Vergleichende Analyse der Austiegsmöglichkeiten aus terroristischen Gruppierungen am Beispiel der RAF und der IRA


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
24 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gegenüberstellung der Mitgliederstrukturen der IRA und der RAF
2.1 Mitgliederstrukturen
2.1.1 IRA
2.1.2 RAF
2.2 Ausstiegsmöglichkeiten bedingt durch die Struktur

3. Einstieg = Ausstieg?
3.1. Untersuchung der These von Karen de Ahna, dass der Ausstieg bereits durch den Einstieg bedingt sei, an Hand von zwei Aussteigerbeispielen-
3.1.1 Joe Doherty
3.1.2 Margrit Schiller

4. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Thema folgender Hausarbeit wird der Ein- und Ausstieg in terroristische Vereinigungen sein. Am Beispiel der Irish Republican Army (IRA) und der Roten Armee Fraktion (RAF) werden Kriterien und Gründe für diesen Vorgang erläutert. Einleitend erfolgt eine Analyse und Betrachtung der Strukturen der IRA und der RAF. Die Strukturen werden dann in einer vergleichenden Analyse auf ihre Möglichkeiten für einen Ausstieg betrachtet. Gründe und Probleme im Zuge des Ausstieges lassen sich repräsentativ an zwei Personenbeispielen erklären. Der ehemalige IRA Aktivist Joe Doherty und die ehemals in der RAF tätige Margrit Schiller stehen im Mittelpunkt der Arbeit. An ihrem Beispiel soll die These von Karen de Ahna, die Schwerpunkt ihrer Untersuchung „Wege zum Ausstieg. Fördernde und hemmende Bedingungen“[1] ist, überprüft werden. Diese sagt aus, dass der Ausstieg aus einer terroristischen Organisation bereits auf den Einstieg zurückzuführen ist. Ein -und Ausstieg von Joe Doherty und Margrit Schiller werden in diesem Kontext zu betrachten sein. Reflektierend wird abschließend ein Resümee bzw. Fazit gezogen. Wichtige Aspekte der Thematik werden in zusammenfassender Form und ihrer Bedeutung für den heutigen Umgang mit Terrorismus dargestellt. Probleme wie die steigende Kriminalität nach den Waffenstillständen in Nordirland sind diesbezüglich zu nennen. Auch die Vorgehensweise gegen die RAF und ihre bestehende Aktualität wird behandelt.

Die Quelllenlage bzw. das Quellenmaterial zu Aussteigern aus der IRA ist bis jetzt nur wenig vorhanden. Das verwendete WDR 5 Interview mit Joe Doherty kann die Problematik des Ausstiegs nur ansatzweise darstellen. Die genauen Beweggründe für seinen Ausstieg sind dem Interview nicht zu entnehmen. Zudem ist nur eine einseitige Sichtweise vorhanden, da nur aus der Perspektive von Doherty berichtet wird. Quellenmaterial mit einer objektiven Betrachtung der Thematik ist kaum vorhanden. Dies trifft auch auf die RAF zu. Es sind zwar viele Lebensberichte der RAF Terroristen vorhanden, jedoch beschreiben diese nur aus der Sicht der RAF und sind nicht objektiv. Journalistische Beiträge zur RAF, wie beispielsweise von Butz Peters, weisen oft vorgefertigte Meinungen, entweder für oder gegen die RAF auf und sind zusätzlich in sehr polemischer Form verfasst. Vieles Quellenmaterial wie z.B. die Prozessakten der RAF Mitglieder sind bis heute noch nicht zugänglich und wird vom Staat unter Verschluss gehalten. Resultierend aus der angesprochenen Quellenlage müssen alle Informationen und Literatur kritisch betrachtet werden.

2. Gegenüberstellung der Mitgliederstrukturen der IRA und der RAF

2.1 Mitgliederstrukturen

2.1.1 IRA

Die IRA unterteilt sich in einen militärischen und einen politischen Flügel. Der politische Flügel repräsentiert durch die Sinn Fein Partei, bietet der IRA die Möglichkeit einer legalen Repräsentation in der Öffentlichkeit. Als einer der wichtigsten Vorsitzenden der Sinn Fein Partei kann Gerry Adams angeführt werden. Er hat die IRA weitgehend geprägt und strukturell verändert. Bei seinem Eintritt in die IRA 1968/69 gehört er schon zum Führungskreis der „Provisional IRA“ (PIRA). Somit ist er anfänglich im militärischen Flügel der IRA tätig. Erst 1983 setzt man ihn als Präsident von Sinn Fein ein, nachdem er zuvor von der PIRA in die Sinn Fein Partei wechselt. 1983-92 und seit 1997 ist er Abgeordneter des britischen Unterhauses für West-Belfast. Die Neustrukturierung der IRA geht vor allen Dingen auf Gerry Adams zurück.

Zu Beginn seiner Tätigkeit in der IRA verfügt die „Offical IRA“ über einer Mitglieder- stärke von 750 Mitgliedern.[2] Von dieser Anzahl gehören 330 zu dem aktiven Kern. Die Provisionlas haben ca. 1500 Mitglieder, von denen 500-600 in aktive Kampfhandlungen verwickelt sind. Das Machtzentrum der IRA wird durch das siebenköpfige „Army Council“ mit Sitz in Dublin verkörpert. Der besitzt unter anderem die Befehlsgewalt über die aktiven Einheiten des militärischen Flügels, sowie die Möglichkeit sein Einverständnis zu den Entscheidungen des „Ard Comhairle“, welcher den Vorsitz des politischen Flügels darstellt, zu geben. An der Spitze des „Army Councils“ steht der „Chief- of- Stuff “ und sein Stellvertreter der „Adjutant General“[3]. Er erklärt eine Kampagne für beendet, hat somit das Kommando über die jeweiligen Einsätze inne. Weitere Mitglieder sind der Quartiermeister, zuständig für Waffeninstandhaltung und das Versteck dieser, ein Einsatzleiter und Verantwortliche für Finanzen, Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Der Stab der Belfast Brigade spielt in

Bezug auf die Machtverteilung innerhalb der IRA eine ebenso wichtige Rolle. Sie besteht aus drei Bataillonen mit jeweils 12 Kompanien von 60 Mann.

Jedoch übernehmen die eigentlichen operationalen Aufgaben die „Active Service Units“, die aus kleinen Zellen von fünf bis acht Mann bestehen. Wichtig sind in Zusammenhang mit dem militärischen Flügel auch die Army Executive und die General Army Convention. Die Army Executive besteht aus 12 Mitgliedern, die von der „General Army Convention“ gewählt werden und besitzt die Macht der Wahl der sieben Mitglieder des „Army Councils“. Die General Army Convention tritt in unregelmäßigen Abständen zusammen und rekrutiert sich aus Delegierten, die aus jeder Einheit entsendet werden.

Auch die aktiven Einheiten der IRA weisen eine hierarchische Struktur auf. Die oberste Befehlsgewalt besitzen die Brigaden. Sie geben die Befehle an die Bataillone weiter, welche wiederum die Zellen in ihre Aufgaben einweisen. Außerhalb Nordirland agieren in England, das England Department und in West-Europa das Overseas Department.[4] Unter der Führung von Gerry Adams werden gerade in den Jahren 1976 und 77 einige wichtige strukturelle Veränderungen vorgenommen. 1976 lässt das „Army Council“ unter seinem Einwirken ein Northern Command einrichten. Ab diesem Zeitpunkt hat das Hauptquartier in Dublin keine Macht mehr über militärische Operationen im Norden, sondern muss sich auf künftig auf internationale Operationen beschränken[5]. Ein wichtiges Dokument, welches 1977 der irischen Polizei in die Hände fällt, verdeutlicht auch eine Veränderung der Taktik und der Strategie der IRA. Wichtig hierbei ist die Einführung eines Zellen-Systems. Das alte „Order of Battle“ System, bestehend aus Brigaden, Bataillonen und Kompanien kann durch ein flexibleres und effektiveres System ersetzt werden. Um der Infiltration und Unterwanderung vorzubeugen, verwendet man von diesem Zeitpunkt an dieses System. Bei diesem operieren maximal vier Mitglieder und ein Kommandant innerhalb einer Zelle zusammen. Es wird unabhängig von den anderen Zellen gehandelt, wobei die Namen der Mitglieder der anderen Zellen nicht bekannt sind. Somit ist eine Unterwanderung durch die Polizei zum Teil erschwert.[6] Finanzielle Mittel bezieht die IRA aus legalen Geschäften wie kleineren Taxiunternehmen und den so genannten „Sozial Clubs“, die einem Pub gleichkommen. Auf illegaler Basis erreicht man eine Finanzierung durch beispielsweise Steuerbetrug, Schutzgelderpressung, Bankraub, Entführung von prominenten Personen, wie z.B. Ben Dunne und dem Supermarkt Manager Galen Weston[7]. Waffenbeschaffung ist der Hauptverwendungszweck des „erwirtschafteten“ Geldes. Hierbei greift man hauptsächlich auf Kontakte in die Sowjetunion, dem Nahen Osten und den USA zurück. Zu den wichtigsten Unterstützungsorganisationen in den USA zählt das von dem 1970 emigrierten IRA-Veteranen Martin Flannery gegründete „Irish Northern Aid Comitee“ kurz NORAID. Ursprünglich ruft diese zu Spenden für Familien inhaftierter IRA-Mitglieder auf. Jedoch bringt man sie bald mit der Beschaffung von Waffen für die IRA in Verbindung[8]. Ohne ein großes internationales Netzwerk an Sympathisanten und Waffenlieferanten – und beschaffern wäre ein dauerhafter Widerstand gegen die britische Regierung nicht möglich gewesen.

Muammar al-Ghadafi ist in diesem Kontext eine besondere Rolle zuzuweisen. Ghadafi gilt bis heute in seiner Heimat Libyen als Revolutionsführer. Unter anderem war er am 1. September 1969 an einem erfolgreichen Putschversuch gegen den damaligen König Idris as Senussi beteiligt. Ihm wird zusätzlich die Förderung von terroristischen Organisationen zur Last gelegt. Dieser Vorwurf ist auf seine finanzielle Unterstützung mehrerer Befreiungsbewegungen in der Welt in den siebziger Jahren zurückzuführen. Das Grüne Buch ist zudem von ihm verfasst worden. In diesem sind neben seinen politischen Zielen, Möglichkeiten des Agierens in einer Verhörungssituation durch den Polizeiapparat dargestellt. Im konkreten Fall bedeutet dies bei der Verhaftung kein Wort zu sagen. Viele terroristische Gruppierungen wie die IRA nehmen sich dieses Buch als Vorbild für die Entwicklung einer Zellstruktur und für eine mögliche Verhaftungssituation mit folgendem Verhör[9]. Seit 1985 avanciert Libyen unter seiner Herrschaft zum Generalausstatter der IRA. Fast 240 Tonnen Sprengstoff und Waffen, 20 SAM 7 Boden-Luft-Raketen, raketengetriebene Granaten, 10 Tonnen Semtex, 2000 AK 47 Gewehre, 1000 Kalaschnikows und 200.000 Schuss Munition werden bis 1987 geliefert.[10] Auch die Unterstützung aus dem katholischen Bevölkerungsteil ist als sehr wichtig einzustufen. In Belfast und Derry beispielsweise etablierte sich die IRA von einem „Verteidiger“ gegen die britische „Besatzungsmacht“ zu einer fast polizeilichen Ordnungsmacht mit deutlich diktatorisch-totalitären Zügen. Im ländlichen Grenzraum, vor allem in South Armagh kann die IRA seit Mitte der siebziger Jahre auf die Unterstützung des bei über 80 Prozent hohen katholischen Bevölkerungsteils zurückgreifen. Getragen wird eine stark hierarchische Struktur der IRA durch einen großen Sympathiesantenkreis innerhalb der Bevölkerung, aus dem immer wieder neue Mitglieder rekrutiert werden können und einem internationalen Netzwerk, welches die Beschaffung von Waffen im großen Stil und eine dauerhafte Bekämpfung der britischen „Besatzer“ ermöglicht. Nur so lässt sich eine solche Struktur auf Dauer erhalten.

[...]


[1] de Ahna, Karen, Wege zum Ausstieg. Fördernde und hemmende Bedingungen, in: Analysen zum Terrorismus, hrsg. vom Bundesministerium des Innern, Band 3: Wanda von Baeyer-Katte/Dieter Claessens/Hubert Feger/ Friedhelm Neidhardt, Gruppenprozesse, Opladen 1982, S. 478-552.

[2] Hermle, Reinhard , Der Konflikt in Nordirland: Ursachen, Ausbruch und Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung des Zeitraums 1963-1972; Eine Fallstudie zum Problem innergesellschaftlicher politischer Gewalt, München 1979, S.237.

[3] Neumann, Peter, IRA: Langer Weg zum Frieden, Europäische Verlagsanstalt/ Sabine Groenewold Verlage, Hamburg 2002, S. 72.

[4] Ebd., S. 239.

[5] Kandel, Johannes, Der Nordirland - Konflikt: Von seinen Wurzeln bis zur Gegenwart, in: Politik- und Gesellschaftsgeschichte, Band 69, hrsg. von Dieter Dowe und Michael Schneider, Bonn 2005, S.222.

[6] Kandel, Johannes, Der Nordirland – Konflikt, Bonn 2005, S. 223.

[7] Ebd., S.227.

[8] Ebd., S. 133.

[9] Neumann, Peter, IRA: Langer Weg zum Frieden, Europäische Verlagsanstalt/ Sabine Groenewold Verlage, Hamburg 2002, S. 144-146.

[10] Kandel, Johannes, Der Nordirland – Konflikt, Bonn 2005, S.228-229.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Vergleichende Analyse der Austiegsmöglichkeiten aus terroristischen Gruppierungen am Beispiel der RAF und der IRA
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Abteilung Geschichte)
Veranstaltung
Ausstieg aus terroristischen Gruppen am Ende des 20. Jahrhunderts: Deutschland im internationalen Vergleich
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V113600
ISBN (eBook)
9783640147625
ISBN (Buch)
9783640147731
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergleichende, Analyse, Austiegsmöglichkeiten, Gruppierungen, Beispiel, Ausstieg, Gruppen, Ende, Jahrhunderts, Deutschland, Vergleich
Arbeit zitieren
Sebastian Kentsch (Autor), 2006, Vergleichende Analyse der Austiegsmöglichkeiten aus terroristischen Gruppierungen am Beispiel der RAF und der IRA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113600

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Vergleichende Analyse der Austiegsmöglichkeiten aus terroristischen Gruppierungen am Beispiel der RAF und der IRA


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden