Über die Wahrheit in der "Historia Verdadera de la Conquista de la Nueva España" des Bernal Díaz del Castillo


Essay, 2008
4 Seiten

Leseprobe

Über die Wahrheit in der Historia Verdadera de la Conquista de la Nueva España des Hauptmanns Bernal Díaz del Castillo

Trotz der wiederholten Versicherung, „que lo que en este libro se contiene, va muy verdadero“[1], die der Autor der Eroberungschronik Historia Verdadera de la Conquista de la Nueva España, Bernal Díaz del Castillo, dem Leser vom ersten Kapitel an gibt, ist dieser Wahrheitsgehalt bereits – und das zu Recht – kritisch hinterfragt und angezweifelt worden. Die insgesamt 214 Kapitel der Historia Verdadera des Soldaten, der sowohl unter dem Kommando von Francisco Hernández de Córdoba als auch Juan de Grijalva, hauptsächlich jedoch unter der Führung von Hernán Cortés an der Eroberung Mexikos und Guatemalas mitwirkte, dokumentieren einen Zeitabschnitt von ungefähr 54 Jahren, der seinen Auftakt im Jahre 1514 hat und bis zur Fertigstellung des Buches im Jahre 1568 reicht.

Nicht genug, dass allein das weit vorangeschrittene Alter des Autors von über 70 Jahren[2] berechtigte Zweifel an der Verlässlichkeit der geschilderten Ereignisse aufkommen lässt; darüber hinaus ist es insbesondere der zeitliche Abstand zu den Geschehnissen, die Bernal Díaz zum Teil in Zitaten wiedergeben zu können meint, der die dem Text so oft attestierte Wahrheitstreue[3] aus kritischer Sicht zuweilen nur schwierig nachvollziehen lässt.

Wie bekannt ist, bestand Bernal Díaz’ Ansporn zur Niederschrift seiner Chronik (die gewissermaßen auch seine Memoiren enthält) primär in der ‚Richtigstellung’ der von Francisco López de Gómara (1511-1566), dem Sekretär und Hauskaplan Hernán Cortés’, vorgenommenen Aufzeichnungen zu den Feldzügen des Medelliners in La Conquista de México (1551). Bernals grundlegendes Argument, auf das er im Laufe seines Buches zahlreiche Male zu sprechen kommt, liegt in der Tatsache begründet, dass Gómara in keiner Weise an der Eroberung teilgenommen hatte; dass er stattdessen nur dem Diktat seines Herren folgte und somit über Dinge schrieb, von denen er nichts wusste, außer dem, was ihm durch Cortés zugetragen wurde. Seine einzige Aufgabe, so Bernal Díaz, hätte darin bestanden, die egozentrierte Erzählung des Feldherrn in einem ästhetisch ansprechenden und grammatikalisch korrekten Schriftstück zu fixieren, ohne dabei dem heldenhaften Mitwirken der einfachen Soldaten Tribut zu zollen beziehungsweise es überhaupt zu erwähnen:

[…] lo qual] descubrimos a nuestra costa sin ser [sabidor] dello [Su Magestad, y hablando aquí] en respuesta de lo que an d[icho] y [escripto] person[as que no lo alcançaron] a saber, ni lo vieron, ni tener no[tiçia ver]dad[era de lo que sobre esta materia] propusieron, salvo habla[r a sabor de] su paladar [por escureçer, si pudiesen, nuestros] muchos y notables serviç[ios], porque no aya fama [dellos ni sean tenidos en tan]ta estima como son dinos de tener [...][4]

Etwas weiter, im Kapitel XVIII, nimmt er erneut Bezug auf diejenigen Chronisten, an die er seine Vorwürfe richtet, und referiert gleichsam den Beweggrund für die Verschriftlichung seiner Version der Eroberungskampagnen:

Estando escriviendo en esta mi corónica, acaso vi lo que escriven Gómara e Illescas y Jovio en las conquistas de México y Nueva España; y desque las leí y entendí, y vi de su poliçia y estas mis palabras tan groseras y sin primor, dexé d’escrevir en ella estando presentes tan buenas istorias. Y con este pensamiento torné a leer y a mirar muy bien las pláticas y razones que dizen en sus istorias y desde el prinçipio y medio ni cabo no hablan lo que pasó en la Nueva España [...][5]

Es geht aus dieser Passage nicht nur die klare Bezichtigung der historiographischen Verfälschung gegen „Gómara e Illescas[6] y Jovio[7] “ hervor, die für den Autor der Historia Verdadera als das distinktive Merkmal zwischen ihm und seinen Zeitgenossen fungiert; vielmehr wird hier auch deutlich, in welche assoziative Nähe Bernal Díaz den Authentizitätswert des Geschriebenen mit seinem stilistischen Wert zu bringen versucht. Dieses Charakteristikum im Schreibstil des Medinaers, welches sich in dem gesamten Text als omnipräsent erweist und das aus eben diesen „palabras tan groseras“ hervorgeht, verstärkt den Eindruck von Spontaneität und Unmittelbarkeit und simuliert somit eine größere Realitätsnähe, Authentizität und Unverfälschtheit des Textes.[8] Bernal Díaz – ob intendiert oder tatsächlich aufgrund von rhetorischem Unvermögen – beansprucht für seinen Text keine besondere Eloquenz, die, laut Bernals Reaktion auf Gómaras Schrift, sogar einschüchternd auf den Leser wirken kann („dexé d’escrevir“); seine Wahrheit kommt aus dem Inhalt und verbirgt sich nicht hinter umständlichen Formulierungen und gelehrten Ausdrücken. Sie ist eine für jedermann erkenntliche und nachvollziehbare Wahrheit, die sich in einem schlichten, gleichförmigen Erzählstil präsentiert und deren Hauptmerkmal das der Enumeratio, der Aneinanderreihung mittels der Konjunktion y / e ist. Das Geschriebene erhält dadurch das Erscheinungsbild einer oralen Erzählung, wodurch wiederum eine größere gefühlte Nähe zwischen Text/Autor und Leser geschaffen wird, da sich bei letzterem der Eindruck einstellt, einem ihm direkt referierten Tatsachenbericht beizuwohnen. Gleichsam als befände der Leser sich in einem Dialog mit dem Urheber des Textes, lässt er sich von diesem seine „Veteranengeschichte“ erzählen.

Dieses (bewusst oder unbewusst erzeugte) hermeneutische Nähe- oder auch Vertrautheitsverhältnis prägt sich, außer auf der strukturellen Ebene, auch im Inhalt aus. So errichtet Bernal Díaz ein ideologisches Schlachtfeld, wo zuvor keines bestand, nämlich zwischen seinem Feind – Gómara – und seinem Freund – dem Leser – indem er einen rein rhetorisch begründeten Pakt zwischen seinem Publikum und den wahren Eroberern schließt, der sich nun gegen den gemeinsamen Feind richten soll:

[…] y no lo vieron ni entendieron quando lo escrivían [Gómara, Illescas y Jovio], que los verdaderos conquistadores y curiosos letores que saben lo que pasó, claramente les dirán que si todo lo que escriven de otras istorias va como lo de la Nueva España, irá todo herrado.[9]

Das Fundament für dieses Bündnis errichtet Bernal Díaz auf der Kenntnis über „lo que pasó“, das heißt, die Kenntnis über die wahren Umstände der Feldzüge in Amerika. Wer möchte als Leser schon von sich behaupten müssen, er wüsste nicht, was wirklich vorging, und das womöglich aufgrund einer irreführenden Lektüre? Ergo bleibt dem „curioso letor“ keine andere Wahl als die wahrhafte Geschichte eines Augenzeugen zu lesen, um sich ein klares und vor allem stimmiges Bild von den „notables serviç[ios]“ machen zu können. Einmal mehr schafft der Autor somit eine klare Abgrenzung zu seinen erklärten Nachkriegsfeinden, denjenigen nämlich, die schreiben, ohne jemals dort gewesen zu sein. Nur dass er sich in diesem Fall auf geschickte Weise Verstärkung zu verschaffen weiß.

[...]


[1] B. Díaz, 2005, ‚Texto’, 1.

[2] Zur Frage nach dem genauen Geburtsjahr Bernal Díaz’ siehe z.B. B. Díaz, 2005, ‚Estudio’, 3. Da B. Díaz in dem gesamten Text keine explizite Angabe diesbezüglich macht, verließ man sich in der Forschung hauptsächlich auf postume Altersangaben, die in einigen Dokumenten aus den 1550er und -60er Jahren stammen und errechnete dabei 1495/96 als die wahrscheinlichsten Geburtsjahre. Die Selbstaussage im Vorwort zu seiner Chronik, er sei zum Zeitpunkt der Niederschrift ein „viejo de más de ochenta y cuatro años“ (B. Díaz, 2005, ‚Texto’, 3.) ist somit allem Anschein nach auf einen Flüchtigkeitsfehler des blinden und tauben Autors („perdido la vista y el oír“, ibid.) zurückzuführen.

[3] „Die Historiker schätzen das Werk als die genaueste, interessanteste und vollständigste Chronik der Eroberung Mexikos.“ (B. Díaz, 1982, 630).

[4] B. Díaz, 2005, ‘Texto’, 5.

[5] Ibid., 45.

[6] Gonzalo de Illescas (1518-1583): spanischer Historiker und Verfasser der Historia pontifical y ca tólica (1565).

[7] Paulo Jovio, eigentlich Paolo Giovio (1483-1552): italienischer Historiker und Autor der, 1568 ins Spanische übertragen, Elogios o vidas de los caballeros antiguos y modernos, in denen Cortés heroisiert dargestellt ist.

[8] Ich spreche hier von einer Simulation, da diese fingierte Spontaneität keine andere als eine stilistische Funktion haben kann, wenn wir bedenken, mit was für einem beträchtlichen zeitlichen Abstand zum Geschehen die Fixierung dieser Memoiren unternommen wurde.

[9] B. Díaz, 2005, ‚Texto’, 46 (Hervorhebung von mir).

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Details

Titel
Über die Wahrheit in der "Historia Verdadera de la Conquista de la Nueva España" des Bernal Díaz del Castillo
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
HS "Bernal Díaz del Castillo 'Historia Verdadera de la Conquista de la Nueva España'"
Autor
Jahr
2008
Seiten
4
Katalognummer
V113409
ISBN (eBook)
9783640142248
Dateigröße
379 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bernal Díaz del Castillo, Nueva España, Conquista, México, Siglo de Oro, Cortés, Atzteken, Tolteken
Arbeit zitieren
Alexander Zuckschwerdt (Autor), 2008, Über die Wahrheit in der "Historia Verdadera de la Conquista de la Nueva España" des Bernal Díaz del Castillo, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113409

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