Diasporische Identitäten. Afghanische Frauen in Deutschland zwischen Fundamentalismus und Säkularismus


Bachelorarbeit, 2021

43 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gescheiterte Säkularisierung

3 Der afghanische misogyne Islamismus

4 Afghanische Migration und Frauen

5 Diasporatheorien und Diskurse
5.1 Theorie der Aufrechterhaltung von Gruppenidentität
5.2 Die Orientierung zum Ursprungsland

6 Methoden

7 Diasporische Identitäten afghanischer Frauen in Deutschland. Wie definieren sie ihre Identität?
7.1 Flucht und Diasporadasein
7.2 In der Heimat vor der Flucht
7.3 Die Orientierung zum Ursprungsland
7.4 Von der Imaginierten zur neuen Heimat
7.5 Lebensentwürfe
7.6 Abschottung und Isolation in der Diaspora
7.7 Haben Sie eine Burka getragen?

8 Schlussbemerkung

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Jahrzehnte andauernder Kriege mit den Folgen der Auseinandersetzung zwischen säkularen politischen Bestrebungen einerseits und militantem Fundamentalismus andererseits ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte Afghanistans. Insbesondere Frauen haben laut Amnesty International mit schwerst wiegenden Menschenrechtsverletzungen, Erniedrigung und Exekutionen einen hohen Preis bezahlt (Amnesty 2020). Die Unterdrückung der Frau ergibt sich sowohl aus der Verflechtung religiös islamischer Prämissen als auch aus dem vorislamischen und ethnischen Kanon der Paschtunen, auch bekannt als „Paschtunwali“, in der traditionelle gemeinschaftliche Werte und Geschlechterrollen zusammengefasst sind. Seit Jahrzehnten bildet dieser Kodex den Boden, auf dem sich das kulturelle und politische Konzept des afghanischen Fundamentalismus der Taliban gegen Frauen und den Säkularismus erhebt. Im Hinblick auf die Besonderheit des politischen Islam der Taliban sollen die Aspekte des afghanischen, misogynen Islamismus, wodurch den Frauen immer noch beispielloses Leid zugefügt wird, kurz erörtert werden. Unter anderem soll auch die historische Dominanz der paschtunischen Ethnie in der Geschichte Afghanistans erwähnt werden. Eine ungebrochene Welle der Migration aus Afghanistan hat diasporische Gemeinschaften in vielen Ländern entstehen lassen. Seit Mitte der 90er Jahre sind afghanischen Frauen zunehmend Akteurinnen der Fluchtbewegung geworden und finden in der Diaspora neue Wege, ihre subjektive Identität neu zu definieren und sich in dem neuen sozialen Umfeld einzufinden. Diaspora ist eine einschneidende menschliche Lebenserfahrung, die nach einer unfreiwilligen Flucht erfolgt und neue Lebensbedingungen schafft. Meine empirische Forschung diasporischer Identitäten von jungen afghanischen Frauen in Deutschland hat im Wintersemester 2019/20 begonnen und wurde bis Ende Mai 2021 durchgeführt. Gegenstand des Forschungsprojektes und Leitthema dieser Bachelorarbeit ist, die Skizzierung eines diasporischen Portraits anhand der Darstellung und Analyse der Befragung. Dabei stellten sich die Zentralfragen: Entlang welcher Prozesse und Vorstellungen formen sich diasporische Identitäten? Hindern Traditionen und Herkunft afghanische Frauen daran, sich zu verändern oder eventuell eine neue subjektive Identität in der Diaspora anzunehmen?

Die erfolgte Rückkehr der Taliban an die Macht lässt vermuten, dass es für Frauen weiterhin bedeuten wird, auf ungewisse Zeit entrechtet und aus dem öffentlichen Leben verbannt zu bleiben. Deshalb widme ich mich zunächst dem politischen Islam sowohl als Quelle der patriarchalischen Ordnung, in der Frauenrechte keinen Platz haben, wie auch als Quelle des ethnischen Konflikthintergrundes. Da die Taliban überwiegend Paschtunen sind oder größtenteils von den Paschtunen unterstützt werden, erzwingen sie ihre eigene Version des Islam (eine Mischung aus islamisch religiösen Praktiken und Paschtunwali). Ein kurzer Überblick über die ersten gescheiterten Säkularisierungsversuche Afghanistans soll ergänzend den kulturellen und politischen Dualismus (Säkularismus versus Fundamentalismus) des afghanischen Vielvölkerstaates verständlich machen. Insbesondere soll dargestellt werden, wie vehement der islamische Fundamentalismus schon seit jeher um die Aufrechterhaltung des Status-Quo, der mit der Diskriminierung von Frauen und ihrer Kontrolle einhergeht, kämpft. Diese Aspekte bilden die Grundlagen, die zur Flucht und Migration führen. Im nächsten Schritt soll es daher um das Verständnis des Diasporabegriffs gehen, an der Schnittstelle zwischen Migrationsethnologie und Diasporastudien. Jene Elemente, die eine Diaspora ausmachen, sollen neben den Forschungstheorien, die zur Konstruktion um die Entstehung von diasporischen Identitäten (und Narrativen) führen, erläutert werden. Entlang der gängigen Diasporatheorien werden die Forschungsergebnisse in dieser Arbeit bewertet. Zum Schluss soll dargestellt werden, wie zunehmend kulturelle Interaktion mit dem Gastland sich auf diasporische Frauen auswirkt und wie die befragten Frauen ihre eigene Diaspora erleben.

2 Gescheiterte Säkularisierung

„Zum islamistischen Kanon gehört die Überzeugung von einer Vorrangstellung des religiösen Gesetzes vor dem weltlichen. Das macht den politischen Islam demokratiefeindlich [...]“ (Susanne Schröter 2019:15).

Die Taliban sind überwiegend Paschtunen oder wurden größtenteils von den Paschtunen unterstützt. Sie erzwangen ihre eigene Version des Islam (eine Mischung aus islamisch religiösen Praktiken und Paschtunwali). Nach Fahran Zaid hat Ethnozentrismus in der paschtunischen Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Nationalismus und Konservativismus haben Relevanz zur Erhaltung ihrer Stammesgesetze. Sie glauben an ihre Überlegenheit gegenüber allen anderen ethnischen Gruppen in Afghanistan und Pakistan, indem sie sich nicht anpassen und nicht mit anderen Kulturen interagieren. Die kulturelle Bindung bleibt stark und ihr Verhaltenskodex wird immer noch buchstabengetreu praktiziert.

Fahran Zaid zufolge sah die Mehrheit der nicht-paschtunischen Gemeinschaften von Afghanistan die Paschtunen als Invasoren und Besatzer ihres Landes und leistete daher heftigen Widerstand. Nach der Machtübernahme durch die Paschtunen im 18. Jahrhundert wurde die Rolle anderer "Ethnien" in der Geschichte Afghanistans unbedeutender. Die Paschtunen versuchten, den neuen Staat zu prägen. Reha Abraham schreibt:

"Die herrschende paschtunische Familie, welche durch 'Britisch Indien' an die Macht gekommen war, favorisierte paschtunische Elemente bei ihrem Konzept von 'Staat und Nation' [...]. Die Politik der herrschenden Familie setzte die eigenen ethnischen Muster ein, um öffentliche Güter und die Verwaltung unter ihre Kontrolle zu bringen „(Abraham 2013:70).

Neben der größten Gruppe, die Paschtunen, leben in Afghanistan die Tajiken, die nach Barfield eine nicht persischstammende Gruppe ist und etwa 30% der Bevölkerung ausmacht. Die schiitische Hasara der Region Hasarajat (in der Nähe des Hindukusch) macht ca. 15% der Bevölkerung aus und soll aus ehemaligen, mongolischen Besatzern stammen (Barfield 2010: 11). Usbeken und Turkmenen (ca 10% der Bevölkerung) sind Sunniten und sprechen einen türkischstämmigen Dialekt. Sie stammen aus Zentralasien. Die Aimaqs (namentlich „Stamm“) sprechen zwar Dari sind aber vermutlich türkischstämmig und historisch in den Territorien westlich von Hazajarat (Ghor) als vier Stämme bekannt (Jamshidi, Forozkohi, Taimani und Taimuri.) Die kleineren Gruppen bestehen aus Nuristani und Pashai. Die Gruppe der Nuristani blieb länger polytheistisch und ihre Sprache hat mit keiner der anderen Gruppen in Afghanistan Ähnlichkeiten. Die Qizilbasch sind ebenso Schiiten, die Baluchen leben meist in den Wüstenregionen als Nomaden und ihre Sprache ist persischstämmig.

Die kleine Gruppe der Araber stammt zwar aus Saudi-Arabien, spricht jedoch keine arabische Muttersprache mehr und gilt als völlig regional assimiliert. Die Pamiris leben meist von Subsistenzlandwirtschaft und gelten als überwiegend nicht alphabetisiert. Jugis und Jats sind indischstämmige Kleinstgruppen, meist nomadisch lebend und Handwerker mit spezifischen Fertigkeiten (Metallschleifer, Friseure, Schlangen- und Affenhändler, usw.). Die türkischstämmigen Kirgis bilden die kleinste Gruppe und leben auf den höchsten Bergzipfeln, die an China grenzen (Barfield 2010: 30).

Im Jahr 1919 erfolgte der erste Versuch, Afghanistan zu säkularisieren. Um deren Scheitern zu erklären, muss zunächst auf die heterogene Bevölkerungszusammensetzung hingewiesen werden. Das Land stellte sich als „lose Konföderation von Stämmen“ dar und der regierende König Amanullah war von der Modernisierungswelle der Türkei (Atatürk) und Iran (Schah Reza Pahlavi) so beeindruckt, dass er den afghanischen islamischen Staat reformieren wollte. Die Burka war ihm ein Dorn im Auge und die Emanzipation der Frau deutete er als einen „Grundpfeiler der künftigen Struktur des neuen Afghanistans“ (Huber 2003: 20). Der erste Schritt, nach der Beschreibung der Anthropologin Judith Huber, bestand darin, die weibliche Sklaverei abzuschaffen, wodurch die rechtliche Grundlage für alle Männer, die Konkubinen hielten, wegbrach. Die meisten Frauen, die in der Hauptstadt versklavt waren, stammten aus der Ethnie der Hasara. Zwei Jahre später wurde die erste Mädchenschule in Kabul eröffnet, ein neues Ehegesetz mit dem Verbot der Kinder- und Zwangsheirat erlassen sowie die Abschaffung des Brautpreises eingeführt. Auch die Polygamie wurde eingeschränkt und die Einführung des gemeinsamen Einverständnisses der Paare zur Heirat verankert. Das Königspaar engagierte sich für die Bildung der Frauen und veröffentlichte die erste Frauenzeitschrift, trotz chronischem Analphabetismus der weiblichen Bevölkerung. Die emanzipatorischen Maßnahmen wurden von den Stammesführern und religiösen, männlichen, ländlichen Eliten mit Widerstand bekämpft. Diese sahen darin ein Affront gegen die traditionellen Schariagebote und gegen die Stammesgesetze des Paschtunwali, weil es nichts anderes bedeutete als den Verlust von Besitzrechten, von Kontrolle und Verfügung über die Frauen und Töchter. Die gesamte patriarchalische Struktur des Landes kam ins Wanken. Ab 1924 brach der offene Aufstand aus, der neun Monate andauerte und viele Opfer auf beiden Seiten forderte, bis er niedergeschlagen wurde. 1929 wurden alle Reformen rückgängig gemacht, nachdem der König abgesetzt wurde (Huber 2003: 23, 24). Dieser erste Säkularisierungsversuch, der am politischen Islam scheiterte, sollte den Weg in den blutigen folgenden Kriegsjahren ebnen. 1953 drängte der neue Premierminister Mohammed Daud Khan, nachdem er die Unterstützung der Vereinigten Staaten gesucht hatte, ohne sie zu finden, auf engere Beziehungen mit der UdSSR, mit der 1956 ein Freundschafts- und Unterstützungsvertrag unterzeichnet wurde. Durch die von Zahir und Daud durchgeführten Modernisierungsprogramme in den 1950er Jahren flossen Gelder aus Moskau, die für den Bau von Straßen, Infrastruktur und Flughäfen sowie die Ausbildung und Ausrüstung der afghanischen Armee bestimmt waren. Daud errichtete eine autoritäre und personalistische Regierung über Afghanistan und verschärfte die Spannungen mit dem benachbarten Pakistan über die Definition der lange umstrittenen "Durand-Linie" zwischen den beiden Ländern. 1963 wurde Daud aus der Macht geputscht und 1964 führte der neue Monarch Zahir eine neue Verfassung Afghanistans (Regime der konstitutionellen Monarchie) mit freien Wahlen und Förderung der Emanzipation der Frauen ein. 1965 wurde die Demokratische Volkspartei Afghanistans (PDPA) nach marxistisch-leninistischem Konzept gegründet und strukturiert nach dem Vorbild der Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU). Bereits ein Jahr nach ihrer Gründung spaltete sich die PDPA jedoch in zwei autonome Formationen mit identischer Ideologie aber nicht übereinstimmender Vorgehensweise. Ende der 70er Jahre folge die Invasion der Sowjetischen Armee, die nach starken Widerstand 1989 die Besetzung aufgeben musste. Nach dem sowjetischen Abzug im Februar 1989 kam es zum innerafghanischen Bürgerkrieg, in dem die zunächst von den USA unterstützten Taliban bis September 1996 die Kontrolle über die wichtigsten Regionen und Städte des Landes übernahmen. Im Oktober 2001 wurden die Taliban durch eine von den USA geführte Intervention zugunsten der verbliebenen, bewaffneten Opposition gestürzt. Die Führungsebene der Taliban konnte sich durch Rückzug nach Pakistan retten und führt seither mit zunehmender Intensität Angriffe gegen die immer wieder neugebildeten, afghanischen Regierungen an (Chiari 2009: 77, 78; Schetter 2004: 14). Nicht erst seit dem Truppenabzug der US-Streitkräfte und der deutschen Bundeswehr 2021 ist die Führerschaft der Taliban ein international anerkannter, diplomatischer Verhandlungspartner.

3. Der afghanische misogyne Islamismus

„Nur durch einen kleinen, auf Augenhöhe ausgesparten Sehschlitz dringt ein wenig Licht in dieses wandelnde Grab“ (Holland 2020: 327).

In diesem Kapitel geht es darum, die sichtbaren Signale der repressiven und misogynen Ordnung des politischen Islam zu zeigen. Das Zwangstragen einer Burka und das Gewohnheitsrecht des Paschtunwali versuchen die Unterwerfung der Frau zu legitimieren. Es wird auch die Gratwanderung der afghanischen Frau zwischen den verwurzelten ethnischen Traditionen und den idealen Vorstellungen der Frau des Islamismus skizziert. Misogynie ist (nach Holland) für die Taliban ein grundlegendes Element ihrer Weltanschauung. Kurze Zeit, nachdem die Taliban Kabul eingenommen hatten, wurde ernsthaft darüber debattiert, ob der Sehschlitz in der Burka nicht zu groß sei.

„Die Verschleierung hatte aus dem weiblichen Gesicht ein Geschlechtsorgan gemacht, das um jeden Preis zu diskreditieren, zu verleugnen und zu unterdrücken galt. In den Augen der Taliban, nicht nur die Frau selbst, sondern alles womit sie in Berührung kommt, ist von ihrer unreinen Sexualität durchdrungen, insbesondere ihre Kleider, die ein Talib niemals anfassen vermag. “ (Holland 2020: 329).

In seiner Abhandlung über Misogynie vergleicht der Journalist und Historiker Jack Holland diese umfassende Diskriminierung mit den Nürnberger Gesetzten der Nationalsozialisten gegenüber der jüdischen Bevölkerung und erinnert gleichzeitig daran, dass Misogynie ein grundlegender Bestandteil der Weltsicht islamischer Terroristen ist. Ihm zufolge ist Frauenhass der rote Faden, der die afghanische Geschichte der letzten Jahrzehnte durchzieht und als erbitterter Widerstand gegen jeden Versuch, Frauen als Menschen anzusehen und zu behandeln. Doch Misogynie, so behauptet Holland, wird anders als Rassismus, als kulturelle Eigenheit betrachtet, die von Rückständigkeit zeugt, aber in die man sich nicht einmischt. Daher werden Frauenrechte, die Menschenrechte sind, unter den Augen der Weltgemeinschaft: verweigert (Holland 2020: 327).

Durch Farhan Zahid wird ausgeführt, dass Frauen als Quelle des Bösen angesehen wurden, weshalb auch Nagellack, Absätze, Zeitschriften, Tanzen, Zeichnungen, Porträts jeglicher Art, Puppen, Fotografien, Kuscheltiere, etc. verboten wurden. Jede Handlung im Zusammenhang mit diesen verbotenen Gegenständen führte zu Bestrafung. Alle Mädchenschulen wurden geschlossen und einige sogar in Taliban­Kasernen umgewandelt. Frauen durften sich nicht selbständig bewegen und mussten von einem Mann begleitet werden, einem Verwandtem wie dem eigenen Vater, Bruder oder Ehemann. Zur Überwachung wurde eine Sittenpolizei eingerichtet. Frauen mussten außerhalb ihrer Häuser die Burka tragen, und Verstöße gegen dieses Gesetz hatten schwerwiegende Folgen (Zahid 2013: 3). Auch der Politikwissenschaftlerin Christine Schirrmacher zufolge werden im Paschtunen-Recht Frauen als Gegenstände betrachtet, die bei Konflikten wegen Landbesitz, Schulden oder Ehrverletzungen wie eine Ware verschenkt, getauscht oder verkauft werden können. „Dieses Recht sieht Blutrache, Geiselhaft und Strafaktionen wie die Gruppenvergewaltigung einer Frau vor, um ihre Familie zu demütigen, ermöglicht Kinderheirat, wenn damit den Interessen der Familie gedient wird, und erlaubt Frauen keinerlei Mitsprache bei den Stammesversammlungen (Jirgas), die über ihr Schicksal entscheiden.“ (Schirrmacher 2018: 4). Nach ihrer Feststellung werden Ehrenmord und erlittenes Unrecht bei Polizei und Gericht nicht angezeigt, weil dies für Frauen eine Schande bedeutet und in den meisten Fällen ihr Todesurteil besiegelt. Weitere Indikatoren für das prekäre Frauenleben in Afghanistan, sind nach Christine Schirrmacher die weitverbreitete Armut, den Mangel an medizinischer Versorgung, die endemische Korruption, den Machtmissbrauch und die Rechtsunsicherheit sowie die immer noch dramatische Bildungssituation (Schirrmacher 2018). Diese Unterwerfung hat eine politische Tragweite, denn dadurch verfolgt der Islamismus der Taliban die Aufrechterhaltung der patriarchalischen Ordnung als oberste Ziel. Der Politologin Renate Kreile zufolge symbolisiert die Kontrolle über „ihre“ Frauen Identität und Integrität der primären Solidargemeinschaft und wird zum zentralen Ausdruck des Widerstandes gegenüber einem als „fremd“ und autoritär wahrgenommenen Staat (Kreile 2005: 205). Hierin zeigt sich das verheerende Konzept des politischen Islam oder „Islamismus“, der nach Professorin Susanne Schröter primär einen Gegenentwurf zur säkularen Moderne und den Freiheitsrechten des Individuums darstellt.

„Im Zentrum des politischen Islam steht unangefochten die islamistische Genderordnung, deren unauffälligsten Merkmale eine umfängliche Geschlechtertrennung, ein extremer Patriarchalismus, der partielle oder vollkommene Ausschluss von Frauen aus der Öffentlichkeit und die Fetischisierung der Bedeckung des weiblichen Körpers und Kopfes sind“ (Schröter 2019: 10, 15).

Während die Scharia eine „ideale Vorstellung“ vom göttlichen Gesetz darstellt, reglementiert das Paschtunwali den Erhalt der Stammeskultur und der Geschlechterordnung und ist somit der Nährboden der Frauenunterdrückung. Der Paschtunwali-Kodex geht nicht auf die Konversion zum Islam im siebten Jahrhundert zurück. Er ist ursprünglich eine mündliche Überlieferung aus Vorislamischen Zeit, die zum umfassendes Gewohnheitsrechtssystem und zum Leitfaden für die Lebensweise, die soziale Ordnung, Rechte und Pflichten, die Moral und den Ehrenkodex der paschtunischen Bevölkerung geworden ist (Barfield 2003: 5).

Im Paschtu-Wörterbuch von (Raverty von 1860) wird Paschtunwali als " [...] Die Sitten und Gebräuche der afghanischen Stämme, der afghanische Kodex“ definiert.

„Paschtunen bekennen sich immer noch explizit dazu und sehen es als ihr Wertesystem, wodurch sie sich von allen Nicht-Paschtunen unterscheiden. In Westafghanistan ist jedoch der Begriff unbekannt, die traditionellen Normen werden dort „Rawaj“ genannt, was sich in Terminologie und Inhalt kaum von denen ihrer Nachbarn unterscheidet „ (Glatzer 1998: 3).

Die zentralen Konzepte in Pashtunwali berufen sich auf Würde, Ehre, Scham. Der zentrale Begriff ist „Nang“: Ehre und Scham, Würde, Mut und Tapferkeit. „Sharm“ kann gut mit dem englischen Begriff Shame übersetzt werden und ist ein entscheidender Teil von Nang. Es hat hauptsächlich mit dem Verhalten der Frauen der Gruppe zu tun, deren Ehre auf dem Spiel steht und die männliche Kontrolle über die weibliche Hälfte der Gesellschaft legitimiert (Glatzer 1998: 4). Frauen sind verantwortlich für das Ansehen (die Ehre) einer Familie oder eines Familienverbandes und ihr Benehmen beeinflusst den Status der gesamten Gruppe und der männlichen Verwandten. Frauen sollen bescheiden und respektabel sein, während Männer für deren Verhalten verantwortlich sind. Männer haben die absolute Verpflichtung, die Frauen zu schützen, denn sie gelten als irrationale Wesen mit wenig Selbstdisziplin und mangelnde Kontrolle über ihre Impulse. Der Schutz der Familie (Frauen) und des Eigentums ist im Pashtunwali eng miteinander verbunden. Ein Mann gleicht einem Privateigentümer seiner Familie und wenn er sie nicht schützen kann, kann er nicht mit dem Respekt seiner Community rechnen [...] jeder kann ihm wegschnappen, was er will, seinen Besitz, sein Land“ (Glatzer 1998: 5). Männer fühlen sich daher verpflichtet, die Frauen und ihre Familien unter strenger Kontrolle zu halten, um die Frauen vor ihren eigenen "Schwächen" zu schützen. Die Wahrnehmung der Nachbarn wird noch mehr gefürchtet als das tatsächliche Verhalten von Frauen, weshalb man lieber Frauen gar nicht sehen lässt, was dem Zwang für Frauen führt, einen kompletten Schleier zu tragen oder sich hinter den Mauern des Familiengeländes zu verstecken (Glatzer 1998: 4).

4 Afghanische Migration und Frauen

Jahrzehnte kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen und ausländischen Mächten in Afghanistan haben den Menschen eine immense Zerstörung der materiellen und geistigen Ressourcen geführt. Mobilität war ein wesentlicher Bestandteil der afghanischen Geschichte und Afghanistan ist immer noch im Mittelpunkt einer der größten Flüchtlingskrisen der Moderne. Die Vertreibung ist in letzter Zeit für viele Afghanen ein Lebensereignis, das zu sozialen und kulturellen Veränderungen führt. Die afghanische Migration nach Deutschland, den Angaben des BpB (Bundeszentrale für politische Bildung 2019) zufolge, reicht bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück und erfolgte weitgehend in Wellen je nach politischen Regimen und Konfliktperioden in Afghanistan. Im Jahre 1995 wurde das Land von den Taliban erobert. Unter diesem Regime waren Frauenexekutionen an der Tagesordnung und die Burka wurde zur Uniform für die Frauen, um nicht als eine Person wahrgenommen zu werden (Malekyar 2016: 25). Im Jahr 2015 machten afghanische Flüchtlinge etwa ein Fünftel der Asylanträge aus und bleiben nach Syrern die zweitgrößte Gruppe von Migranten in Europa (UNHCR 2016). Die afghanische Auswanderung war ein männliches Phänomen seit Jahrzehnten, aber der Prozentsatz der afghanischen Migrantinnen hat in den letzten Jahren allmählich zugenommen. Die meisten Afghanen flüchten mit ihrer Familie nach Deutschland. Obwohl die individuelle Ankunft afghanischer Männer in den letzten Jahren ein dominierendes Phänomen bleibt, sind wichtige Signale im Migrationsverhalten afghanischer Frauen sichtbar geworden. Sie migrieren neuerdings auch unabhängig von der Familie (Saidi: 2019: 79). Der Historiker und Afghanistanexperte Conrad Schetter schildert ein Bild von der Situation der Frauen in Afghanistan, die durch die Vorstellung von der völligen und bedingungslosen Unterwerfung der Frauen gegenüber dem Mann geprägt ist. Durch die Erziehung wird die Frau zur Bereitschaft reglementiert, sich dem Vater, dem Bruder, dem Ehemann und schließlich dem ältesten Sohn unterzuordnen. Sie soll ihnen in allen wichtigen Entscheidungen den Vorrang einräumen und sich selbst zurücknehmen (Schetter 2004: 112). Die Wirklichkeit entspricht leider immer noch Schetters Bild. Die afghanische, patriarchalische Gesellschaft bleibt zutiefst frauenfeindlich, in der die Frau zu einem Leben in den Diensten der stammbasierten Familieneinheit ihren Platz einzunehmen hat. Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen ist eine endemische Realität in der konservativen afghanischen Gesellschaft. Afghanistan wird laut Jahresbericht von Amnesty International (2019) als „Der schlechteste Ort der Welt für Frauen “ bezeichnet. Das Töten von Frauen infolge von Angriffen oder Ehrenmordes ist „normal“ im afghanischen Alltag. Laut Amnesty International, hat sich im Lande eine Kultur von Straflosigkeit, Gewalt und Analphabetismus neben Korruption und Missbrauch staatlicher Ämter etabliert. Die meisten afghanischen Männer sind immer noch der Meinung, dass Frauen ihnen unterlegen seien und keine Rechte haben. Frauen im heutigen Afghanistan stehen einer Vielzahl von täglichen Drohungen gegenüber in Form von Schlägen, Ehrenmorden, Vergewaltigungen, Steinigungen, Zwangsehe für Mädchen und Zwangsverbrennung, meist im Namen der Religion und der Stammesbräuche (Amnesty International 2019). Es gibt noch vorherrschende traditionelle Praktiken wie "Brautpreis" und "Baad". Letzterer ist als Standardstrafe für ein Verbrechen wie Mord zu deuten und besteht darin, dass die Familie des Täters der Familie des Opfers eine Frau gibt. Die Frau wird zwangsverheiratet mit einem Mann in der Familie des Opfers und dient als Hausangestellte. Die Praxis des Baad hat keine islamische Grundlage und bezieht sich auf „Paschtunwali“ Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UNOCHA) erklärte 2020 im Afghanistan-Humanitäre-Bedürfnisse-Bericht, dass geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen allgegenwärtig war. Zitat: „Unabhängig davon, ob sie in von Taliban oder in von der Regierung kontrollierten Gebieten leben, afghanische Frauen mehr von ihren eigenen Familienmitgliedern verletzt oder getötet werden als durch den Krieg. Frauen sind in ihren Häusern vor Gewalt und Missbrauch durch ihre eigenen Familien stärker gefährdet. Da einundneunzig Prozent der Frauen nur eine Grundschulbildung oder weniger haben, bleibt die Chancen auf eine Arbeit fast gleich null. Diese Fakten dienen dazu, die unwürdigen Lebensgrundlagen der Frauen darzustellen, die aus der Dominanz von patriarchalischen und religiösen Wertvorstellungen resultieren und als schwerwiegende Fluchtursache anzusehen sind. Darüber hinaus stellten sie Motive für die (gescheiterten) militärischen Einsätze der letzten Jahrzehnte dar. Durch eine lange „notwendige, humanitäre Intervention“ konnten die amerikanischen und europäischen Einsätze, die unter anderem auch zur „Befreiung der afghanischen Frau“ (Kreile 2005: 1) beitragen sollten, keine nennenswerte Linderung herbeiführen und Zerstörung und Elend in Afghanistan nicht verhindern.

5. Diasporatheorien und Diskurse

Überleitend zum Leitthema diasporische Identitäten und Forschungsergebnisse soll hier der Begriff Diaspora erläutert werden. So werden die Theorien dargestellt, die aus der Migrationsforschung mit den herauskristallisierten typischen Merkmalen entstammen. Diaspora leitet sich von diaspeirein, der griechischen Bezeichnung für verstreuen, aussäen oder verbreiten, ab. Folgende Elemente sind maßgebend, um eine Gemeinschaft als Diaspora zu definieren: Katastrophaler Ursprung, unfreiwillige Verstreuung aus der Heimat, Zwang, Gewalt, Trauma, Trauer, Leid, Enteignung, Entwurzelung, Verlust, Isolation, unsicheres Dasein in einer fremden Umgebung, Unterdrückung, Gefangenschaft, Exil sowie Hilfs- und Machtlosigkeit (Tölölyan 1996: 2007: 648; Cohen 1996: 507, 2008: 21). Einige Definierungsversuche sollen dargelegt werden, um dann etwas näher auf die als essenziell betrachteten Merkmale von Diaspora einzugehen. Cohen (1996) stellt eine Liste gemeinsamer Eigenschaften von Diaspora wie folgt auf:

[...]

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Details

Titel
Diasporische Identitäten. Afghanische Frauen in Deutschland zwischen Fundamentalismus und Säkularismus
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Ethnologie)
Note
1
Autor
Jahr
2021
Seiten
43
Katalognummer
V1138898
ISBN (eBook)
9783346518828
ISBN (Buch)
9783346518835
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Bachelorarbeit ist mit einer EINS benotet worden
Schlagworte
Talebanen, Pashtun Fundamentalismus, Diaspora, Afghanistan, afghanische Frauen in Deutschland, afghanische migration
Arbeit zitieren
Giovanna Silvestro (Autor:in), 2021, Diasporische Identitäten. Afghanische Frauen in Deutschland zwischen Fundamentalismus und Säkularismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1138898

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