Kultfilm und Zivilisationskritik

Verfall, Untergang und Neubeginn einer Gesellschaft am Beispiel der Mad Max-Trilogie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

53 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einführung
1.1. Das Genre
1.2. Historischer Hintergrund

2. Analyse
2.1. „Brennstoffmangel und Höllenjockeys“ – Der Zerfall der Gesellschaftsstrukturen in Mad Max
2.2. „Das Chaos regierte“ – Apokalypse & Anarchie in The Road Warrior
2.3. “Help building a better tomorrow” - Bartertown und die Oase als alternative Zivilisationen in Mad Max Beyond Thunderdome

3. Auswertung und Kritik

Anhang
A. Sequenzprotokoll
B. Daten zum Film

Literaturliste

1. Einführung

Bis heute gelten die Teile der Mad Max - Trilogie als absolute Kultfilme und reihen sich damit ein zwischen Werken wie The Blues Brothers, Rocky Horror Picture Show und der Star Wars Trilogie.[1]

Bereits der erste Film des australischen Regisseurs George Miller erreichte in vielen Ländern sofort Kultstatus. Nur die US-amerikanischen Verleihe wussten anfangs nicht so genau, wie sie den Film einordnen sollten. Des­halb synchro­nisierte man ihn kurzerhand mit den Stimmen bekannter ame­rikanischer Schauspieler. Erst nach dem enormen finanziellen Erfolg seiner Fortsetzung The Road War­rior fand auch der erste Mad Max -Film sein Pub­likum in den Vereinigten Staaten.

Vor allem der bis dato völlig unbekannte Schauspieler Mel Gibson, welcher für seinen ersten Auftritt in Mad Max nur 15.000 US Dollar Gage bekam, hat diesen drei Filmen vermutlich seine Karriere bis hin zum heutigen Su­perstar­status zu verdanken.

Wie kommt es aber, dass eine Low-Budget-Produktion wie Mad Max, deren Produktionskosten sich auf gerade mal 400.000 US Dollar beliefen, ganze 100 Millionen US Dollar Gewinn einspielen konnte? Bis ins Jahr 1998 stand dieses Ergebnis noch im Guinness-Buch der Rekorde als die beste Profitspanne, die ein Film je erzielt hat. Erst zwanzig Jahre nach seiner Ver­öffentlichung wurde Mad Max 1999 von The Blair Witch Project abgelöst.

Bis heute füllen die Homepages der Fans unzählige Seiten des Internets. Das Hauptinteresse gilt hierbei in be­sonderem Maße den Fahrzeugen, die, wie ich später noch erläutern werde, vor allem in den ersten beiden Mad Max -Filmen eine wich­tige Rolle spielen.

Bei meiner nachfolgenden Analyse möchte ich vor allem die soziologi­schen Aspekte der drei Filme in ihrer Entwicklung näher betrachten und untersu­chen, inwiefern der Verfall der Gesellschaft bis hin zur völligen Anarchie und letztendlich die Neuentstehung zum Teil völlig gegensätz­licher sozialer und gesellschaftlicher Strukturen sowohl filmästhetisch als auch inhaltlich dargestellt wird. Besonderes Interesse gilt dabei vor allem der quasireligiö­sen Gemeinschaft in der Raffinerie in The Road Warrior und der auf einem archaischen Rechtssystem aufgebauten Siedlerstadt Bartertown in Mad Max Beyond Thunderdome. Inwiefern diese hypotheti­schen Kurzcharakteristika meiner Ansicht nach tatsächlich zutreffend sind oder nicht, werde ich in meiner Analyse näher behandeln.

1.1. Das Genre

Die Einordnung der Mad Max -Filme in ein bestimmtes Genre gestaltet sich nicht so einfach. James Monaco charakterisiert die Filme als "futuristische Wes­tern/Road-Phantasien"[2], andere Quellen ordnen es unter Science Fiction, Actionfilm und ähnli­chem ein. Ich per­sönlich halte James Monacos Ein­schätzung für sehr zutreffend, da der Film trotz der Angabe "in einer nicht allzu fernen Zu­kunft", die zu Beginn von Mad Max gegeben wird, kaum Ele­mente des klassischen Science Fiction Films aufweist. Es gibt keine Anzei­chen für technischen Fortschritt, alle Elemente des Films (Autos, Gebäude, Klei­dung) sind uns auf gewisse Weise bekannt, wenngleich sie auch ei­genar­tig verzerrt wirken. Sicher kann man sagen, dass es sich bei Mad Max auch um ein Road Movie handelt, da Geschichte und Szenerie besonders in den ersten beiden Teilen überwiegend auf der Straße angesie­delt sind und Au­tos, wie bereits erwähnt, eine dominante Rolle spielen.

Während der erste Mad Max Film als durchschnittlicher Actionfilm cha­rakterisiert werden könnte, finden wir vor allem in The Road Warrior und Mad Max Beyond Thunderdome viele stilistische Elemente des klassischen Westerns. Dazu gehören in erster Linie die ausgiebigen Halb­nah- und Nah­aufnahmen der Stiefel und Waffen der handelnden Personen, ge­folgt von einem vertikalen Schwenk auf den Oberkörper, besonders deutlich bei­spielsweise zu Beginn von Mad Max Beyond Thunderdome, so dass es aussieht als würde Max so­eben zum Showdown à la High Noon in die Stadt reiten (Abbildung 1-3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1[3] (1. Einstellung, Cowboystiefel im staubigen Wüstensand)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 (Schwenk auf den Revolver)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 (Übergang in die Totale mit Held im Vordergrund, auf die Stadt blickend)

Auch die Kulisse der Australischen Wüste, die Staubwolken der Fahr­zeuge und das Heulen des Windes im Hintergrund bestätigen diesen Eindruck. All das erreicht seinen Höhepunkt in der Schlusssequenz von Mad Max Beyond Thunderdome, wenn die Flucht aus Bartertown mit einer alten Eisen­bahn erfolgt und Master plötzlich in einem maßgeschneider­ten Anzug im Stil der Jahrhundertwende inklusive Melone und Hebam­menkoffer auf der Bildfläche erscheint, während die Kinder im Inneren ein altes Grammo­phon reaktivieren. Hinzu kommen Slapstick-Elemente in bester Stan Lau­rel/Oliver Hardy-Manier, wie zum Beispiel, wenn einer der Verfolger mit einer Bratpfanne niedergeschlagen wird und erst die Augen zu einer un­glaublichen Grimasse verdreht, bevor er bewusstlos zu Boden fällt. Gerade der letzte der drei Mad Max- Filme ist voll von An­spielungen und ironischen Hinweisen auf andere Filme und Genres, die ich im Rahmen dieser Haus­arbeit leider nicht ausführlich beschreiben kann.

1.2. Historischer Hintergrund

Das Problem akuten Benzinmangels und damit verbundener Re­striktionen, wie er in Mad Max thematisiert wird, der Kampf um Rohöl und die Raffi­nerie, welche in The Road Warrior die Grund­lage der Gesellschaft bildet, und dann letztendlich die Suche nach alterna­tiven Formen der Energiegewin­nung in Mad Max Beyond Thunderdome kommt nicht von ungefähr. Bei all diesen Aspekten können wir einen direkten Bezug zum politischen Kontext der damaligen Zeit feststellen. Vor allem die Ölkrise der siebziger und acht­ziger Jahre hat hier ganz offensichtlich nachhaltigen Einfluss auf die Arbeit von George Miller genom­men. Ich möchte des­halb einen kurzen Abriss dazu geben, wie sich die Situation in dieser Zeit gestaltete.[4]

Anfang der siebziger Jahre versuchten die arabischen Staaten zuneh­mend, ihre Ölliefe­rungen an die westliche Welt als politisches Machtmittel einzu­setzen. Vor allem sollte die Unterstützung Israels durch den Westen ge­schwächt werden. So wurde gegen die USA und die Niederlande ein Lie­ferboykott verhängt, was sich selbstverständlich auch auf die übrigen west­europäischen Staa­ten niederschlug. So konnte die OPEC (Organization of Petroleum Ex­porting Countries) unter anderem eine Vervierfachung des Rohölpreises gegenüber 1970 durchsetzen und forcierte außerdem die Ver­staatlichung der Ölgewinnung. Die drastischen Erhöhungen hatten natür­lich Auswir­kungen auf andere Märkte und Wirtschaftszweige, was letztend­lich ab 1973/74 zur Weltwirtschaftskrise führte.

Dies brachte die westlichen Industriestaaten dazu, erste Energiespar­maß­nahmen (z.B. autofreier Sonntag) einzuführen und die Forschung zur Nut­zung "alternativer" Energie­ressourcen voranzutreiben.

1979/81 kam es dann zur zweiten, ebenfalls politisch motivierten Öl­preis­krise, bei der der Preis für ein Barrel Rohöl auf bis zu 40 US Dollar stieg (1970 kostete ein Barrel 1,40 US Dollar!). Grund hierfür waren vor allem die Iranische Revolution und der Ausbruch des ersten Golfkrieges zwi­schen Iran und Irak.

Vor allem die Anfangssequenz von The Road Warrior ist nach meiner Auf­fassung vor diesem Hintergrund zu sehen. Hier wird in besonderem Maße die Rolle wirtschaftlicher Macht in politischen Prozessen und de­ren Aus­wirkungen auf den gesamten Lebensprozess deutlich, Dieses Thema exis­tiert unter­schwellig in nahezu allen Teilen der Mad Max -Filme , auch wenn es fast nie explizit thematisiert wird.

2. Analyse

In den nachfolgenden Abschnitten werde ich mich detaillierter mit den spezifischen Inhalten der drei Mad Max Filme beschäftigen und die unter­schiedlichen Aspekte der dargestellten Gesellschaften näher untersuchen. Der Fokus ist hierbei auf den sozialen Strukturen der Gemeinschaften und den ambivalenten Lebensphilosophien der handelnden Personen.

2.1. „Brennstoffmangel und Höllenjockeys“ – Der Zerfall der Gesellschaftsstrukturen in Mad Max

In diesem Teil möchte ich näher auf meine These eingehen, dass es sich bei Mad Max, im Unterschied zu seinen beiden Fortsetzungen, nicht um ein postapokalyptisches Szenario handelt, sondern eher um eine Vorstufe zu Anarchie, Chaos und Apokalypse. Mögli­cherweise kann man die gesell­schaftliche Situation in Mad Max am ehesten als eine Art "Prä-Apokalypse" bezeich­nen.

In filmästhetischer Hinsicht sind es nach meiner Auffassung vor allem die Szenerie und die farbliche Gestaltung des Films, die einen deutlichen Ge­genpol zu den beiden Nach­folgern bilden. Zwar spielt Mad Max wie auch seine Nachfolger in Australien, aber nicht wie The Road Warrior und Mad Max Beyond Thunderdome in der Wüste, sondern in einer einigerma­ßen fruchtbaren Küstenlandschaft mit blauem Wasser und grünen Wäl­dern. Auch die übrige Ausstattung des Films ist viel farbiger als der zweite und dritte Teil der Trilogie. Die Kleidung der Einwohner der Stadt ist bunt und im gängi­gen Stil der damaligen Zeit gehalten, Autos und Wohnwagen sind farbenfroh bemalt, auch die Strei­fenwagen sind in kräftigem Rot, Gelb und Blau gehalten. Selbst die Rockerbande, welche die Straßen der Umgebung unsicher macht, die Höllenjockeys, wie die Polizei sie nennt, weichen op­tisch nicht besonders von dem Bild ab, das wir allgemein von Motorrad­gangs haben. Dies wird noch unterstrichen durch die Tatsache, dass ein großer Teil der Bande tatsächlich von einer realen, am Drehort ansässi­gen, Biker-Gang mit dem Namen „The Vigilantes“ gespielt wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4

Bezüglich des Inhalts gilt mein Interesse vor allem dem noch existenten Rechtssystem, wenngleich es sich, wie alles andere auch, im Verfall befin­det. Eines der am häufigsten auftauchenden Bildmotive des Films ist das heruntergekommene Eingangsportal der Polizeistation mit der schief hän­genden Schrift „Halls of Justice“ (Abbildung 4).

In Anbetracht der Tatsache, dass sowohl der Eingang, als auch die da­hinter liegenden Gebäude eher wie eine vor langer Zeit stillgelegte Fabrik anmu­ten, ist dies nach meiner Auffassung ein deutliches Symbol für die im Un­tergang befindliche Rechtsord­nung. Im Inneren des Hauses sieht es nicht besser aus. Die Räume der Polizeistation sind dreckig und verwahrlost, Bil­der hängen schief an der Wand, Scheiben sind eingeschla­gen, Schubkästen sind herausgezogen und liegen in der Ge­gend herum, Papier und Akten sind auf dem Boden verstreut oder in alten Kartons verstaut, überall liegt Müll.

Nichtsdestotrotz gibt es immer noch eine Polizei, die sich, wenngleich sie auch demorali­siert und unterbesetzt ist, nach wie vor mehr oder weniger erfolgreich bemüht, Recht und Ordnung durchzu­setzen. Beson­ders bemer­kenswert sind hierbei auch die ständig im Hintergrund ertö­nenden Durch­sagen einer Polizeisprecherin, welche über die neuesten Änderungen und Bestimmungen informiert. So hört man unter anderem, dass nochmals dar­auf hingewiesen wird, dass Polizisten der illegale Han­del mit Brennstoff untersagt ist und das Verbrecher und Verkehrsrow­dies in Zukunft nicht mehr mit Gefängnis, sondern der sofortigen Be­schlagnahmung ihres Fahr­zeuges bestraft werden. Der nach meiner Auf­fassung zynischste Hinweis ist zu Beginn des Films, als die Stimme im Lautsprecher die wütenden Poli­zisten darauf hinweist: „Nur mit Disziplin können wir ein erfolgreiches Verkehrsbe­ruhigungssystem aufrecht erhalten“, was an­gesichts des Chaos' auf den Straßen ziemlich lächerlich erscheint.

Auch Straßenschilder wie „Anarchie Road“ oder das Hinweisschild „High Fatality Road - deaths this year: 57“, welche zu Beginn des Films eingeblendet werden, unterstreichen die eigenartig bedrohliche Wirkung der Straßen­sze­nerie. Eigenartig deshalb, weil es bei genauer Betrachtung des Films viele alltägliche Dinge und Personen gibt, die anschei­nend völlig unbe­rührt von dieser Bedrohung der Gesell­schaft existieren. Da haben wir zum einen den Polizisten Jimmy Goose, der zu Beginn in einem ge­wöhnlichen Straßen­imbiss sitzt und von seinen Abenteuern erzählt. Zum anderen ist da das Paar, das mit dem Wohnmobil un­terwegs ist und sich über alltägliche Klei­nigkeiten streitet. Abgesehen vom Mangel an Benzin und Brennstoff scheint es in dieser Gesellschaft keine Knappheit, z.B. bei Lebensmitteln etc., zu geben.

Ebenso scheint die medizinische Versorgung noch zu funktionieren. Es mutet fast ein wenig skurril an, dass trotz der unzähligen Unfallopfer, die immer wieder fast beiläufig gezeigt werden, jederzeit ein Krankenwagen zur Stelle ist und die Versorgung im Hospi­tal, wie in den Szenen mit Max' ver­branntem Freund Goose und später mit seiner verun­glückten Frau deutlich wird, ist offensichtlich gut und professionell, auch wenn das den betreffen­den Personen in diesem Fall nichts mehr nützt.

Als der bei einem Polizeieinsatz verhaftete Johnny the Boy, ein Mitglied der Höllenjockeys, dann auch noch von zwei schmierigen Anwälten aus dem Gefängnis be­freit wird, könnte sich einem die zynische Frage aufdrängen, inwiefern sich dieses System von der uns bekannten Realität unter­scheidet. Auch der diskrete Hinweis des Polizei Captains Fifi Macaffee, der Jimmy Goose und Max Rockatansky mit den Worten verabschiedet, „solange uns die Anwälte nicht am Arsch haben, könnt ihr machen was ihr wollt“, ändert daran nur wenig.

Im Kontrast dazu stehen anfangs die privaten Aspekte in Max’ Leben. Be­sonders die Familienidylle, die Max mit seiner Frau und seinem Kind in einer schönen Villa in Strandnähe, umgeben von idyllischem Grün, genießt, hinterlässt bei mir den Ein­druck einer heilen Welt, welcher der Zerfall außerhalb nichts anhaben kann. Die Woh­nung ist gemütlich eingerichtet in vielen warmen freundlichen Farben, abends spielt seine Frau Saxophon und die beiden genießen ihre gemeinsame Zeit. Außer­dem läuft im Hin­tergrund ein Fernseher, in dem sich Max und seine Frau die neuesten Berichte der letzten Polizeieinsätze ansehen. Offen­

sichtlich scheinen auch die medialen Strukturen dieser im Untergang be­griffenen Zivilisation noch vorhanden zu sein.

Hinweise auf eine Bedrohung innerhalb der Gesellschaft gibt uns die Fest­legung einer Sperrstunde mit dem Hinweis, jede Person sofort zu verhaf­ten, die sich nach der angege­benen Zeit noch auf der Straße befin­det. Auch der fast teilnahmslose Umgang mit den Unfalltoten, etwa wenn Fifi Macaf­fee angesichts eines nächtlichen Crashs gegenüber Max trocken feststellt „Der Mann mit der Sense ist ganz schön emsig heut' Nacht“, wirkt sehr kalt und bedrohlich. Während dieser Zeit amüsiert sich ihr Kollege Goose im Übri­gen in ei­nem gewöhnlichen Nachtclub, wo ungeachtet der gesellschaftli­chen Probleme gesungen, getanzt und getrun­ken wird.

Da der Film vermutlich nicht primär den Anspruch hat, tiefsinnig gesell­schaftskritisch zu sein, gibt es auch innerhalb der Dialoge wenig Hin­weise und kritische Äußerungen zum Umfeld und zur politi­schen Situa­tion des Landes. Jede Person scheint bestrebt, für sich selbst zurechtzu­kommen und sei­nen persönlichen Frieden zu finden.

Eine Schlüsselstelle des Films ist daher das Gespräch zwischen Max und seinem Vorge­setzten Fifi Macaffee. Nach dem Tod seines Freundes und Kollegen ist Max soweit de­moralisiert und schockiert, dass er sich ent­schließt, den Dienst zu quittieren. Sein Chef aber hat andere Pläne mit ihm. Schon zu Beginn des Filmes erwähnt er an einer Stelle, dass in die­ser Ge­sellschaft niemand mehr daran glaubt, dass es noch Helden gibt. Er möchte gerne das Gegenteil be­weisen und zwar in Gestalt von Max Rockatansky. In dem Gespräch, das die beiden miteinander führen, wird außerdem deut­lich, wie sehr mit einem zunehmenden Verfall sozialer Strukturen auch das Schema von Gut und Böse ver­schwimmt. Auf die Frage nach dem Grund seiner Kündigung ant­wortet Max, er habe Angst. Und zwar nicht vor der Gefahr draußen auf der Straße, sondern weil er festgestellt hat, dass „dieser Teufelszirkus da draußen“ anfängt, ihm zu gefallen. „Noch eine Zeitlang da draußen auf den Straßen und ich bin so wie die, […] ein unheilbar Wahnsinniger. Nur weil ich 'ne Bronzeplakette trage, bin ich einer von den Guten“. Hier bringt Max die vermeint­li­chen Unterschiede von Polizei und Straßenbanden deutlich auf den Punkt, denn in ihrer Methodik sind sie kaum noch zu differen­zieren. Allerdings zeigt sich im weiteren Verlauf deutlich, dass Max schon zu sehr in das „moralische“ Ge­füge der untergehenden Gesellschaft integriert ist, als das er noch in der Lage wäre, dar­aus zu entfliehen. Dies ist auch seinem Vorgesetzten klar, und zwar schon bevor Max auf der Straße seine Familie verliert, und so ruft er ihm zum Abschied schicksalsträchtig zu: „Du wirst wieder­kommen, Rockatansky. Du hängst am Hacken, und das weißt du!“ Diese Tat­sa­che wird uns als Zuschauer schmerzlich bewusst, als der vermeintlich „gute Held“ des Films in der letzten Szene Johnny the Boy, der als Mit­glied der Biker-Gang für den Tod seines Partners Goose verantwortlich war, auf brutale Weise und mit beängstigender emotionaler Gleichgültig­keit an ein Autowrack fesselt und in die Luft jagt. Hier wird nicht nur das Motiv des „ausgebrannten Einzel­gängers“, wie es sich in The Road Warrior und Mad Max Beyond Thunderdome darstellt, mani­fe­stiert, sondern George Miller bricht an dieser Stelle auch deutlich mit klassischen Filmkonventio­nen, wie zum Beispiel, dass ein Held selbst in seiner be­rechtigten Rache immer noch ein Minimum an mo­rali­scher Größe und emo­tionaler Überlegenheit gegenüber den „Bösen“ zu bewahren hat. Diese Un­ter­schiede sind in der prä­-apokalypti­schen Gesellschaft von Mad Max aufgehoben, das alte Hobbes’sche Gesetz „Homo homini lupus“[5] regiert die Straße. Vielleicht sind „die Guten“ und „die Bösen“ nur mehr an ihren Motivatio­nen zu unterscheiden. Allerdings werden die Beweg­gründe der Straßengang, die Fifi Macaffee an ei­ner Stelle als Noma­dengesindel bezeichnet, im Film kaum the­matisiert, was den ver­mutlich gewollten Ein­druck der völligen Sinnlosigkeit und Unberechenbar­keit ihres Handelns hinterlässt. An einer Stelle kommentiert Gangmitglied Bubba Zanetti die Zerstörung des Wagens eines jungen Pär­chens schlicht und ironisch mit den Worten: „Vielleicht war’s ein Akt der Befreiung“.

Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass es sich zumindest bei dem Mord an Goose und dem Angriff auf Max in erster Linie um einen Racheakt für ihr verunglücktes Gangmitglied namens Knightrider han­delt, welcher sich in Art und Weise der Durchfüh­rung kaum von Max’ späterem „Feldzug“ gegen die Höllenjockeys unterscheidet. So musste ich feststellen, dass die beim ersten Se­hen klaren Fronten, mit zuneh­mender Be­trachtung des Films immer unschärfer wurden und ebenso im Zerfall begriffen waren wie das übrige soziale System.

Es gibt noch ein weiteres und nach meiner Auffassung zentrales Ele­ment, dass in allen drei Filmen eine große Rolle spielt, aber besonders im ersten Mad Max Film zum Tragen kommt: die Autos. Abgesehen da­von, dass der Film vor allem Actionfilmfans durch seine rasanten Ver­folgungsjagden und spektakulären Stunts eine Menge zu bieten hat, halte ich es für durchaus interessant, die Rolle der Fahrzeuge im Film und ihre Bedeutung inner­halb der Gesellschaft, näher zu untersuchen.

Die Frage, welche sich mir dabei aufdrängt, ist: Sollten in einem im Un­ter­gang begriffe­nen sozialen System nicht an­dere Dinge von elementare­rer Wichtigkeit sein als ausge­rechnet die Frage, ob man Benzin für Autos hat? Nirgends wird, wie ich bereits erwähnt habe, angedeutet, ob und inwieweit sich die Ölkrise, der Mangel an Brennstoffen auch auf andere Lebensberei­che auswirkt, denn wie können ausreichend Nahrungsmittel und anderes produziert werden, wenn nicht genug Treibstoff z.B. für Erntefahrzeuge oder weiterver­arbeitende Maschinen vorhanden ist? Es gehört natürlich nicht in den Rahmen dieser Haus­arbeit, auf diese Fragen näher einzugehen. Ich möchte daran nur deutlich ma­chen, dass ich es durch­aus nicht für selbstverständlich halte, dass sich das Leben und Überleben in ei­ner Ge­meinschaft durch Fahrzeuge manifestiert.

Dies ist möglicherweise eine europäische Sichtweise. Vielleicht ist für die Analyse dieser Thematik zu berücksichtigen, dass der Film in Australien stattfindet und von Australi­ern gedreht wurde. Es ist zu bedenken, dass Fahrzeuge in einer Gegend mit derartigen geo­graphi­schen Dimensionen, in der öffentliche Verkehrsmittel ein Fremdwort sind, von existentieller Be­deu­tung sein können.

Aber ich halte nicht nur diese rein praktische Funktion für relevant. Das Auto besitzt nach meiner Auffassung besonders im Film auch eine Eska­pismusfunktion, und zwar sowohl wörtlich, als auch im übertrage­nen Sinne. Zum einen ist da die Möglichkeit, dem Alltag und der Bedrohung der Stadt zu ent­fliehen, wie Max und Jenny es mit ihrer Fahrt in den Norden zu tun ver­suchen, zum anderen ist das Auto auch ein Symbol für Unabhängig­keit und Macht.

Ob und inwieweit dieser Stellenwert auch in einer anarchistischen, post­apokalyptischen Welt beibe­halten wird, werde ich in den folgenden Aus­führungen zu The Road Warrior und Mad Max Beyond Thunderdome nä­her un­tersuchen.

2.2. „Das Chaos regierte“ – Apokalypse & Anarchie in The Road War­rior

In der Anfangssequenz zu The Road Warrior wird erstmals der geschichtliche und politi­sche Hin­tergrund deutlich, der bereits den ersten Teil der Mad Max -Trilogie beeinflusst hat. Mein Eindruck war, dass hier im Nachhinein versucht wird zu erklären, worum es im ersten Film eigentlich geht, oder um genauer zu sein, warum die Situation so ist, wie sie in Mad Max gezeigt wurde. Meines Erach­tens nach wird die gesellschaftliche Tragweite des ersten Films in dieser Sequenz durch die kompri­mierte Form, unterlegt mit histori­schen Bildern, viel extremer beschrieben, als sie in Mad Max tat­säch­lich deutlich wird.

Wie dem auch sei, im Unterschied zu seinem Vorgänger, gibt es bei The Road Warrior keine Zweifel daran, dass es sich um ein apokalyptisches, be­ziehungsweise postapokalyp­tisches Szenario handelt. Erst am Ende des Filmes wird richtig deutlich, dass die Haupt­handlung eigentlich die Erinne­rungen eines anfangs noch unbekannten Erzählers darstellt und es sich um einen Rückblick handelt, „in jene Tage, als das Chaos regierte und die Träume keine Zukunft hatten, in diesem verwüsteten Land.“ Hierbei wird erst das Schicksal der Menschheit und dann das eines einsamen Helden ge­schildert, welcher „vor den Dämonen der Vergangenheit in die Wüste floh und dort, wo alle Hoffnungen en­den, ein neues Leben fand“. Letzteres ist nicht ganz richtig, da er letztlich doch auf der Strecke bleibt und es ihm nicht vergönnt ist, gemeinsam mit den ande­ren einen neuen Anfang zu finden.

Wie in der Montagesequenz zu Beginn des Films deutlich wird, haben „zwei mächtige Völker“ ge­geneinander Krieg geführt, in einer Welt, „in der das schwarze Gold regierte“ und damit nicht nur sich, sondern auch den Rest der Welt ins Chaos gestürzt. Zu Beginn heißt es: „Sie entfachten ein Feuer, das sie alle verschlingen sollte.“

Dabei zeigt sich, wie oft politische Entschei­dungen getroffen werden, ohne auch nur im Entferntesten die Kon­se­quenzen, nicht nur anderen sondern auch sich selbst gegenüber, zu be­rücksichtigen. Nach dem alten Motto „Nach uns die Sinnflut!“ wurde das Ende der Menschheit heraufbeschworen. Denn das Versiegen der Erdölvorräte führte zum völligen Zusammenbruch der Städte und der gesamten Zivilisation, denn nun war der Gesellschaft ihre Existenzgrundlage entzogen und die Menschen mussten feststellen, dass sie „auf Sand gebaut“ hatten. „Ohne das schwarze Gold waren sie nichts.“, bringt es der Erzähler auf den Punkt.

An dieser Stelle kommen die zeitgeschichtlichen Hintergründe, die ich in der Einleitung kurz erläu­tert habe, meiner Ansicht nach besonders zum Tragen. Es ist durchaus denkbar, dass es sich bei den verwendeten Bildein­schnitten um reale politische Debatten der damaligen Zeit han­delt, auch wenn diese möglicherweise in einem anderen Kontext ste­hen. Gerade da­durch wird aber auch deutlich, wie austauschbar und schwer­fällig staats­politische Prozesse mitunter sind und oftmals von den aktu­ellen Entwick­lungen überrollt werden. So wird gesagt: „als es nichts mehr zu fördern gab, als die donnernden Maschinen schwiegen, setzten sich ihre Füh­rer zusammen und redeten und redeten. Aber nichts konnte die Lawine aufhalten. Ihre Welt zerbrach. Die Städte explodierten, plün­dernde Horden zogen über Land und ein Feuersturm der Angst er­fasste alle“. Die Welt war dem Untergang geweiht und es gab keine Möglich­keit, sich diesem Untergang zu entzie­hen. „Nur wer noch fliehen konnte, oder brutal genug war zu rauben und zu brand­schatzen, hatte eine Chance zu überleben.“ An diesen Alternativen zeigt sich die philosophische Idee, dass eine Gesell­schaft bei dem Verlust ihrer rechtlichen Konventio­nen und Strukturen im­mer wieder in einen natürlichen Urzustand zu­rückfällt, welcher nach Auf­fassung des englischen Philosophen Thomas Hobbes der Krieg gewesen ist, und zwar der „Krieg aller gegen alle (bellum omium contra omnes)“.[6]

Denn sobald die Voraus­setzung für den so genannten „Gesellschaftsver­trag“ verworfen werden - nämlich, dass „jeder mit jedem an­deren sich verpflichtet, dem Willen des einen, dem er sich unterworfen hat, keinen Wider­stand zu leisten“ - und der Mensch wieder beginnt, sich egoistisch zu verhalten und alle Mittel an­wendet sich zu erhalten, werden auch sämtliche moralische und ethische Normen einer Zivilisa­tion außer Kraft gesetzt.[7] Dies gilt auch in der postapo­kalyptischen Welt von The Road Warrior, wie der Erzähler zu Beginn beschreibt: „In diesem Sog des allgemeinen Ver­falls ging jeder Mensch mit Moral unter.“

Dies gilt in gewisser Hinsicht auch für unseren „Helden“ Max Rocka­tansky, der die Ver­bindung zum ersten Film herstellt und dessen morali­scher Ver­fall uns bereits am Ende von Mad Max ange­deutet wurde.[8] Nach dem schmerzli­chen Verlust seiner Familie fährt er nun ziellos durch die Wüste, ein „ausgebrannter Einzelgänger“, wie ihn der Erzähler in der Anfangssequenz charakterisiert, stän­dig auf der Su­che nach Benzin und wird dabei letztend­lich, mehr oder weniger ungewollt, doch wieder zum Helden. Wie ich bei meinen Ausführungen zum Genre bereits dar­gelegt habe, lassen sich in den Mad Max Filmen viele Parallelen zum Western ziehen. Dies gilt nicht nur für die Ästhetik der Filme. Die Rolle des Max’, dem der Erzähler den Titel „der Vollstrecker“ zusetzt, entspricht in gewis­ser Hinsicht einem klassischen Charakter des Westerns, dem so genannten „Lone Rider“. Im Prinzip tut Max in The Road Warrior nichts anderes, als in eine Stadt „zu reiten“, ein paar Menschen zu helfen und dann einsam weiter zuziehen, zu ausgebrannt und deshalb unfähig, sich an eine Gemein­schaft zu binden oder sesshaft zu werden.

[...]


[1] Siehe: Engelmeier, Das Buch vom Film (1996)

[2] Film verstehen, S. 392

[3] Alle Graphiken in dieser Arbeit wurden von mir auf Basis der entsprechenden Filme angefertigt und stellen grobe Skizzen dar, welche sich auf die relevanten Aspekte der jeweiligen Einstellung konzentrieren.

[4] Ich beziehe mich hier auf: Schlaglichter der Weltgeschichte, S. 519 – 521

[5] Siehe: Thomas Hobbes. De Cive. Widmung.

[6] Leviathan, Kap. 13

[7] ebd.

[8] Siehe Ausführung oben

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Kultfilm und Zivilisationskritik
Untertitel
Verfall, Untergang und Neubeginn einer Gesellschaft am Beispiel der Mad Max-Trilogie
Hochschule
Universität Leipzig  (Kommunikations- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Das Ende der Welt? Filmische Fantasien zum Millenium
Note
1,7
Autor
Jahr
2000
Seiten
53
Katalognummer
V113792
ISBN (eBook)
9783640151578
ISBN (Buch)
9783640154081
Dateigröße
2215 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kultfilm, Zivilisationskritik, Mad Max, Filmtheorie, Filmanalyse
Arbeit zitieren
Sylvie Magerstädt (Autor), 2000, Kultfilm und Zivilisationskritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113792

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