Beschäftigung - Neue Arbeitsformen


Essay, 2005

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Welche Bedeutung hat Arbeit in unserer Gesellschaft?

Arbeit wird in der Physik als das Produkt von einwirkender Kraft und zurückgelegtem Weg definiert. Sie ist der Begriff für bewusstes und zielgerechtes Handeln von Menschen zum Zweck der Existenzsicherung sowie der Befriedigung von Bedürfnissen. Im Mittelhochdeutschen war „arebeit“ das Wort für Mühsal. (Schmid 1999)

Im Zentrum unseres Denkens steht die Arbeit. Sie ist die Grundlage unserer Existenzsicherung und schafft jene materiellen Werte, auf die unsere Gesellschaft aufgebaut ist. Erwerbsarbeit ist aber nicht nur ein Mittel, um Einkommen und Einfluss zu erlangen, sondern sie ermöglicht vor allem die gesellschaftliche Teilhabe. Sie ist eine wesentliche Quelle von Anerkennung und Selbstverwirklichung. (Sallmutter 1999)

Wo Erwerbsarbeit in einer Gesellschaft, deren Werte darauf aufgebaut sind, schwindet, verschwindet auch die Teilhabe und zerbricht dadurch der gesellschaftliche Zusammenhalt. Jahoda und Lazarsfeld haben diesen Prozess in ihrer Sozialstudie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ eindrucksvoll dargelegt.

Vollbeschäftigung hat in unserer Gesellschaft nach wie vor einen hohen Stellenwert. In den letzten Jahren hat es jedoch zunehmende Veränderungen auf dem Arbeitsmarktes gegeben. Der grundlegende Baustein unserer Erwerbsgesellschaft ist nach wie vor der Normalarbeitstag. Er bestimmt das Einkommen und den Wohlstand der Erwerbstätigen und auch die Leistungen des Sozialstaates orientieren sich an dieser „männlichen Normalerwerbsbiographie“. (Schmid 1999)

Ein Normalarbeitsverhältnis definiert sich wie folgt:

- Vollzeitarbeitsverhältnis mit einer Wochenarbeitszeit zwischen 36 und 40 Stunden
- Normalarbeitstag von 8 Stunden, 5-Tagewoche, Arbeitsbeginn zwischen 6.00 und 9.00 Uhr, Arbeitsende zwischen 14.00 und 18.00
- Arbeitsvergütung in monatlichen Beträgen bezahlt
- Höhe der Vergütung und viele betriebliche Sozialleistungen hängen von der Qualifikation und der Dauer der Betriebszugehörigkeit ab
- gewisser Schutz: z.B. Kündigungsfristen, Abfertigungen, pragmatisiertes Beschäftigungsverhältnis z.B. Öffentlicher Dienst, Sozialpläne bei Massenentlassungen, usw.
- Gehälter, Löhne und Arbeitsbedingungen sind kollektivvertraglich geregelt

Dieses Normalarbeitsverhältnis trifft im Wesentlichen wie bereits o.a. auf männliche Erwerbsbiographien zu. Für die Mehrheit der Frauen hat und hatte dieses Modell auch bisher kaum Geltung. (Tálos, 1999)

Heute sind in Österreich nur mehr knapp die Hälfte aller Erwerbstätigkeiten nach diesen Prinzipien des klassischen Normalarbeitstages organisiert. Die Verbreitung und Entwicklung neuer Arbeitsformen bedeutet einen immer weiteren Rückgang bei den Normalarbeitsverhältnissen. Beim AMS fällt heute bereits jede zweite als offen gemeldete Stelle in die Kategorie Teilzeit oder projektbezogenes Dienstverhältnis. Laut Emmerich Tálos kann festgestellt werden, dass international die atypischen Beschäftigungsformen im Vormarsch sind und es sich dabei nicht um einen kurz- oder mittelfristigen sondern um einen dauerhaften Trend handelt. Männer und Frauen sind davon jedoch in unterschiedlicher Weise betroffen.

Atypische, prekäre oder flexible Beschäftigungsverhältnisse sind aber kein Phänomen der heutigen Zeit. Bereits seit den 70er Jahren besteht eine ansteigende Entwicklung in Richtung Teilzeitbeschäftigung, allerdings hauptsächlich bei Frauen. Atypische Beschäftigungsverhältnisse sind also bereits lange eine gesellschaftliche Realität – eine verstärkte Aufmerksamkeit wird diesem Thema jedoch erst gewidmet, seit zunehmend auch männliche Erwerbstätige von „Atpyisierung“ und Flexibilisierung ihrer bisherigen Normalarbeitsverhältnisse betroffen sind. (vgl. Weiß, 1997)

Ist die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse ein Mittel gegen die hohe Arbeitslosigkeit?

Die EU ist im Gegensatz zu den USA seit mehr als 20 Jahren von anhaltender Massenarbeitslosigkeit auf hohem Niveau betroffen. Verschiedene „ExpertInnen“ wollen die Beschäftigungskrise durch eine neoliberale Umgestaltung des Arbeitsmarktes lösen. Wenn nun nach Mitteln und Wegen zur Reduzierung dieser hohen Arbeitslosenquote gesucht wird, so haben sie eine einfache und scheinbar einleuchtende „Lösung“ zur Hand: Lohnverzicht. Der unterstellte Zusammenhang erscheint auf den ersten Blick auch logisch: „Im Tausch für niedrigere Löhne, Teilzeitarbeit und flexiblere Arbeitsverhältnisse erreiche man mehr Beschäftigung.“ Als empirische Untermauerung für diese These werden dann die USA und die Niederlande angeführt, die ein niedriges Lohnniveau und eine niedrige Arbeitslosenrate aufweisen. Interessanterweise wird in diesem Zusammenhang nie Spanien erwähnt, das trotz niedriger Löhne eine der höchsten Arbeitslosenraten der ganzen EU aufweist. (vgl. Mum 1999)

Beispiel Niederlande:

Das niederländische „Poldermodell“ wird seit einiger Zeit wegen des Abbaus der hohen Arbeitslosigkeit als Vorzeigemodell innerhalb der EU gehandelt. Die wesentlichen Elemente des Modells sind die Ausweitung der Teilzeitbeschäftigung, die Flexibilisierung der Arbeit, ein hohes Ausmaß an Zeitarbeitsunternehmen und im Besonderen eine mäßige Lohnpolitik.

Die NL konnten die Anfang der 80er Jahre bestehende hohe Arbeitslosigkeit deutlich reduzieren. Die Beschäftigungsrate stieg von 4,9 Mio. 1980 auf 7 Mio. 1997.

Die Gewerkschaften setzten die Tarifvereinbarungen über eine automatische Angleichung der Löhne an die Inflationsrate außer Kraft. Die Sozialleistungen und der Mindestlohn wurden für einige Jahre eingefroren, das Wachstum der Niedriglohnjobs wurde von Seiten der Regierung gefördert. Die Zahl dieser Niedriglohnjobs hat sich von 1994 bis 1996 verdoppelt. (vgl. Molitor 1999)

Die Krankenversicherung wurde als reine ArbeitnehmerInnenversicherung auf freiwilliger Basis neu erstellt. Die Krankenversicherungsbeiträge der Arbeitgeber-Innen wurden vollständig abgeschafft. Jede Krankmeldung kostet einen Urlaubstag, die Kosten für die gesetzliche Lohnfortzahlung (70% des Lohnes nach 2 Karenztagen) muss die ersten 6 Wochen vollständig vom ArbeitgeberIn bezahlt werden. Durch diese Maßnahme werden nur mehr gesunde Menschen eingestellt.

Der Rückgang bei der Arbeitslosenrate ist vor allem auf ein starkes Wachstum der Teilzeitarbeit zurückzuführen. Teilzeitarbeit ist aber in den Niederlanden das Kennzeichen von Frauenarbeit geworden. Die Frauenbeschäftigungsquote hat sich dem EU-Durchschnitt angenähert bzw. ihn sogar übertroffen. Die nachteiligen Effekte der atypischen Beschäftigungsformen wie geringeres Einkommen, kaum Aufstiegs- und Karrieremöglichkeiten und die unsicheren Arbeitszeiten werden in der niederländischen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Die Langzeitarbeitslosenrate und die Anzahl der Personen, die von der Invalidenrente leben, ist in den Niederlande die höchste europaweit. Die geringere Arbeitslosenquote bedeutet also nicht, dass es in den Niederlanden ein größeres Ausmaß an Erwerbsarbeit gibt. (Mum 1999)

Die Niederlande sind eine kleine Volkswirtschaft und konjunkturell stark von Deutschland abhängig. Die Exporte betragen 60 % des BIP. Im Zeitraum seit Einführung des „Poldermodells“ ist das verfügbare Realeinkommen der ArbeitnehmerInnenhaushalte in Folge der restriktiven Lohnpolitik kaum gestiegen. Die Strategie des Landes einer Wettbewerbsverbesserung und Senkung der Arbeitslosenrate durch Lohnzurückhaltung und Ausbau der atypischen Beschäftigungsformen ist laut Mum keine Politik, die Beschäftigung schafft, sondern global betrachtet, ein Export von Arbeitslosigkeit und daher eine Politik auf Kosten des Handelspartners, im Falle der Niederlande besonders auf Kosten Deutschlands.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Beschäftigung - Neue Arbeitsformen
Hochschule
Fachhochschule St. Pölten
Veranstaltung
Seminar Wirtschaft- und Sozialpolitik
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V113357
ISBN (eBook)
9783640141296
ISBN (Buch)
9783640141579
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beschäftigung, Neue, Arbeitsformen, Seminar, Wirtschaft-, Sozialpolitik
Arbeit zitieren
Mag. (FH) Elisabeth Pilecky (Autor), 2005, Beschäftigung - Neue Arbeitsformen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113357

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