In der Bundesrepublik Deutschland spielen bei der Erbringung von sozialen Dienstleistungen die gemeinnützigen Anbieter in Gestalt der Freien Wohlfahrtsverbände eine zentrale Rolle. Sie sind kein Bestandteil staatlicher Institutionen und arbeiten nicht profitorientiert. Mit der Verabschiedung der Pflegeversicherung im SGB XI 1994 und der Umstellung von der Objekt- auf die Subjektförderung wurde eine neue Phase der Ökonomisierung der sozialen Dienste eingeleitet und privat-gewerblichen Anbietern der Zugang in dieses Marktsegment geöffnet. Damit verändern sich auch die bisher korporatistisch geprägten Beziehungen zwischen den Akteuren, an deren Stelle ein Wettbewerb zwischen privaten, freigemeinnützigen und kommunalen Trägern tritt. Diese Umstände machen für die Freie Wohlfahrtspflege die Erschließung und Nutzung alternativer Finanzierungsquellen und –instrumente notwendig, um ihr Leistungsportfolio in Umfang und Qualität zu erhalten, gegen die gewerbliche Konkurrenz bestehen zu können und umletztlich auch den eigenen ideellen Ansprüchen zu genügen. Die vorliegende Arbeit geht im Kern zwei Fragen nach:
Welche Finanzierungsquellen stehen der Freien Wohlfahrtspflege im Moment zur Verfügung, und welche Problematiken weisen sie unter Betrachtung der o.g. substanziellen Veränderungen der letzten Jahre auf?
Welche alternativen Finanzierungsinstrumente, die besonders geeignet für wohlfahrtsverbandliche Bedürfnisse sind, können zukünftig genutzt werden?
Aufbau der Arbeit
Einstieg in die Theorie: ein ökonomischer Erklärungsansatz erläutert anhand von Versagenstheorien aus Nachfragersicht die Existenz von Wohlfahrtsorganisationen.
Historische Perspektive wohlfahrtlicher Entwicklung: die Existenz der deutschen Wohlfahrtsverbände wird in einen Kontext mit ihren Handlungsmotiven gebracht. Dazu werden Zusammenhänge zwischen staatlicher Sozialpolitik und freigemeinnützigem Handeln über mehrere Epochen hinweg dargestellt.
Rahmenbedingungen und traditionelle Finanzierungsquellen in Verbindung mit den damit verbundenen Problematiken.
Betrachtung alternativer Finanzierungsinstrumente, ausgehend von der Analyse der vorliegenden Literatur und den Aussagen der Interviewpartner. Ein weiterreichendes Augenmerk wird dabei auf den Einsatz kapitalwirtschaftlicher Anlageformen, Instrumente des Sozialmarketings und Kooperationsformen gelegt.
Schluss der Arbeit bildet ein Fazit aus den gewonnenen Erkenntnissen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Zielsetzung der Arbeit
1.2 Aufbau der Arbeit
1.3 Methodik der Arbeit
2. Ökonomie von Organisationen der Freien Wohlfahrtspflege
2.1 Organisationen der Freien Wohlfahrt im Dritten Sektor
2.2 Markt
2.3 Arten von Güter
2.4 Marktversagen
2.5 Staatsversagen
2.6 Organisationen des Dritten Sektors – Kompensation oder Konflikt zwischen Markt und Staat?
3. Begriffliche und historische Dimensionen der Freien Wohlfahrtspflege
3.1 Charakterisierung der Spitzenverbände
3.2 Fürsorge in der Zeit des Mittelalters bis zum 19. Jahrhundert
3.3 Entwicklung verbandlicher Wohlfahrt vom 19. Jahrhundert bis zum Nationalsozialismus
3.4 Wohlfahrtspflege im Nationalsozialismus und der Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg
3.5 Entwicklung der Freien Wohlfahrtspflege in der Bundesrepublik Deutschland
3.6 Das Subsidiaritätsprinzip als Grundlage wohlfahrtsverbandlicher Tätigkeit
3.7 Gegenwärtige Anforderungen an die Freie Wohlfahrtspflege
3.8 Vergleich internationaler Wohlfahrtstraditionen
3.9 Fazit
4. Traditionelle Finanzierungsquellen der Freien Wohlfahrtspflege
4.1 Rahmenbedingungen wohlfahrtlicher Finanzierung
4.2 Finanzierungsträger
4.2.1 Öffentliche Finanzierung
4.2.2 Fremdfinanzierung
4.2.3 Eigenmittelfinanzierung
4.3 Probleme der traditionellen Finanzierungsquellen
4.3.1 Probleme der öffentlichen Finanzierungsquellen
4.3.2 Probleme der Fremdfinanzierung
4.3.3 Probleme der Eigenfinanzierung
4.4 Fazit
5. Alternative Finanzierungsinstrumente für die Freie Wohlfahrtspflege
5.1 Grundsätzliche Anforderungen
5.2 Marketinginstrumente für die Finanzierung Freier Wohlfahrtspflege
5.2.1 Fundraising
5.2.2 Sponsoring
5.3 Kapitalwirtschaftliche Instrumente für die Freie Wohlfahrtspflege
5.3.1 Verbandsinterne Finanzierungsgesellschaft
5.3.2 Mezzanine Kapitalform
5.3.3 Fondsfinanzierungen
5.3.4 Stiftungen
5.4 Kooperationsformen
5.4.1 Investor-Betreiber-Modelle
5.4.2 Public-Social-Private-Partnerships
5.5 Fazit
6. Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die aktuellen finanziellen Herausforderungen für die Freie Wohlfahrtspflege in Deutschland, die durch sinkende öffentliche Zuwendungen und steigenden ökonomischen Anpassungsdruck entstehen. Ziel ist es, unter Einbeziehung theoretischer ökonomischer Ansätze sowie praktischer Expertenmeinungen aufzuzeigen, wie Wohlfahrtsorganisationen durch neue Finanzierungsstrategien und alternative Instrumente ihre Handlungsfähigkeit sichern können.
- Analyse der ökonomischen Rahmenbedingungen und des Verhältnisses zwischen Staat und Freier Wohlfahrt.
- Untersuchung der Problematiken traditioneller Finanzierungsquellen wie staatlicher Zuschüsse und Leistungsentgelte.
- Erforschung von Potenzialen im Sozialmarketing und bei kapitalwirtschaftlichen Finanzierungsinstrumenten.
- Evaluation von Kooperationsmodellen wie Public-Social-Private-Partnerships.
- Empirische Fundierung durch Experteninterviews mit Vertretern führender Wohlfahrtsverbände.
Auszug aus dem Buch
2.1 Organisationen der Freien Wohlfahrt im Dritten Sektor
Zum Begriff des Dritten Sektors gibt es in der Literatur viele Definitionsansätze, welche sich im Wesentlichen auf die Abgrenzungsmerkmale zu den anderen Sektoren Markt und Staat beschränken. Die gängigsten Ansätze werden nun kurz vorgestellt, wobei der Fokus immer auf Organisationsformen der Freien Wohlfahrt liegen soll.
Organisationen des Dritten Sektors werden institutionell neben Markt und Staat als Privatorganisationen ohne Erwerbszweck verortet. Sie unterscheiden sich durch ihre Wirtschaftslogik von Organisationen der anderen Sektoren: der Staat übernimmt Aufgaben, die durch Gesetze bestimmt sind und finanziert diese über Steuern und Abgaben. Zweck von Profit-Organisationen ist es, auf einem Markt Güter und Dienstleistungen anzubieten und darüber Gewinne zu erzielen. Organisationen des Dritten Sektors sind dagegen nicht primär erwerbswirtschaftlich orientiert. Sie decken jene Bedürfnisse, die auf dem Markt gar nicht oder nur zu hohen Preisen befriedigt werden können und die vom Staat ebenfalls nicht oder nur unzureichend bereitgestellt werden. Aufgrund dieser Stellung auch als Nonprofit-Organisationen bezeichnet, werden etwaige Gewinne nicht an die Organisationsmitglieder ausgeschüttet, sondern an die Organisation selbst zurückgeführt.
Die reine Zuordnung im Sinne von nicht-staatlich und nicht-kommerziell ist allerdings ungenügend, da Organisationen des Dritten Sektors ganz unterschiedliche Formen haben können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der zentralen Rolle der Freien Wohlfahrtspflege sowie der Forschungsfragen hinsichtlich aktueller Finanzierungsproblematiken und möglicher Lösungsansätze.
2. Ökonomie von Organisationen der Freien Wohlfahrtspflege: Untersuchung des Dritten Sektors anhand mikroökonomischer Theorien, um das Handeln der Akteure bei Markt- und Staatsversagen zu erklären.
3. Begriffliche und historische Dimensionen der Freien Wohlfahrtspflege: Historischer Abriss der Wohlfahrtsentwicklung in Deutschland, des Subsidiaritätsprinzips und ein Vergleich internationaler Wohlfahrtstraditionen.
4. Traditionelle Finanzierungsquellen der Freien Wohlfahrtspflege: Analyse der bestehenden Finanzierungsstrukturen (öffentlich, fremd, eigen) und deren spezifische Probleme angesichts knapper öffentlicher Kassen.
5. Alternative Finanzierungsinstrumente für die Freie Wohlfahrtspflege: Vorstellung innovativer Ansätze wie Sozialmarketing, Kapitalmarktfinanzierung und Kooperationsformen zur Sicherung der zukünftigen Leistungsfähigkeit.
6. Schlussfolgerungen: Fazit zu den notwendigen strategischen Anpassungen der Verbände, um den Wandel zur stärker eigeninitiativen Mittelakquisition erfolgreich zu bewältigen.
Schlüsselwörter
Freie Wohlfahrtspflege, Finanzierung, Dritter Sektor, Subsidiarität, Sozialwirtschaft, Nonprofit-Organisationen, Sozialmarketing, Fundraising, Sponsoring, Kapitalmarkt, Leistungsentgelte, Wohlfahrtsverbände, Finanzmanagement, Basel II, Kooperationsmodelle.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Thema dieser Diplomarbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Finanzierung der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland vor dem Hintergrund knapper öffentlicher Haushalte und eines zunehmenden ökonomischen Anpassungsdrucks.
Welche Themenfelder werden schwerpunktmäßig behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Entwicklung der Wohlfahrtspflege, ökonomischen Erklärungsansätzen, einer Analyse traditioneller Finanzierungsquellen und dem Potenzial neuer, alternativer Finanzierungsinstrumente.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Wohlfahrtsverbände ihre Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen verringern und durch moderne Managementmethoden und Finanzierungsstrategien ihre Zukunftsfähigkeit sichern können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wurde eine Kombination aus theoretischer Literaturrecherche und der Auswertung von teilstandardisierten Experteninterviews mit Vertretern der Spitzenverbände (Caritas, Paritätischer, Rotes Kreuz) genutzt.
Womit befasst sich der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil analysiert kritisch das traditionelle Finanzierungssystem, beleuchtet die Auswirkungen von Basel II auf Nonprofit-Organisationen und bewertet Instrumente wie Fundraising, Sponsoring sowie kapitalwirtschaftliche Beteiligungsmodelle.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Wohlfahrt, Finanzierungsmix, Subsidiarität, Sozialwirtschaft und strategische Professionalisierung sind die zentralen Begriffe der Arbeit.
Wie bewerten die Experten den Druck durch „Preisdumping“?
Die befragten Experten sehen darin eine ernsthafte Gefährdung der Qualität und fordern eine strategische Neuausrichtung, bei der die Verbände ihre spezifischen Kompetenzen und Marktchancen aktiver nutzen müssen.
Welche Rolle spielt die „Marke“ eines Verbandes bei der Finanzierung?
Eine starke Marke hilft Verbänden, wie am Beispiel des Roten Kreuzes ersichtlich, bei der Gewinnung von Spenden und der Positionierung in einem wettbewerbsorientierten Umfeld, was besonders für die Akquise privater Mittel entscheidend ist.
Warum wird die „hohe Standardisierung“ der Leistungen kritisiert?
Die Experten kritisieren, dass starre Leistungskataloge den kreativen und selbstbestimmten Umgang mit komplexen sozialen Problemfeldern verhindern und die Organisationen in einem starren, bürokratischen Kreislauf gefangen halten.
Ist eine marktwirtschaftliche Transformation der Wohlfahrt das Ziel?
Nein, es geht nicht um eine vollständige Kommerzialisierung, sondern um eine ökonomisch begründete Professionalisierung, um den Erhalt des ideellen Leistungsangebotes unter geänderten Rahmenbedingungen sicherzustellen.
- Arbeit zitieren
- Dipl. Verwaltungswissenschaftler Moritz von Münchhausen (Autor:in), 2007, Die Finanzierung der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113558