Methoden des Motivational Interviewings im Umgang mit Reaktanz bei Drogenabhängigen


Hausarbeit, 2002
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Psychologische Reaktanz
1.1 Der Begriff Reaktanz
1.2 Ursachen von Reaktanz in Beratung und Therapie bei Abhängigen

2 Therapeutischer Umgang mit Reaktanz
2.1 Konfrontative Methoden
2.2 Strategien des Motivational Interviewing im Umgang mit Widerstand
2.3 Fallbeispiel

3 Resümee

4 Literaturverzeichnis

1 Psychologische Reaktanz

1.1 Der Begriff Reaktanz

In der Sozialpsychologie wird Reaktanz als „durch äußeren Druck ausgelöstes Widerstandsmotiv, das beim Betroffenen die verstärkte Tendenz auslöst, in der unerwünschten Weise zu handeln“[1] definiert.

Brehm prägte den Begriff der „psychologischen Reaktanz“ als einen motivationalen Erregungszustand mit dem Ziel, eine bedrohte, abnehmende oder gänzlich eliminierte Freiheit wiederherzustellen.[2] Werden Menschen mit unkontrollierbaren Situationen konfrontiert, dann reagieren sie üblicherweise mit einer gesteigerten Motivation, um verlorene Kontrolle und damit Freiheit zurückzugewinnen. Verhaltensmöglichkeiten und Objekte gewinnen besonders dann an Attraktivität, wenn die Verfügbarkeit als gefährdet angesehen wird. Menschen neigen zu psychologischer Reaktanz, wenn sie zu sehr gedrängt werden, bestimmte Einstellungen oder Ansichten zu übernehmen. Um die Handlungsfreiheit zu sichern, werden entgegensetzte Positionen vehement vertreten. Dieses Verhalten tritt insbesondere in „face-to-face“-Interaktionen auf.[3]

Widerstand ist also grundsätzlich als reaktives Verhalten zu verstehen und nicht als Persönlichkeitseigenschaft. Reaktanz ist ein typisches Verhalten, das durch äußere Bedingungen hervorgerufen wird.[4] Ein alltägliches Beispiel für psychologischen Widerstand ist die stark ansteigende Nachfrage nach Büchern und dergleichen, wenn ihnen die Zensur droht.[5]

1.2 Ursachen von Reaktanz in Beratung und Therapie bei Abhängigen

Widerstand in der Psychotherapie kann sich in verschiedensten Formen zeigen und ist kein spezifisches Verhalten von Abhängigen: Verstöße gegen Vereinbarungen, Vermeidung oder weitläufiges Umschreiben von wichtigen Themen, „Small-Talk“, Schweigen, Vermeiden von Nachdenklichkeit, Differenz zwischen Inhalt und Affekt, Gebrauch von Stereotypen, um emotionale Beteiligung zu reduzieren, Vergessen, Gähnen, wichtige Bemerkungen zwischen Tür und Angel am Ende des Gesprächs, Zuspätkommen, Versäumen von Terminen usw..[6]

Aus den psychodynamischen Theorien stammt die Annahme, das stark ausgeprägte Abwehrmechanismen bei Abhängigen ein Symptom einer Persönlichkeitsstörung darstellen. Die Störung wurde als Ausdruck frühkindlicher Abwehrmechanismen beschrieben. Diese Sichtweise wurde von SuchttherapeutInnen übernommen, wie z.B. von der Psychiaterin Ruth Fox (1967): „Die meisten Patienten weigern sich über mehrere Jahre, ihr Alkoholproblem anzuerkennen, wobei sie Abwehrmechanismen wie Verleugnung, Rationalisierung, Regression und Projektion verwenden.“[7] Die Ansicht, daß es sich bei Drogen- und Alkoholabhängigen um gestörte Persönlichkeiten handelt, die starke Abwehrmechanismen aufweisen, setzte sich in der Suchtbehandlung durch und wird teilweise heute noch von professionellen HelferInnen vertreten. Der Unterschied zwischen Nichtsuchtkranken und Abhängigen bezogen auf Abwehrmechanismen und Verleugnungstendenzen konnte nicht empirisch nachgewiesen werden, trotzdem hielt sich diese Einschätzung in der Praxis der Suchthilfe.[8] Das kann mit einer selektiven Fehlwahrnehmung der PraktikerInnen, im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, erklärt werden. Erwartet ein Therapeut Widerstand beim Klienten, dann wird er Abwehrmechanismen deutlicher wahrnehmen, als andere Verhaltensweisen und fühlt sich somit in seiner Hypothese bestätigt.[9]

KlientInnen, die Abwehrmechanismen zeigen, werden häufig als unmotiviert eingeschätzt. Neben der obengenannten Motivation Freiheitsspielräume zu erhalten, spielen Ambivalenzen eine große Rolle. Nach der verhaltenstherapeutischen Sichtweise befinden sich viele KlientInnen in einem Annäherungs-Vermeidungskonflikt, was ihre Therapieziele angeht. Die Beschwerden verursachen meistens nicht nur Leidensdruck, sondern auch Krankheitsgewinn. Eine widerspruchsfreie Änderungmotivation ist eher die Ausnahme. Therapeutische Änderungen sind in der Regel mit Aufwand und Kosten verbunden. Eine Kosten-Nutzen-Analyse kann besonders dann für die Erhaltung des Status quo sprechen, wenn eine Veränderung kurzfristig Nachteile mit sich bringt und positive Konsequenzen erst langfristig zu erwarten sind.[10] Dieser Faktor ist bei Abhängigen besonders stark ausgeprägt. Die Abstinenz von psychoaktiven Substanzen bringt kurzfristig nur Nachteile mit sich. Positive Veränderungen - wie gesundheitliche und soziale Stabilisierung - sind erst in ferner Zukunft zu erwarten. Reaktanz kann somit auch als Reaktion auf eigene Ambivalenzen, bezogen auf die Therapieziele, betrachtet werden. Interaktioneller Widerstand entsteht, wenn das Beziehungsangebot des Beraters oder Therapeuten nicht mit den Bedürfnissen und Möglichkeiten des Klienten übereinstimmt.[11] Erwartet z.B. ein Klient, daß die Beraterin mit ihm über Partnerschaftsprobleme spricht und dabei einfühlend und wertschätzend auf ihn eingeht, dann wird der Klient abwehrend reagieren, wenn die Beraterin schnell zum Thema berufliche Integration wechselt und ihm praktische Ratschläge gibt. Es ist unwahrscheinlich, daß sich dieser Klient nach dem Gespräch aktiv um Arbeit bemühen wird.

Nach dem Veränderungsphasenmodell von Porchaska und DiClemente bedeutet Widerstand, daß der Therapeut Strategien benutzt, die dem Veränderungsstadium des Klienten nicht angemessen sind.[12]

2 Therapeutischer Umgang mit Reaktanz

2.1 Konfrontative Methoden

Methoden der Konfrontation haben sich aus den obengenannten psychodynamischen Theorien entwickelt und aus der Philosophie der Anonymen Alkoholiker. Es handelt sich dabei um Methoden, die darauf abzielen, die Abwehrmechanismen der KlientInnen zu durchbrechen. Es wird beispielsweise versucht durch Argumentation oder Überzeugung KlientInnen dazu zu bringen, Zielvorstellungen der Behandler zu übernehmen. Diese Methoden führen häufig zu Machtkämpfen in der Therapie und erzeugen Reaktanz.

Bei dem Thema Sucht darf nicht die moralische Bewertung von Drogen- und Alkoholabhängigkeit vernachlässigt werden. Geschichtlich betrachtet wurde übermäßiger Alkoholkonsum im 16. Jhd. durch die Reformation zum negativ bewerteten Verhalten. Der Mensch wurde selbst dafür verantwortlich gemacht, ob er vor Gott genügte oder nicht. Somit war der Süchtige schuld an seinem sündhaften Verhalten. Die Industrialisierung mit ihren Idealen Fleiß, Leistung und Effektivität tat ihr Übriges zu der negativen Bewertung der Sucht. Im Unterschied zu anderen psychischen Erkrankungen wird Abhängigkeit bis heute oft als selbst verschuldetes Problem betrachtet. Diese negative Bewertung von süchtigen Verhaltensweisen haben meiner Ansicht nach wahrscheinlich zu der Entwicklung aggressiver und autoritärer Methoden in der Behandlung Abhängiger beigetragen. Begrifflichkeiten, wie „Kapitulation“, „die eigene Machtlosigkeit akzeptieren“ und „Reduzierung des Ich“, die im Synanon- und Daytop-Modell verwendet wurden, lassen vermuten, daß auch die negativen gesellschaftlichen Etikettierungen dabei eine Rolle spielten. Diese Modelle sind aus der Praxis entstanden und haben mit der Philosophie der Anonymen Alkoholiker nur noch wenig gemeinsam und begründen sich vage auf psychodynamischen Ansätzen.[13] Die genannten konfrontativen Methoden haben sich insgesamt betrachtet als ineffektiv erwiesen.[14] Trotzdem werden konfrontative Methoden immer noch in der Arbeit mit Abhängigen verwendet. Das trifft insbesondere auf abstinenzorientierte Behandlungen für Abhängige von illegalen Drogen zu.[15]

Der Begriff „Konfrontation“ kann aber auch anders interpretiert werden. Konfrontation kann auch bedeuten, daß KlientInnen im Rahmen der Therapie ein Problembewußtsein und somit Einsicht entwickeln. In der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie wird der Klient in einer therapeutischen Atmosphäre dazu ermutigt, sich selbst zu prüfen und zu verändern. D.h. der Klient konfrontiert sich selbst mit der Problemstellung. Es ist nicht der Therapeut, der die Situation des Klienten beurteilt und versucht, ihn von seiner Experteneinschätzung zu überzeugen.[16] Konfrontation im Sinne der Einsicht ist in vielen Psychotherapieschulen zu finden. Dabei handelt es sich um ein Ziel der Behandlung und nicht um eine Methode.[17]

[...]


[1] zit. Brockhaus, F.A. GmbH und Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG (Hg.): dtv Lexikon, Band 15, Mannheim 1992, S. 71

[2] vgl. Brehm 1966 in: Die Theorie der psychologischen Reaktanz: http://home.t-online.de/home/hans-steiner/reaktanz.htm, Universität München

[3] vgl. Forgas, J.P.: Soziale Interaktion und Kommunikation: Eine Einführung in die Sozialpsychologie, Weinheim 1995, S. 98-99

[4] vgl. Mid-ATTC´s online course pages: Motivation and Change in Substance Abuse Treatment in motivational interviewing, resources for clinicans, researchers and trainers: The Philosophy Behind Motivational Interviewing, http://www.motivationalinterview.org

[5] vgl. Forgas, J.P.: Soziale Interaktion und Kommunikation: Eine Einführung in die Sozialpsychologie, Weinheim 1995, S 98

[6] vgl. Margraf, J. (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 1, Berlin, Heidelberg usw. 2000, S. 388

[7] zit. Fox, R. in Miller, W.R. und Rollnick, S.: Motivierende Gesprächsführung, Freiburg im Breisgau 1999, S. 25

[8] vgl. Chess u.a. 1971, Donovan u.a. 1977, Skinner & Allen 1983 in Miller, W.R. und Rollnick, S.: Motivierende Gesprächsführung, Freiburg im Breisgau 1999, S. 25

[9] vgl. Miller, W.R. und Rollnick, S.: Motivierende Gesprächsführung, Freiburg im Breisgau 1999, S. 26

[10] vgl. Margraf, J. (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 1, Berlin, Heidelberg usw. 2000, S. 389

[11] vgl. Margraf, J. (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 1, Berlin, Heidelberg usw. 2000, S. 388

[12] vgl. Porchaska und DiClemente in Lindenmeyer, J.: Alkoholabhängigkeit, Göttingen, Bern, Toronto, Seattle 1999, S. 35-36

[13] vgl. Miller, W.R. und Rollnick, S.: Motivierende Gesprächsführung, Freiburg im Breisgau 1999, S. 24-25

[14] vgl. Miller, W.R. und Rollnick, S.: Motivierende Gesprächsführung, Freiburg im Breisgau 1999, S. 22

[15] vgl. Bölligner, L., Stöver, H. und Fietzek, L.: Drogenpraxis, Drogenrecht, Drogenpolitik: Ein Leitfaden für Drogenbenutzer, Eltern, Drogenberater, Ärzte und Juristen, Frankfurt/M. 1995, S. 101

[16] vgl. Rogers, C.R.: Die nicht-direktive Beratung, Frankfurt a.M. 1985, S. 46-47

[17] vgl. Miller, W.R. und Rollnick, S.: Motivierende Gesprächsführung, Freiburg im Breisgau 1999, S. 28

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Details

Titel
Methoden des Motivational Interviewings im Umgang mit Reaktanz bei Drogenabhängigen
Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen  (Masterstudiengang Suchthilfe)
Veranstaltung
Motivational Interviewing
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
11
Katalognummer
V113680
ISBN (eBook)
9783668335622
ISBN (Buch)
9783668335639
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Methoden, Motivational, Interviewings, Umgang, Reaktanz, Drogenabhängigen, Interviewing
Arbeit zitieren
Christine Hölzmann (Autor), 2002, Methoden des Motivational Interviewings im Umgang mit Reaktanz bei Drogenabhängigen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113680

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