Resilienz im Kindesalter. Positive Entwicklung trotz widriger Lebensumstände


Bachelorarbeit, 2021

48 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methodisches Vorgehen

3. Resilienz - Begriffliche Annäherung und Definition

4. Entwicklung und Charakteristika des Konzepts „Resilienz“
4.1. Dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess
4.2. Variable Größe
4.3. Situationsspezifisch und multidimensional

5. Zentrale Bezugskonzepte der Resilienzforschung
5.1. Risikofaktorenkonzept
5.2. Schutzfaktorenkonzept
5.3. Risiko- und Schutzfaktoren - Wirkprozesse und Mechanismen
5.4. Das Rahmenmodell von Resilienz

6. Empirische Forschung
6.1. Resilienzforschung
6.2. Die Kauai-Längsschnittstudie
6.3. Personale Ressourcen
6.3.1. Resilienzfaktoren
6.3.2. Kindbezogene Faktoren
6.4. Soziale Ressourcen
6.4.1. Protektive Faktoren in der Familie
6.4.2. Protektive Faktoren im sozialen Umfeld
6.5. Resilienz im Entwicklungsverlauf

7. Bedeutung von Resilienzförderung
7.1. Ziele von Resilienzförderung
7.2. Ansätze von Resilienzförderung
7.3. Resilienzförderung nach Edith H. Groteberg
7.4. Resilienzförderung in Kindertageseinrichtungen
7.4.1. Prävention und Resilienzförderung in Kindertageseinrichtungen (PRiK)

8. Schlussteil
8.1. Ergebnisse und Schlussfolgerungen für die pädagogische Praxis
8.2. Kritische Anmerkungen
8.3. Schlusswort

Literaturverzeichnis

Abstract

Die folgende Bachelorarbeit befasst sich mit dem Thema Resilienz im Kindesalter. Die dazugehörige Resilienzforschung beschäftigt sich unter anderem damit, wie es Kindern gelingen kann, sich trotz widriger Lebensumstände positiv zu entwickeln. Ziel der Arbeit soll es sein, grundlegende protektive Faktoren für Kinder zu identifizieren und Möglichkeiten und Ansätze zur Förderung von Resilienz aufzuzeigen, um folgend konkrete Schlussfolgerungen für die praktische Arbeit mit Kindern abzu­leiten. Um den Lesenden ein Grundverständnis über das Thema zu verschaffen, wird zuerst der Ver­such einer begrifflichen Annäherung unternommen, um danach einige Charakteristika des Resilienzkonstrukts vorzustellen. Anschließend werden einige Grundlagenkonzepte näher erläutert, um danach konkret auf empirische Ergebnisse von Forschungsarbeiten einzugehen und daraus wich­tige Schutzfaktoren für Kinder abzuleiten und zu beleuchten. Zuletzt spielt das Thema Resilienzför- derung eine wichtige Rolle sowie die Bedeutung von Kindertageseinrichtungen als Ort, um die psychische Widerstandskraft von Kindern nachhaltig zu stärken. Pädagogische Schlussfolgerungen und kritische Anmerkungen zum Resilienzkonzept bilden den Schlussteil.

Resilienzprozesse finden immer und überall dort statt, wo Menschen aufeinandertreffen. Das Phäno­men ist hochkomplex und trotzdem ganz alltäglich. Vor allem in der Kindheit werden wichtige Grundlagen für das Leben gelegt, sodass das Thema Resilienz bereits im frühen Alter relevant ist und psychische Widerstandskraft bei Kindern gefördert werden sollte. Dazu versucht diese Arbeit einige Grundlagen und Einblicke, unter Verwendung wichtiger Forschungsergebnisse, zu geben.

Abbildungsverzeichnis

Rahmenmodell von Resilienz (Wustmann und Fthenakis 2018, S. 65, modifiziert nach Kumpfer 1999, S. 185)

Entwicklungsmodell zur Entstehung von Resilienz (Laucht, Schmidt und Esser 2017, S. 235)

1. Einleitung

Bereits seit dem Zweiten Weltkrieg richtet sich das Interesse zahlreicher Forschender auf die Notlage von Kindern, die Bombenangriffen, Tod, Unterernährung, Völkermord und Vertreibung ausgesetzt sind. Erstaunlich ist dabei die Beobachtung, dass einige Kinder trotz dieser Widrigkeiten enorme Widerstandskräfte aufweisen können und sich gesund entwickeln, während zahlreiche Kinder schwere Traumata und psychische Störungen erleiden (Masten 2016, S. 22). Um die Frage zu klären, worin sich die Entwicklungsverläufe dieser Kinder unterscheiden, folgten Langzeitstudien, die das Ziel hatten, das Phänomen einer gesunden Entwicklung trotz widriger Lebensumstände, zu untersu­chen. Begründer dieser Forschungswelle sind beispielsweise der US-Soldat Norman Garmezy, der in seiner Dienstzeit bei der Ardennenoffensive mitgekämpfte sowie Emmy Werner, die hautnah bei Bombenangriffen auf Europa dabei war und die Auswirkungen von Hunger und Zerstörung miterle­ben musste. Die Folge ihrer Forschungsbemühungen waren zahlreiche weitere Projekte der Psycho­logie und Psychiatrie, die sich mit der Thematik befassten. Später wurde auch das Interesse anderer Wissenschaftsbereiche geweckt, wie der Epidemiologie, der Anthropologie, der Persönlichkeitspsy­chologie und der Heilpädagogik. Mit diesen Entwicklungen war die Resilienzforschung als interdis­ziplinäres und weltweit Beachtung findendes Forschungsgebiet geboren. Vor diesem Hintergrund möchte ich mit dieser wissenschaftlichen Arbeit einen Beitrag zum aktuellen Resilienzdiskurs lie­fern, da Kinder auch heute noch zahlreichen widrigen Lebenslagen ausgesetzt sind und Erwachsene benötigen, die ihnen das entsprechende Rüstzeug für eine resiliente Entwicklung vermitteln. Da ich in meiner pädagogischen Profession vor allem mit Kindern im Alter von null bis zehn Jahren zu tun habe, wird sich die inhaltliche Abhandlung der Arbeit vorwiegend auf dieses Lebensalter beziehen. Die Schwerpunktfragestellungen meiner wissenschaftlichen Ausarbeitung sind folgende:

1. Welche protektiven Faktoren zur Stärkung von Resilienz bei Kindern gibt es?
2. Welche Möglichkeiten zur Förderung von Resilienz gibt es?
3. Welche Schlussfolgerung ergeben sich aus den Erkenntnissen der Resilienzforschung für die pädagogische Praxis?

2. Methodisches Vorgehen

Der aktuelle Forschungsstand zum Thema dieser Arbeit wird mittels einer Literaturrecherche aufge­arbeitet. Zum einen werden Recherchedatenbanken von Bibliotheken und aus dem Internet genutzt, wie zum Beispiel das Suchportal „Primo“ der Freien Universität Berlin, Google Scholar, Springer Link, ERIC oder SSOAR. Hierbei wird mit einer Schlagwortesuche vorgegangen, um relevante In­halte zu erfassen (Franck 2009, S. 65). Suchbegriffe sind beispielsweise „Resilienz“, „Krise“, „psy­chische Widerstandkraft“, „Risikokinder“, „Entwicklungsaufgaben“ oder „Anpassungsstrategien“. Zum anderen findet eine Recherche vor Ort an den Bibliotheken der Hochschule für angewandte Pädagogik Berlin sowie in den Bereichsbibliotheken der Freien Universität Berlin statt. Hierbei wird die systematische Ordnung nach Themenschwerpunkten der Hochschul- und Universitätsbibliothe­ken genutzt (Sesink 2010, S. 56). Primär werden Literaturquellen der letzten 30 Jahre aus dem deutsch- und englischsprachigem Raum verwendet. Auch Studien werden zur Absicherung der wis­senschaftlichen Evidenz der Inhalte genutzt. Die Arbeit ist thematisch vom Allgemeinen bis hin zum Spezifischen gegliedert, sodass nach dem Festlegen von Definitionen und dem Erläutern von Grund­lagen, stringent auf die Beantwortung der zentralen Forschungsfragen hingearbeitet wird.

3. Resilienz - Begriffliche Annäherung und Definition

Dem Begriff „Resilienz“ liegen zahlreiche Definitionsversuche zugrunde. Diese Arbeit widmet sich hauptsächlich der entwicklungspsychologischen Literatur und deren Sichtweise von Resilienz. Im deutschsprachigen Raum hat sich vor allem die Begrifflichkeit „psychische Widerstandsfähigkeit“ durchgesetzt, die sich aus der deutschen Übersetzung des englischen Begriffs „resilience“ (dt. Spannkraft, Widerstandsfähigkeit, Elastizität) ableitet. So definieren Wustmann und Fthenakis (2018) Resilienz folgendermaßen: „Resilienz meint die psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken.“ (Wustmann und Fthenakis 2018, S. 18). Dieser Definition lässt sich entnehmen: „Es muss eine signifikante Bedrohung für die kindliche Entwicklung vorliegen und eine erfolgreiche Bewältigung dieser belastenden Lebensumstände‘ erfolgen“ (Wustmann 2004, S. 18). Dazu passend ein weiterer Definitionsversuch: „Unter Resilienz wird die Fähigkeit verstanden, Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklung zu nutzen“ (Welter-Enderlein 2012, S. 13). Dies bedeutet zugleich, dass Resilienz sich nur zeigen kann, wenn der Mensch einer Krise ausgesetzt ist.

Resilienz kann in zweierlei Weise verstanden werden. Zum einen kann Resilienz als Prozess der Bewältigung und des Ressourcenaufbaus, begriffen werden. Zum anderen kann unter Resilienz auch das Resultat einer positiven Entwicklung trotz widriger Lebensumstände verstanden werden (Masten et al. 1990, S. 16). Bender und Lösel (2008) beschreiben die Erscheinungsformen von Resilienz wie biologische Schutzmechanismen eines Organismus:

- der Protektion (z. B. in der Immunabwehr),
- der Reparatur (z. B. in der Wundheilung) und
- der Regeneration (z. B. im Schlaf) (vgl. Bender und Lösel 2008)

4. Entwicklung und Charakteristika des Konzepts „Resilienz“

Nach einer begrifflichen Annäherung widmet sich dieses Kapitel nun der Entstehung des Konzepts „Resilienz“ und dem zugrundeliegenden Paradigmenwechsel in der Gesundheits- und Entwicklungsforschung, um im Folgenden auf die drei Merkmale einzugehen, die Resilienz nach Wustmann und Fthenakis (2018) charakterisieren.

Ursprünglich entstammt das Konzept „Resilienz“ der Entwicklungspsychopathologie (Bengel 2009, S. 10). Allerdings wurde in den letzten Jahrzehnten ein Paradigmenwechsel vollzogen von einem Ansatz, der sich auf Entwicklungsdefizite und Störungen konzentriert, hin zu einer Sichtweise, die ihren Fokus auf Ressourcen und Widerstandskräfte von Menschen lenkt. Es wird also nicht mehr gefragt „Welche determinierten Faktoren und Einflüsse haben Schuld daran, dass es zu einer Entwicklungsstörung gekommen ist?“, sondern „Aufgrund welcher Faktoren können Menschen Entwicklungsrisiken meistern und wie können diese Faktoren ausgebaut und gestärkt werden?“ Wichtige Persönlichkeiten und Treiber dieses Paradigmenwechsels sind Emmy Werner und Ruth Smith, die mit ihrer „Kauai-Längsschnittstudie“ (1977 und 1982) erstmals empirisch gesicherte Zusammenhänge aufgezeigt haben, zwischen positiven Entwicklungsresultaten von Kindern, die Risikolagen ausgesetzt sind, bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen und sozialen Faktoren (Zander 2008, S. 29). Dieser Studie widmet sich im Verlauf dieser Arbeit ein gesonderter Abschnitt. Ebenso wichtig für diesen Perspektivwechsel ist Antonovskys (1997) Konzept der Salutogenese, welches sich nicht mehr mit den Ursachen von Krankheit beschäftigt, sondern mit der Erhaltung und Verbesserung von Gesundheit (vgl. Antonovsky 1997). Das aus diesen Entwicklungen hervorgegangene Konzept „Resilienz“, durch welches der Forschungszweig Resilienzforschung entstanden ist, beschäftigt sich also damit, warum Menschen sich gesund entwickeln, obwohl sie Risikofaktoren ausgesetzt sind und damit, wie man deren Ressourcen stärken kann.

4.1. Dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess

Resilienz ist kein rein genetisch determiniertes Persönlichkeitsmerkmal, sondern entsteht aus dem Zusammenspiel von Umweltfaktoren und dem Kind (Wustmann und Fthenakis 2018, S. 28 ff.). Das bedeutet, Resilienz ist unter anderem abhängig von den Erfahrungen, die ein Kind macht. Ebenso hat das Kind aber auch die Möglichkeit, seine Umwelt durch sein Handeln zu beeinflussen. Dadurch hat das Kind die Chance, sich eine stabile Umgebung aufzubauen und auf diese regulierend einzuwirken. Auch auf den Umgang mit Risikosituationen und Stress kann das Individuum Einfluss nehmen. Stress und Belastung können von Mensch zu Mensch unterschiedlich wahrgenommen und somit auch unterschiedlich bewältigt werden (Wustmann und Fthenakis ebd.). Weiß (1999) merkt hierzu aber an, dass die Einflussmöglichkeiten begrenzt sind, und warnt davor, dass Schuldzuschreibungen und Verantwortungsübertragung bei Nichtbewältigung zusätzliche Risikofaktoren darstellen, bei Kindern, die bereits schwierigen Lebenslagen ausgesetzt sind (Weiß 1999, S. 138). Außerdem ist es ein Irrtum zu glauben, dass genetische Faktoren keinerlei Auswirkung auf die Resilienz haben. Es gibt durchaus Prädispositionen, die protektive Faktoren oder Risikofaktoren darstellen, welche dann in der Umweltinteraktion relevant werden. Ebenso können sich äußere Einflüsse, wie Kriegserlebnisse oder Traumata in der DNA des Menschen verankern und vererbt werden. Festzuhalten ist aber auch, dass es sich dabei um Wahrscheinlichkeiten handelt. Ob ein vererbtes Merkmal auch zur Geltung kommt, lässt sich nur statistisch abwägen. Wichtig für die Entstehung von Resilienz ist der Fakt, dass das Erbgut durch Umweltinteraktion epigenetisch beeinflussbar ist (Lippold und Reuter 2020, S. 27 f.).

4.2. Variable Größe

Resilienz ist keine Konstante, sondern eine sich stetig verändernde Kapazität, die durch verschiedene Variablen beeinflussbar ist (Wustmann und Fthenakis 2018, S. 30 f.). Bei Kindern gibt es in ihrer Entwicklung unterschiedliche Entwicklungsaufgaben und Entwicklungsphasen und somit auch Zeitspannen, in denen sie sensibler und empfindlicher auf Umweltanforderungen reagieren. Diese Phasen nennt man „Phasen erhöhter Vulnerabilität“ (Wustmann und Fthenakis ebd.). Sie finden häufig bei Transitionen statt, wie der Wechsel von der Krippe in den Elementarbereich oder dem Übergang aus der Kindertagesstätte in die Schule (Scheithauer und Petermann 1999, S. 8). Auch außerhalb dieser Transitionen können andere Faktoren die Bewältigungskapazität des Kindes beeinflussen. Je nach Situation ist Resilienz die flexible Anpassungsfähigkeit an die Anforderungen der Umwelt (Wustmann und Fthenakis ebd.). Entscheidend sind also das Alter und die Entwicklungsstufe, auf der sich das Kind befindet.

4.3. Situationsspezifisch und multidimensional

Ein weiteres Merkmal das Resilienz prägt, ist die Kontextbezogenheit und Abhängigkeit vom Lebensbereich (Wustmann und Fthenakis 2018, S. 32). Kinder, die in einem bestimmten Bereich sehr resilient sind, können in einem anderen Kontext sehr verletzlich sein. So ist es beispielsweise möglich, dass Kinder trotz hoher schulischer Anforderungen sehr kompetent und leistungsstark sind, dafür aber in Streitsituationen mit Freunden oder Familie sehr vulnerabel und schnell emotional angreifbar sind. Im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs wird daher häufig zwischen verschiedenen Arten der Resilienz differenziert, wie zum Beispiel „emotional resilience“, „educational resilience“, „cultural resilience“ sowie „behavioral resilience“ (Wustmann und Fthenakis ebd.). Resilienz hat also zahlreiche Facetten und Dimensionen und ist somit hochkomplex zu begreifen.

5. Zentrale Bezugskonzepte der Resilienzforschung

Im folgenden Kapitel werden die zentralen Bezugskonzepte der Resilienzforschung vorgestellt. Das Risikofaktorenkonzept befasst sich mit den Wirkzusammenhängen risikoerhöhender Bedingungen, das Schutzfaktorenkonzept ergründet die Mechanismen, die risikomildernden Einflüssen zugrunde liegen. Sich daran angliedernd wird das Zusammenspiel von Risiko- und Schutzfaktoren durch einige grundlegende Modelle der Resilienzforschung erläutert. Abschließend wird sich dem Versuch von Kumpfer (1999) gewidmet, ein Rahmenmodell für Resilienz zu konzipieren, dass die multikausalen Zusammenhänge erläutert, die Resilienz beinhaltet.

5.1. Risikofaktorenkonzept

Im Mittelpunkt des Risikofaktorenkonzepts stehen die Lebensumstände, die Entwicklungsstörungen, psychische Krankheiten und gesundheitsgefährdende Bedingungen, denen Kinder ausgesetzt sind, hervorrufen (Scheithauer und Petermann 1999, S. 4). Als Risikofaktor wird ein Merkmal bezeichnet, „(...) das bei einer Gruppe von Individuen, auf die dieses Merkmal zutrifft, die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Störung im Vergleich zu einer unbelasteten Kontrollgruppe erhöht“ (Garmezy 1983, zitiert nach Laucht 1999, S. 303). Bei Risikofaktoren wird grundsätzlich in zwei Kategorien unterteilt: Die erste Kategorie bilden die kindbezogenen Vulnerabilitätsfaktoren, das bedeutet, zum einen genetisch bedingte und perinatal entstandene Faktoren und zum anderen psychologische Merkmale, welche in der Umweltinteraktion angeeignet werden. Die zweite Gruppe umfasst die Risikofaktoren oder Stressoren, die in der Umwelt des Kindes entstehen und stark durch das familiäre Umfeld beeinflusst werden (Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse 2019, S. 21). Dabei lässt sich allerdings durch die Ergebnisse der Mannheimer Risikokinderstudie (1999) festhalten, dass mit steigendem Alter die zweite Risikofaktorenkategorie zunehmend an Relevanz gewinnt, während die Vulnerabilitätsfaktoren stark an Bedeutung verlieren (vgl. Laucht 1999). Eine exemplarische Auswahl an Vulnerabilitätsfaktoren und Risikofaktoren von Wustmann und Fthenakis (2018) soll nun folgen:

Vulnerabilitätsfaktoren:

- „Prä-, peri- und postnatale Faktoren (z. B. Frühgeburt, Geburtskomplikationen, niedriges Geburtsgewicht, Ernährungsdefizite, Erkrankungen des Säuglings)
- Neuropsychologische Defizite
- Psychophysiologische Faktoren (z. B. sehr niedriges Aktivitätsniveau)
- Genetische Faktoren (z. B. Chromosomenanomalien)
- Chronische Erkrankungen (z. B. Asthma, Neurodermitis, Krebs, schwere Herzfehler, hirnorganische Schädigungen)
- Schwierige Temperamentsmerkmale, frühes impulsives Verhalten, hohe Ablenkbarkeit
- Unsichere Bindungsorganisation
- Geringe kognitive Fähigkeiten: niedriger Intelligenzquotient, Defizite in der Wahrnehmung und sozial-kognitiven Informationsverarbeitung
- Geringe Fähigkeiten zur Selbstregulation von Anspannung und Entspannung

Risikofaktoren:

- Niedriger sozioökonomischer Status, chronische Armut
- Aversives Wohnumfeld (Wohngegend mit hohem Kriminalitätsanteil)
- Chronische familiäre Disharmonie
- Elterliche Trennung und Scheidung
- Wiederheirat eines Elternteils, häufig wechselnde Partnerschaften der Eltern
- Arbeitslosigkeit der Eltern
- Alkohol-/Drogenmissbrauch der Eltern
- Psychische Störungen oder Erkrankungen eines bzw. beider Elternteile
- Kriminalität der Eltern
- Obdachlosigkeit“ (Wustmann und Fthenakis 2018, S.38)

Trotz der Einstufung eines Faktors als „Risikofaktor“ bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass bei der Einwirkung eines solchen Faktors ein negatives Entwicklungsergebnis folgt. Das Risikofaktorenkonzept lässt sich also als probabilistisch charakterisieren, es ist somit ein Wahrscheinlichkeitskonzept und nicht auf Kausalitäten beruhend (Fingerle 1999, S. 95). Vor allem bedeutsam, um die Komplexität des Risikofaktorenkonzepts zu begreifen, sind die spezifischen Wirkmechanismen der Risikofaktoren.

Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Risikofaktoren selten allein auftreten, sondern häufig eine Anhäufung belastender Faktoren der Fall ist (Bengel 2009, S. 23). Lebt ein Kind nur bei einem Elternteil, so ist auch das Risiko gesteigert, von Armut betroffen zu sein. Kinder die von Armut betroffen sind, haben es häufig schwerer einen hohen Bildungsabschluss zu erlangen, als jene, deren Eltern einen hohen sozioökonomischen Status haben. Tritt ein belastender Faktor auf, kann dieser Ursache für eine weiterführende pathogene Entwicklung darstellen (Fröhlich-Gildhoff, Rönnau- Böse 2019, S. 25). Kumulierende Risikofaktoren erhöhen also die Gefahr einer fehlangepassten Entwicklung. In einer Studie konnte Rutter (2000) herausfinden, dass die Wahrscheinlichkeit eine psychische Störung zu erleiden, um ein zehnfaches höher ist, wenn ein Kind vier Risikofaktoren ausgesetzt ist (vgl. Rutter 2000). Entscheidend ist somit nicht allein, welcher Risikofaktor auf ein Kind einwirkt, sondern die Anzahl der entwicklungsgefährdenden Belastungen.

Ebenso relevant ist die Dauer, die ein Risikofaktor präsent ist (Bender und Lösel 1998, S. 124). Lang andauernde Einwirkung chronischer Armut führt beispielsweise auch zu einer langfristigen Beeinträchtigung der kindlichen Fähigkeiten und Ressourcen. In derartigen Fällen wird von einer „Risikopersönlichkeit“ gesprochen (Bender und Lösel ebd.).

Neben der Dauer spielt auch der Zeitpunkt, zu dem ein oder mehrere Risikofaktoren eintreten, eine Rolle (Scheithauer und Petermann 1999, S. 6). Da zwischen den negativen Einflüssen auch Wechselwirkungen bestehen, kann es hier zu negativen Kettenreaktionen kommen. Den gegenseitigen Wirkmechanismen wird, durch die von der Verkettung ausgelöste mögliche Isolationen bestimmter Störungsbereiche, eine weitaus höhere Bedeutsamkeit zugesprochen, als den jeweils einzelnen Risikobedingungen. Je zeitiger ein Faktor einsetzt desto größer ist auch sein entwicklungsgefährdendes Potential und umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Risikofaktoren im Entwicklungsverlauf kumulieren und psychische Störungen oder Entwicklungsdefizite auftreten (Scheithauer und Petermann ebd.).

Des Weiteren sind die Entwicklungsstufe, auf der sich ein Kind befindet, sowie das Alter relevant. Masten (2016) bringt hier den Begriff „entwicklungspsychologisches Timing“ ins Spiel. Mit ihm beschreibt sie den Umstand, dass Kinder durch ihre kognitiven, emotionalen und sozialen Kompetenzen der jeweiligen Entwicklungsstufe für manche Risikolagen wenig empfindlich oder sehr stark empfindlich sind (vgl. Masten 2016). So können Kinder Katastrophensituationen als weniger dramatisch wahrnehmen, als Jugendliche dazu schon in der Lage wären, da sie kognitiv noch nicht in der Lage sind, die Umstände und Folgen eines dramatischen Ereignisses zu begreifen (Masten 2016, S. 133). Auch ein Verständnis für existenzielle Bedrohung für das eigene und das Leben der Familie bleibt ihnen somit noch verschlossen. Ein weiteres Beispiel zur Verdeutlichung ist, dass Säuglinge noch keine engen Freundschaften haben und ihnen somit der traumatische Verlust einer solchen Beziehung erspart bleibt. Sie sind wiederum aber auf sensitive Interaktionen mit nahestehenden Bezugspersonen angewiesen und in dieser Hinsicht stark abhängig (Masten ebd.).

Forschungen liefern Anhaltspunkte dafür, dass auch das Geschlecht eine wesentliche Rolle spielt (Fröhlich-Gildhoff und Rönnau Böse 2019, S. 26 f.). Vor allem in der Kindheit sind es eher Jungen, die für Entwicklungsstörungen anfälliger sind. In der Phase der Pubertät kehrt sich dieser Sachverhalt jedoch um. Ein möglicher Grund dafür ist, dass Mädchen während der Adoleszenz viel sensibler auf die Umstellungen des eigenen Körpers reagieren. Hier treten vor allem Krankheiten psychosomatischer Natur wie Magersucht auf. Im Erwachsenenalter sind es dann tendenziell wieder Männer, die eine höhere Vulnerabilität aufzeigen (Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse ebd.). Luthar (1999) hat unter diesem Aspekt die Forschungslage zu Jungen und Mädchen, die einer familiären Armutslage ausgesetzt waren, zusammengetragen. Daraus nun einige exemplarische Beispiele: Jungen zeigen sich in der frühen Kindheit und im Schulalter deutlich vulnerabler gegenüber der Armutslage in der Familie. Diese Verletzlichkeit schlägt sich vor allem in Wut und Aggressionen nieder, welche eine Abwärtsspirale auslösen, da die sozialen Rückmeldungen auf externalisierende Verhaltensauffälligkeiten von Freunden und der Familie eher negativ und strafend ausfallen. Diese Kettenreaktion erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Fehlentwicklung und beeinträchtigt die schulische Leistungsfähigkeit. Mädchen aus familiären Armutslagen sind eher in der späteren Kindheit und der Pubertät belastet. Dies begründet sich durch höhere Mitverantwortung, die Mädchen häufig übernehmen müssen, wie zum Beispiel das Abholen von Geschwistern und Mitarbeit im Haushalt. Hierbei entziehen sich Mädchen durch ihre Sozialisation weniger oft den Erwartungen der Familie, als Jungen dies tun. Die Mehrübernahme von Verantwortung kann zwar auch die eigene Kompetenz sowie die empfundene Selbstwirksamkeit steigern, jedoch kann sie auch überlasten und überfordern. In der Pubertät sind Mädchen oft empathischer für die Sorgen und Nöte der Eltern, als Jungen, welche eher unter der Reduktion an Möglichkeiten und den damit verbundenen Freiheitseinschränkungen leiden. Auch die Zunahme ungewollter Schwangerschaften im Teenageralter in Armutsmilieus befördert Mädchen häufiger in Rollen mit mehr Verantwortung, im Gegensatz zu Jungen, welche diese eher ablehnen. Zunehmend können sich Mädchen so nicht ihrer eigenen Identitätsentwicklung widmen und sehen sich mit Überforderungsszenarien konfrontiert (Luthar 1999, S. 8 ff.).

Zuletzt ist die individuelle Interpretation und Bewertung des Kindes ausschlaggebend für die Einordnung eines Risikofaktors und damit auch für den Grad des potentiellen Einflusses (Fröhlich- Gildhoff und Rönnau-Böse 2019, S. 27). Wie ein Kind ein belastendes Ereignis bewertet, hat vor allem mit seinen Vorerfahrungen zutun und damit, wie es gelernt hat, damit umzugehen. Das Kind ist also stark davon abhängig, wie es durch sein soziales Umfeld geprägt wurde, denn Kinder machen vorwiegend in zwischenmenschlichen Beziehungen entscheidende Erfahrungen, wie mit Stress und Belastungen umgegangen werden kann (Joachim Bauer 2016, S. 17 ff.). Verdeutlicht werden kann dies durch den Umgang eines Kindes mit der Trennung seiner Eltern. Während ein Kind diese als Erleichterung wahrnimmt, da akute Stresssituationen und Konflikte ausbleiben, hat ein anderes Kind durch die Eltern gelernt, dass es oft Grund für Streit ist und nimmt deshalb Schuldgefühle auf sich, welche als risikoerhöhender Faktor gelten (Wustmann und Fthenakis 2018, S. 44).

5.2. Schutzfaktorenkonzept

Das Schutzfaktorenkonzept befasst sich mit den Merkmalen, die die Auftretenswahrscheinlichkeit einer psychischen Störung und defizitären Entwicklung mindern oder gar ausschließen und den Verlauf einer positiven Entwicklung erhöhen (Rutter 1990, zitiert nach Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse 2019, S. 28). Nach Scheithauer und Petermann (1999) werden schützende Bedingungen in drei Gruppen eingeteilt. Kindbezogene Faktoren sind Merkmale, die das Kind von Geburt an innehat oder die eine genetische Grundlage haben. Resilienzfaktoren sind Eigenschaften, die in der Kind-Umwelt-Interaktion entstehen und aktiv beeinflussbar sind. Zuletzt die umgebungsbezogenen Faktoren, die durch das soziale Umfeld des Kindes geprägt werden (vgl. Scheithauer und Petermann 1999). Exemplarisch sollen nun einige Schutzfaktoren genannt werden, die nach Bengel, Meinders-Lücking und Rottmann (2009) zusammengetragen wurden:

kindbezogene Faktoren:

- biologische Korrelate
- leichtes Temperament
- erstgeborenes Kind
- weibliches Geschlecht

Resilienzfaktoren:

- positive Lebenseinstellung und Religiosität
- internale Kontrollüberzeugung
- hohe Selbstwirksamkeitserwartung
- realistische Selbsteinschätzung und Zielorientiertheit
- kognitive Fähigkeiten und schulische Leistung
- aktive Bewältigungsstrategien

umgebungsbezogene Faktoren

- sichere Bindung und positive Beziehung zu den Eltern
- autoritative Erziehung
- positives Familienklima und Kohäsion
- soziale Unterstützung
- hohe Qualität der Bildungsinstitution
- Kontakt zu Gleichaltrigen
- Einbindung in prosoziale Gruppen (Bengel et al. 2009, S. 49)

[...]

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Resilienz im Kindesalter. Positive Entwicklung trotz widriger Lebensumstände
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
48
Katalognummer
V1138102
ISBN (eBook)
9783346510501
ISBN (Buch)
9783346510518
Sprache
Deutsch
Schlagworte
resilienz, kindesalter, positive, entwicklung, lebensumstände
Arbeit zitieren
Franz Artur Galert (Autor:in), 2021, Resilienz im Kindesalter. Positive Entwicklung trotz widriger Lebensumstände, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1138102

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Resilienz im Kindesalter. Positive Entwicklung trotz widriger Lebensumstände



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden