Wissenschaftstheorie und Informationsbegriff in der molekularen Genetik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
11 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Peter Janich: Der Status des genetischen Wissens

Die Gentechnik und die Auseinandersetzung mit ihren eventuellen Folgen für Individuum und Gesellschaft ist ein Thema, welches sich z.Zt. großer Popularität erfreut – auch und gerade unter Geistes- und Sozialwissenschaftlern. Im Folgenden möchte ich mich zwei Texten aus diesem Bereich zuwenden, der erste stammt von dem Wissenschaftsphilosophen Peter Janich und trägt den Titel „Der Status des genetisches Wissens“, Autorin des zweiten Textes ist Lily E. Kay, die sich mit dem Thema „Wer schrieb das Buch des Lebens? Information und die Transformation der Molekularbiologie“ beschäftigt.

Janichs Text ist 2001 in einem Sammelband zu der Frage „Was wissen wir, wenn wir das menschliche Genom kennen?“ erschienen. Den Fokus werde ich beim Referieren des Textes weniger auf die Abschnitte 3, 4 und 5 richten, in denen es u.a. um den Gegenstand der Gene­tik, die „Verwissenschaftlichung“ von Mendels Zuchtregeln sowie die Rolle der Keimbahn geht, sondern möchte versuchen, die mir wichtiger erscheinenden Hauptthesen und das ihnen zu Grunde liegende Wissenschaftsverständnis herauszuarbeiten.

Janich vertritt die These, dass die philosophische Idee von wahr und falsch, Meinung und Irrtum in der molekularen Genetik verschwunden ist und man sich nur noch des Instrumenta­riums und der Methodik der Naturwissenschaften bedient (im Sinne des kritischen Rationalis­mus). Eine Meinung wird dabei erst durch Begründung oder Widerlegung zum Wissen oder zum Irrtum, „wissenschaftliche“ Ergebnisse gelten so lange als wahr, bis sie falsifiziert wer­den. Allerdings kommt „eine gesittete Gemeinschaft nicht ohne gegenseitige moralische und rechtliche Verpflichtung [aus]. Dazu rechnen Ansprüche an andere und an sich selbst, wahr, falsch und nicht gewusst zu unterscheiden und durch Suchen und Finden, durch Begründen und Widerlegen, durch Gelingen und Scheitern einzulösen.“ (Janich, 2001, S. 71). Dies sei nach Janich nun die Aufgabe der Philosophie im Human-Genom-Projekt (HGP).

Die Hauptthese, die Janich vertritt, ist, dass ein Riss durch das HGP geht – einerseits be­treibt man das naturwissenschaftliche Programm der Identifizierung und Sequenzierung von Genen im menschlichen Genom, andererseits ist man bestrebt, sich mit den sog. ELSI-Pro­ble­men (ethical, legal, social issues) auseinander zu setzen. Diese beiden Aufgabenbereiche ste­hen in einem folgenreichen Konflikt zweier Perspektiven zueinander, so dass Janich nun fragt: Was heißt es denn philosophisch, wenn wir das Genom „kennen“? Haben wir davon ein Wissen oder eine Meinung? Er geht in diesem Zusammenhang davon aus, dass das naturwis­senschaftliche Selbstverständnis der beteiligten Akteure die Ursache für gravierende Proble­me bei der Lösung der ELSI-Fragen ist, da es zwei unterschiedliche Bedeutungen des Begriffs Information gibt, die sich seiner Meinung nach widersprechen. Der erste Begriff, den er als „kommunikativen Informationsbegriff“ bezeichnet, besitzt semantischen Inhalt (Bedeutung und Geltung), dies können z.B. Informationen über Zugfahrpläne, genetisch bedingte Krank­heiten oder bestimmte Personen sein. Den zweiten Begriff, der eher mathematisch zu verste­hen ist und der nachrichtentechnische Informationsübertragung als kausalen, naturwissen­schaftlich beschreibbaren, an technischem Gerät realisierten Vorgang begreift, nennt er „strukturellen Informationsbegriff“. Hier geht es um den Erhalt von Strukturen einer Nach­richt, dieser Informationsbegriff hat weder Bedeutung noch Geltung (keine semantischen In­halte); Stichworte in diesem Zusammenhang sind: Code, kodieren, entschlüsseln. Dies ist auch der Informationsbegriff, der der molekularen Genetik zu Grunde liegt. Im Kontext von ELSI-Fragen jedoch geht es um die andere Bedeutung – inhaltliches Verständnis und kontrol­lierbare Geltung genetischer Informationen sind hier unerlässlich.

Janich beklagt zudem, dass eine Arbeitsteilung zwischen Kultur- und Naturwissenschaften stattgefunden hat, in der jede Disziplin sich mit dem jeweiligen Informationsbegriff beschäf­tigt. In den Naturwissenschaften, die sich des Modells und der Metaphern der Nachrichten­technik als Informationsübermittlung bedienen ist dabei das Gelingen der menschlichen Kom-munikation irrelevant – auch kaputte Geräte übertragen in diesem Sinne Informationen, nur können diese von Menschen nicht verstanden werden. Das technische Gerät selber ver­steht die Informationen nie, es ist neutral gegenüber der Bedeutung und Geltung von Kommu­ni-ziertem.

Eine weitere These Janichs ist, dass Sprachverstehen (Semantik) und Erkennen keine na­turwissenschaftlichen Gegenstände sind, sie können naturwissenschaftlich nie vollständig kausal erklärt werden (leider begründet Janich diese These nicht weiter – d. Verf.). Den In­formationsbegriff auf das HGP anzuwenden bedeutet also, sich lediglich einer Metapher zu bedienen. Die stillschweigende Unterscheidung von zwei Informationsbegriffen führt hier nur zu Missverständnissen, da so nicht beantwortet werden kann, was wir wissen, wenn wir das Genom kennen. Die „neutralen“ Informationen des Gencodes können nämlich nicht „Ursa­che“ für semantische, kommunikativ relevante Informationen über z.B. Krankheiten und de­ren (sozialen und kulturellen) Folgen sein, dennoch werden beide Informationen gleichge­setzt, d.h. immer wieder werden Informationen im Sinne der Genomstruktur als Informatio­nen über Gesundheitsrisiken, Veranlagungen, Erbgänge von Merkmalen usw. begriffen („Ab­schnitt/Informationsfolge XY auf Gen bedeutet Krankheit Z mit allen ihren sozialen Folgen“).

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Wissenschaftstheorie und Informationsbegriff in der molekularen Genetik
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Philosophische Fragen zur Gentechnik
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
11
Katalognummer
V113867
ISBN (eBook)
9783640151806
ISBN (Buch)
9783640154197
Dateigröße
400 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenschaftstheorie, Informationsbegriff, Genetik, Philosophische, Fragen, Gentechnik
Arbeit zitieren
Claudia Hoppe (Autor), 2002, Wissenschaftstheorie und Informationsbegriff in der molekularen Genetik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/113867

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