Goethe und Schiller im Memorialdenkmal

Der Weg zum Weimarer Doppeldenkmal sowie dessen Auswirkungen auf den nationalen Raum


Seminararbeit, 2018

32 Seiten, Note: 1,7

Hanno Dampf (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Ein glückliches Ereignis

2. Goethe und Schiller – Ein biographischer Exkurs
2.1 Goethes Weg in die Weimarer Gesellschaft
2.2 Schillers Weg in die Weimarer Gesellschaft
2.3. Das Verhältnis zwischen Goethe und Schiller

Der Topos des Geniekults in der Portraitkunst

3. Goethe und Schiller in der Portraitkunst
3.1 Goethe im Portrait
3.2 Schiller im Portrait

Dem Dichter ein Denkmal

4. Der Typus des Schiller- und Goethedenkmals
4.1 Das Schillerdenkmal
4.2 Das Goethedenkmal

Ein nationales Dichterdenkmal

5. Das Weimarer Doppeldenkmal

Das Weimarer Doppeldenkmal nach der Reichsgründung (1871)

6. Die Wurzel eines neuen Nationalbewusstseins?

„Ein jeder konnte dem anderen etwas geben und etwas dafür empfangen“

7. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Denkmal als Objekt kulturellen Memorialausdrucks reicht weit zurück bis in die frühe Kulturgeschichte der Menschheit und war zunächst noch in einem religiösen Kontext eingebunden. Dies zeigen unter anderem die Monumentalbauten der frühen Hochkulturen wie etwa die präklassischen Tempelruinen der Maya, die ägyptischen Pyramiden, oder aber die weitläufigen Steinfelder der Kelten. Der Beginn einer bewussten Memorial- und Denkmalkultur außerhalb eines religiösen Umfelds geht hingegen auf die die Frühphase der Antike zurück, in der nun auch tragende Staatsmänner, nationale Helden oder verdienstvolle Bürger und Persönlichkeiten in einem plastischen Monument abgebildet und festgehalten wurden, um deren außergewöhnlichen Leistungen zu ehren und in Erinnerung zu bewahren.1 Während diese bewusste Form der Denkmalsetzung und Erinnerungskultur mit dem Untergang der antiken Zivilisationen und dem Anbruch des Mittelalters nach und nach verloren ging, kam es im Zeitalter der Renaissance und der damit eng in Zusammenhang stehenden Wiederentdeckung des humanistischen Gedankenguts, zu einem erneuten Aufleben dieser antiken Tradition.2 Mit dem Aufkommen des englischen Landschaftsgartens, im ausgehenden 18. Jahrhundert, wurde die wiederentdeckte Erinnerungskultur nicht nur weitergeführt, sondern auch erweitert. Auch in der Folge einer von Christian Cay Lorenz Hirschfelds (1742–1792) formulierten national-ästhetischen Erziehungskultur, nahmen Denkmäler, abstrakte Plastiken, sowie kleinere Gebäude und Gedenksteine innerhalb eines Parks und Landschaftsgartens nun eine gliedernde Funktion ein und konnten zugleich auch die Funktion eines Memorialmals erfüllen.3 In die Hochzeit der Ausprägung des englischen Landschaftsgartens im europäischen und speziell im deutschsprachigen Raum, fiel auch die Errichtung der ersten Schiller- und Goethedenkmäler, die im Jahr 1857 ihren Höhepunkt in der Zusammenführung des Weimarer Doppeldenkmals (Abb. 1) durch den spätklassizistischen Bildhauer Ernst Ernst Rietschel (1804–1861) erfuhr und zum Ausgangspunkt eines neuen nationalen Identitätsbestreben wurde.

Gegenstand dieser Arbeit wird es sein den Themenkomplex des Schiller- und Goethedenkmals im Zuge der Gedenk- und Memorialkultur im Zeitraum des 19. Jahrhunderts näher zu beleuchten und hinsichtlich seiner national-ästhetischen Wirkung zu untersuchen. Dabei soll der vordergründigen Frage nachgegangen werden, inwiefern es möglich war, dass sich die in vielerlei Hinsicht so unterschiedlichen Individuen letztlich im Weimarer Doppeldenkmal vereinen lassen konnten. Um diesen Tatbestand umfassend untersuchen zu können wird es zunächst notwendig sein, einen fragmentarischen biographischen Exkurs zu den Personen Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) und Johann Christoph Friedrich Schiller (1759–1805) und deren Werk voranzustellen, um deren äußerst konträr zueinander verlaufenden Lebenswege und Schaffensperioden nachzuzeichnen, die sich auch in den für sie errichteten Memorialdenkmäler widerspiegeln. Dabei wird unter anderem auf Rüdiger Safranskis ausführliche Ausarbeitungen in Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft (2009) zurückgegriffen. Bevor im Anschluss an diesen historischen Unterbau zwei frühere Einzelstatuen der beiden Dichter zur Untersuchung stehen, wird im Anschluss ein Exkurs zu den Darstellungen der Goethe- und Schillerportraits im 19. Jahrhundert erfolgen, die den zeitgenössischen sowie heutigen Blick auf die Protagonisten nachhaltig prägte. Neben Andreas Beyers Das Portrait in der Malerei (2002) sowie Klaus Fahrners Der Bilddiskurs zu Friedrich Schiller (2000) wird dabei auch Gudrun Körners Aufsatz Über die Schwierigkeiten der Porträtkunst. Goethes Verhältnis zu Bildnissen (1994) die Grundlage dieser Arbeit darstellen. Den Abschluss der Untersuchungen bilden die Ausführungen zum Weimar Doppeldenkmal von 1857 sowie die daraus hervorgehende Wirkung auf das neue deutsche Nationalgefühl im Zuge der Reichsgründung im Jahr 1871. Diese Aufarbeitungen gehen in erster Linie auf den von Dirk Appelbaum herausgegebenen Ausstellungskatalog Das Denkmal. Goethe und Schiller als Doppelstandbild in Weimar (1993), Lothar Ehrlichs Essay Das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar (1997) und Rolf Selbmanns Aufsatz Der Gipfel der deutschen Poesie. Rietschels Goethe-Schiller-Denkmal im Kontext (1996) zurück.

Ein glückliches Ereignis

2. Goethe und Schiller – Ein biographischer Exkurs

Das zumeist als positiv beschriebene Verhältnis zwischen Goethe und Schiller war zu Beginn ihrer Bekanntschaft keineswegs ein freundschaftliches, sondern lange Zeit von großen Vorurteilen und einer tiefen Konkurrenzsituation geprägt. Zunächst war die spätere Zusammenführung der beiden Dichter in einem gemeinsamen Memorialdenkmal dementsprechend unvorstellbar. Erst im letzten Drittel ihres gemeinsamen Lebensabschnittes, der mit den Tod Schillers im Jahr 1805 endete, war das Binnenverhältnis Goethes und Schillers von einer tiefen gegenseitigen Bewunderung und Freundschaft geprägt, was sie als literarische Dioskuren in die Geschichte eingehen ließ und die spätere Realisierung eines vereinten nationalen Dichtermonuments ermöglichte.4

2.1 Goethes Weg in die Weimarer Gesellschaft

Goethe wurde im Jahr 1749 als Sohn eines Juristen und einer Anwaltstochter in Frankfurt am Main geboren und erhielt nach einigen Jahren an einer öffentlichen Schule, schließlich Privatunterricht durch seinen Vater. Folgerichtig nahm er sechzehn Jahre später ein Jurastudium in Leipzig auf, bei dem er auch Vorlesungen der Poetik bei Christian Fürchtegott Gelle (1715–1769) sowie den Zeichenunterricht bei Adam Friedrich Oeser (1717–1799) besuchte. Aufgrund eines Blutsturzes kehrte er nach Frankfurt zurück, wo er zwei weitere Jahre verbrachte. Im Anschluss daran nahm er im Jahr 1770 sein Studium für ein weiteres Jahr in Straßburg auf. Dort traf er neben Johan Gottfried Herder (1744–1803) auf weitere junge Schriftsteller, die sich jedoch nicht an den Regeln der zeitgenössischen Literatur orientierten, sondern den Ausdruck des Gefühls ins Zentrum des Geschehens setzten, worin die ersten Tendenzen von Goethes späterer Schaffensphase des Sturm und Drangs wurzelten. In jener Phase beendete er nach seiner Rückkehr nach Frankfurt, das Drama Götz von Berlichingen (1773), das ihn über Nacht berühmt machte. In diese Zeit fiel zudem auch seine unglücklich Liebe zu Charlotte Buff (1753–1728), die den Weg für seinen zweiten großen Erfolg, den Briefroman Die Leiden des jungen Werther (1774), ebnete, der seinen Status als Autor festige.5

Auf diese Erfolge hin, wurde er von Herzog Carl-August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757–1828) nach Weimar berufen, wo er zunächst zum Geheimrat ernannt und später geadelt wurde. Seine Arbeit in Weimar brachte ihm neben einer kostenfreien Unterkunft, ein sich im Laufe der Zeit weiter ansteigendes Jahresgehalt von zunächst 1200 Talern ein. Seine Bekanntschaft und spätere Beziehung mit Charlotte von Stein (1742–1828) erleichterte ihm zudem den Einstieg in den innersten Zirkel der Weimarer Gesellschaft. Somit hatte er sowohl in finanzieller als auch in sozialer Hinsicht alle Freiheiten sich weiterhin uneingeschränkt seinem literarischen Schaffen zu widmen, das zu jener Zeit dennoch ins Stocken geriet. Vielleicht gerade wegen eben jener beengenden Idylle, entschloss sich Goethe im Jahr 1786 zu einer unangekündigten, zweijährigen Italienreise aufzubrechen. In seinen Reiseberichten beschrieb er diese Zeit als „Wiedergeburt“ seiner selbst.6 Seine literarische Arbeit an Werken wie Wilhelm Meister (1776/95/96), Iphigenie auf Tauris (1779/86), Egmont (1779/86) sowie ersten Fragmenten von Faust I (1788/90/08) markierten dabei seinen schöpferischen Wendepunkt von der Phase des Sturm und Drangs hin zu einer Periode der Klassik.7

In Folge seiner Rückkehr nach Weimar hatte Goethe zunächst noch Probleme sein beschauliches Leben als Minister wiederaufzunehmen. Seine Freundschaft zu Herder und die sich anbahnende Liebe zu Christiane Vulpius (1765–1816), die in der Weimarer Gesellschaft als Affront aufgenommen wurde, erleichterte ihm seine Ankunft jedoch. Christiane und Goethe die 1789 einen gemeinsamen Sohn erwarteten, heirateten sechzehn Jahre später. In diesen Zeitabschnitt fällt auch Goethes künstlerische Hochzeit der Weimarer Klassik in enger Zusammenarbeit mit Schiller. Mit der Vollendung des Faust I (1808) und den Wahlverwandtschaften (1809) gelangen ihm seine letzten großen öffentlichen Erfolge. Goethes Spätwerk, darunter der Gedichtszyklus des West-östlichen Divan (1819/27) und die Fortsetzungstragödie Faust II (1831), fand hingegen nur noch eine eher kleine Leserschaft. Im Frühjahr des Jahres 1832 starb Goethe schließlich im Alter von 83 Jahren in Weimar.8

Festzuhalten bleibt, dass der aus einer privilegierten Familie stammende Goethe, ein weitgehend sorgenfreies Leben ohne jegliche existenziellen Sorgen führte. Die Ernennung zum Minister machte ihn finanziell unabhängig und brachte ihm zahlreiche Privilegien ein, was unter anderem durch die unangekündigte Reise nach Italien ersichtlich wird. Seine nationalen Verdienste als Dichter und Schriftsteller ebneten ihm überdies den Weg in den innersten Zirkel der Weimarer Gesellschaft, der ihn trotzt des späteren Skandals um die Heirat mit Christiane Vulpius rehabilitierte.

2.2 Schillers Weg in die Weimarer Gesellschaft

Schiller wurde im Jahr 1759 als zweites Kind eines Offiziers und späteren Hofgärtners sowie einer Gastronomentochter in Marbach am Neckar geboren, wo er in bescheidenen und pietistisch geprägten Verhältnissen aufwuchs. Im Alter von dreizehn Jahren wurde Schiller auf herzoglichen Befehl in die württembergische Militärakademie einberufen und nahm dort ein Studium der Medizin auf. Während dieser Zeit entstanden bereits erste Fragmente seiner Räuber (1780/81) die 1781 veröffentlicht und ein Jahr später in Mannheim uraufgeführt wurden. Schiller der inzwischen die Tätigkeit eines Regimentsarztes ausübte, wohnte der erfolgreichen Inszenierung ohne offizielle Beurlaubung bei und wurde infolgedessen unter militärischen Arrest gestellt.9

Es folgte die Flucht aus Stuttgart, die ihn später zum verkörperten Mythos des Sturm und Drangs idealisieren sollte. Wolfgang Heribert von Dahlberg (1750–1806) stellte den hoch verschuldeten Schiller im Jahr 1783 als Autor des Mannheimer Theaters an, wo mit Kabele und Liebe (1783) sein zweites durchaus erfolgreiches Bühnenstück uraufgeführt wurde. Trotz seiner Erfolge am Mannheimer Theater wurde sein Vertrag nicht verlängert, sodass er im Jahr 1785 aus finanzieller Not nach Leipzig reiste und bei seinem Freund und Förderer Christian Gottfried Körner (1756–1831) unterkam. Zwei Jahre später vollendete er seinen Don Karlos (1787), der ihm den durch Herzog Carl-August von Sachsen-Weimar-Eisenach verliehenen Titel eines Weimarischen Rats einbrachte und somit den Zugang zum innersten Zirkel der Weimarer Gesellschaft ermöglichte. Bereits ein Jahr später wurde Schiller, der aufgrund seiner dezidiert ausgearbeiteten historischen Stücke – die Wallenstein -Trilogie (1799), Maria Stuart (1800) oder aber Wilhelm Tell (1803/04) – auch für seine geschichtliche Expertise bekannt war, als Professor für Universalgeschichte an die Universität Jena berufen. Erst in den drauffolgenden Jahren stabilisierte sich seine finanzielle Situation, nicht zuletzt aufgrund der Verleihung eines Hofratstitels im Jahr 1790, der ihm ein sicheres Einkommen einbrachte. Im selben Jahr heiratet er Charlotte von Lengefeld (1766–1826), was seinen sozialen Status in Weimar zudem festigte.10 Trotz der Diagnose einer chronischen Lungenerkrankung leitete Schiller, in Folge seiner aufkeimenden Freundschaft zu Goethe, in jenen Jahren eine Periode unermüdlichen Schaffens ein. Neben seinen neu ins Leben gerufenen Literaturzeitschriften Die Horen (1795) und dem Musenalmanachs (1796) entstanden zahlreiche Abhandlungen, darunter Über das Erhabene (1793), Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795) und Über naive und sentimentalische Dichtung (1795). Im freundschaftlichen Wettstreit mit Goethe folgte eine lyrisch geprägte Phase, dem sogenannten Balladenjahr, das mit den Xenien (1796) ein- und mit dem Lied von der Glocke (1799) ausgeleitet wurde. Mit dem Ende dieser Periode siedelte die Familie Schiller im Jahr 1799 endgültig nach Weimar über, wo er neben Maria Stuart (1800) und der Jungfrau von Orléans (1801) auch den Wilhelm Tell (1803/04) abschloss.

Im Jahr 1805 erlag Schiller schließlich seiner chronischen Lungen- und Bauchfellentzündung.11

Im Verhältnis zu Goethe war der von Flucht, Krankheit und existenziellen Sorgen geprägte Lebensweg Friedrich Schillers durchaus beschwerter. Seine finanziellen Sorgen lösten sich durch die Heirat mit Charlotte von Lengefeld erst allmählich, was zugleich seinen Status in der Weimarer Gesellschaft festigte. Trotz aller Erschwernisse, war sein Dasein von einer außergewöhnlichen Produktivität bestimmt.

Nachdem in den vorausgegangenen Erläuterungen die durchaus unterschiedlichen Lebensverläufe der Dichter umrissen wurden, wird im Folgenden das Verhältnis der beiden Protagonisten zusammengeführt, um zu verdeutlichen, dass deren Vereinigung im Weimarer Doppeldenkmal erst aufgrund des letzten, gemeinsamen Lebensabschnitts Schillers und Goethes zu realisieren war.

2.3. Das Verhältnis zwischen Goethe und Schiller

Als Schiller am 21. Juli 1787 mit großer Ehrfurcht in Weimar eintraf, befand sich Goethe noch immer auf seiner Italienreise. In dieser Zeit lernte er jedoch dessen engsten Vertraute kennen, darunter Christoph Martin Wieland (1733–1813) oder aber Johann Gottfried Herder, die seinen hohen Erwartungen an das künstlerische und intellektuelle Weimar allerdings nicht vollkommen gerecht wurden. So schreibt Schiller nach der Begegnung mit den Größen des Weimarer Zirkels in einem Brief an Körner vom 28. Juli 1787, die „Begegnung mit diesen Weimarer Riesen“ habe die „Meinung von mir selbst […] verbeßert.“12 Der anfangs noch eingeschüchterte Schiller wurde mit zunehmender Zeit seines Aufenthalts immer selbstbewusster und schaffte sich so seinen Platz in der Weimarer Elite, was sein anfänglich idealisiertes Goethebild in Folge der Besuche der gegebenen Gesellschaften beschädigte. So beschreibt er, dass „Göthens Geist […] alle Menschen, die sich zu seinem Zirkel zählen gemodelt“ habe. Diese „Sekte“ sei geprägt von einer „philosophische Verachtung aller Speculation [sic] und Untersuchung, mit einem biß zur Affection [sic] getriebenen Attachement an die Natur“, die Schiller als „kindliche Einfalt der Vernunft“ bezeichnete.13

Nach seiner Rückkehr aus Italien im Mai des Jahres 1788, hielt Goethe den Neuankömmling zunächst auf Distanz. In seinem Aufsatz Glückliches Ereignis (1817) schrieb er retrospektiv: „[…] ich vermied Schillern, der, sich in Weimar aufhaltend, in meiner Nachbarschaft wohnte.“14 Das lag zum einen daran, dass sich Schiller und Goethe zum Zeitpunkt ihrer ersten unmittelbaren Begegnung, in einer unterschiedlichen literarischen Schaffensphase befanden: Während sich der zehn Jahre ältere Goethe zunehmend von seinem erfolgreichen Jugendwerk des Sturm und Drangs distanzierte, verfolgte Schiller gerade eben jene Phase der idealistischen Bestrebungen, die 1787 in seinem Don Carlos und dem allseits bekannten Zitat „geben sie Gedankenfreiheit“ ihren Höhepunkt fand. Weiterhin war Schiller nun an dem Punkt des öffentlichen Erfolges angelangt, an dem es Goethe seiner Zeit war. Dieser befand sich jedoch bereits seit einigen Jahren in einer Schaffenskrise und brachte vor seiner Rückkehr aus Italien nicht mehr als kleinere literarische Achtungserfolge hervor. Goethe sah Schiller demnach als einen Konkurrenten an, der im Begriff war ihn zu überflügeln. Schillers Abneigung gegenüber Goethe dieser Zeit begründete sich hingegen grundsätzlich nicht auf einer persönlichen Ebene: Viel mehr fühlte er sich dem inneren Weimarer Kreis nach wie vor nicht vollkommen zugehörig. Die rein förmliche Behandlung und Zurückweisung durch Goethe verstärkte dieses Gefühl zusätzlich. Daher versuchte er umso mehr eine Gegenposition zu ihm einzunehmen. In einem Brief an Körner formuliert er recht drastisch, dass ihn Goethes Präsenz „unglücklich mache[n]“.15 Schließlich stünde ihm dieser „im Wege“ und erinnere ihn zugleich oft daran, dass ihn das „Schicksal […] hart behandelt“ habe.16

Erst im Jahr 1794 näherten sich die beiden Dichter allmählich an. Goethe sprach später von einem „glückliches Ereignis“.17 Schiller war aufgrund seiner Professur inzwischen nach Jena gezogen, wo sich die beiden im Anschluss an einen Vortrag der Naturforschenden Gesellschaft in ein Gespräch vertieften.18 Schiller hielt seine Eindrücke über diese Begegnung retrospektiv fest, die das künftige Verhältnis der beiden ziemlich treffend abbildete:

Wir hatten […] uns die Hauptidee mitgetheilt, zu denen wir auf ganz verschiedenen Wegen gekommen waren. Zwischen diesen Ideen fand sich eine unerwartete Uebereinstimmung, die um so interessanter war, weil sie wirklich aus der größten Verschiedenheit der Gesichtspunkte hervorging. Ein jeder konnte dem anderen etwas geben, was ihm fehlte, und etwas dafür empfangen. Seit dieser Zeit haben diese ausgestreuten Ideen bei Goethe Wurzel gefaßt, und er fühlt jetzt ein Bedürfnis, sich an mich anzuschließen und den Weg […] in Gemeinschaft mit mir fortzusetzen.19

Infolgedessen entwickelte sich ein freundschaftlicher Briefwechsel, der auf der Bitte Schillers fußte, Goethe möge einige Beiträge zu seiner literarischen Zeitschrift Die Horen beisteuern. Von diesem Zeitpunkt an brach der gemeinsame Kontakt nicht mehr ab, was auch zu zahlreichen, mehrtägigen Treffen führte. Die Phase ihrer gemeinsamen Zusammenarbeit prägte die Ära der sogenannten Weimarer Klassik, die erst mit dem Tode Schillers endete und sie als Dichter-Dioskuren in die Geschichte eingehen ließ. Zwei Jahre vor seinem Tod schrieb Goethe am 09. November 1830 an Carl Friedrich Zelter (1758–1832) folgende Zeilen, die von der tiefen Bewunderung und engen Freundschaft zu Schiller zeugen und in Teilen auch dessen Bild in der Öffentlichkeit spiegelte:

Jedes Auftreten von Christus, jede seiner Äußerungen gehen dahin, das Höhere anschaulich zu machen. Immer von dem Gemeinen steigt er hinauf, hebt er hinauf […]. Schillern war eben diese Christus-Tendenz eingeboren, er berührte nichts Gemeines, ohne es zu veredeln.20

Somit bleibt festzuhalten, dass ein gemeinsames Doppeldenkmal der zunächst konkurrierenden Dichter vor deren näheren Bekanntschaft nahezu undenkbar gewesen wäre. Erst das von Goethe beschriebene „glückliche Ereignis“, das in einer gegenseitig befruchtenden Auseinandersetzung und Freundschaft mündete, ließ eine spätere Realisierung des Monuments, dass das zutiefst konträre Leben zweier Individuen in einem Kunstwerk vereinte, zu und ermöglichte dennoch die kohärente Darstellung zweier nahezu diametral entgegenstehender Weltansichten.

In einem nun folgenden Arbeitsschritt werden Goethes und Schillers Portraitdarstellungen im 19. Jahrhundert näher beleuchtet, die einen nachhaltigen Einfluss auf die physiognomischen Ausarbeitungen des späteren Doppeldenkmals hatten. Im Zuge einer Gegenüberstellung der einschlägigen Portraits der beiden Dichter wird darüber hinaus ein Einblick in deren grundsätzliches äußeres Erscheinungsbild gegeben werden.

[...]


1 Selbmann, Rolf: Dichterdenkmäler im 19. Jahrhundert und das Doppeldenkmal in Weimar. In: Das Denkmal. Goethe und Schiller als Doppelstandbild in Weimar [Hrsg.: Appelbaum, Dirk]. Tübingen 1993, S. 50–66, hier: S. 50ff.

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Safranski, Rüdiger: Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft. München 2009, S. 11.

5 Safranski, Rüdiger: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. München 2013, S. 19 ff.

6 Goethe, Johann Wolfgang von: Italientisch Reise. Kommentiert von Herbert von Einem. München [1786] 2007, S. 147.

7 Goethe 2007, S. 167 ff.

8 Ebd., S. 347 ff.

9 Safranski, Rüdiger: Friedrich Schiller oder die Erfindung des deutschen Idealismus. München/Wien 2004, S. 16 ff.

10 Ebd., S. 122 ff.

11 Safranski 2004, S. 346 ff.

12 Jonas, Fritz: Schillers Briefe. Kritische Gesamtausgabe (Bd. 1) Stuttgart u. a. 1892, S. 362.

13 Ebd., S. 380 f.

14 Goethe, Johann Wolfgang von: Goethe’s sämmtliche Werke. In dreißig Bänden (Bd. 30) [Hrsg.: Düntzer, Heinrich u. a.]. Stuttgart 1858, S. 447.

15 Jonas 1893, S. 218.

16 Ebd.

17 Ueding, Gert: Glückliches Ereignis. In: Appelbaum, Dirk: Das Denkmal. Goethe und Schiller als Doppelstandbild in Weimar. Tübingen 1993, S. 42–49, hier: S. 46 ff.

18 Goethe, Johann Wolfgang von: Glückliches Ereignis. In: Trunz, Erich: Goethes Werke. Autobiographische Schriften (Bd. 10). München 1981, S. 540.

19 Jonas 1894, S. 2.

20 Mandelkow, Karl Robert: Goethes Briefe (Bd. 4). Hamburg 1967, S. 408 f.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Goethe und Schiller im Memorialdenkmal
Untertitel
Der Weg zum Weimarer Doppeldenkmal sowie dessen Auswirkungen auf den nationalen Raum
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (ZEGK – Institut für Europäische Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Kunst für die Unsterblichkeit großer Menschen. Memorialkultur um 1800
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
32
Katalognummer
V1134739
ISBN (eBook)
9783346506375
ISBN (Buch)
9783346506382
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Memorialkultur, Memorialkunst, Goethe, Schiller, Denkmal, Weimar, Frankfurt, Doppeldenkmal, Goethedenkmal, Schillerdenkmal, Weimarer Doppeldenkmal, Christian Cay Lorenz Hirschfelds, Weimarer Klassik, Campagnabild, Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins, Johann Heinrich Meyers, Christian Daniel Rauch, Joseph Karl Stieler, Lebendmaske, Goethe-Büste, Johann Heinrich Dannecker, Ludovike Simanowiz, Anton Gaffs, Karl Kräutle, Alexander Trippel, Bronzeskulptur, Kostümstreits
Arbeit zitieren
Hanno Dampf (Autor:in), 2018, Goethe und Schiller im Memorialdenkmal, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1134739

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