Protestantisch vs. Katholisch in Nordirland:

Religiöse Konfliktdimension oder soziale Kategorisierung?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Identität und Differenz: Konstruktion und Funktion ethnisch definierter Identitäten
II.I Kriterien von Identitäten
II.II Grenzziehung und Distinktion
II.III Innen-Außen-Grenzen: Die Erzählung vom Selbst
II.IV Funktion der Identität

III. „Securitization“: Der Mechanismus des Sicherheitsdiskurses
III.I Die Konstruktion des bedrohlichen Anderen
III.II „The word security is the act”: Der Sicherheitssprechakt

IV. Religion als Marker sozialer Identitäten
IV.I Die Soziale Bruchlinie der Konfessionen
IV.II „Sag, wie hältst du´s mit der Religion?“

V. Ausblick: Die Institutionalisierung des Konflikts – Chance zur Konstruktion einer neuen Nordirischen Identität?

VI. Literatur

I. Einleitung

Protestantisch – Katholisch: Begriffe, die für weite Teile der säkularisierten und pluralisierten Gesellschaften des Alten Europas von der Aura längst überwundener „Weltordnungen“ umgeben sind, als deren Relikt sich mancherorts noch der weihnachtliche Kirchenbesuch gehalten haben mag.

Anders in Nordirland: Dort verweist die zum Wortpaar gewordene Kirchenspaltung nach wie vor auf den Kampf um ein Territorium, dessen britische Annexion bereits über 400 Jahre zurückliegt und tiefe Gräben durch die Bevölkerung zieht:

„Die […] Konfliktformation in Nordirland trägt viele Züge dessen, was Helmut Dubiel in Anlehnung an Albert O. Hirschman als ‚Identitätskonflikt’ bezeichnet hat. In Abgrenzung von so genannten ‚strategischen Konflikten’ zeichnet sich dieses Genus von Konflikt durch die Unverhandelbarkeit von Streitgütern, den expressiv-rituellen Charakter ihrer öffentlichen Artikulation und die konfrontative politisch-gesellschaftliche Alltagspraxis aus.“ (Moltmann, 2002. S.4)

Es wird deutlich: Der Nordirlandkonflikt ist kein Problem der Kategorie „Religion“ als solche. Vielmehr wird die konfessionelle Zugehörigkeit durch weitere soziologische Kriterien „aufgewertet“ und dadurch problematisiert. Entscheidend ist also nicht das (gleichwohl vorhandene) Maß an Religiosität, sondern die kulturellen Auswirkungen der konfessionell gespaltenen Gesellschaft. Deshalb möchte ich in dieser Arbeit keine Darstellung der Abläufe und Ereignisse des Nordirlandkonfliktes umreißen, sondern Ansatzpunkte für eine Interpretation einzelner Aspekte unter gewissen theoretischen Vorüberlegungen entwickeln. Dabei werde ich eine Perspektive einnehmen, die als kulturwissenschaftlich und – unter Berücksichtigung definitorischer Unschärfen – auch als „(post)modern“ bezeichnet werden kann. Um mein gedankliches Programm für die Analyse des Nordirlandkonfliktes zu verdeutlichen, wähle ich zunächst folgende These:

„Die Semantik der Moderne setzt vor allem ein kulturell hochspezifisches Temporalschema voraus. Dieses platziert sich gegen die Vorstellung einer grundsätzlichen Konstanz und Wiederholung der Struktur der Humanwelt in der Zeit ebenso wie gegen Modelle zyklischer Geschichte. Es differenziert vielmehr – darin ein christlich-jüdisches Zeitmodell säkularisierend – eindeutig zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, interpretiert die Vergangenheit im Lichte des Gegenwärtigen und Zukünftigen, als dessen Vorstufe es erscheint, und lädt diese unterschiedlichen Zeitperioden mit spezifischen historischen Bedeutungen auf.“ (Bonacker/Reckwitz, 2007. S.8)

So lässt sich Erklären, dass eine Konfessionszugehörigkeit vormals Ausdruck einer spezifischen persönlichen und kollektiven Religiosität gewesen sein kann und im Kontext der heutigen gesellschaftlichen Konstellation – durch die Transformation von (sprachlichen) Bedeutungen bzw. (Wert)Inhalten – zu einem primordialen, quasi-natürlichen Merkmal geworden ist, das sich nicht mehr überwiegend durch die Identifikation mit religiösen Überzeugungen und Weltbildern, sondern vermehrt durch Bezugnahme auf ethnische Parameter artikuliert.

Im Sinne dieser Leitthese habe ich in dieser Arbeit der Auseinandersetzung mit der sozialen Situation in Nordirland (Kapitel IV.) einen theoretischen Teil vorangestellt, in welchem ich die Konzeption von Identitäten (Kapitel II.), sowie die damit verknüpften Folgen der (sprachlichen) Konstruktion einer Bedrohung (Kapitel III.) skizzieren werde. Abschließend soll ein knapper Ausblick auf die mögliche Beschaffenheit einer erfolgreichen Konfliktregelung gewagt werden (Kapitel V.).

II. Identität und Differenz: Konstruktion und Funktion ethnisch definierter Identitäten

Zentraler Inhalt von (gewalttätigen) Konflikten, die als „ethnisch motiviert“ bezeichnet werden können, ist meist die angestrebte Herauslösung einer oder mehrer Gruppen aus der Zugehörigkeit zu einem Nationalstaat. Die Bestrebung nach Autonomie oder – wie im Beispiel Nordirland – die selbst formulierte Zugehörigkeit der Gruppe zu einem anderen Nationalstaat, wird dabei auf der Grundlage der Annahme des Vorhandenseins einer sich durch spezifische Charakteristika auszeichnenden, quasi-natürlich zusammengehörigen „Ethnie“ argumentiert. Soziale Identität wird also in politisierten Diskursen generiert, deren Logik sich im Grad der Anerkennung der gesellschaftlichen Gruppen, d.h. in deren Teilhabechancen an Entscheidungsprozessen des öffentlichen Lebens widerspiegelt.

Mit der Ausrichtung einzelne Aspekte des Nordirlandkonfliktes unter den Gesichtspunkten eines ethnisch motivierten Konfliktes zu interpretieren, ist es somit unerlässlich, sich zunächst dem Begriff der „ethnischen Identität“ zu nähern.

Dementsprechend soll im Folgenden der Versuch unternommen werden, die Kategorie „Ethnie“ bzw. „Ethnizität“ in einem postmodernen, kulturwissenschaftlichen Verständnis zu erläutern.

II.I Kriterien von Identitäten

Michael E. Brown zitiert in seinem 2001 erschienen Aufsatz. „Ethnic and Internal Conflicts – Causes and Implications“, die nach Anthony Smith (Smith, 1993. S. 28f.) formulierte Definition von ethnischen Gruppen wie folgt:

„[...] a named human population with a myth of common ancestry, shared memories, and cultural elements; a link with a historic territory or homeland; and a measure of solidarity.“ (Brown, 2001. S.210)

Nach Brown müssen ethnische Gruppen sechs Kriterien aufweisen (vgl. ebd.): Erstes Kriterium ist hiernach ein anerkannter Eigenname. Dieses Kriterium ist eng verwoben mit dem zweiten, nämlich dem Glauben an einen gemeinsamen Ursprung, welches wiederum mit dem dritten Kriterium, der gemeinsamen Identifizierung mit geschichtlichen Ereignissen, verknüpft ist. Das vierte Kriterium ergibt sich aus den angenommenen kulturellen Eigenschaften einer Gruppe, wie Sprache, Gebräuche, Religion etc. oder eben Konfession. Als fünftes Kriterium verweist Brown auf einem gemeinsamen Territorialanspruch. Das sechste Kriterium rekurriert auf die kollektive Selbstzuschreibung als „ethnische Gruppe“:

„[...]they must have a sense of their common ethnicity. The group must be selfaware.“ (ebd.)

II.II Grenzziehung und Distinktion

Im Folgenden möchte ich kurz die Ausführungen von Frederik Barth (1981, 1969) skizzieren, da er als der, zumindest in der ethnologischen Forschung, wohl meistzitierte Kritiker einer kulturell begründeten Definition ethnischer Gruppen bezeichnet werden kann. Dabei verneint er zwar nicht die Relevanz kultureller Differenzen für die Entstehung und Aufrechterhaltung ethnischer Gruppen, erweitert jedoch die Definition der ethnischen Gruppe als „Merkmalsgruppe“ um den Faktor der

„Grenzziehung“.

„The critical focus of investigation [...] becomes the ethnic boundary that defines the group, not the cultural stuff which it encloses.“ (Barth, 1981.)

Nach Barth ist für die Definition einer ethnischen Gruppe zunächst grundlegend, dass sich bestimmte Individuen mit einer spezifischen Gruppe durch die Abgrenzung zu einer anderen Gruppe identifizieren und zugleich im Rahmen der Abgrenzung durch andere als solche definiert werden. Identitäten manifestieren sich also wesentlich durch negative Formen der Abgrenzung, die sich durch eine Kombination aus Selbstwahrnehmung und Fremdzuschreibung herausbilden. Diesen Prozess bezeichnet Barth als die Aufstellung einer Innen-Außen-Grenze. In diesem Verständnis kann Ethnizität demnach als die „soziale Organisation kultureller Unterschiede“ (Barth, 1969. S.9) betrachtet werden.

Allgemeiner basieren Gruppenidentitäten darauf, dass eine ausreichende Anzahl von Menschen an die Existenz der Besonderheit ihrer Gruppe glaubt bzw. diese als solche wahrnimmt und sie zugleich durch die Abgrenzung zu einer anderen Gruppe beschrieben werden kann. Diese (Selbst)Wahrnehmung kann nicht nur hinsichtlich der Konfliktkonstellation in Nordirland als der zentral Punkt für die Definition einer ethnischen Gruppe verstanden werden. Im Zentrum der Auseinandersetzung mit ethnisch motivierten Konflikten muss demnach die Frage nach den Mechanismen der Konstruktion von Gruppenidentitäten und gewaltsam aufgeladenen Konkurrenzsituationen stehen.

Wie bereits dargestellt, müssen dabei ethnische Identitäten als kollektive Identitä- ten verstanden werden (vgl. II.I), die sich zum einen durch die Abgrenzung zu einer anderen ethnischen Gruppe definieren und zum anderen durch einen gemeinsamen Bedeutungshorizont kennzeichnen.

II.III Innen-Außen-Grenzen: Die Erzählung vom Selbst

Aufbauend auf der oben dargelegten Definition einer ethnischen Gruppe, erfolgt die Konstruktion ethnischer Identitäten durch die Aufstellung einer Dichotomie, d.h., dass Identifikationsmuster einem antagonistischen Prinzip folgen: Die Abgrenzung der eigenen Identität richtet sich gegen die andere Nation, die andere Kultur, die andere Religion bzw. Konfession oder letztlich einfach gegen die andere „Gruppe“. So erfolgt die Konstruktion des eigenen, kollektiven „Ich“ durch die Vorstellung einer fundamentalen Differenz zu einem Anderen.

In einem postmodernen Verständnis ist dabei das „Selbst“ und das „Andere“ nur durch den sprachlichen Akt der Gegenüberstellung existent (vgl. Dietz, 2005. S.189). Daraus folgt, dass erst die stereotype Vorstellung des „Anderen“ die Mög- lichkeit der Definition des „Selbst“ bietet. David Campbell spricht in diesem Zusammenhang von einer „ontological presumption“ (Campbell, 1998. S.14).

Der Prozess der Definition einer Gruppenidentität verläuft, dem Ansatz Foucaults folgend, über narrative Diskurse. In diesen Diskursen herrscht eine vermeintliche Einigkeit über die Form der Gruppenidentität, darüber, welche Kriterien als Kennzeichen einer bestimmten Gruppe gelten. Diese diskursive Praxis beinhaltet notwendigerweise die Etablierung einer bestimmten Geschichtsschreibung. „Identität“ kann sich dabei nicht außerhalb von Repräsentation oder von Diskursen befinden. So formuliert Stuart Hall:

„Identität ist eine Erzählung (narrative) vom Selbst; sie ist die Geschichte (story), die wir uns vom Selbst erzählen, um zu erfahren, wer wir sind.“ (Hall, 1999. S. 94) Der Prozess der Herausbildung narrativer Diskursinhalte ist somit zentral für die Herstellung einer ethnischen Gruppenidentität. Die Reproduktion von Identitäten basiert dabei auf der Illusion klarer Grenzen zu anderen Gruppen und einem identifikationsstiftenden Ursprung.

Mit welch starker Übereinstimmung diese theoretischen Überlegungen die Konstruktion von Identitäten im Kontext der sozialen Situation Nordirlands beschreiben, ist in Bernhard Moltmanns These formuliert:

„Diese Beziehungen zwischen Individuen und Gruppen, […], im nordirischen Kontext […] können als herausragendes Beispiel einer Vergesellschaftung durch den Konflikt gelten. Die Gegensätze durchdringen alle sozialen Beziehungen und kein Akteur ist frei von deren Wirkung.“ (Moltmann, 2002. S.30)

Wenn die Konfliktkonstellation innerhalb einer Gesellschaft also zur Basis des identitären Selbstverständnisses geworden ist, kann dies als Ethnisierung einer (politischen) Situation bezeichnet werden.

II.IV Funktion der Identität

Die Konstruktion kollektiver, ethnischer Identitäten erfolgt, wie zuvor beschrieben, durch die Aufstellung einer Dichotomie aus schematischen Vorstellungen von

„Wir“ und „die Anderen“. In dieser Dichotomisierung werden sich stereotype Vorstellung der „Anderen“ zu Nutze gemacht, um die eigene Gruppe definieren zu können. Die narrative Praxis der Eigengruppe ist dabei sowohl ausschlaggebend für die Konstruktion der eigenen Identität, als auch für die, der anderen Gruppe. Der Mechanismus der Herstellung ethnischer Gruppen kann dabei die Funktion der Gegenüberstellung eines gefährdeten Selbst und eines gefahrbringenden Anderen erfüllen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Protestantisch vs. Katholisch in Nordirland:
Untertitel
Religiöse Konfliktdimension oder soziale Kategorisierung?
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Soziologie)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V113439
ISBN (eBook)
9783640139064
ISBN (Buch)
9783640138982
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Protestantisch, Katholisch, Nordirland, Seminar
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Johannes Maaser (Autor), 2008, Protestantisch vs. Katholisch in Nordirland:, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113439

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