Sowohl aus ethnologischer als auch soziologischer und sprachwissenschaftlicher Perspektive betrachtet, stellen vor allem diejenigen Bevölkerungsgruppen der Erde einen ebenso reizvollen wie akuten Forschungsgegenstand dar, die sich als ethnische Minoritäten im Zuge der allgemeinen Globalisierungsbestrebungen vonseiten der „Massenkulturen“ und der damit einhergehenden kulturellen Nivellierung einer ständigen Bedrohung ihres Fortbestehens ausgesetzt sehen, da v. a. in sprachhistorischer Hinsicht das darwinistische Prinzip mehrfach beobachtet worden ist, nach dem der Schwächere (Substrat) dem Stärkeren (Superstrat) kurz- oder mittelfristig unterliegen und aussterben wird. Besonders in Hinblick auf die weltweite Sprachlandschaft lässt sich diese Tendenz hin zu einer linguistischen Ökonomisierung und Uniformierung insbesondere seit dem 20. Jahrhundert ersehen. Als Beispiel soll hier kurz die Dominanz des englischen Idioms erwähnt sein, das sich rapide in Klassenzimmern auf der gesamten Welt etabliert hat, sei es als Erst- oder als Zweitsprache. Englisch ist ein in beinah allen Teilen der Erde gebräuchliches Kommunikationsmedium, und insbesondere bei Aufeinandertreffen von verschiedensprachigen Sprechern (unabhängig, welche ihre jeweilige Muttersprache ist) ist es meist die intuitive erste Wahl zur Lösung des Verständigungsproblems.
Die Opfer solcher Cluster, die sich um wenige Weltsprachen herum bilden und einen klaren Gegenpol zu der Mannigfaltigkeit der derzeit rund 6000 noch aktiven Idiomen darstellen, sind in erster Linie Sprachen mit (sehr) geringen Sprecherzahlen. Sprachtod ist heute mehr denn je ein alltägliches Phänomen, sei es durch das Versterben sämtlicher ihr angehörender Sprecher oder aber aufgrund partieller bzw. totaler Marginalisierung der Substratkultur vonseiten der vorherrschenden Prestigekultur auf der Basis von Stigmatisierung und Diskriminierung.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Historische Hintergründe
III. Linguistik
III.1. Phonetik / Phonologie
III.2. Morphosyntax
IV. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Strukturen der Sprache Palenquero, der einzigen bekannten spanischbasierten Kreolsprache Amerikas, und beleuchtet deren historischen Entstehungsprozess sowie ihre linguistischen Besonderheiten im Vergleich zur spanischen Basissprache.
- Historische Genese der Siedlung San Basilio de Palenque
- Soziolinguistischer Kontext der Entstehung von Kreolsprachen
- Phonetische und phonologische Abweichungen zum spanischen Superstrat
- Morphosyntaktische Merkmale, insbesondere Themenmarkierungen und Verneinungssysteme
Auszug aus dem Buch
II. Historische Hintergründe
Allgemein gesprochen ist der Prozess der Herausbildung von Kreolsprachen stets durch dieselben Faktoren bedingt und lässt sich wie folgt in drei grobe Phasen unterteilen. Zuerst entsteht eine Situation, in der die Sprecher einer Sprachgemeinschaft sich mit einer gesellschaftlich dominanten Sprache (Superstrat) konfrontiert sehen, die nicht ihre Muttersprache ist. In der zweiten Phase reagieren die Sprecher der Substratsprache (in der Regel sind dies kolonisierte Völker) auf diese Situation, indem sie die dominante Sprache zusätzlich zu ihrer eigenen Sprache erlernen. Es entsteht daraus eine polylinguale bzw. -dialektale (meist diglossische) Gesellschaft, in der die Superstratsprache (d.h. die Hochvariante) vorzugsweise im öffentlichen Leben gesprochen wird (in Schule und Universität, in den Medien, in Behörden und bei Gericht, usw.) und demnach ein höheres Prestige besitzt, während die neu entstandene Mischsprache auf den privaten Bereich beschränkt bleibt. In der dritten Phase verdrängt die Prestigesprache schließlich (v. a. von den jüngeren Mitgliedern der Gemeinschaft ausgehend) die Substratsprache soweit, dass die (oktroyierte) dominante Sprache sich auch im privaten Bereich durchsetzen kann und es zu einer Dekreolisierung und somit zum Aussterben der Sprache kommen kann.
Der sprachhistorische Werdegang des Palenquero stellt keine Ausnahme von dieser Regel dar. Als Kombination aus dem aus der Notwendigkeit der Kommunikation mit den lusophonen Sklavenhändlern heraus entstandenen Pidgin aus Portugiesisch und einigen westlichen Bantusprachen einerseits und dem Kastilischen der kolumbianischen Karibikküste andererseits bildete sich sukzessiv eine autonome Kreolsprache heraus, deren geschichtliche Rahmendaten an dieser Stelle kurz dargelegt werden sollen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die allgemeine Gefährdung von Minderheitensprachen durch die linguistische Globalisierung und stellt Palenquero als prominentes Beispiel einer Kreolsprache vor.
II. Historische Hintergründe: Dieses Kapitel beschreibt die soziolinguistische Entstehung von Kreolsprachen allgemein und dokumentiert die spezifische vierhundertjährige Geschichte der Siedlung San Basilio de Palenque.
III. Linguistik: Der linguistische Hauptteil analysiert die sprachlichen Eigenheiten des Palenquero im Vergleich zum Spanischen, wobei der Fokus auf ausgewählten bantustämmigen Vokabeln sowie phonetischen und morphosyntaktischen Merkmalen liegt.
III.1. Phonetik / Phonologie: Hier werden lautliche Besonderheiten wie Nasalisierung, Dyslalien und spezifische syllabische Strukturen untersucht.
III.2. Morphosyntax: Dieser Abschnitt behandelt die zentralen Unterschiede in der Grammatik, insbesondere bei Themenmarkierungen, Genusneutralität, Possessivpronomen und der Verneinung.
IV. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst die historischen Entwicklungsdaten sowie die zentralen linguistischen Divergenzen zwischen dem Palenquero und dem Spanischen zusammen.
Schlüsselwörter
Palenquero, Kreolsprache, San Basilio de Palenque, Sprachwissenschaft, Soziolinguistik, Morphosyntax, Phonetik, Nasalisierung, Bantusprachen, Dekreolisierung, Sprachkontakt, Superstrat, Substrat, Sprachwandel, Kolumbien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung, der Geschichte und der linguistischen Struktur der Kreolsprache Palenquero in Kolumbien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die historischen Hintergründe der Siedlung San Basilio de Palenque, soziolinguistische Prozesse der Kreolisierung und eine detaillierte sprachwissenschaftliche Analyse ausgewählter Merkmale.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine prägnante Darstellung und Analyse der Hauptmerkmale, die das Palenquero von seiner Basissprache, dem Spanischen, abgrenzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine diachronische Betrachtung der historischen Entwicklung sowie eine synchronische, strukturelle Analyse der linguistischen Ebenen Phonetik und Morphosyntax auf Basis bestehender Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Entstehungsgeschichte des Dorfes und anschließend konkrete sprachliche Unterschiede wie Nasalisierung, Satzbau, Genusneutralität und Verneinungsstrukturen detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Palenquero, Kreolsprache, Sprachkontakt, Dekreolisierung und spezifische linguistische Termini wie Morphosyntax und Phonetik charakterisiert.
Wie ist die Situation von Palenquero im Vergleich zum Spanischen?
Obwohl das Palenquero starke Einflüsse aus dem Spanischen als Superstrat aufweist, haben sich eigenständige Strukturen wie ein spezifisches Verneinungssystem und Themenmarkierungen entwickelt, die es als eigenständige Sprache ausweisen.
Welche Rolle spielen afrikanische Sprachen in der Entwicklung?
Afrikanische Sprachen, insbesondere westliche Bantusprachen wie Kikongo und Kimbundu, bilden neben dem Portugiesischen und Spanischen das Substrat, aus dem sich das Palenquero entwickelt hat.
Warum wird die Verneinung im Palenquero als besonders bezeichnet?
Die Verneinung ist deshalb bemerkenswert, weil sie in der Regel durch eine Partikel am Satzende erfolgt und damit eine syntaktische Struktur aufweist, die stark vom Standard-Spanischen abweicht.
Was bedeutet der Begriff "el primer pueblo libre de América"?
Dies ist die historische Bezeichnung für San Basilio de Palenque, da die Siedlung durch ein Friedensabkommen im 18. Jahrhundert von der spanischen Krone offiziell ihre Freiheit und Selbstbestimmung erhielt.
- Arbeit zitieren
- Alexander Zuckschwerdt (Autor:in), 2008, Palenquero. Das spanischbasierte Kreol Amerikas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113393