Architektonische Rahmen des iberischen Stierkampfes

Die Entwicklung der plaza mayor zur plaza de toros


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der historische Ursprung

3. Das ländlich- dörfliche Stierfest – Die provisorische Stierkampfarena

4. Die plaza mayor in Madrid – Ein Repräsentationsraum der spanischen Monarchie

5. Von der plaza mayor zur plaza de toros – Bedeutungsverlust der plaza mayor unter der Herrschaft der Bourbonen

6. Fazit

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit widmet sich der Untersuchung dreier unterschiedlicher architektonischer Rahmen, die sich aus der Tradition des iberischen Stierkampfes herausgebildet haben.

Der Funktionsbau der modernen Stierkampfarena, der plaza de toros, wie wir ihn heute aus vielen spanischen Städten kennen, setzte sich erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch und diente damals wie heute ausschließlich als Austragungsort für Stierkämpfe, den corridas de toros.

Als architektonischer Vorläufer der plaza de toros gilt die plaza mayor, die sich von der plaza de toros sowohl architektonisch als auch funktionell bedeutend unterscheidet. Aber auch bei der plaza mayor muss zwischen zwei unterschiedlichen Gebäudetypen unterschieden werden, obgleich die identische Bezeichnung vorerst keinen Hinweis darauf bietet.

Sowohl die plazas mayores in den ländlich-dörflichen Regionen Spaniens als auch die plaza mayor in Madrid zeichnen sich im Gegensatz zur plaza de toros durch eine Mehrfunktionalität aus. Nur sind die ländlich-dörflichen plazas mayores aus eben dieser Funktionsvielfalt entstanden und unterscheiden sich unter diesem Aspekt von Madrids plaza mayor, deren Form von herrschaftlichen und gesellschaftlichen Bedürfnissen bestimmt und vom König dirigistisch geformt wurde.

Die Unterschiede zwischen der dörflich-ländlichen plaza mayor und Madrids plaza mayor gilt es in den folgenden Kapiteln darzustellen und zu untersuchen, bevor abschließend auf die Entwicklung von der plaza mayor zur plaza de toros, der modernen Stierkampfarena, eingegangen werden soll.

2. Der historische Ursprung

Beschränkt man sich bei der wissenschaftlichen Untersuchung zur Historie des Stierkampfes auf die iberische Halbinsel, gilt eines als sicher, nämlich dass der tatsächliche Ursprung der fiesta de toros nicht zu rekonstruieren ist[1].

Wir wissen nur soviel, dass es bereits im 9. Jahrhunderts [sic] n. Chr. eine Art artistisches Spiel auf Leben und Tod gab, wobei mit den Urstieren[2] verschiedene rituelle Bewegungen gemacht wurden, die sich teilweise bis heute erhalten haben, wie zum Beispiel das Springen über den Stier, und dass dieses Umgehen mit den Stieren [...] als Schlachtung und im Anschluss daran als gemeinsames Opfermahl vorgenommen wurde.[3]

Selbst die römischen Gladiatorenkämpfe, gleichwohl sie wie die moderne corrida[4] in Arenen stattfanden, womit zumindest eine architektonische Parallele besteht, stehen in keiner historischen Verbindung zum spanischen Stierkampf.

Interessant ist Bischofs Beobachtung, dass während des Mittelalters in Spanien zwei unterschiedliche Traditionen des Stierkampfes gepflegt wurden, die beide entscheidend zur Entwicklung der modernen corrida de toros beitrugen.

In den ländlichen Regionen, den Kleinstädten und Dörfern feierte das Volk mehrmals im Jahr und meist zu Ehren eines Heiligen mehrtägige Stierspiele, die so genannten fiestas de toros oder encierros[5]; eine Tradition, die erstmals um 1100 n. Chr. verzeichnet ist und stets einen Volksfestcharakter hatte, zumal die gesamte Gemeinde kollektiv an den Stierläufen teilnahm.

Aus den Stierfesten der bäuerlich-dörflichen Gesellschaft entwickelten sich im 13. Jahrhundert n. Chr. feudale, ritterliche Stierturniere, deren Träger und aktive Teilnehmer ausschließlich Adlige waren.[6] Bei dem so genannten torear a caballo, traten Adlige dem Kampfstier zu Pferd und mit einer schweren Lanze bewaffnet entgegen. Das 17. Jahrhundert, zu Zeiten der spanisch-habsburgischen Monarchie unter König Karl II., stellt die Blütezeit des adligen Stierfestes dar, das sich nunmehr zu einer „Repräsentationsform der Monarchie und zu einer Selbstdarstellung des Königshauses und des Adels“[7] entwickelt hatte und seinen architektonischen Rahmen in der plaza mayor in Madrid fand, worauf im Folgenden noch einzugehen ist.

3. Das ländlich- dörfliche Stierfest – Die provisorische Stierkampfarena

„Die eigentlichen Corridas sind Teil dörflich-ländlicher Feste und bilden den historischen Hintergrund für die Ausbildung der modernen Corrida in der Arena.“[8] schreibt der Kulturanthropologe Karl Braun in seinem Buch „Der Tod des Stiers. Fest und Ritual in Spanien“. Der von Braun erwähnte historische Hintergrund bezieht sich natürlich auf das Ritual und das strenge Reglement der corrida im Allgemeinen, mit großer Sicherheit jedoch auch auf eine die corrida begleitende architektonische Entwicklung vom Festplatz zur modernen Stierkampfarena.[9]

Mittelpunkt und zentraler Austragungsort der dörflich-ländlichen Stierfeste war bereits im Mittelalter stets der Hauptmarktplatz inmitten der Ortschaften, die so genannte plaza mayor. Diese gilt somit zweifelsohne als Vorläufer der plaza de toros und der modernen Stierkampfarena.

Neben der heutzutage verbreiteten Corrida in der Stierkampfarena haben sich bis heute einige wenige traditionelle, dörfliche fiestas de toros in Spanien erhalten können, die nach denselben Ritualen und Regeln organisiert und durchgeführt werden, wie sie bereits im 14.-17. Jahrhundert gebräuchlich waren und somit zu einer Untersuchung derselben herangezogen werden können. An Brauns detaillierten Beschreibungen der fiesta de toros in Coria, „einer kleinen Provinzstadt mit Bischofssitz im nordwestlichen Teil der Extremadura am Fluß Alagón gelegen [...]“[10], oder auch in Pamplona, Austragungsort der wohl berühmtesten fiesta de toros[11], lassen sich somit sowohl Rückschlüsse auf die fiesta de toros bis Ende des 18. Jahrhunderts als auch auf architektonische Besonderheiten, die in direktem Zusammenhang mit dörflichen Stierläufen stehen, ziehen.

So werden in Coria, einen Tag vor Sankt-Johanni[12], die Kampfstiere von ihrer Weide in den toril, den Stierzwinger vor den Toren der Kleinstadt, getrieben. „Das eigentliche Fest bricht früh um vier aus, wenn das Johannesfeuer niedergebrannt ist und sich die Tür des toril [...] hebt.“[13] Sobald sich der Stier innerhalb der Stadtmauer befindet, werden die Tore der Stadtmauer geschlossen. Es ist dies der Augenblick, den Braun die „[...] Auslösung des Ortsfestes durch den Einbruch des Stiers in den kulturellen Raum und die damit verbundene Aufhebung der Ordnung des öffentlichen und sozialen Raumes [...]“[14] nennt. Nun beginnt die Hatz des Stieres, das encierro, entlang einer durch Barrikaden verriegelten Gasse in Richtung der plaza mayor. Die Eingänge zu den Gebäuden längs der Gasse sind eigens mit Holzbalken versehen, um den Menschen, die den Stier bei seinem Lauf zu reizen versuchen, im Falle eines Angriffs Schutz zu bieten. Ist der Stier schließlich auf dem Marktplatz angelangt, wird auch dieser an seinen vier Zugängen abgeriegelt. Dazu werden Holztore in steinerne Vorrichtungen eingehängt, die in die jeweiligen Hauswände eingelassen sind.[15]

Die plaza mayor Corias bildet sich aus vier Häuserfronten, die sich in einem Rechteck um die Marktfläche anordnen, und wurde bereits im 16. Jahrhundert eigens für die Stierfeste konzipiert und gebaut. Trotzdem handelt es sich bei dieser plaza noch nicht um eine so genannte plaza de toros, zumal ihr noch etwas Provisorisches anhaftet. Denn für die corrida wurden stets hölzerne Tribünen errichtet, die denjenigen Einwohnern, die zu alt oder nicht willens waren, am Stierlauf teilzunehmen, die Möglichkeit boten, der corrida aus sicherer Position beizuwohnen. Unter den Tribünen, die entlang der vier Häuserfronten angebracht sind, ist genügend freier Raum für diejenigen, die aktiv an der corrida teilnehmen möchten. Ihnen bieten die vertikal angebrachten Balken Schutz vor dem angreifenden Stier, deren Abstand zueinander gerade einem Menschen, nicht aber dem Stier die Möglichkeit zum Rückzug bieten.[16] „Der Stier bleibt eine halbe Stunde vor der Dorföffentlichkeit; er wird mit der Capa oder anderen Sachen gereizt, man wirft mit sopillos, kleinen Wurfpfeilen, nach ihm und versucht, nahe an ihm vorbeizulaufen, ihn zu berühren oder über ihn hinwegzuspringen.“[17]

[...]


[1] Vgl. im Folgenden Bischof (2006)

[2] Der Begriff Urstier bezeichnet die Rinderrasse, aus der ein jeder Kampfstier stammt. Bei der Züchtung der Kampfstiere wird der Reinrassigkeit besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Vgl. hierzu auch Braun (1997)

[3] Bischof (2006), S. 55

[4] Corrida (von spanisch correr, zu deutsch laufen) ist eine gängige Bezeichnung für den spanischen Stierkampf. Vgl. hierzu auch Bischof (2006)

[5] „Das Wort könnte mit Einbringen oder Eintritt in die Stadt, mit Ein- oder Wegschließen der Stiere übersetzt werden.“ Braun (1997), S. 40

[6] Vgl. im Folgenden von Reichert (1979)

[7] Ebd., S. 125

[8] Braun (1997), S. 15

[9] Vgl. im Folgenden Ebd., S. 18-51

[10] Ebd., S. 18

[11] Vgl. hierzu auch Neuhaus (1999)

[12] span. Sanjuanes, der Festtag zu Ehren des Heiligen Johannes

[13] Braun (1997), S. 19

[14] Ebd., S. 179

[15] Siehe hierzu Abbildung in Braun (1997), S. 219

[16] Siehe hierzu Abbildung in Braun (1997), S. 19

[17] Ebd., S. 20

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Architektonische Rahmen des iberischen Stierkampfes
Untertitel
Die Entwicklung der plaza mayor zur plaza de toros
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Theaterwissenschaften )
Veranstaltung
Proseminar Theatergeschichte
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V113430
ISBN (eBook)
9783640142484
ISBN (Buch)
9783640143146
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Architektonische, Rahmen, Stierkampfes, Proseminar, Theatergeschichte
Arbeit zitieren
Viktor Witte (Autor), 2008, Architektonische Rahmen des iberischen Stierkampfes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113430

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