Die vorliegende Hausarbeit hat sich zum Ziel gesetzt, narratologische Strukturmerkmale im Umgang mit Traumata in der Erzählstrategie eines Textes herauszuarbeiten. Dabei dient das Werk Der Russe ist einer, der Birken liebt von Olga Grjasnowa als Untersuchungsgegenstand. Der Hausarbeit liegt die These zugrunde, dass sich das Trauma, fiktiv oder echt, implizit anhand stilistischer und gestalterischer Mittel auf die Struktur des Werkes auswirkt. Die Autorin selbst hat die Signifikanz dieser medizinischen Thematik für die Entstehung ihres Debütromans mehrfach betont: „Die Hauptfigur meines Romans – Mascha – hat als Kind den Mord an einer armenischstämmigen Frau mitangesehen. Seitdem leidet sie an einer posttraumatischen Belastungsstörung, die sie nicht überwinden kann.“
Hieraus ergeben sich die beiden folgenden Forschungsfragen: Welche Bedeutung kommt dem Trauma in der Handlung zu? Inwiefern wirkt sich das Trauma auf die Struktur des Romans aus? Zur Beantwortung der dargelegten Fragen wurde die Arbeit in folgender Weise gegliedert: In einem ersten Schritt wird der Trauma-Begriff in Kürze definiert. Außerdem erfolgt eine kurze Darstellung, wie Traumata bei Menschen ausgelöst werden können und in welchen Symptomen sich diese manifestieren. Eine grobe Kenntnis der medizinischen Symptomatik der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ist entscheidend, da sich die Symptome sowohl in thematischer Hinsicht als auch strukturell in dem Text niederschlagen. In einem weiteren Unterkapitel soll das Trauma im Kontext der Literatur beleuchtet werden. Im vorletzten Kapitel kommt es zu der sowohl inhaltlichen als auch formalen Analyse von Traumata, mit dem Augenmerk auf die Frage, inwiefern sich ein Trauma auf die Struktur eines Textes auswirkt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Trauma und Literatur
2.1. Trauma-Begriff
2.2. Symptomatik
2.3 Traumabehandlung in der Literatur
3. Analyse des Romans Der Russe ist einer, der Birken liebt
3.1. Zeitdarstellung/Fragmentarizität
3.2. Unsagbarkeit
3.3. Wiederkehrende Strukturen
3.3.1 Die Farbe Hellblau
3.3.2 Repetitive Tendenz und die Vermischung von Vergangenheit und Gegenwart
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht narratologische Strukturmerkmale im Umgang mit Traumata in Olga Grjasnowas Roman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" und geht der Frage nach, wie sich eine Traumatisierung der Protagonistin auf die formale Gestaltung und Struktur des literarischen Werkes auswirkt.
- Narratologische Analyse traumatischer Erzählweisen
- Einfluss von PTBS auf die Struktur von Literatur
- Bedeutung von Repetition und Unsagbarkeit im Roman
- Untersuchung der zeitlichen Fragmentierung als Trauma-Folge
- Symbolische Bedeutung von Motiven (z.B. Farbe Hellblau)
Auszug aus dem Buch
3.1. Zeitdarstellung/Fragmentarizität
Dieses Unterkapitel wendet sich dem Aspekt der Darstellung der Zeit im Roman zu, welche eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Analyse der narrativen Darstellung von Traumata in Grjasnowas Werk hat und die Basis der Überlegungen bildet. Es soll untersucht werden, ob dem Text eine gewisse Fragmentarizität anzusehen ist. Dabei gilt es zu prüfen, ob die Zeitstruktur im Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt diachron oder anachron ist.
Folglich erscheint es sinnvoll, als Erstes die Besonderheiten der Zeitgestaltung, wie Tempus, Tempuswechsel und Zeitsprünge, zu benennen und schließlich nah am Text zu belegen. Auf die Funktion und Wirkung dieser Formen wird abschließend am Ende des Kapitels eingegangen.
Der Roman spielt auf der Gegenwartsebene in Deutschland bzw. in Israel und auf der Vergangenheitsebene in Baku der 90er-Jahre. Die Erfassung der erzählten Zeit lässt sich an zwei festen Rahmenpunkten ausmachen: Die Handlung setzt mit dem Tag vor der Fußballverletzung von Maschas Freund Elias ein, an dessen Spätfolgen er schließlich stirbt, und setzt kurz nach seinem einjährigen Todestag aus. Da konkrete Angaben fehlen, wird die Zeit, die der Roman abreißt, anhand dieser beiden Textstellen auf etwas mehr als 1,5 Jahre geschätzt.
Was an Grjasnowas Text direkt ins Auge fällt, ist sein fragmenthafter Charakter. Immer wieder zweigen Fragmente von der Grunderzählung auf eine andere zeitliche Ebene ab. Der Text springt ohne eindeutige formale Kennzeichen bzw. ohne Einleitung zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her. Exemplarisch hierfür ist die Stelle, in der Elias nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus in der Nacht wieder neben Mascha schläft und ihr auf einmal klar wird, wie sehr er ihr gefehlt hat. Hier erfolgt ein radikaler Zeitsprung in die Erinnerungen an Sibel, über die der Leser bis dahin noch nichts erfahren hatte. Solche explikativen, die Vergangenheit der Protagonistin ausleuchtenden analeptischen Fragmente durchsetzen durchgehend die ersten beiden Teile des Romans, welche in Deutschland spielen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Forschungsinteresse an narratologischen Strukturmerkmalen im Umgang mit Traumata und stellt die zentrale These auf, dass sich Traumata implizit auf die Struktur eines Romans auswirken.
2. Trauma und Literatur: Dieses Kapitel erläutert den Trauma-Begriff, die medizinische Symptomatik der PTBS und die typischen strukturellen Merkmale von Traumanarrativen wie Wiederholung und Unsagbarkeit.
3. Analyse des Romans Der Russe ist einer, der Birken liebt: Der Hauptteil untersucht die Anwendung traumatischer Erzählstrategien im Roman, insbesondere durch Zeitdarstellung, das Motiv der Unsagbarkeit und wiederkehrende Strukturen.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass Olga Grjasnowa die Struktur des Romans durch fragmentierte Narrative und repetitive Elemente gezielt zur Darstellung der Traumatisierung nutzt.
Schlüsselwörter
Trauma, Literatur, Olga Grjasnowa, Der Russe ist einer, der Birken liebt, PTBS, Narratologie, Fragmentarizität, Unsagbarkeit, Repetition, Flashback, Erzählstrategie, Zeitgestaltung, Verdrängung, Erinnerung, Migration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die narratologischen Mittel, mit denen die Autorin Olga Grjasnowa in ihrem Roman die Traumatisierung der Protagonistin Mascha Kogan darstellt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themenfelder sind die Verbindung von Trauma und Literatur, die Auswirkungen posttraumatischer Belastungsstörungen auf das Erzählen sowie die literarische Gestaltung von Erinnerung und Vergangenheit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass sich die Traumatisierung der Hauptfigur nicht nur inhaltlich zeigt, sondern sich unmittelbar auf die formale Struktur des Romans auswirkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer narratologischen Analyse des Romans, gestützt durch die theoretischen Kriterien von Trauma-Texten, wie sie von Stephan Freißmann definiert wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Analyse der Zeitstruktur (Fragmentarizität), dem Phänomen der Unsagbarkeit sowie der Untersuchung wiederkehrender Motive, wie etwa der Farbe Hellblau.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Trauma, Fragmentarizität, Unsagbarkeit, Repetition, Erzählstrategie, PTBS und die Identitätsfrage im Kontext von Migration.
Wie spielt das Motiv der „Farbe Hellblau“ für das Verständnis des Traumas eine Rolle?
Die Farbe dient als symbolischer Schlüsselreiz, der Maschas Flashbacks materialisiert und die Grenze zwischen ihrer Vergangenheit in Baku und ihrer Gegenwart radikal verwischt.
Inwiefern beeinflusst die "Unsagbarkeit" die Erzählweise des Romans?
Da Mascha ihre traumatischen Erlebnisse nicht direkt artikulieren kann, wählt die Autorin eine "märchenhafte" Perspektive, die einerseits Distanz schafft, andererseits aber gerade durch die kindliche Naivität das unbewältigte Leid unterstreicht.
- Citar trabajo
- Mariyana Koch (Autor), 2021, Olga Grjasnowa "Der Russe ist einer der Birken liebt". Spiegelt sich das inhaltlich dargestellte Trauma der Protagonistin im formalen Aufbau des Romans wider?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1132442