Die anhaltende Präsenz in den Medien ist sicherlich ein Grund für die zunehmende Aufmerksamkeit und das gestiegene Interesse gegenüber dem Islam. Mit seinen ca. 1,3 Milliarden Anhängern bildet der Islam die zweitgrößte Weltreligion. Verstärkt richtet sich das Interesse aber auch auf dessen oekonomischen Bereich. Hier hat sich in den letzten Jahren auf dem Gebiet des Islamic Finance eine beeindruckende Entwicklung vollzogen. Islamic Finance steht für alle Produkte und Instrumente im Bereich der islamischen Finanzdienstleistungen, die so abgewickelt werden, dass sie nicht gegen die Vorschriften des Koran bzw. der Scharia verstoßen. Gläubigen Muslimen soll es auf diese Weise ermöglicht werden, Kapital anzulegen oder Finanzierungen zu tätigen ohne gegen ihre religiösen Wertvorstellungen zu verstoßen. Seit 1970 in Ägypten die ersten islamischen Finanzinstitutionen gegründet wurden, weist dieser Sektor mittlerweile jährliche Wachstumsraten im zweistelligen Bereich auf. Obwohl auch in den islamisch geprägten Ländern meist herkömmliche Banken mit konventionellen Produkten vorherrschen, entwickeln auch dieses Banken zunehmend Produkte für den islamischen Markt.
Auch Muslime in nicht islamisch geprägten Ländern müssen sich nach den Vorschriften des Koran bzw. der Scharia richten und sind daher als potenzielle Kunden für diese Finanzinstitute von großem Interesse. Das Vermögen aller Muslime weltweit beträgt nach Schätzungen der Deutschen Bank ca. 1,8 Billionen Euro. Gemessen an der Gesamtzahl aller Muslime, die ca. ein Viertel der Weltbevölkerung ausmachen, ist der Marktanteil der islamischen Finanzdienstleistungen am Gesamtmarkt mit einem Prozent noch sehr gering. Daher ist dieses Marktsegment für Banken und Finanzdienstleister sehr attraktiv.
Eine Besonderheit des islamischen Finanzwesens ist, dass es überwiegend auf der Gewinn- und Verlustbeteiligung beruht, nicht wie das westliche System auf Zinsen. Außerdem finden religiöse Vorschriften und Wertvorstellungen deutlich mehr Beachtung als in konventionellen Systemen.
Diese Arbeit bietet einen Überblick über die Grundlagen des Islamic Finance und stellt einige gängige Finanzinstumente vor.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Überblick
1.2 Problemstellung
1.3 Aufbau der Arbeit
2. Grundlagen des Islamic Finance
2.1 Ethische und rechtliche Grundlagen
2.2 Das Zinsverbot Riba
2.3 Das Spekulationsverbot Gharar
2.4 Das Verbot des Glücksspiels und der Spekulation Maysir und Qimar
2.5 Die Vermögenssteuer Zakat
3. Scharia-konforme Finanzinstrumente
3.1 Abzahlungskauf Murabaha
3.2 Partnerschaften Mudarabah und Musharaka
3.3 Leasing Ijara
3.4 Aktienanlagen
3.5 Islamische Fonds
3.6 Islamische Anleihen Sukuk
4. Kritische Würdigung der Finanzinstrumente
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit bietet einen umfassenden Überblick über das islamische Finanzwesen, indem sie die religiösen Einschränkungen aus Koran und Scharia analysiert und deren Auswirkungen auf moderne Investitions- und Finanzierungstechniken untersucht. Ziel ist es, die Vereinbarkeit dieser strengen Rahmenbedingungen mit praktischen Finanzinstrumenten sowie deren Defizite und Verbesserungspotenziale aufzuzeigen.
- Grundlagen und ethische Prinzipien des Islamic Finance
- Analyse von Zins- und Spekulationsverboten
- Scharia-konforme Finanzierungsinstrumente wie Murabaha und Leasing
- Beteiligungsmodelle und islamische Anleihen (Sukuk)
- Kritische Würdigung der Marktpraxis und Entwicklungsperspektiven
Auszug aus dem Buch
2.3 Das Spekulationsverbot Gharar
Das Spekulationsverbot Gharar, was übersetzt Risiko, Unsicherheit bzw. Spekulation bedeutet, stellt eine weitere wichtige Vorgabe dar, die im Rahmen des Islamic Finance zu beachten ist. Im Gegensatz zum Zinsverbot Riba ist es jedoch nicht explizit definiert. So ist Gharar nur in außergewöhnlich hohem Maße und nicht grundsätzlich verboten. Zwei wesentliche Faktoren des Gharar sind die Unsicherheit und die Täuschung. Dies bedeutet, dass keine Partei aus einem Geschäft oder Vertrag einen Nutzen auf Kosten der anderen Partei ziehen darf. Gharar bezeichnet risikoreiche Geschäfte, bei denen Unklarheit bzw. Unsicherheit über die Leistung herrscht, die der Käufer erhalten wird.
Unterschieden wird hier in zwei Arten, in Gharar fahish, (bedeutend) und Gharar yasir (trivial). Während ersteres nach islamischem Recht verboten ist, wird die zweite Art des Gharar toleriert. Da Gharar ein schwieriges Thema in der islamischen Rechtsauffassung darstellt, soll im Folgenden anhand einiger Beispiele verdeutlicht werden, wie Transaktionen aussehen, die Gharar beinhalten, also verboten sind:
• Unklarheit der Gattung: A verkauft B ein Kilogramm Äpfel für vier Euro.
• Unklarheit der Spezies: A verkauft B ein Haustier für hundert Euro.
• Unklarheit der Menge: A verkauft B eine Kiste Bananen für zehn Euro.
• Unklarheit des Preises: A verkauf B einen Pullover für einen Wochenlohn.
• Unmöglichkeit der Lieferung: A verkauft B einen Vogel, der auf einem Baum im Park sitzt, für zehn Euro.
• Unklarheit über den Zahlungszeitpunkt: A verkauft B sein Haus für 100.000 Euro, das B später irgendwann bezahlen möchte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das wachsende Interesse an Islamic Finance und führt in die religiösen sowie ökonomischen Rahmenbedingungen der Arbeit ein.
2. Grundlagen des Islamic Finance: Dieses Kapitel erläutert die ethischen Quellen des islamischen Rechts und definiert zentrale Verbote wie Riba, Gharar, Maysir und Qimar sowie das Prinzip der Zakat.
3. Scharia-konforme Finanzinstrumente: Hier werden praxisrelevante Finanzierungsformen wie Murabaha, Mudarabah, Musharaka, Ijara, Aktienanlagen, Fonds und Sukuk detailliert vorgestellt.
4. Kritische Würdigung der Finanzinstrumente: Das Kapitel reflektiert kritisch über die Komplexität und die teilweise Nähe konventioneller Instrumente zu zinsbasierten Strukturen, sowie über Herausforderungen bei der Umsetzung.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt die Notwendigkeit einheitlicher Standards für die zukünftige Entwicklung des Marktes hervor.
Schlüsselwörter
Islamic Finance, Scharia, Riba, Zinsverbot, Gharar, Spekulationsverbot, Murabaha, Mudarabah, Musharaka, Ijara, Zakat, Sukuk, Investmentfonds, Aktien, Rechtsgelehrte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Grundlagen und Instrumente des islamischen Finanzwesens unter Berücksichtigung der religiösen Vorgaben des Korans und der Scharia.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen das Zinsverbot, das Spekulationsverbot, soziale Abgaben wie die Zakat sowie die Strukturierung von Finanzprodukten für den islamischen Markt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie trotz strikter religiöser Einschränkungen funktionierende Finanzierungs- und Anlagetechniken umgesetzt werden und welche Defizite dabei bestehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine strukturierte Analyse und kritische Würdigung der bestehenden islamischen Finanzinstrumente auf Basis der einschlägigen Fachliteratur und Rechtsquellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Instrumente wie Murabaha, Leasing (Ijara), Partnerschaften (Mudarabah/Musharaka) sowie Aktien und Anleihen (Sukuk).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Islamic Finance, Riba, Gharar, Scharia-Konformität, Mudarabah, Musharaka und Sukuk.
Wie unterscheiden sich Murabaha und konventionelle Darlehen?
Bei Murabaha fungiert die Bank als Zwischenhändler, der eine Ware erwirbt und mit einem Gewinnaufschlag weiterverkauft, statt Zinsen auf einen Geldkredit zu erheben.
Warum sind Sukuk-Anleihen für Investoren attraktiv?
Sukuk basieren auf tatsächlichen Vermögenswerten (Underlying Assets) und bieten eine Alternative zu zinsbasierten Anleihen, wobei sie Anteile an Erträgen und am Vermögen verbriefen.
Was ist das Problem bei der kritischen Würdigung der Instrumente?
Kritiker bemängeln, dass viele Produkte lediglich konventionelle Finanzinstrumente nachbilden und ökonomisch oft eine Zinskomponente enthalten, statt eigene, innovative islamische Lösungen zu sein.
Was schlägt der Autor zur Vertrauensstärkung vor?
Der Autor schlägt die Bildung autonomer, übergeordneter Scharia-Boards vor, um einheitliche Standards zu schaffen und die Markttransparenz für Kunden zu erhöhen.
- Quote paper
- Thorsten Steffens (Author), 2008, Islamic Finance, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113602