bewegungen intern und entfremdeten sie von der Bevölkerung, die mehrheitlich rasch westlichen Wohlstand und die Einheit anstrebte.
- Quote paper
- Jochen Fischer (Author), 1999, Der innenpolitische Einigungsprozeß und die Bürgerbewegungen bis zu den ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11321