[...] Die Verleihung des Preises fand während der 49. Frankfurter Buchmesse am 11. Oktober
1998 als „eine Art Staatsakt“3 in der Frankfurter Paulskirche statt.
Der Preisträger löste mit seiner Dankesrede eine Debatte aus, die in ihrer Heftigkeit und
Bekanntheit an den Historikerstreit aus der Mitte der achtziger Jahre erinnert. Zwei Debatten
zum Thema Holocaust, „kreisend um die historische Last der nationalen Identität,
gekennzeichnet durch den Namen Auschwitz.“4 Doch vom Historikerstreit, in dem auf
theoretisch-historischer Grundlage eine Neubewertung der Vergangenheit angestrebt
wurde, unterscheidet sich die jüngere der beiden Debatten vor allem durch die persönliche
Ebene, auf der der Streit ausgetragen wurde.5
Eine zentrale Frage der Walser-Bubis-Debatte ist die, welche Funktion literarische Texte
und literarische Sprache in politischen Diskursen einnehmen. Damit steht sie in einer
Reihe mit dem Streit um Botho Strauß` „Bocksgesang“-Essay, über Handkes Verteidigung
der Serben, Walsers Haltung zum Nationalen und der Diskussion darüber, in welcher
Form Autoren und Autorinnen der ehemaligen DDR Kontakt zum Staatssicherheitsdienst
hatten. Ziel dieser Arbeit ist es, den Verlauf der Debatte nachzuzeichnen. Dazu werden die
wichtigsten Etappen diskursiv betrachtet. Zentrale Punkte der Kontroverse waren die
Rede Ignatz Bubis´ am 9. November 1998, in der er auf Martin Walsers Friedenspreisrede
reagierte; die Intervention des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters Klaus von
Dohnanyi und Walsers Rede an der Dortmunder Universität. Als Höhepunkt wird das in
Frankfurt geführte Gespräch von Martin Walser und Ignatz Bubis gewertet. Am Ende
der Arbeit steht die Frage nach den Spuren, oder gar der Wirkung, die diese kontroverse
Auseinandersetzung hinterlassen hat.
3 Claussen, Detlef: Deutschland ein Wintermärchen. In Freitag. Die Ost-West Wochenzeitung. 02/ 99. 8. Januar 1999
4 Wiegel, Gerd: Eine Rede und ihre Folgen. Die Debatte zur Walser-Rede. In: Klotz, Johannes und Gerd Wiegel
(Hrsg.): Geistige Brandstiftung. Die neue Sprache der Berliner Republik. Berlin. 2001, S. 53
5 vgl. ebd.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Martin Walsers Friedenspreisrede
3.Die Debatte
3.1. Erste Reaktionen
3.2. Ignatz Bubis` Rede vom 9. November 1998
3.3. Klaus von Dohnanyi contra Ignatz Bubis
3.4. Walsers „Zwischenruf“ Die Rede an der Dortmunder Universität
3.5. Ein Gespräch
4. Der Nachhall der Debatte
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit rekonstruiert den Verlauf der Walser-Bubis-Debatte, die durch die Friedenspreisrede Martin Walsers im Jahr 1998 ausgelöst wurde. Das primäre Ziel besteht darin, die zentralen Etappen der Kontroverse diskursiv nachzuzeichnen, die verschiedenen Standpunkte von Martin Walser und Ignatz Bubis zu analysieren und die Frage nach der nachhaltigen Wirkung dieser Auseinandersetzung auf das gesellschaftliche Erinnerungsklima in Deutschland zu beantworten.
- Analyse der Friedenspreisrede Martin Walsers und der darauf folgenden Reaktionen.
- Untersuchung der zentralen Streitpunkte zwischen Martin Walser und Ignatz Bubis.
- Diskussion der Rolle von Intellektuellen und der Funktion literarischer Sprache in politischen Diskursen.
- Betrachtung der Rolle der Medien sowie der persönlichen Ebene der Kontroverse.
- Evaluation des Nachhalls der Debatte auf das kollektive Gedächtnis und den öffentlichen Diskurs.
Auszug aus dem Buch
3.2. Ignatz Bubis` Rede vom 9. November 1998
Schon am Abende des Buchmessesonntags entschied Ignatz Bubis, in seiner Rede am 9. November, Martin Walser zu antworten. Auch Marcel Reich-Ranicki konnte ihn in langen Debatten während einer privaten Zusammenkunft an diesem Abend nicht davon abhalten.
Bubis beginnt seine Rede in der Berliner Synagoge, indem er auf jahrhundertealten Antisemitismus hinweist und dessen Entwicklung im Nazideutschland noch einmal kurz skizziert. Im Anschluß daran fragt er: „Ist es überhaupt zu begreifen? Und haben wir alle auch wirklich die Lehren daraus gezogen? Gehen wir heute toleranter miteinander um? Haben wir wirklich die Trauer der Hinterbliebenen und die Gefühle der Opfer verstanden? Versuchen wir die Ängste der Überlebenden zu respektieren?“
Schon im folgenden Absatz äußert er seine Befürchtung, daß sich ein Teil der Gesellschaft von der Erinnerung an diesen Abschnitt deutscher Geschichte eher belästigt fühle. Diese Befürchtung untermauert er, indem er zeigt, daß es im Nachkriegsdeutschland immer wieder Versuche gab, „Auschwitz“ zu verharmlosen oder zu leugnen. Auch Bubis weist hier auf private Verletzungen hin, er spricht von einem „Versuch, ein antisemitisches Stück aufzuführen“ (B, 108) und bezieht sich dabei mit Sicherheit auf Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“, ein Stück, in dem Bubis in der Figur des „reichen Juden“ (bis zur Unkenntlichkeit) karikiert wurde.
Im folgenden Abschnitt kommt Bubis dann auf Martin Walsers Friedenspreisrede zu sprechen. In dieser sieht er „den neuesten Versuch, Geschichte zu verdrängen beziehungsweise auszulöschen“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den Anlass der Debatte, die Verleihung des Friedenspreises an Martin Walser und die Einordnung des Streits als eine persönlich geführte, kontroverse Auseinandersetzung.
2. Martin Walsers Friedenspreisrede: Analyse von Walsers Dankesrede, in der er Kritik an der Instrumentalisierung von Auschwitz äußert und die Rolle des Schriftstellers reflektiert.
3. Die Debatte: Darstellung der verschiedenen Phasen des Schlagabtauschs, inklusive der Reaktionen von Ignatz Bubis, der Vermittlungsversuche von Klaus von Dohnanyi, der Dortmunder Rede Walsers und des moderierten Gesprächs zwischen den Kontrahenten.
4. Der Nachhall der Debatte: Untersuchung der Instrumentalisierung der Walser-Rede durch rechtsradikale Kreise sowie der Bedeutung des Streits für die Antisemitismus-Diskussion.
5. Zusammenfassung: Resümee des Konflikts, das die Unversöhnlichkeit der Positionen und den ausbleibenden gesellschaftlichen Konsens über die Form des Erinnerns hervorhebt.
Schlüsselwörter
Walser-Bubis-Debatte, Martin Walser, Ignatz Bubis, Friedenspreis, Holocaust-Erinnerung, Antisemitismus, Intellektuelle, öffentliche Debatte, Gedenkroutine, deutsche Vergangenheit, Schuld, Verantwortung, Frankfurter Paulskirche, Kontroverse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Verlauf und die Hintergründe der Walser-Bubis-Debatte, einer der schmerzhaftesten öffentlichen Kontroversen in Deutschland nach 1990, die durch die Friedenspreisrede Martin Walsers im Jahr 1998 ausgelöst wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Debatte?
Zentrale Themen sind die angemessene Form des Gedenkens an die NS-Vergangenheit, die Frage nach kollektiver versus individueller Verantwortung und die Rolle von Intellektuellen im öffentlichen Diskurs über Geschichte.
Was war das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel der Arbeit ist es, die diskursiven Etappen der Kontroverse zu dokumentieren und zu analysieren, wie sich die Positionen von Martin Walser und Ignatz Bubis während des Streits entwickelt und verändert haben.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer diskursanalytischen Betrachtung der Reden, offenen Briefe und medialen Stellungnahmen der beteiligten Akteure, um die argumentative Struktur der Debatte nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch von Walsers Rede in der Paulskirche über die Schärfe der Reaktionen von Ignatz Bubis, die Vermittlungsversuche durch Dohnanyi bis hin zum abschließenden Gespräch zwischen den Kontrahenten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Friedenspreisrede, geistige Brandstiftung, Vergangenheitsbewältigung, Instrumentalisierung, Antisemitismusvorwurf und Seelenfrieden.
Welche Rolle spielte Roman Herzog in der Debatte?
Roman Herzog äußerte sich am 9. November 1998 in der Berliner Synagoge und plädierte für eine lebendige Form der Erinnerung, was von vielen Zeitungen als „Schützenhilfe“ für Martin Walser interpretiert wurde.
Warum blieb die Debatte trotz eines moderierten Gesprächs ohne Versöhnung?
Die Debatte blieb unversöhnlich, da beide Seiten starr an ihren Standpunkten festhielten und die Kommunikation vor allem von gegenseitigen Missverständnissen und persönlichen Verletzungen geprägt war, statt einen gemeinsamen Konsens über die Erinnerungskultur zu finden.
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- Juliane Barth (Author), 2001, Die Walser-Bubis-Debatte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11335