Ziel dieser Arbeit ist es, die zwei exemplarisch ausgewählten Bilderbücher "Judith und Lisa" (1988) und "Als Eure Großeltern jung waren (1993)" hinsichtlich ihrer Eignung für die Vermittlung der Thematik Nationalsozialismus im Literaturunterricht der Grundschule zu untersuchen.
Kindern, und insbesondere kleinen Kindern, von den Grausamkeiten des Nationalsozialismus zu erzählen, stößt bei vielen Erwachsenen auf eine abwehrende Haltung. Der wiedererstarkte Neonazismus und aktuelle Themen wie Terror und Krieg lassen sich diesem Widerstand jedoch entgegenstellen und plädieren für eine frühzeitige Auseinandersetzung mit der Thematik, um der zitierten Forderung Adornos nachzukommen. Somit ist es auch Aufgabe der Schule, das Thema Nationalsozialismus in den Unterricht zu integrieren und den Schülerinnen und Schülern die Ereignisse durch altersangemessene Materialien als Mahnung begreifbar zu machen.
Eine Möglichkeit vor allem junge Kinder mit den grausamen Geschehnissen vertraut zu machen, bietet das Medium Bilderbuch. Mit Roberto Innocentis Rosa Weiss (1986) erschien in Deutschland das erste illustrierte Kinderbuch, welches den Holocaust thematisiert und entsprechend kontrovers aufgenommen wurde. Im Verlauf der Jahre wurden weitere Bilderbücher zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust veröffentlicht, welche jedoch bis heute auf scharfe Kritiken stoßen und die frühe Behandlung des Themas weiterhin infrage stellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Geschichtlicher Hintergrund
2.2 Nationalsozialismus als Unterrichtsgegenstand für den Grundschulunterricht
2.3 Potenziale eines problemorientierten Literaturunterrichts
3. Das Bilderbuch als Medium für den Unterrichtsgegenstand Nationalsozialismus
3.1 Das Bilderbuch als Medium
3.2 Das Bilderbuch als Vehikel für den problemorientierten Literaturunterricht
3.3 Anforderungen an die Gestaltung von Bilderbüchern zum Nationalsozialismus
4. Analyse der Bilderbuchbeispiele
4.1 Vorliegende Ansätze zur Analyse von Bilderbüchern
4.2 Elisabeth Reuter: Judith und Lisa
4.2.1 Strukturelle Untersuchung des Textes
4.2.2 Gestaltungsmerkmale der Bilder
4.2.3 Die Entwicklung des Themas in Text- und Bildstruktur
4.3 Judith S. Kestenberg: Als Eure Großeltern jung waren
4.3.1 Strukturelle Untersuchung des Textes
4.3.2 Gestaltungsmerkmale der Bilder
4.3.3 Die Entwicklung des Themas in Text- und Bildstruktur
5. Vergleichende Betrachtung und Bewertung der Bilderbücher
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit die Bilderbücher "Judith und Lisa" und "Als Eure Großeltern jung waren" geeignet sind, das komplexe und sensible Thema Nationalsozialismus sowie den Holocaust bereits im Literaturunterricht der Grundschule zu vermitteln.
- Pädagogische Anforderungen an eine kindgerechte Vermittlung historischer Grausamkeiten
- Die Rolle des Bilderbuchs als Medium im problemorientierten Literaturunterricht
- Analyse und Vergleich der erzählerischen und bildnerischen Gestaltung der beiden Beispielwerke
- Reflektion über Möglichkeiten der Identifikation und Perspektivübernahme für Grundschulkinder
- Bedeutung des sozialen Lernens und der Entwicklung von Werten wie Toleranz und Solidarität
Auszug aus dem Buch
2.1 Geschichtlicher Hintergrund
Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 wurde der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus ein Anfang bereitet, und insbesondere jüdische Personen fielen den faschistischen Grausamkeiten zum Opfer (vgl. Hildebrand 2003: 1). In der Zeit von April 1933 bis 1945 wurden insgesamt etwa 2000 Gesetze gegen die jüdische Bevölkerung erlassen (vgl. Zimmermann 1997: 48).
Als erste Maßnahme, die sich gezielt gegen die jüdische Minderheit richtete, kann der Boykott gegen jüdische Unternehmen gelten, welcher auf den 1. April 1933 befristet wurde (vgl. Longerich 1998: 35). Hierbei handelte es sich jedoch entgegen der offiziellen Bezeichnung nicht um eine „auf der freiwilligen Entscheidung von Konsumenten beruhende[n] Maßnahme“ (Longerich 1998: 35), sondern um eine staatlich organisierte Unterbindung wirtschaftlicher Tätigkeiten der jüdischen Ärzte, Rechtsanwälte und Geschäftsinhaber (vgl. ebd.). Potenzielle Kunden wurden durch Warn-Plakate davon abgehalten in jüdischen Geschäften einzukaufen. Tätigten diese ihre Einkäufe dennoch in den betreffenden Geschäften, wurden sie fotografiert oder mussten ihre Identität bekannt geben (vgl. Longerich 1998: 37). Die Mehrheit der Bevölkerung verhielt sich so, wie das Regime es von ihnen erwartete und mied die jüdischen Unternehmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung begründet die Notwendigkeit einer frühzeitigen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Grundschule und stellt die Zielsetzung der Arbeit sowie die untersuchten Bilderbücher vor.
2. Theoretische Grundlagen: Das Kapitel skizziert den geschichtlichen Hintergrund der NS-Zeit und diskutiert die pädagogische Debatte über die Thematisierung des Holocaust im Grundschulalter sowie die Potenziale eines problemorientierten Literaturunterrichts.
3. Das Bilderbuch als Medium für den Unterrichtsgegenstand Nationalsozialismus: Hier wird das Bilderbuch definiert, seine Eignung für den Unterricht analysiert und es werden Anforderungen an die Gestaltung solcher Bücher formuliert.
4. Analyse der Bilderbuchbeispiele: Dieses Kapitel liefert eine detaillierte strukturelle, bildnerische und thematische Analyse der zwei ausgewählten Bilderbücher "Judith und Lisa" und "Als Eure Großeltern jung waren".
5. Vergleichende Betrachtung und Bewertung der Bilderbücher: Die beiden Werke werden hinsichtlich ihrer Identifikationsangebote, ihrer Darstellung geschichtlicher Wirklichkeit und ihrer typisierenden Personendarstellung verglichen und bewertet.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass die Bilderbücher trotz einzelner Schwächen für den Unterricht geeignet sind, sofern eine intensive pädagogische Begleitung stattfindet.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Holocaust, Literaturunterricht, Grundschule, Bilderbuch, Kinderliteratur, Geschichtsbewusstsein, Identifikation, problemorientierter Unterricht, Antisemitismus, Erinnerungskultur, pädagogische Vermittlung, Judith und Lisa, Als Eure Großeltern jung waren
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der pädagogischen Eignung und den Herausforderungen, das komplexe Thema Nationalsozialismus und Holocaust anhand von Bilderbüchern im Literaturunterricht der Grundschule zu vermitteln.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die geschichtliche Aufarbeitung, die didaktische Begründung für eine frühe Thematisierung, die Analyse von Kinderliteratur als Medium sowie die Möglichkeiten der Werteerziehung und Solidaritätsentwicklung bei Kindern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, exemplarisch an zwei Bilderbüchern zu prüfen, ob und wie diese Medien dazu beitragen können, Grundschulkindern einen altersgerechten Zugang zur NS-Vergangenheit zu ermöglichen, ohne sie kognitiv oder emotional zu überfordern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine Literaturanalyse basierend auf dem "thematischen Ansatz" nach Jens Thiele, um die Bilderbücher systematisch hinsichtlich ihrer Text- und Bildstruktur sowie ihrer Eignung für den Unterricht zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, eine Definition und Anforderungsanalyse des Mediums Bilderbuch sowie die detaillierte Analyse und der Vergleich der beiden Kinderbücher "Judith und Lisa" und "Als Eure Großeltern jung waren".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe umfassen Nationalsozialismus, Holocaust, Grundschuldidaktik, Literaturunterricht, Bilderbuchanalyse sowie Erinnerungskultur.
Wie gehen die untersuchten Bilderbücher mit der Darstellung von Gewalt um?
Die Bücher wählen unterschiedliche Strategien: Während "Judith und Lisa" Gewalt eher indirekt durch die Ausgrenzung der jüdischen Freundin thematisiert, zeigt "Als Eure Großeltern jung waren" auch explizitere Aspekte wie Lager und Selbstmord, was höhere Anforderungen an die begleitende Lehrkraft stellt.
Welche Rolle spielt die Lehrkraft bei diesem Thema?
Die Autorin betont, dass Bilderbücher zu diesem Thema keinesfalls selbsterklärend sind. Die Lehrkraft ist essenziell, um Hintergründe zu erläutern, Fragen zu beantworten und die Kinder bei der Verarbeitung der schwierigen Inhalte zu unterstützen.
- Citation du texte
- Chiara Alina Sachwitz (Auteur), 2019, Nationalsozialismus im Bilderbuch?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1132619