Jahrzehntelang beruhte die Nachkriegskirchengeschichtsschreibung weitgehend auf der Annahme, aktive Unterstützung für das faschistische Regime und antisemitische Hasspredigten und Maßnahmen habe es im offiziellen deutschen Protestantismus nicht gegeben. Tatsächlich war das Gegenteil der Fall: Der deutsche Protestantismus war kein Beifahrer und Trittbrettfahrer, sondern aktiv an der Zerstörung der Weimarer Republik und der Errichtung und Stabilisierung der faschistischen Diktatur beteiligt. Die grundsätzliche Gegnerschaft der evangelischen Kirche zum NS-Staat und seiner antijüdischen Politik ist ein Mythos, eine erfundene Tradition.
Angesichts der Begeisterung des deutschen Protestantismus für den ersten imperialistischen Krieg 1914-1918 war dies kein „Betriebsunfall“, sondern das Ergebnis eines langen Irrweges. Ohne die fortgesetzte und steigende Akzeptanz, die Duldung, die Unterstützung, die Gefolgschaft von Massen der Bevölkerung, zu der der deutsche Protestantismus auf breiter Front auf dem ideologischen Feld nachhaltig beitrug, wäre der Faschismus eine Episode geblieben und unfähig gewesen, in Europa und über dessen Grenzen hinaus das anzurichten und zu verbrechen, was er tat.
Auch nach 1945 setzte sich die babylonische Gefangenschaft der deutschen evangelischen Kirche durch Anpassung an herrschende Verhältnisse weitgehend fort. Einschlägige Antisemiten und regimetreue Pfarrer und Kirchenführer blieben im Amt. Von einer Entnazifizierung im Raum der Kirche oder gar einem Bruch in der Geschichte des Protestantismus kann keine Rede sein.
Um sich zu rehabilitieren, müßte die Kirche ihren tapferen Einzelkämpfern unzweideutig Gerechtigkeit widerfahren lassen, die Dienstentlassungsverfahren gegen christliche Antifaschisten auch juristisch im Lichte der Barmer Theologischen Erklärung im Sinne der Betroffenen und der geschichtlichen Wahrheit aufheben und aus ihrem eigenen Versagen nachhaltig lernen.
Inhaltsverzeichnis
I. Christliche Antifaschisten der ersten Stunde: Erwin Eckert, Emil Fuchs, Heinz Kappes
II. Schlaglichter auf den Mehrheitsprotestantismus während des Faschismus an der Macht
III. Exkurs: Die „Junge Kirche“ ein Organ des antifaschistischen Widerstandes?
IV. Die Situation der Kirchen nach 1945
IV. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Streitschrift setzt sich kritisch mit der Rolle des deutschen Protestantismus in Bezug auf Faschismus, Krieg und Holocaust auseinander. Ziel ist es, den Mythos einer prinzipiellen Gegnerschaft der evangelischen Kirche zum Nationalsozialismus zu dekonstruieren und aufzuzeigen, wie kirchliche Strukturen aktiv am Faschismus mitwirkten sowie nach 1945 an der Restauration der alten Machtverhältnisse beteiligt waren.
- Die Mitverantwortung des Protestantismus an der Zerstörung der Weimarer Republik.
- Das Handeln der „religiösen Sozialisten“ als antifaschistische Minderheit.
- Die Kontinuität kirchlicher Belastungen in der Nachkriegszeit und deren Verdrängung.
- Die kritische Analyse prominenter Theologen und deren Haltung zum Nationalsozialismus.
- Die Auseinandersetzung mit den Legenden über den „Kirchenkampf“.
Auszug aus dem Buch
I. Christliche Antifaschisten der ersten Stunde: Erwin Eckert, Emil Fuchs, Heinz Kappes
Zu den Vertretern des antifaschistischen Widerstandes von der ersten Stunde an gehören die religiösen Sozialisten Erwin Eckert, Emil Fuchs und Heinz Kappes. Sie waren die „weiße Raben“ des deutschen Protestantismus. Lapidar heißt es in einem Standardwerk der Kirchengeschichte: „Es gab im deutschen Protestantismus nur wenige, die sich bewußt gegen den Antisemitismus stellten.“ Namentlich erwähnt wird keiner der oben Genannten. 1933 saßen sie schließlich allesamt im Gefängnis – wegen ihres Kampfes gegen den gegenrevolutionären, menschen- und demokratiefeindlichen, sozialreaktionären und verbrecherischen Faschismus.
Vor 1933 hatte Eckert in seinen von Hunderttausenden besuchten Veranstaltungen die „große Lüge des Nationalsozialismus“ angeprangert und die „armselige Judenhetze“ theologisch und politisch gegeißelt. Sie führe, wie Eckert hellsichtig voraussah, zu einem „grauenvollen Morden“, kurz: in die „Barbarei“.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Christliche Antifaschisten der ersten Stunde: Erwin Eckert, Emil Fuchs, Heinz Kappes: Dieses Kapitel stellt die religiösen Sozialisten als frühe Widerständler innerhalb der Kirche vor und beleuchtet ihr Engagement gegen Antisemitismus und Faschismus.
II. Schlaglichter auf den Mehrheitsprotestantismus während des Faschismus an der Macht: Hier wird analysiert, wie die evangelischen Kirchen den Nationalsozialismus unterstützten und teils als „Geschenk Gottes“ willkommen hießen.
III. Exkurs: Die „Junge Kirche“ ein Organ des antifaschistischen Widerstandes?: Dieser Abschnitt kritisiert die Rolle der Zeitschrift „Junge Kirche“ und entlarvt profaschistische Tendenzen bei deren führenden Köpfen wie Walter Künneth.
IV. Die Situation der Kirchen nach 1945: Das Kapitel beschreibt, wie nach 1945 die kirchliche Vergangenheit verdrängt wurde und belastete Akteure in ihren Ämtern verblieben.
IV. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass der Protestantismus ohne seine willige Unterstützung des NS-Regimes nicht in die Barbarei des Holocaust hätte führen können und fordert eine ehrliche Aufarbeitung.
Schlüsselwörter
Deutscher Protestantismus, Faschismus, Nationalsozialismus, Kirchengeschichte, Religiöse Sozialisten, Erwin Eckert, Antisemitismus, Holocaust, Schuldfrage, Nachkriegszeit, Restauration, Widerstand, Bekennende Kirche, Kirchenkampf, NS-Diktatur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der aktiven Mitwirkung des deutschen Protestantismus an der Etablierung des Faschismus und der anschließenden Verdrängung dieser Schuld nach 1945.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Rolle der evangelischen Kirche im NS-Staat, der Widerstand (oder dessen Fehlen), der Antisemitismus kirchlicher Würdenträger und die Kontinuität dieser Strukturen in der Nachkriegszeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Widerlegung der Legende, der Protestantismus habe in einer defensiven Rolle gegen den NS-Staat gestanden; stattdessen wird die aktive Kollaboration offengelegt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-kritische Aufarbeitung, die auf der Analyse zeitgenössischer Dokumente, Urteile und theologischer Schriften basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der christlichen Antifaschisten, die Analyse der Kollaboration des Mehrheitsprotestantismus und die Untersuchung der Nachkriegsverdrängung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Protestantismus, Faschismus, Antisemitismus, Kollaboration, Restauration und kirchliche Identitätskrise.
Wie bewertet der Autor die „Stuttgarter Schulderklärung“?
Der Autor ordnet diese als Teil einer Strategie der Verschleierung und Verharmlosung ein, die einen echten Bruch mit der faschistischen Vergangenheit verhinderte.
Warum spielt Erwin Eckert eine zentrale Rolle in der Argumentation?
Eckert dient als exemplarisches Beispiel für einen christlichen Antifaschisten, dessen Behandlung durch die Kirche die moralische Verkommenheit des kirchlichen Establishments verdeutlicht.
Was kritisiert der Autor an der heutigen Aufarbeitung?
Er kritisiert, dass eine umfassende, kritische Gesamtdarstellung der evangelischen Kirche im „Dritten Reich“ noch immer aussteht und dass Täter nach 1945 weitgehend unbehelligt blieben.
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- Dr. Friedrich-Martin Balzer (Author), 2010, Die Mitverantwortung des deutschen Protestantismus für Faschismus, Krieg und Holocaust, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1132541