Am 30. Januar siegt mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler der Regierung der „nationalen Revolution“ der Faschismus in Deutschland. Nach der schrittweisen Aushöhlung der bürgerlichen Demokratie in der Periode der Notverordnungsdiktatur der Präsidialkabinette ist der Faschismus das schließliche Ergebnis der Klassenkämpfe der Weimarer Republik.
War die bürgerliche Republik das Werk der Arbeiterbewegung gewesen, so siegt mit der „Machtergreifung“ des Faschismus die Gegenrevolution. Ihre Funktion ist es, die durch die kapitalistische Weltwirtschaftskrise bedrohte soziale Herrschaft über die gesamte bürgerliche Gesellschaft auszuüben. Im Sinne dieser Funktion ist die Zerschlagung der legalen Organisation der Arbeiterbewegung, zunächst der KPD und ihrer Massenorganisationen, dann auch der reformistischen SPD und der Gewerkschaften, erster und wesentlicher Ausdruck der politischen Herrschaft des Faschismus.
Der Sieg des Faschismus ist zugleich die Niederlage der Arbeiterbewegung, die in der bürgerlich-faschistischen Einheitsfront hervorgerufene Bürgerkriegssituation die Spaltung in zwei sich befehdende Parteien nicht durch die Bildung einer antifaschistischen Einheitsfront der Arbeiterklasse überwinden konnte. Die soziale Basis der faschistischen Massenbewegung sind durch die soziale Krise materiell und sozialpsychologisch bedrohte Mittelschichten, die der sozialen und nationalen Demagogie der 'Nationalsozialisten' erliegen, weil die gespaltene Arbeiterbewegung den Angestellten und Beamten, jenem Teil der Mittelschichten, die ebenso wie die Arbeiter vom Verkauf ihrer Ware Arbeitskraft leben, keine wirksame Verteidigung ihrer sozialen Interessen anbot und keine reale Macht darzustellen schien.
Inhaltsverzeichnis
Problemgeschichtliche Einleitung
Methodische Überlegungen zur Geschichte der religiösen Sozialisten in der Weimarer Republik
Die soziale Zusammensetzung der Kirchenkampfparteien in der Weimarer Republik
Das politische Verhältnis des Bundes der religiösen Sozialisten zur SPD und der Konflikt um Pfarrer Erwin Eckert
Kampf gegen den Faschismus (Dezember 1931 bis Februar 1933) und Widerstand gegen das „Dritte Reich“ (1933-1945)
Kampf um antifaschistische Aktionseinheit und sozialistische Einheitspartei in Südbaden (1945/46)
Mandats- und Funktionsträger der KPD (1946-1956)
Kampf gegen Wiederaufrüstung und Atombewaffnung (1950-1960)
Zusammenfassung und Schlußbetrachtung
Nachtrag: Friedrich-Martin Balzer, Vom Pfarrer zum Arbeiterführer. Erwin Eckert 75 Jahre
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Lebensweg und das politische Wirken von Pfarrer Erwin Eckert als Fallbeispiel für die Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland. Ziel der Untersuchung ist es, aufzuzeigen, wie Eckert durch verschiedene historische Phasen – von der Weimarer Republik über den Widerstand gegen den Faschismus bis hin zur Nachkriegszeit in Südbaden – versuchte, eine Brücke zwischen christlicher Ethik und marxistischem Klassenkampf zu schlagen, um eine einheitliche sozialistische Kraft zu formen.
- Die Entwicklung der religiösen Sozialisten in der Weimarer Republik.
- Die Auseinandersetzungen um das politische Verhältnis zur SPD und KPD.
- Der Kampf gegen den Nationalsozialismus und das „Dritte Reich“.
- Einigungsbestrebungen für eine sozialistische Einheitspartei in Südbaden nach 1945.
- Eckerts Engagement in der Weltfriedensbewegung und die spätere politische Isolierung.
Auszug aus dem Buch
Die soziale Zusammensetzung der Kirchenkampfparteien in der Weimarer Republik
Daß es sich bei den Auseinandersetzungen zwischen religiösen Sozialisten und orthodoxen wie liberalen Kirchenvertretern um Klassenauseinandersetzungen und nicht um theologische Zänkereien gehandelt hat, wird unmittelbar deutlich, wenn die soziale Zusammensetzung der Kirchenkampfparteien festgestellt wird.
Der Klassencharakter der offiziellen Kirchen soll an einigen Beispielen veranschaulicht werden, die in der Zeit von 1928 bis 1931 im Organ des Bundes der religiösen Sozialisten selbst veröffentlicht worden sind. Es ist keineswegs ein Zufall, daß der Abdruck dieses Tatsachenmaterials erst ab 1928 erfolgt. Er zeigt an, daß die Einsicht in die soziologische Gebundenheit der protestantischen Kirchen erst im Laufe der konkreten Auseinandersetzung ins Bewußtsein rückt.
Die Führung der obersten preußischen evangelischen Kirchenbehörde, des Kirchensenats der altpreußischen Union, liegt 1929 in den Händen des deutsch-nationalen Rittergutsbesitzers Winckler. Unter den geistlichen Mitgliedern des Senats sind 16 Generalsuperintendenten und Superintendenten, 2 Konsistorialräte und 5 Oberkirchenratsmitglieder. Außer den geistlichen Mitgliedern sitzen in diesem Senat: Majoratsherr Graf von Seidlitz-Sandrecki, Rittergutsbesitzer von Bernuth, Majoratsherr Graf von Arnim-Boitzenburg, Rittergutsbesitzer von Arnim-Kröchlendorf, Wirklicher Geheimer Rat D. von Berg, Regierungspräsident a.D. von Gersdorff, Regierungspräsident a.D. Dr. Schilling, Geheimer Oberjustizrat und Senatspräsident am Kammergericht Berlin-Lankwitz Dr. Preiser, Justizrat, Rechtsanwalt und Notar Hallensleben, der deutschnationale Oberstudiendirektor Glage, sowie der deutschnationale „Arbeitersekretär“ Hartwig. Stellvertretende Mitglieder des Senats sind der Ritterschaftsdirektor von Alvensleben, der ehemalige Reichskanzler und Oberpräsident D. Dr. Michaelis, Fabrikant W. Siebel, Ministerialrat Direktor Dr. Conze, der Oberbürgermeister von Görlitz Snay, Generaldirektor von Krosigk, Landrat a.D. von Brockhusen, sowie schließlich der deutschnationale Oberstudiendirektor Schlemmer.
Zusammenfassung der Kapitel
Problemgeschichtliche Einleitung: Analyse der politischen Lage in der Weimarer Republik und der Haltung der Kirchen gegenüber dem Faschismus.
Methodische Überlegungen zur Geschichte der religiösen Sozialisten in der Weimarer Republik: Darstellung der kurzen, aber bedeutenden historischen Phase der religiösen Sozialisten und deren politischer Einordnung.
Die soziale Zusammensetzung der Kirchenkampfparteien in der Weimarer Republik: Soziologische Untersuchung der kirchennahen Führungsgremien, die den Klassencharakter der Kirche verdeutlicht.
Das politische Verhältnis des Bundes der religiösen Sozialisten zur SPD und der Konflikt um Pfarrer Erwin Eckert: Untersuchung der Spannungen zwischen den religiösen Sozialisten und der SPD-Führung, gipfelnd in der Kontroverse um Erwin Eckert.
Kampf gegen den Faschismus (Dezember 1931 bis Februar 1933) und Widerstand gegen das „Dritte Reich“ (1933-1945): Dokumentation von Eckerts politischem Widerstand und seiner Inhaftierung.
Kampf um antifaschistische Aktionseinheit und sozialistische Einheitspartei in Südbaden (1945/46): Analyse der spontanen Einigungsbemühungen der Arbeiterbewegung in der französischen Besatzungszone nach dem Krieg.
Mandats- und Funktionsträger der KPD (1946-1956): Darstellung von Eckerts politischer Tätigkeit im Nachkriegsdeutschland und seinen Versuchen einer verfassungsrechtlichen Neuordnung.
Kampf gegen Wiederaufrüstung und Atombewaffnung (1950-1960): Fokus auf Eckerts Engagement in der Friedensbewegung und die Repressionen in der jungen Bundesrepublik.
Zusammenfassung und Schlußbetrachtung: Synthese des Lebenswegs von Erwin Eckert als Spiegelbild der Krisen der deutschen Arbeiterbewegung.
Nachtrag: Friedrich-Martin Balzer, Vom Pfarrer zum Arbeiterführer. Erwin Eckert 75 Jahre: Würdigung von Eckerts kontinuierlichem Einsatz für sozialistische Ziele anlässlich seines 75. Geburtstages.
Schlüsselwörter
Erwin Eckert, Religiöser Sozialismus, Arbeiterbewegung, Weimarer Republik, Antifaschismus, KPD, SPD, Einheitspartei, Klassenkampf, Widerstand, Friedensbewegung, Südbaden, Sozialismus, Kirche, NS-Regime.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit zeichnet den Lebensweg von Pfarrer Erwin Eckert nach, um zentrale Entwicklungslinien und Krisen der deutschen Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert anhand eines individuellen Beispiels zu illustrieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Themenfelder umfassen die Geschichte der religiösen Sozialisten, den innerlinken Konflikt zwischen SPD und KPD, den antifaschistischen Widerstand und die vergebliche Suche nach einer sozialistischen Einheitspartei nach 1945.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Eckerts Versuche aufzuzeigen, trotz widriger Umstände und ideologischer Hindernisse eine einheitliche politische Front der Arbeiterklasse zu schaffen, um soziale Gerechtigkeit und Frieden zu sichern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor wählt einen historisch-analytischen Ansatz, der Eckerts Wirken in den breiteren gesellschaftspolitischen Kontext einbettet und durch zahlreiche Primärquellen und Archivmaterial belegt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die politische Auseinandersetzung während der Weimarer Zeit, den Widerstand gegen den Nationalsozialismus und die intensiven Einigungsversuche der Arbeiterparteien in der französischen Besatzungszone Südbaden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind insbesondere Arbeiterbewegung, Sozialismus, Klassenkampf, Faschismus, Einheitspartei und der spezifische Kontext der religiösen Sozialisten.
Wie bewertet Eckert das Verhalten der SPD in der Weimarer Zeit?
Eckert kritisiert die SPD-Führung scharf für ihre Anpassungspolitik, die er als Ursache für das Scheitern der demokratischen Abwehr gegen den Nationalsozialismus ansieht.
Warum scheiterten die Einigungsbemühungen in Südbaden nach 1945?
Laut der Untersuchung scheiterten diese an einer Kombination aus französischer Besatzungspolitik, dem Druck der zentralen SPD-Parteispitze gegen die Einheitspartei und der erstarkenden antikommunistischen Grundstimmung im Zuge des Kalten Krieges.
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- Dr. Friedrich-Martin Balzer (Autor), 1967, Die Auseinandersetzungen um den Pfarrer Erwin Eckert. Ein Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1133270