Nicht zuletzt durch die wachsende Brisanz von Umweltproblemen in der
öffentlichen Wahrnehmung ist eine Diskussion um die praktischen Möglichkeiten
einer erfolgreichen Implementierung bzw. Operationalisierung des Leitbilds
Nachhaltigkeit / einer nachhaltigen Entwicklung angeregt worden. Aller Einsicht
steht aber ein mangelndes Wissen um eine erfolgreich umzusetzende
Implementierung/Operationalisierung gegenüber. Zu konstatieren ist an dieser
Stelle jedoch, dass die Umweltproblematik von Wissenschaftlern und Politikern
durchaus unterschiedlich bewertet wird. Während Vertreter eines Öko-Optimismus
(vgl.: Maxeiner, Miersch: 1996, Lomberg: 2001; siehe auch: Becker-Boost:
Wachstum ohne Grenzen. Wien 2001 etc.) die Einschätzung der Bedrohung
natürlicher Systeme z.T. für weit überzogen halten, sehen andere die Zerstörung
natürlicher Lebensgrundlagen als so weit fortgeschritten an, dass eine
Ökokatastrophe nicht mehr zu verhindern sei (siehe hierzu: Taylor: The Doomsday
Book. London 1970 etc.). Das Missverhältnis zwischen einem akuten
Entscheidungsbedarf und der faktischen Untätigkeit bzw. Ratlosigkeit vieler
Entscheidungsträger reflektiert die vorhandenen Unsicherheiten nur zu deutlich.
Konzeptuelle Ansätze bleiben, sofern vorhanden, zumeist auf einzelne
Handlungsfelder, wie z.B. die Klimapolitik beschränkt. Auch wenn die EU-Länder
in der letzten Zeit peu á peu nationale Nachhaltigkeitsstrategien vorlegen - welche
später auf Kommissionsebene zusammengebunden werden sollen (siehe hierzu:
EU-White-Paper) - sind einheitliche (nationale/internationale) Grundlagen zur
Erstellung von relevanten Indikatoren- und dadurch Zielfindungssystemen auf
deren Basis strategische Nachhaltigkeitsumsetzungskonzepte aufzubauen wären,
nur bedingt zu finden.
Ziel dieser Arbeit ist es, einen Überblick über vorhandene Systeme und Ansätze
zur Messung gesellschaftlicher Wohlfahrt im Hinblick auf eine nachhaltige
Entwicklung zu geben. Eine Darstellung aller akkumulierten Modelle kann in
diesem beengten Rahmen sicherlich nicht erfolgen. Vielmehr soll hier über eine
selektive Darstellung verschiedener Systeme ein mögliches Instrument gefunden
werden, welches einer Operationalisierung des Leitbildes einer „Nachhaltigen
Entwicklung“ dienen kann. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Problemfeld
2. Klassische Ansätze zur Messung gesellschaftlicher Wohlfahrt
3. Ergänzende und alternative Systeme zur Messung gesellschaftlicher Wohlfahrt
3.1 Verbindungsansätze – Erweiterung der VGR
3.1.1 Umweltökonomische Gesamtrechnung (UGR)
3.1.2 Umweltsatellitensysteme
3.2 Das System der Nachhaltigkeitsindikatoren
3.2.1 Kriterien für Nachhaltigkeitsindikatoren
3.2.1.1 Aufgaben und Funktionen
3.2.1.2 Verschiedene Indikatortypen
3.3 Wesen/Ansätze für Indikatoren
3.3.1 Beispiele für Indikatorensysteme
3.3.2 Der deutsche Umweltindex (DUX)
4. Diffizile Begrenzungen bei der Operationalisierung ökologischer Ziele
4.1 Verschiedene Einflussebenen und Strömungen der Operationalisierung
4.1.1 Determinierende Ideologien auf wirtschaftlicher Ebene
4.1.2 Determination durch soziale Bereiche
4.2 Kritik monofaktorieller Lösungsansätze
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Eignung bestehender Bewertungssysteme zur Messung gesellschaftlicher Wohlfahrt im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung. Dabei wird analysiert, inwieweit klassische ökonomische Kennzahlen unzureichend sind und welche alternativen Ansätze, wie etwa Nachhaltigkeitsindikatoren, als komplementäre Instrumente dienen können, um ökologische, ökonomische und soziale Ziele operationalisierbar zu machen.
- Kritik an der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) zur Wohlstandsmessung
- Analyse von Nachhaltigkeitsindikatoren und deren Anforderungsprofil
- Darstellung internationaler und nationaler Modellbeispiele (z.B. CSD, MIPS, DUX)
- Diskussion der Schwierigkeiten bei der Zieloperationalisierung
- Vergleich von Effizienz-, Substitutions- und Suffizienzstrategien
Auszug aus dem Buch
3.3.2 Der deutsche Umweltindex (DUX)
Im Kontext der vorgestellten Modelle soll der deutsche Umweltindex (DUX) hier nicht unerwähnt bleiben. Das im Jahr 2000 vom Umweltbundesamt vorgestellte Indikatorensystem stellt einen dimensionsübergreifenden Ansatz dar. Dieser beruht auf einem Distance-to-target-Ansatz. Mittels dieses Ansatzes wird versucht, Verhältnismäßigkeiten i.B. auf die Zielerreichung sichtbar zu machen. Die vergangenheitsbezogene Analyse bestimmter Veränderungen i.B. auf einen Zielzeitpunkt erlaubt eine Bestimmung der Verhältnismäßigkeit, also eines Zielerreichungsgrades. Auf diese Weise wird es möglich bestimmte Entwicklungen zu erkennen und zu bewerten. Grundlage für dieses System stellt eine vorherige Festlegung von Umweltzielen. Das Umweltbundesamt hat in diesem Fall sechs Umweltziele festgelegt und diese jeweils mit einer Indexzahl von 1000 bei vollständiger Zielerreichung belegt. Addiert kommt man so zu einem maximalen Wert von 6000, bei vollständiger Zielerreichung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemfeld: Einführung in die Diskussion um die Operationalisierung von Nachhaltigkeit und Darstellung der Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Bewertung und politischer Umsetzung.
2. Klassische Ansätze zur Messung gesellschaftlicher Wohlfahrt: Kritische Analyse der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) und ihrer Defizite bei der Erfassung ökologischer und sozialer Wohlstandsfaktoren.
3. Ergänzende und alternative Systeme zur Messung gesellschaftlicher Wohlfahrt: Untersuchung ergänzender Systeme wie der Umweltökonomischen Gesamtrechnung (UGR) und verschiedener Indikatorenmodelle zur Abbildung von Nachhaltigkeit.
4. Diffizile Begrenzungen bei der Operationalisierung ökologischer Ziele: Betrachtung der methodischen Herausforderungen, unterschiedlicher ideologischer Strömungen und der Problematik monofaktorieller Lösungsstrategien.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der analysierten Systeme als komplementäre Instrumente, die nur in einem integrativen Ansatz zur Erreichung nachhaltiger Ziele beitragen können.
Schlüsselwörter
Nachhaltige Entwicklung, Wohlfahrt, VGR, Nachhaltigkeitsindikatoren, UGR, Umweltsatellitensysteme, DUX, Operationalisierung, Ökologische Ökonomik, Effizienzstrategie, Substitutionsstrategie, Suffizienzstrategie, Marktversagen, Ressourcenverbrauch, Umweltziele.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch, wie gesellschaftliche Wohlfahrt im Kontext einer nachhaltigen Entwicklung gemessen werden kann und welche Rolle dabei alternative Bewertungssysteme neben klassischen Wirtschaftsindikatoren spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Kritik an der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR), die Konzeption von Nachhaltigkeitsindikatoren sowie die methodischen Schwierigkeiten bei der operationalen Umsetzung ökologischer Ziele.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, einen Überblick über bestehende Modelle zur Wohlstandsmessung zu geben und zu prüfen, welche Instrumente geeignet sind, das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung operationalisierbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen transdisziplinären Ansatz der Ökologischen Ökonomik, um verschiedene Indikatorensysteme und politische Strategien kritisch zu vergleichen und deren Komplementarität zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden neben der VGR insbesondere Verbindungsansätze, verschiedene Indikatortypen, spezifische Modellbeispiele wie der DUX sowie unterschiedliche strategische Lösungswege wie Effizienz-, Substitutions- und Suffizienzstrategien diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Nachhaltige Entwicklung, Operationalisierung, Indikatorensysteme, VGR und die Abwägung zwischen ökologischen und ökonomischen Interessen charakterisiert.
Was unterscheidet die UGR von reinen Umweltindikatoren-Systemen?
Während Umweltindikatoren oft Einzelwerte oder Sachzusammenhänge auf niedriger Ebene erfassen, nutzt die UGR bereits aggregierte Werte, was beide Ansätze eher als komplementär denn als substitutiv erscheinen lässt.
Warum sind monofaktorielle Lösungsansätze laut Autor abzulehnen?
Der Autor argumentiert, dass weder Effizienz-, Substitutions- noch Suffizienzstrategien für sich allein ausreichen, um die komplexen Herausforderungen der Nachhaltigkeit zu bewältigen; daher ist ein integrativer Ansatz erforderlich.
Welche Rolle spielt der "Distance-to-target-Ansatz" im DUX?
Dieser Ansatz ermöglicht es, die Verhältnismäßigkeit der Zielerreichung für definierte Umweltbereiche (wie Boden oder Klima) quantitativ zu bestimmen und somit den Fortschritt gegenüber einem festgelegten Zielzeitpunkt messbar zu machen.
- Quote paper
- Bastian Müller (Author), 2002, Kritische Betrachtung alternativer gesamtwirtschaftlicher Bewertungssysteme im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11371