Formulierung vs. Formierung von Unternehmensstrategien

Eine kritische Würdigung unterschiedlicher Forschungsströmungen


Seminararbeit, 2008

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

I. Einführung

II. Zum Strategiebegriff und der Notwendigkeit von Unternehmensstrategien
II.1 Die Notwendigkeit von Unternehmensstrategien
II.1.1 Theoretische Annäherung an das Konstrukt Strategie
II.1.2 Das Strategische Management als Bezugsrahmen
II.2 Die Forschungsobjekte Strategieinhalt und -prozess
II.3 Annäherung an die Theoriediskussion zur Formulierung und Formierung von Unternehmensstrategien

III. Zu dichotomen und integrativen Ansätzen in der Strategieprozessforschung
III.1 Die präskriptiven Denkschulen und die formulierte Strategie
III.1.1 Das Strategiemodell der Harvard Business School
III.1.2 Modell einer strategischen Planung nach Ansoff
III.2 Die deskriptiven Denkschulen und die formierte Strategie
III.2.1 Strategieprozesse und emergente Strategien
III.2.2 Zum integrativen Ansatz der Münchner Schule um Kirsch und der Genese von Unternehmensstrategien
(1) Klärung und Implikationen des Genesebegriffs
(2) Der organisatorische „ongoing process“ als Ansatzpunkt
III.3 Kritische Würdigung der vorgestellten Konzepte

IV. Zum „Strategy-as-practice“ Ansatz als nächste Evolutionsstufe
IV.1 Die Entwicklung des „Strategy-as-Practice“ Ansatzes
IV.2 Die Mikro Perspektive des „Strategy-as-Practice“ Ansatzes
IV.3 Herausforderungen auf dem Weg zum „Activity based View“

V. Brückenschlag zur Praxis: Implikationen des „State of the Art“ für die Strategieberatungs-branche

Abb.3-1: Der Strategieprozess nach Mintzberg

Abb.3-2: Prozesskategorien der Strategieformierung nach Kirsch

I. Einführung

Das heutige Umfeld von Unternehmen unterliegt einem ständigen, immer schneller fortschreitenden Wandel.[1] Planungshorizonte werden kürzer, Entscheidungen schnelllebiger, und langfristige Planungen werden allzu oft von der sich rasch verändernden Unternehmensumwelt eingeholt.[2] Auf dieser grundlegenden und allgegenwärtig zu beobachtenden Erkenntnis beruht die vorliegende Arbeit. Nach Farjoun beruhen die Forschungsbemühungen zum Thema Unternehmensstrategien auf dem Anliegen, den unterschiedlichen Erfolg von Firmen zu erklären. Die Frage, die im Zuge der immer größer werdenden Dynamik und Kompliziertheit im nationalen und internationalen wirtschaftlichen Geschehen gestellt werden muss, ist, ob heutzutage überhaupt noch die Möglichkeit besteht, im Sinne eines strukturierten Ansatzes Unternehmensstrategien ex ante für die Zukunft zu formulieren und zu implementieren[3] oder ob sich ad hoc strategisches Handeln herausbildet, d.h. Unternehmensstrategien sich formieren.[4] Auf dieser Überlegung aufbauend ist die zentrale Zielsetzung der vorliegenden Arbeit, die verschiedenen Forschungsströmungen zu diesem Themenkomplex kritisch zu reflektieren und aktuelle Tendenzen zu würdigen.

Im Rahmen eines solchen Ansatzes wird dem Leser zunächst das Handwerkszeug für eine umfassende Reflexion der Strategieprozessforschung mit auf den Weg gegeben, mit dem das Was und Warum der angestrebten Theoriediskussion beantwortet werden kann (II.). Im weiteren Gang der Untersuchung werden polarisierende sowie integrative, d.h. zusammenführende Ansätze in der Strategieprozessforschung einer kritischen Würdigung unterzogen (III.) und neue Überlegungen, die am eigentlichen Akteur in der Praxis der Strategieentwicklung ansetzen, erläutert (IV.). Abschließend sollen dem Leser, im Rahmen eines Ausblicks, die zentralen Aspekte der Problemstellung, nämlich der Umorientierung der Strategieforschung, in einem praktischen Bezugsrahmen näher gebracht werden (V.).

II. Zum Strategiebegriff und der Notwendigkeit von Unternehmensstrategien

Die Intention des zweiten Teils der vorliegenden Arbeit ist es, einen grundlegenden Überblick über den behandelten Themenbereich zu geben. Hierzu gehört – neben der Vermittlung dessen, um was es sich beim theoretischen Konstrukt Strategie handelt – auch die Einbettung der behandelten Fragestellung nach den möglichen Prozessen zu einer realisierten Unternehmensstrategie - in den Forschungsbereich des Strategischen Managements.

In diesem Zuge erscheint es zweckmäßig zunächst auf die Fragestellung, warum Unternehmen überhaupt Strategien benötigen, einzugehen (II.1). Neben einer Abgrenzung der Forschung zur Unternehmensstrategie durch die Aufspaltung in Inhaltsforschung und Prozessforschung (II.2), führt wiederum die vorgenommene Trennung der Prozessforschung in Formulierungs-, Formierungs- sowie übergeordnete integrative Ansätze zur Rechtfertigung der zentralen Zielsetzung der vorliegenden Arbeit (II.3).

II.1 Die Notwendigkeit von Unternehmensstrategien

Es ist eine legitime, jedoch in der theoretischen Diskussion der Strategieentwicklung nicht allzu häufig gestellte Frage, warum eine Unternehmung überhaupt eine Strategie benötigt.[5] Bevor im weiteren Gang der Untersuchung nun auf den Prozess der Strategieentwicklung eingegangen wird, scheint es förderlich, das Fundament, auf dem die Theoriediskussion aufgebaut sein wird, zu gießen, indem ein dieser Arbeit zu Grunde liegendes Verständnis darüber geschaffen wird, warum Strategien von kritischer Bedeutung für Unternehmen sind.

Eine Aussage darüber, warum Unternehmen auf Strategien angewiesen sind, gibt Kenichi Ohmae,[6] indem er die komplexe Fragestellung auf einen sehr praktischen und greifbaren Punkt reduziert: Wettbewerb.[7]

„What business strategy is all about – what distinguishes it from all other kinds of business planning – is, in a word, competitive advantage. Without competitors there would be no need for strategy, for the sole purpose (…) to enable the company to gain, as efficient as possible, a sustainable edge over its competitors.” (Ohmae 1982, S. 36)

Diese Sichtweise auf den Nutzen der Unternehmensstrategie als Werkzeug des Unternehmens im Sinne eines klassischen Gewinnmaximierers soll den weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit prägen. Das Beherrschen des Kampfes[8], um Gewinne auf einem Markt zu realisieren, soll hier als Triebfeder für Forschungsbemühungen auf dem Gebiet des Strategieprozesses und dem zu beobachtenden Streben nach Kontrolle dieses Prozesses gesehen werden. Auf der Logik dieses Schlusses baut nun auch der weitere Verlauf der Argumentation auf, da davon ausgegangen wird, dass eine überlegene Theorie für den Weg zu einer realisierten Unternehmensstrategie, also ein Primat auf dem Gebiet der Strategieprozessforschung, eine monetär messbare Effektivität und Effizienz steigernde Wirkung für das Unternehmen entfalten muss, um diese Stellung zu rechtfertigen.

II.1.1 Theoretische Annäherung an das Konstrukt Strategie

Der Feststellung einer „Strategiebedürftigkeit“ von Unternehmen folgend stellt sich nun die Frage, was unter dem Begriff Strategie zu verstehen ist. Wie im Folgenden zu sehen sein wird, sind schon im Zuge einer definitorischen Abgrenzung die kontroversen Blickwinkel auf das Konstrukt Strategie klar erkennbar und legen die Problemstellung nochmals offen.[9]

So findet man klassische Begriffsdefinitionen von Strategie als „ein geplantes Maßnahmenbündel der Unternehmung zur Erreichung ihrer langfristigen Ziele“ (Welge/Al-Laham 2008, S. 16) und als

„determination of the basic long-term goals and objectives of an enterprise, and the adoption of courses of action and the allocation of resources for carrying out these goals“ (Chandler 1993, S. 23),

sowie in einer Gegenbewegung um Mintzberg, die Strategie neben einer der obigen ähnlichen Weise auch in einem gänzlich anderen Sinne als Verhaltensmuster sieht. Sie stellen fest, dass “Strategy (…) a pattern, that is, consistency in behaviour over time” (Mintzberg et al. 1998, S. 9) ist. Im Gegensatz zur vorausschauenden Perspektive, der die klassischen Definitionen zu Grunde liegt, nimmt diese ein rückblickendes Perspektiv ein.

Im weiteren Verlauf der Arbeit wird jedoch auf Distanz zu einer allgemeingültigen Definition von Strategie gegangen, da diese zwangsläufig mit einer ex ante Positionierung bezüglich der Perspektive, aus der der Strategieprozess betrachtet wird, einhergehen würde. Da im Folgenden jedoch eine Würdigung unterschiedlicher Forschungsströmungen vorgenommen wird, ist auch der Strategiebegriff von mehreren Seiten zu beleuchten.[10]

II.1.2 Das Strategische Management als Bezugsrahmen

Einher mit den grundlegend unterschiedlichen Ansichten über den Strategiebegriff geht auch ein sich bezüglich Inhalten und Prozessen der Strategie beträchtlich unterscheidendes Verständnis von Strategischem Management als Rahmen der Strategieprozessforschung. Die weit gestreuten theoretischen Ausgangspositionen führen jedoch nicht zu völlig zusammenhangslosen Forschungsbemühungen auf dem Feld des Strategischen Managements, sondern zu einem breiten inspirierenden Themengebiet, bei dessen Behandlung von einem verbindenden Grundverständnis über Strategisches Management ausgegangen wird.[11] Dieses lässt sich, unabhängig von welchem Strategieverständnis man ausgeht, in folgenden Punkten zusammenfassen. Strategisches Management zeichnet sich demnach dadurch aus, dass es:[12]

- die grundsätzliche Richtung der Unternehmensentwicklung bestimmend,
- den langfristigen Erfolg des Unternehmens sichernd,
- die interne sowie externe Ausrichtung des Unternehmens bestimmend
- die Erfolgspotentiale[13] und Wettbewerbsvorteile schaffend,
- aus einer übergeordneten Perspektive agierend,

auf strategische Entscheidungen im Unternehmen einwirkt.

Die Auffassung, wie genau ein Strategisches Management diese übergeordneten Ziele zu erreichen vermag, hängt letztlich signifikant von der Sicht auf den Strategiebegriff - wie im vorherigen Abschnitt beschrieben - und dem daraus resultierenden Verständnis vom Strategieprozess ab.

II.2 Die Forschungsobjekte Strategieinhalt und -prozess

Wie im letzten Absatz festgestellt wird das Strategische Management von einer enormen Vielzahl an Forschungsansätzen geprägt. Vereinfachend kann jedoch eine Unterscheidung getroffen werden, die sich in der Zweiteilung des Strategischen Managements in Strategieprozess und Strategieinhalt manifestiert.[14] Die Wichtigkeit dieser zwei übergeordneten Kategorien der Strategieforschung zeigt sich schon darin, dass das Strategic Management Journal, welches sich in der kurzen Zeit seines Bestehens zu einem der wichtigsten Medien des Forschungsfeldes entwickelt hat[15], drei Sonderausgaben zu den Themen Strategy Content und Strategy Process veröffentlicht hat.

In ihrer Einleitung zum Thema Strategy Content weist Gastherausgeberin Montgomery nicht nur auf das weite Interesse der Forschungselite an diesem Thema[16], sondern auch auf die interessanten Verknüpfungen zu anderen ökonomischen Disziplinen hin.[17] In einer der beiden Ausgaben zum Thema Strategy Process äußert der Herausgeber des Strategic Management Journals Dan Schendel erstmals Bedenken über das sonst von ihm und den meisten Forschern postulierte dichotome Verhältnis von Strategieinhalt und –prozess.

„(…) neither can strategy content research divorce itself of strategy process research, and vice versa. Good strategy must be created and executed (…)“ (Schendel 1992, S. 3)

Ein Ansatz, der in den letzten Jahren immer stärker in den Mittelpunkt des Interesses der Strategieforschung gerückt ist und beide Teile des Strategischen Managements miteinander in Verbindung bringt, wird als „Strategy-as-Practice“ bezeichnet. Dieser wird, nach einer eingehenden Diskussion weiterer Entwicklungen auf dem Feld der Strategieforschung, im vierten Teil der Arbeit vorgestellt.

[...]


[1] Vgl. Bea/Haas (2005), S. 1; S. 7ff.

[2] Vgl. Mirow (2005), S. 42.

[3] Vgl. Gaddis (1997), S. 38 sowie Johnson et al. (2003), S. 4f.

[4] Vgl. Beinhocker/Kaplan (2002), S. 51 sowie Hungenberg/ Meffert (2003), S. 3f. und Farjoun (2007), S. 197.

[5] Vgl. hierzu bekannte Titel zum Themengebiet „Corporate Strategy“ bzw. „Strategisches Management“; z.B.: Müller-Stewens/Lechner (2005); Welge/Al-Laham (2008); Hungenberg (2004); Hungenberg/Meffert (2003); Hax/Majluf (1991); Bea/Haas (2005); Faulkner/Campbell (Hrsg. 2006).

[6] Dr. Kenichi Ohmae gilt als einer der Besten Strategen der Welt. Er war über 33 Jahre für die Managementberatung McKinsey & Company tätig und hat dort deren Strategieabteilung aufgebaut. Er ist Gründer der Managementberatung Ohmae & Associates Group und Autor mehrer Bestseller der Strategieliteratur.

[7] Vgl. Wie die zentrale Zielsetzung der Arbeit bereits verdeutlicht, handelt es sich um eine Würdigung verschiedener Forschungsströmungen. Wettbewerb soll daher an dieser Stelle nicht im Sinne einer Wettbewerbsstrategie, sondern als Triebfeder für die Strategieentwicklung überhaupt, gesehen werden. Diese kann sich dann auf verschiedenen Wegen manifestieren.

[8] Der Strategiebegriff stammt ursprünglich aus dem militärischen Bereich. Hier wurde zwischen strategischen und taktischen Variablen unterschieden. Vgl. hierzu auch Oetinger (1995), S. 23ff.

[9] Vgl. Müller-Stewens/Lechner (2005), S. 20 sowie Broich (1994), S. 39.

[10] Vgl. Broich (1994), S. 50.

[11] Vgl. Hungenberg (2006), S. 3.

[12] Vgl. zu folgenden Punkten eine Literaturzusammenfassung in Hungenberg (2006), S. 4f.

[13] Vgl. Kirsch (1991), S. 356ff und Gälweiler (1986), S. 149; Wärend Gälweiler zwar das Denken in Erfolgspotentialen entscheidend vorangetrieben hat, kritisiert Kirsch, dass dort keine generelle Begriffsexplikation geliefert wird. Kirsch hingegen spricht im Zuge von Erfolgspotentialen vom Andeuten der Möglichkeit von Erfolgen.

[14] Vgl. Macharzina/Wolf (2005), S. 265f.

[15] Vgl. Hungenberg (2006), S. 3.

[16] Vgl. Montgomery (1988), S. 3; hierzu auch Welge/Al-Laham, S. 25.

[17] Vgl. Montgomery (1988), S. 3 sowie Welge, Al-Laham (2008), S. 28.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Formulierung vs. Formierung von Unternehmensstrategien
Untertitel
Eine kritische Würdigung unterschiedlicher Forschungsströmungen
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Lehrstuhl Prof. Ringlstetter für ABWL und Organisation)
Veranstaltung
Seminar Strategisches Management
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V113720
ISBN (eBook)
9783640142835
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Formulierung, Formierung, Unternehmensstrategien, Seminar, Strategisches, Management
Arbeit zitieren
Adrian Pielken (Autor), 2008, Formulierung vs. Formierung von Unternehmensstrategien , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113720

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