Die Echtheitsdebatte in der Neidhartforschung, dargestellt anhand des Winterlieds 21 (c 65)


Seminararbeit, 2008

22 Seiten, Note: 5.5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Winterlied 21 – Kurzinterpretation
2.2. ‚Echt’ oder ‚unecht’? – Moriz Haupt und Edmund Wießner
2.3. Jenseits von echt und unecht – Die Salzburger Neidhart-Ausgabe

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Thema der vorliegenden Arbeit ist eine der ältesten und wohl auch heftigsten Debatte der gesamten Neidhartforschung. Es ist die Diskussion über die ‚Echtheit’ oder ‚Unechtheit’ einiger Lieder, die uns unter dem Namen Neidhart überliefert sind. In der ersten kritischen Neidhart-Ausgabe (1858)[1] hat Moriz Haupt nur 66 (29 Sommer-, 37 Winterlieder) von insgesamt etwa 150 Liedern[2] als ‚echt’ eingestuft. Um die „Quellen auszuschöpfen“[3] publizierte Haupt einen kleinen Teil der als ‚unecht’ ausgesonderten Lieder als Anhang zu seiner Vorrede.[4] Ein beachtlicher Teil der überlieferten Lieder entging indes der kritischen Edition. Einige waren so lange Zeit nur in Friedrich von der Hagens „Minnesinger“-Ausgabe[5] greifbar, andere wiederum wurden erst um einiges später publiziert.[6]

Indem Haupt „die scheidung des echten und des unechten“[7] zu einer seiner Hauptaufgaben machte, legte er den Grundstein einer lange anhaltenden Debatte. Standen zunächst einmal Haupts Echtheitsentscheidungen an sich zur Diskussion[8], entfaltete sich im Lauf der Zeit eine lebhafte Grundsatzdebatte darüber, ob eine Trennung zwischen ‚echt’ und ‚unecht’ überhaupt möglich sei.[9] Ziel dieser Arbeit ist es, diese Debatte, die in der neuen Salzburger Neidhart-Ausgabe[10] zu einem vorläufigen Höhepunkt, ja vielleicht sogar zu ihrem Abschluss gelangt ist, in ihren Grundzügen nachzuvollziehen.

Um dieses Ziel zu erreichen, wird die Debatte anhand eines bestimmten Liedes nachgezeichnet. Zu diesem Zweck wurde das Winterlied 21[11] ausgewählt, da sich an seiner Editionsgeschichte die grundsätzlichen Fragen der Debatte sowie der aktuelle Stand der Forschung gut zeigen lassen. Moriz Haupt, zweifellos eine Autorität in der Neidhartforschung, nahm das Lied in den Kanon der ‚echten’ Lieder auf. Edmund Wießner[12] hingegen, ebenfalls eine prägende Gestalt der Neidhart-Philologie, merkte Zweifel an der Echtheit des Liedes an und setzte es in der von ihm besorgten Ausgabe für die Altdeutsche Textbibliothek[13] in eckige Klammern. In der Salzburger Ausgabe schliesslich ist das Lied ohne besonderen Vermerk aufgenommen, was auf einen neuen Ansatz im Umgang mit der Echtheitsfrage zurückzuführen ist.[14]

In der Forschung führte die Unklarheit über die Echtheit des Liedes gleichsam zu seiner Marginalisierung. Kurt Ruh etwa schliesst das WL 21 in seiner Typologisierung von Neidharts Liedern aus, weil „dessen Echtheit zweifelhaft“[15] sei. Allerdings hätte eine Beschäftigung mit dem Lied, insbesondere mit seiner Editionsgeschichte, die Problematik der Echtheitsdebatte schon viel früher zeigen können. Im Rahmen dieser Seminararbeit soll dies, gewissermassen im Rückblick, geleistet werden.

Die Argumentation der Arbeit vollzieht sich in drei Schritten. Im ersten Teil wird das Winterlied 21 kurz und knapp charakterisiert und interpretiert, um zu verhindern, dass sich die weitere Argumentation gleichsam im luftleeren Raum bewegt. Im zweiten Abschnitt soll der erste Teil der Echtheitsdebatte, zeitlich etwas mehr als ein Jahrhundert, reflektiert werden. Dies geschieht anhand der Editionen Moriz Haupts und Edmund Wießners. Konkret geht es darum, die Entscheidungen der beiden Herausgeber nachzuvollziehen. Weshalb nahm Moriz Haupt das Lied in seine Edition mit auf? Und weshalb zweifelte Edmund Wießner an dessen Echtheit? Daran soll deutlich werden, auf welch dünnem Eis sich die gesamte Echtheitsdebatte seit jeher bewegte. Im dritten und letzten Teil werden schliesslich anhand der Editionsprinzipien der SNE der aktuelle Stand und vorläufige Abschluss der Diskussion konturiert. Auch hier geht es um die Frage, auf welcher Basis die Herausgeber der Salzburger Ausgabe ihre Entscheidung, das Lied in ihre Edition aufzunehmen, trafen. Dabei wird deutlich werden, dass sich die Debatte wesentlich verschoben hat, die Echtheitsfrage an sich gar nicht mehr im Zentrum steht.

Zum Schluss dieser Einleitung sei darauf hingewiesen, dass die vorliegende Arbeit keine Editionskritik darstellt, auch wenn sich die Argumentation sehr stark an den verschiedenen Editionen orientiert. Vielmehr geht es darum, die Edition eines bestimmten Liedes unter dem Gesichtspunkt der Echtheitsdebatte zu verfolgen.

2. Hauptteil

2.1. Winterlied 21 – Kurzinterpretation

In Bezug auf die Überlieferung ist Winterlied 21, ganz im Gegensatz zu anderen Liedern, ein relativ unkomplizierter Fall. Das Lied ist zwar in drei verschiedenen Handschriften zu finden, zwei davon kennen jedoch nur die erste Strophe, die sie überdies unter falschem Namen überliefern.[16] Da sich die drei Versionen der ersten Strophe nur geringfügig unterscheiden, beschränke ich mich bei der Interpretation auf die achtstrophige Überlieferung der Handschrift c[17]. Zitiert wird nach der SNE[18], die den Text von c unverändert wiedergibt, ohne diesen ins 13. Jahrhundert zurückzuübersetzen. Eine Übersetzung des Liedes findet sich als Anhang in Appendix A.

Bei der ersten Betrachtung des Liedes fällt zunächst der fehlende Wintereingang auf. Überhaupt ist der Bezug zu den Jahreszeiten äusserst schwach.[19] Erst in der letzten Strophe wird deutlich, dass der Sommer vorbei ist („des pflagens auch den summer“; VIII, 2) und der Sänger sein Lied im Winter („disen winter tanczen“; VIII, 1)[20] singt. Statt mit dem Natureingang setzt der Sänger in der ersten Strophe mit einer eher allgemein gefassten Klage über die freudlose Zeit, in der sein Singen kein Platz hat, ein. In den folgenden Strophen (II – VI) baut er diese Klage in eine weitläufige Minneklage aus, die er mit dem Versprechen, sein Singen aufzugeben, beschliesst. Der zweite Teil (VII – VIII), anhand der Namen („Uczen und […] Enczen, […] Luczen und auch Lenczen“; VII, 1f.)[21] unschwer als Dörperteil zu erkennen, setzt etwas abrupt ein und markiert auch inhaltlich einen klaren Kontrast zum Minneteil.

Der Minneteil ist nach dem Vorbild der hohen Minne gebildet. Der Sänger beklagt sich darüber, dass die angebetete Frau seinen Gesang nicht erhört, den Liebesdienst nicht belohnt. Die Frau wird als überaus hartherzig charakterisiert (II, 2), ansonsten bleibt ihre Identität, wie im hohen Sang üblich, im Dunkeln. Allerdings scheint diese Unbestimmtheit mehr zu sein als eine blosse Anlehnung an den hohen Sang. Wie sich zeigen wird spielt der Sänger nämlich im weiteren Verlauf des Liedes mit der Identität der Frau.

Die Liebesklage wandelt sich in der dritten und vierten Strophe zur Warnung vor der Augenlust. Der Sänger sieht sich als Betrogener, der einer Täuschung seiner Augen aufgesessen ist. Er wünscht sich, er hätte einer anderen Frau seinen Dienst erwiesen. Zwar formuliert er in der fünften Strophe nochmals den Entschluss, weiter zu singen, bis er „der werlt lon“ (V, 6) erhält. Dies scheint jedoch nichts mehr als ein letztes Aufbäumen zu sein. Denn in der sechsten Strophe, der letzten des Minneteils, schwört er dem Gesang ganz ab. Doch nicht nur, wie man meinen könnte, weil der Gesang nicht zum erwünschten Lohn führt, sondern aufgrund der Vergänglichkeit der weltlichen Freuden, die ihm durch den Gesang zuteil werden. Zudem fürchtet sich der Sänger, der sich offenbar bereits in vorgeschrittenem Alter befindet (VI, 6), aufgrund des Gesangs in die Hölle zu kommen.[22]

Spätestens hier wird deutlich, dass die besungene Frau auch allegorisch verstanden werden kann. Der Bezug zu den „Werltsüezetönen“[23] liegt deutlich auf der Hand. Dank der unbestimmten Identität der Frau bleibt jedoch die Möglichkeit, die besungene Frau als geliebte Person zu lesen.[24]

Ganz anders gestaltet sich der zweite Teil des Liedes. Tatsächlich könnte der Kontrast zwischen Minne- und Dörperteil kaum grösser sein. Der Sänger, der offenbar mit der Verwunderung der Zuhörer darüber rechnet, dass er die Dörper so lange verschwiegen hat (VII, 1f.), begegnet nun dem impliziten Vorwurf, die Dörper hätten ihn besiegt, sein Gesang zum Schweigen gebracht. Das Gegenteil ist der Fall, wie er bekräftigt:

[...]


[1] Haupt, Moriz: Neidhart von Reuenthal, Leipzig 1858. Nachdruck in: Müller, Ulrich et al. (Hgg.): Neidharts Lieder. Unveränderte Nachdrucke der Ausgaben von 1858 und 1923, Bd. 1, Stuttgart 1986. Im Folgenden zitiert als H.

[2] Vgl. Schweikle, Günther: Neidhart, Stuttgart 1990, S. 37.

[3] H, S. X.

[4] Ebd., S. XI-LVI, insgesamt 24 Lieder.

[5] Von der Hagen, Friedrich Heinrich (Hg.): Minnesinger, Leipzig 1838. Neidharts Lieder sind in den Teilen III (S. 183-313 und S. 757-801) und IV (S. 753f.) zu finden.

[6] Die letzten ‚unechten’ Lieder edierte Dietrich Boueke 1967. Boueke, Dietrich: Materialien zur Neidhart-Überlieferung, München 1967 (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters; 16).

[7] H, S. V.

[8] So sprach sich etwa Samuel Singer gegen Haupt für die Echtheit des Liedes H XI, 1 (zur Bezeichnung bzw. Zählung der Lieder vgl. Anm. 11) aus. Vgl. Singer, Samuel: Neidhartstudien, Tübingen 1920, S. 3.

[9] Grundlegend dazu: Schweikle, Günther: „Pseudo-Neidharte?“, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 100 (1981), S. 86-104, wieder abgedruckt in: Brunner, Horst (Hg.): Neidhart, Darmstadt 1986 (Wege der Forschung; 556), S. 334-354. Zitiert wird nach dieser Ausgabe.

[10] Müller, Ulrich et al. (Hg.): Neidhart-Lieder. Texte und Melodien sämtlicher Handschriften und Drucke, 3 Bde., Berlin 2007. Im Folgenden zitiert als SNE.

[11] Ein allgemeiner Hinweis zur Bezeichnung der Lieder: Aufgrund der einfachen Handhabung werden die Lieder, die in der Ausgabe der Altdeutschen Textbibliothek (s. Anm. 12) publiziert sind, mit der dort üblichen Bezeichnung (SL/WL + Nummer) aufgeführt. Die restlichen Lieder werden gemäss der neuen Salzburger Ausgabe, die sich an den Leithandschriften orientiert, bezeichnet. Das WL 21 wäre demgemäss als c 65 anzuführen. Wird explizit auf die Ausgabe Haupts verwiesen, so wird die in der Forschung übliche Zitierweise (H Seite, Vers – WL 21 wäre also H 65, 37) verwendet.

[12] Zu der Schreibung des Namens „Wießner“ vgl. Müller, Ulrich (et al.): „Nachwort“, in: Müller et al., Neidharts Lieder, Bd. 2 (s. Anm. 1), S. 407-427, hier S. 421, Fussnote 20.

[13] Wießner, Edmund (Hg.): Die Lieder Neidharts, Tübingen 1955. Die ATB-Ausgaben werden im Folgenden zitiert als ATBx, wobei die hochgestellte Zahl die Auflage bezeichnet. Die genauen bibliographischen Angaben zu den einzelnen Ausgaben finden sich im Literaturverzeichnis.

[14] Vgl. dazu weiter unten, S. 13ff.

[15] Ruh, Kurt: „Neidharts Lieder. Eine Beschreibung des Typus“, in: ders.: Kleine Schriften, Bd 1. Dichtung des Hoch- und Spätmittelalters, hg. von Volker Mertens, Berlin / New York 1984, S. 107-125, hier S. 116. In der Fussnote beruft sich Ruh auf die Einschätzung Wießners.

[16] Vgl. SNE Bd. 2, S. 138.

[17] Zu den erwähnten Handschriften vgl. SNE, Bd. 3, S. 497-537.

[18] WL 21 / c 65: SNE Bd. 2, S. 138-142, Kommentar: Bd. 3, S. 359f.

[19] Vielleicht ist dies der Grund, weshalb das Lied in Hs. c unter den Sommerliedern eingereiht ist. Vgl. dazu Becker, Hans: Die Neidharte. Studien zur Überlieferung, Binnentypisierung und Geschichte der Neidharte der Berliner Handschrift germ. fol. 779 (c), Göppingen 1978 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik; 255), S. 98, Fussnote 14, sowie S. 119.

[20] Hervorhebungen von mir.

[21] Bis auf „Luczen“ sind alle Namen mehrfach in einem Dörper-Kontext zu finden.

[22] Vgl. zu dieser Stelle die Übersetzung in Appendix A, Fussnote 5.

[23] Weidmann, Walter: Studien zur Entwicklung von Neidharts Lyrik, Basel 1947 (Basler Studien zur deutschen Sprache und Literatur; 5), S. 80.

[24] Vgl. dazu Wießner, Edmund: Kommentar zu Neidharts Liedern, Leipzig 1954, S. 145.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Echtheitsdebatte in der Neidhartforschung, dargestellt anhand des Winterlieds 21 (c 65)
Hochschule
Universität Basel  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Seminar: Neidhart
Note
5.5
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V113587
ISBN (eBook)
9783640147236
ISBN (Buch)
9783640147281
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
die Note: 5,5 (CH-Skala) entspricht hier der Note: 1,5!!!
Schlagworte
Echtheitsdebatte, Neidhartforschung, Winterlieds, Seminar, Neidhart
Arbeit zitieren
Lukas Stöcklin (Autor), 2008, Die Echtheitsdebatte in der Neidhartforschung, dargestellt anhand des Winterlieds 21 (c 65), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113587

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