Die Arbeit thematisiert den Einfluss postmaterialistischer und emanzipatorischer Werteinstellungen auf die Tendenz zu unkonventioneller politischer Partizipation.
Als Datengrundlage dient der European Values Survey von 2017, der fünften Welle einer Längsschnittstudie über Werte und Einstellungen europäischer Bürger. Der erste Teil der Arbeit beinhaltet die theoretische Heranführung an das Thema. Darauf folgt die Operationalisierung der unabhängigen Variable und der Prädiktoren, die in den Regressionsmodellen integriert sind. Im Anschluss daran werden die Ergebnisse der deskriptiven Untersuchungen und der Regressionsanalysen vorgestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Transformation der Civic Culture
2.1. Unkonventionelle Politische Partizipation
2.2. Vom Allegiant zum Assertive Citizien
2.3. Einflussfaktoren für die Bereitschaft zu unkonventioneller politischer Partizipation
2.3.1. Soziodemographische Merkmale
2.3.2. Politisches Interesse und politische Ideologie
2.3.3. Postmaterialismus und emanzipatorische Wertvorstellungen
3. Erläuterung zu den Daten und Variablen des Modells
3.1. Daten
3.2. Operationalisierung
3.2.1. Abhängige Variable und Haupterklärungsvariablen
3.2.2. Kontrollvariablen
4. Ergebnisse
4.1. Deskriptive Statistiken
4.2. Annäherung an die Hypothesen
4.3. Tabelle 1: Prädiktion unkonventioneller politischer Partizipation mittels OLS-Regression
4.4. Unkonventionelle politische Partizipation im multivariaten Modell
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss des Wertewandels auf die Bereitschaft von Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland, sich an unkonventionellen Formen politischer Partizipation zu beteiligen. Dabei wird insbesondere analysiert, inwieweit postmaterialistische und emanzipatorische Wertvorstellungen die Partizipationsbereitschaft erklären können, gestützt auf Daten des European Values Survey 2017.
- Analyse des Wandels vom "loyalen" zum "kritischen" Bürger (Assertive Citizen).
- Einfluss sozioökonomischer Ressourcen und Wertorientierungen auf politisches Engagement.
- Empirische Überprüfung der Auswirkungen von Postmaterialismus auf unkonventionelle Partizipation.
- Untersuchung der Rolle emanzipatorischer Wertvorstellungen (Toleranz, Selbstbestimmung).
- Multivariate OLS-Regressionsanalyse zur Bestimmung der Prädiktionskraft verschiedener Einflussfaktoren.
Auszug aus dem Buch
2.2. Vom Allegiant zum Assertive Citizien
Während ihrer groß angelegten, länderübergreifenden Civic Culture-Studie untersuchten Gabriel Almond und Sidney Verba zu Beginn 1960er Jahren politische Bürgerkulturen und die Umstände, die sie ihrer Ansicht nach prägten. Dabei identifizierten sie den Idealtyp des Allegiant Citizien, den sie damals vor allem in den etablierten Demokratien der USA und Großbritanniens verorteten: zufriedene, loyale Bürger/innen, die geprägt von politischem Bewusstsein, sowie positiven Orientierungen gegenüber ihren Repräsentant/innen und dem politischen System im Allgemeinen (Vgl. Almond/Verba 1963: 11ff). Sich darüber hinaus in der Pflicht sehend, demokratische Werte zu unterstützen – dabei aber tendenziell eher passiv bleiben. Almond und Verba konstatierten, dass diese Kongruenz zwischen Beschaffenheit des politischen Systems und bürgerlichen Orientierungsmustern essenziell für den Fortbestand moderner Demokratien sei (Vgl. Ritzi/Wagner 2018: 419).
Diese Ansicht stieß lange Zeit auf breiten Konsens in der politischen Partizipationsforschung. Unkonventionelle Formen der Beteiligung wurden hingegen als störende Einmischung in politische Prozesse wahrgenommen, für die man alleinig die vom Volk gewählten Repräsentant/innen verantwortlich sah. Demonstrationen oder Boykotts galten gar als Bedrohung für die Stabilität einer Demokratie, da sich hierdurch vermeintlich eine Erosion des Vertrauens in politische Eliten zeigte (Vgl. Dalton/Welzel 2014: 92ff).
Dass jedoch insbesondere in den etablierten Demokratien fortschrittlicher Industrieländer unkonventionelle Beteiligungsformen weit verbreitet sind, ist ein Zeichen dafür, dass sozioökonomischer Wandel durchsetzungsfähigere und kritischere Bürger/innen hervorgebrachte. Der Begriff der Assertive oder Critical Citizien wurde von der Forschungsliteratur geprägt; sie kennzeichnet die Bereitschaft, Erwartungen und Forderungen an politische Eliten zu artikulieren. Dabei ist dies nicht zwingend ein Zeichen Vertrauenszerfalls, vielmehr könnte dies auf eine starke Internalisierung demokratischer Werte hindeuten, die ein förderliches Klima für Toleranz und die freie Äußerung von Kritik schafft – politischer Protest kann also als konsistent mit demokratischen Normen betrachtet werden (Vgl. Dalton/Welzel 2014: 101ff).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik des Wertewandels und der unkonventionellen politischen Partizipation ein und stellt die Forschungsfrage sowie die Datengrundlage (EVS 2017) vor.
2. Die Transformation der Civic Culture: In diesem Kapitel wird der theoretische Rahmen erarbeitet, der den Wandel vom loyalen Bürger zum kritischen "Assertive Citizen" beschreibt und Einflussfaktoren auf unkonventionelles politisches Engagement herleitet.
3. Erläuterung zu den Daten und Variablen des Modells: Hier werden die methodischen Grundlagen dargelegt, insbesondere die Datenauswahl aus dem European Values Survey sowie die Operationalisierung der abhängigen Variablen und der verschiedenen Prädiktoren.
4. Ergebnisse: Dieses Kapitel präsentiert die deskriptiven Statistiken und die Ergebnisse der bivariaten und multivariaten Regressionsanalysen zur Überprüfung der aufgestellten Hypothesen.
5. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse der Untersuchung zusammen, reflektiert die Bestätigung der Hypothesen und ordnet die Ergebnisse in den Kontext aktueller politischer Protestbewegungen ein.
Schlüsselwörter
Wertewandel, unkonventionelle Partizipation, Postmaterialismus, emanzipatorische Werte, European Values Survey, politische Partizipation, Assertive Citizen, politische Soziologie, OLS-Regression, demokratische Werte, politisches Interesse, Deutschland, sozioökonomischer Wandel, Protestkultur, bürgerschaftliches Engagement.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie sich der gesellschaftliche Wertewandel in Deutschland auf die Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger auswirkt, sich an unkonventionellen politischen Beteiligungsformen wie Demonstrationen oder Boykotts zu beteiligen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen den Wandel der politischen Bürgerkultur, die Bedeutung von postmaterialistischen und emanzipatorischen Werten sowie den Einfluss sozioökonomischer Ressourcen auf politisches Handeln.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, empirisch zu belegen, ob eine höhere Ausprägung von postmaterialistischen und emanzipatorischen Werten zu einer gesteigerten Bereitschaft führt, an unkonventionellen politischen Aktionen teilzunehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine quantitativ-empirische Vorgehensweise, bei der Daten des European Values Survey (EVS) 2017 für Deutschland mittels deskriptiver Statistik sowie OLS-Regressionsmodellen analysiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung der Konzepte, die Beschreibung der Daten und Variablenoperationalisierung sowie die detaillierte Darstellung und Interpretation der statistischen Analyseergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Wertewandel, unkonventionelle Partizipation, Postmaterialismus, emanzipatorische Werte, politisches Engagement und die kritische Bürgerkultur.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen "Materialisten" und "Postmaterialisten" eine wichtige Rolle für die Analyse?
Diese Unterscheidung ist zentral, da die Forschung (wie bei Inglehart und Welzel) nahelegt, dass Bürger mit postmaterialistischen Zielen eher über die Ressourcen und die Motivation verfügen, ihre Forderungen unkonventionell in den politischen Prozess einzubringen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich der "Stabilität" der Demokratie?
Der Autor schlussfolgert, dass unkonventionelle Partizipation nicht mehr als Bedrohung der Stabilität gesehen werden sollte, sondern als legitime Erweiterung der politischen Beteiligung, die den sozialen Wandel und die Demokratie positiv vorantreiben kann.
- Citation du texte
- Katharina Stahlberg (Auteur), 2021, Wertewandel und unkonventionelle politische Partizipation in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1132735