Analyse und Interpretation des Werkes «Casa tomada» von Julio Cortázar

Eine Untersuchung zur Traumentstellung und Wirklichkeitsreflexion


Seminararbeit, 2007

17 Seiten, Note: 1,0

Rico Moyon (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Julio Cortázar

2 «Casa tomada»
2.1 Phantastik vs. Wirklichkeit
2.2 Der Traum
2.3 Interpretationen
2.4 Analyse des Werkes «Casa tomada»
2.4.1 Der Erzähler
2.4.2 Die Personen
2.4.2.1 Die «Casa»
2.4.2.2 Irene
2.4.2.3 «Yo»
2.4.2.4 Die Geräusche
2.5 Schlussfolgerungen

3 Bibliographie

0 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird die Erzählung der «Casa tomada» des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar einer Analyse unterzogen, deren Schwerpunkt die Untersuchung hinsichtlich der in diesem Kurzwerk implizierten Wirklichkeitsdarstellung(en) darstellt. Auf Grund der außergewöhnlichen Umstände ihrer Entstehung erfolgt die Herangehensweise unter Berücksichtigung verschiedener Aspekte, die für die Kontextualisierung der Ereignisse in der «Casa tomada» von entscheidender Wichtigkeit sind.

Nach einer kurzen Einführung in das Leben und Schaffen Julio Cortázars schließt sich die Analyse der Erzählung an, wobei zunächst ein Exkurs in das Phantastik- Verständnisses des Argentiniers im Vergleich zur Forschung erfolgt, bevor uns die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte der «Casa tomada», als deren Quelle sich ein Alptraum des damaligen Hochschuldozenten verantwortlich zeichnet, zur eigentlichen Intention dieser Abhandlung führt. Da – wie wir sehen werden – in erster Linie die inhaltliche Seite dieses Traumes Aufschluss darüber gibt, ob und inwiefern eine von der Forschung bevorzugte allegorische Interpretation haltbar erscheint oder nicht, wird sich der Fokus der vorliegenden Arbeit darauf konzentrieren, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob die Quelle der maison occupée einen realen Hintergrund hätte liefern können, den die Forschung in ihr vermutet.

Halle/Saale, August 2007

1 Julio Cortázar

Julio Francisco Cortázar wurde am 28. August des Jahres 1914 in Brüssel geboren. Nach Aufenthalten in der Schweiz und Spanien ließ sich die Familie 1918 in Bánfield, einem Vorort von Buenos Aires, nieder.

Bereits in Cortázars Kindheit manifestierte sich dessen enorme Affinität zum Lesen und Schreiben, welche ihn teilweise derart okkupierte, dass er kaum das Haus verließ (vgl. M1):

[...] desde pequeño, mi relación con las palabras, con la escritura, no se diferencia de mi relación con el mundo en general. Yo parezco haber nacido para no aceptar las cosas como me son dadas. (Cortázar; in: María Rodríquez Ortiz 2000: 23)

Zu jener Zeit trat auch Cortázars «Doppelgesichtigkeit [...] – seine Neigung zum intellektuellen 'Diskurs' sowie die Fähigkeit zur ästhetischen Intuition, zur phantastischen 'Einbildung' [...] zutage», indem er sein Elternhaus in Bánfield in ein «besetztes Haus» 'verwandelte', das von Kobolden, kindlichen Phantasmen und Ängsten heimgesucht wurde (Berg 1991: 62).

Nachdem er den Abschluss profesor en letras [1] erreicht hatte, arbeitete er von 1939 bis 1945 als Lehrer in Schulen der Provinzen Bolívar und Chivilcoy (ebd.: 68f.), bis er an die junge und arme Universität von Mendoza (vgl. M1) berufen wurde. Nach Berg (1991) trat zu jener Zeit Cortázar zum ersten Mal aus seiner «Haltung politischer Anonymität» heraus und protestierte zusammen mit Studenten gegen die die Universität betreffenden Maßnahmen der Perón-Regierung (74). Die Fakultät wurde daraufhin von der Polizei 'besetzt', wobei viele Demonstranten, darunter Cortázar, verhaftet wurden (ebd.). In eben jener Zeit entstand Julio Cortázars Erzählung «Casa tomada», die im Dezember 1946 schließlich vown Jorge Luis Borges in Los anales de Buenos Aires veröffentlicht wurde (Terramorsi 1994: 23).

Im Folgenden wird sich nunmehr eine Analyse der «Casa tomada» anknüpfen, wobei wir jedoch zunächst einige theoretische Aspekte, die für unsere Untersuchung unabdingbar sind, näher erläutern müssen.[2]

2 «Casa tomada»

Bevor die Erzählung dahingehend analysiert werden kann, bedarf es der Erläuterung zu Cortázars Auffassung von Phantastik, einer Eigenschaft, die vielen seiner Werke – und so auch «Casa tomada» – zuerkannt werden.

2.1 Phantastik vs. Wirklichkeit

Der «Casa tomada» wird zusammen mit den übrigen Erzählungen im 1951 erschienenen Band Bestiario gemeinhin das Charakteristikum phantastisch zugeschrieben, was zunächst auch von Cortázar selber bestätigt wird, wenn er sagt:

[...] son los primeros cuentos en que yo me sentí relativamente seguro de [...] lo que quería decir. Son cuentos fantásticos. (M1)[3]

Hierbei muss jedoch berücksichtigt werden, dass Cortázar keinen Unterschied zwischen der Wirklichkeit und dem Phantastischen macht:

[...] lo que pasa es que la noción de fantástico es una noción que también el diccionario [...] ha dividido para separarlo de lo real [...] Descubrí [...] que yo me movía con naturalidad en el territorio de lo fantástico sin distinguirlo demasiado de lo real. [...] Mi realidad es una realidad donde lo fantástico y lo real se entrecruzan cotidianamente. (M1; Anm.: Hervorhebung des Autors)

Für Cortázar konstituiert sich die Wirklichkeit («la realidad») folglich erst durch das Zu- sammenspiel von Wirklichem («lo real») und Phantastischem («lo fantástico»), wobei zwischen eben diesen keine Grenzen existieren:

Yo no sé [...] dónde empieza o termina lo real y lo fantástico; en mis primeros libros preferí insertar lo fantástico en un contexto minuciosamente realista (los cuentos de “Bestiario”, por ejemplo) (Cortázar; zit. n. Llosa 1968: 85)

Julio Cortázar rechnet «Casa tomada» folglich zu denjenigen Erzählungen, deren phantastische Elemente sich in einen realen Kontext 'erheben', wobei die Grenzen der einzelnen 'Welten' nicht erkennbar sind; sie gehen folglich miteinander einher («lo fantástico y lo real se entrecruzan»). In der Forschung besteht nach Tzvetan Todorov genau in diesem Zusammenspiel die erste von zwei Bedingungen für das Phantastische:

Zuerst einmal muß der Text den Leser zwingen, die Welt der handelnden Perso- nen wie eine Welt lebender Personen zu betrachten, und ihn unschlüssig werden lassen angesichts der Frage, ob die evozierten Ereignisse einer natürlichen oder einer übernatürlichen Erklärung bedürfen. (Todorov 1992: 33)

Diese Unschlüssigkeit erreicht Cortázar mit der Einbettung des Phantastischen in einen realistischen Kontext («insertar lo fantástico en un contexto minuciosamente realista»), wie wir später noch explizit sehen werden. Die zweite Bedingung im Sinne Todorovs, wonach eine allegorische oder poetische Interpretation des Werkes vom Leser ausgeschlossen werden muss (ebd.), bleibt für unser Werk jedoch eine ambivalente Angelegenheit, auf die unter Punkt 2.5 noch einmal zurückkommen werde.

Um entscheiden zu können, was in der «Casa tomada» als Phantasterei und was als mögliche (Spiegelung der) Wirklichkeit zu verstehen ist, bedarf es einer eingehenden Analyse des Textes, wobei uns die folgende Aussage Julio Cortázars von großem Nutzen sein wird: «Ahí tenés un caso en que lo fantástico no es algo que yo compruebe fuera de mí, sino que me viene de un sueño.» (Cortázar; zit. n. Seong 2006). Hiermit bezieht er sich auf einen als Grundlage für seine «Casa tomada» dienenden Traum, den wir im Folgenden betrachten werden.

2.2 Der Traum

Nachdem die Grenzen zwischen den erwähnten 'Welten' nicht fassbar scheinen, gesellt sich hierzu der Umstand der Erzählungsentstehung, der – wie sich zeigen wird – zur Interpretation einen großen Dienst beisteuern wird:

Yo soñé 'Casa tomada'. La única diferencia entre lo soñado y el cuento es que en la pesadilla yo estaba solo. Yo estaba en una casa que es exactamente la casa que se describe en el cuento, se veía con muchos detalles, y en un momento dado escuché los ruidos por el lado de la cocina y cerré la puerta y retrocedí. Es decir, asumí la misma actitud de los hermanos. [...] Yo me defendía como podía, cerrando las puertas y yendo hacia atrás. Hasta que me desperté de puro espanto. (Cortázar; zit. n. Prego Gadea 1997)

Nach Cortázars Aussage bleibt festzuhalten, dass die «Casa tomada» ein Produkt eines Alptraums darstellt, in welchem er selber der einzige Protagonist war. Die Vorkommnisse im Traum stellten die Rahmenhandlung für die Geschehnisse in unserer Erzählung. Es bleibt die Frage, inwiefern Träume die Wirklichkeit («lo real») widerspiegeln, wie es bereits Pedro Calderón de la Barca in seinem Schauspiel «La vida es sueño» im 17. Jahrhundert zur Disposition stellte – ist der Traum die Wirklichkeit und die Realität eine Scheinwirklichkeit? Spielt sich die Wirklichkeit demzufolge im Kopf ab und drückt sich im Unterbewusstsein während des Schlafes aus? Eine Antwort darauf finden wir in der Psychoanalyse Sigmund Freuds, wonach «[d]er Traum [...] durch verdrängte Inhalte, unbefriedigte Bedürfnisse und Tagesreste bestimmt [wird]» (Jung 1989: 49).

[...]


[1] Cortázar stellt im Interview 1977 in der Sendung «A Fondo» (M1) klar, dass dieser Abschluss («profesor en letras») absurd sei, da er in keiner Weise etwas mit dem profesor de letras zu tun hat. Als profesor en letras könne man, so Cortázar, alle möglichen Fächer unterrichten, was er auch tat, er widmete sich also keinesfalls nur literarischen Fächern.

[2] »Casa tomada« in: Cortazár, Julio (1987): Bestiario. Madrid: Alfaguara, 13-21.

[3] Anm. d. Autors: Dies stellt eine von mir durchgeführten Transkription des Interviews mit J.S. Serrano von 1977 dar.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Analyse und Interpretation des Werkes «Casa tomada» von Julio Cortázar
Untertitel
Eine Untersuchung zur Traumentstellung und Wirklichkeitsreflexion
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Romanistik)
Veranstaltung
Argentinische Literatur im 20. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V113763
ISBN (eBook)
9783640144648
ISBN (Buch)
9783640145881
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Interpretation, Werkes, Julio, Cortázar, Argentinische, Literatur, Jahrhundert, Casa tomada, Traum, Freud, Sein, Schein, Wirklichkeit
Arbeit zitieren
Rico Moyon (Autor), 2007, Analyse und Interpretation des Werkes «Casa tomada» von Julio Cortázar, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113763

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