Ich habe die Begleitung von Kindern in der Trauer um verstorbene Geschwister in erster Linie aus meiner persönlichen Motivation heraus zum Thema dieser Hausarbeit gemacht. Während meines Vorpraktikums in sozialtherapeutischen Kinder- und Jugendgruppen hatte ich immer wieder mit Kindern zu tun, die den Abschied von einem ihnen nahestehenden Menschen- sei es durch Trennung oder Tod- zu bewältigen haben. Es kam vor, daß mich ein Mädchen unvermittelt fragte: „Du, was passiert denn jetzt mit . . ., wo er tot ist?“ oder „Was ist denn, wenn . . . da im Sarg liegt und rauswill und der Deckel geht nicht auf?“. Diese Fragen haben mich zunächst einmal unsicher und sprachlos gemacht.
Häufiger jedoch haben wir mit Kindern zu tun, die ihre Trauer nicht verbalisieren können. Oft findet sie Ausdruck in Zurückgezogenheit, Kontaktschwierigkeiten, aber auch in Aggression und Verleugnung. Wie nun mit diesen Kindern umgehen? Wie kann ich sie unterstützen? Das sind die Fragen, die ich mir mit dieser Hausarbeit ein Stück weit beantworten will. Es geht mir dabei um die Erweiterung meiner theoretischen Kompetenz hinsichtlich einer- wie ich finde- wichtigen Thematik für meine spätere Arbeit als Sozialarbeiterin, denn nicht selten treffen wir in den unterschiedlichsten Feldern der Sozialarbeit auf Menschen in Verlustkrisen.
Um die Trauer eines Kindes verstehen und es in seiner Trauer begleiten zu können, halte ich es für sinnvoll, mich zunächst einmal mit dem Todesverständnis der Kinder und der Bedeutung des Todes eines Geschwisterkindes für das überlebende Kind auseinanderzusetzen (Kapitel 1).
Im Folgenden beschäftige ich mich dann mit der kindlichen Trauer in Abgrenzung von der Trauer Erwachsener (Kapitel 2.1. und 2.3.) und versuche, der Frage nachzugehen, wann Trauer als „gesund“, bzw. „krankmachend“ zu bezeichnen ist (Kapitel 2.2.).
Darauf folgt ein Überblick über die verschiedenen Erscheinungsformen der kindlichen Trauer unter Einbeziehung des Phasenmodells nach Furmann (Kapitel 2.4.).
Im dritten Kapitel beschäftige ich mich mit verschiedenen Aspekten der Begleitung von Kindern in der Trauer (3.1. und 3.2.) und erläutere ausgewählte Möglichkeiten zur Förderung des Gefühlsausdrucks bei Kindern (3.3.).
In meiner Hausarbeit schreibe ich zunächst einmal den Eltern die Begleitung ihres Kindes in der Trauer zu, da diese gewöhnlich seine vertrauten Bezugspersonen sind und da die Trauer um ein verstorbenes Geschwisterkind die Familie als ganze betrifft.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Wie sehen Kinder den Tod?
1.1. Was ist typisch für das Todesverständnis der Sechs- bis Zwölfjährigen?
1.2. Was bedeutet der Tod eines Geschwisters für Kinder?
2. Was ist kindliche Trauer?
2.1. Allgemeine Definition von Trauer
2.2. Lebensfördernde und lebenshemmende Trauer
2.3. Wie unterscheidet sich kindliche Trauer von „Erwachsenentrauer“?
2.4. Trauer ist individuell – Welche Erscheinungsformen kann sie zeigen?
2.4.1. Begreifen des Todes
2.4.2. Besetzungsabzug / Entwertung des Toten
2.4.3. Erinnern und Sehnen – Überbesetzen des Toten
2.4.4. Identifizierung
2.4.5. Abwehr gegen die Trauer
2.4.6. Aufnahme neuer Beziehungen
2.4.7. Schuldgefühle, Ängste, „sich verlassen fühlen“
3. Was kann „Begleitung“ bedeuten?
3.1. Elterntrauer – Kindertrauer
3.2. Aspekte zum Umgang mit trauernden Geschwistern
3.2.1. Gesunde Trauer vorleben
3.2.2. Umgang mit Wut und Schuldgefühlen
3.2.3. Regression
3.2.4. Versicherung der Liebe der Eltern
3.2.5. Die Individualität der Trauer akzeptieren
3.2.6. Trauer „auf Distanz“
3.2.7. Das Kind beim Begreifen des Todes unterstützen
3.2.8. Dulden von Abwehrmechanismen
3.2.9. Hilfe in der Phase des Sehnens und Erinnerns
3.2.10. Wenn das Kind sich in der Trauer zurückzieht
3.2.11. Vermeidung von Idealisierung
3.2.12. Sicherheit bezüglich der weiteren Lebensumstände
3.2.13. Teilnahme an Trauerfeier und Beerdigung
3.3. Die Trauer „im Fluß halten“ – Ausdrucksformen finden
3.3.1. Abschiedsrituale
3.3.2. Kreative Ausdrucksmöglichkeiten
3.3.3. Lesen mit trauernden Geschwistern
4. Schlußbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, ein theoretisches Verständnis für den Trauerprozess von Kindern zu entwickeln, die den Verlust eines Geschwisterkindes erleben, und auf dieser Basis Handlungsmöglichkeiten für die soziale Arbeit abzuleiten. Sie untersucht, wie Kinder in verschiedenen Entwicklungsstufen den Tod begreifen und welche Rolle die Familie bei der Trauerbegleitung spielt.
- Todesverständnis von Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren
- Differenzierung zwischen kindlicher Trauer und Erwachsenentrauer
- Erscheinungsformen und Abwehrmechanismen kindlicher Trauer
- Bedeutung der elterlichen Unterstützung und Trauerbewältigung
- Methoden der Trauerbegleitung wie Abschiedsrituale und kreative Ausdrucksformen
Auszug aus dem Buch
3.3.1. Abschiedsrituale
Das Ritual verstehe ich allgemein als eine Handlung, die dem einzelnen Menschen für sich oder in einer Gruppe, hilft, Übergänge zu vollziehen. Als Übergang ist im Zusammenhang dieser Arbeit der Übergang zwischen dem Leben mit dem verstorbenen Geschwisterkind und dem weiteren Leben als Familie ohne das geliebte Kind zu sehen. Rituale sollen „den Weg durch die Trauer zeigen, das Gefühl der Sicherheit auf diesem Weg geben, die Erlaubnis und die Solidarität der anderen enthalten und (. . .) durch symbolische Handlungen den Weg durch die Trauer ebnen“. Rituale geben den Rahmen, Trauergefühle fließen lassen zu können. Sie verdeutlichen, so Canacakis, die Rollenverteilung, gliedern den Trauerablauf, begrenzen manche Phasen zeitlich, klären die Beziehung zum Toten, unterstützen die Entstehung von Bindungen und verstärken den Zusammenhalt in der Gemeinschaft. Als mögliche Elemente der Trauerrituale sind zu nennen: Entspannungs- und Körperübungen, Malen, Singen, Tanzen, Dichten, Briefeschreiben, Modellieren, Musizieren, Rollenspiele, Phantasieübungen u.a. Diese Elemente dienen dazu, den Gefühlsausdruck zu fördern, den Verlust bewußt zu machen und eine Auseinandersetzung mit dem Verstorbenen und mit dem Tod zu ermöglichen. Dabei sollen möglichst alle Sinne angesprochen werden, um eine ganzheitliche Erfahrung zu erlangen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Verfasserin motiviert ihre Arbeit durch Erfahrungen aus dem Vorpraktikum und skizziert die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Trauer von Geschwisterkindern.
1. Wie sehen Kinder den Tod?: Dieses Kapitel beleuchtet das Todesverständnis in der Altersgruppe der Sechs- bis Zwölfjährigen und die spezifische Auswirkung des Verlustes eines Geschwisters auf das Kind.
2. Was ist kindliche Trauer?: Es erfolgt eine theoretische Einordnung von Trauer, eine Abgrenzung von Erwachsenentrauer sowie eine detaillierte Beschreibung der Erscheinungsformen kindlicher Trauer anhand des Phasenmodells.
3. Was kann „Begleitung“ bedeuten?: Hier werden konkrete Ansätze für die Unterstützung trauernder Kinder diskutiert, wobei der Fokus auf dem Einfluss der Elterntrauer und der Anwendung von Ritualen sowie kreativen Ausdrucksformen liegt.
4. Schlußbemerkung: Die Verfasserin reflektiert ihre Rolle als Sozialarbeiterin und betont die Notwendigkeit, Kinder in ihrer familiären Eingebundenheit zu begleiten.
Schlüsselwörter
Trauerbegleitung, Kindertrauer, Geschwistertod, Todesverständnis, Trauerarbeit, Abschiedsrituale, Identifizierung, Abwehrmechanismen, Familienkrise, Sozialarbeit, Gefühlsausdruck, Kreativität, Übergangsobjekte, Verlustverarbeitung, Kindesentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert die psychologischen Aspekte und die notwendige Begleitung von Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren, die ein Geschwisterkind durch Tod verloren haben.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen das kindliche Todesverständnis, die Unterschiede zwischen kindlicher und erwachsener Trauer, die verschiedenen Erscheinungsformen der Trauer sowie hilfreiche Begleitungs- und Ritualformen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erweiterung der theoretischen Kompetenz der Verfasserin, um trauernde Kinder in ihrer spezifischen Lebenssituation besser verstehen und aktiv unterstützen zu können.
Welche wissenschaftlichen Perspektiven werden eingenommen?
Die Arbeit basiert auf psychoanalytischen und entwicklungspsychologischen Modellen, wie etwa denen von Erna Furmann, sowie auf sozialpädagogischen Ansätzen zur Trauerbegleitung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl theoretische Definitionen von Trauer als auch praktische Richtlinien für den Umgang mit trauernden Kindern, inklusive kreativer Ausdrucksformen und der Rolle der Eltern, erläutert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind vor allem Trauerbegleitung, kindliche Entwicklung, Geschwisterverlust und ritualisierte Trauerarbeit.
Welche Bedeutung haben Abwehrmechanismen in der kindlichen Trauer?
Abwehrmechanismen wie Regression oder Verleugnung dienen dazu, das "schwache Ich" des Kindes kurzfristig vor Überforderung zu schützen; sie sind eine temporäre Reaktion, die von Begleitern geduldet werden muss.
Warum ist die Einbeziehung der Eltern so wichtig?
Die Eltern sind die primären Bezugspersonen; ihre eigene Trauer und ihr Verhalten bestimmen maßgeblich, ob das Kind seine eigene Trauer zulassen und ausdrücken kann oder unter dem "Verschweigen" leidet.
- Citar trabajo
- Dagny Wrede (Autor), 1999, Begleitung von Kindern in der Trauer bei Tod eines Geschwisterkindes, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113788