Die vorletzte Szene des Filmes „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“ (2003), welche sich auf das Kapitel „Die grauen Anfurten“ in J.R.R. Tolkiens Romanvorlage bezieht, wird höchstwahrscheinlich vorschnell als romantisch bezeichnet. Schließlich fließen Tränen, die Schiffsreling ist verschnörkelt und das Meer glitzert in der roten Sonne. Diese Studienarbeit geht einen Schritt weiter und soll nicht untersuchen, ob vermeintlich „romantisch“ definierte Stereotypen die Szene beherrschen, sondern welche Merkmale der Epoche der Romantik in ihr wiederzufinden sind.
Um den Rahmen der Studienarbeit dabei nicht zu sprengen, muss im Vorfeld eine klare Einschränkung festgelegt werden: Zum einen wird ausschließlich die Lyrik der Romantik untersucht und mit der Filmszene verglichen, andere Teilbereiche, wie die bildenden Künste, werden nicht berücksichtigt. Zudem wird ausschließlich die in Deutschland verortete Romantik behandelt. Zunächst wird dahingehend in Punkt 2.1 eine allgemeine Einordnung der Romantik erfolgen. Um den weitreichenden Epochenbegriff der deutschen Lyrik der Romantik weiter einzuschränken, wird speziell der Begriff der Melancholie untersucht. Dieser soll einführend in Punkt 2.2 historisch knapp nachverfolgt und anschließend komprimiert in der Romantik definiert werden.
Zusätzlich soll er erneut in drei Aspekte aufgegliedert werden, die beispielhaft für die gesamte Melancholie der deutschen Lyrik der Romantik stehen: Sehnsucht, Nacht und Vergangenheit. Die Melancholie in der Lyrik der Romantik wird in den Punkten 3.1 bis 3.3 jeweils auf diese Gesichtspunkte hin untersucht. Danach werden eben jene mit Hilfe der gewonnenen Erkenntnisse wiederum in den Punkten 4.1 bis 4.3 in gleicher Reihenfolge auf die Filmszene übertragen. Das Ziel ist es, durch diese Vorgehensweise in Punkt 5 ein Fazit ziehen zu können, welches zusammenfassend folgende Fragestellung beantworten soll: Finden sich Elemente der Melancholie der Lyrik der deutschen Romantik in der Filmszene „Die grauen Anfurten“ wieder? Ist die Szene vielleicht sogar eine Wiederkehr der Romantik?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einordnung
2.1 Die Epoche der Romantik
2.2 Die Melancholie bis zur Romantik
3. Auswahl romantischer Motive
3.1 Sehnsucht
3.2 Nacht
3.3 Vergangenheit
4. Anwendung auf Filmszene
4.1 Sehnsucht
4.2 Nacht
4.3 Vergangenheit
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Studienarbeit untersucht, inwiefern sich spezifische Merkmale und Motive der Melancholie aus der Lyrik der deutschen Romantik in der Schlussszene des Films "Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs" ("Die grauen Anfurten") wiederfinden lassen.
- Analyse zentraler romantischer Motive: Sehnsucht, Nacht und Vergangenheit.
- Theoretische Einordnung der Epoche der Romantik und ihres Melancholiebegriffs.
- Vergleichende Untersuchung zwischen romantischer Lyrik und einer zeitgenössischen Filmszene.
- Kritische Prüfung, ob die Szene als Wiederkehr romantischer Geisteshaltung gedeutet werden kann.
- Abgrenzung zwischen romantischen Idealen und filmischer Dramaturgie.
Auszug aus dem Buch
3.2 Nacht
Auch bei dem Nachtbegriff wird schnell der Unterschied zwischen Romantik und Aufklärung bewusst. Während letztere die Nacht nüchtern beobachtet und analysiert, steht für erstere die Wahrnehmung mit dem Herzen an erster Stelle. Die Romantiker benutzen vielmehr die Nacht, um ihr Innerstes, ihre Gefühle, so zum Beispiel die Melancholie, darzustellen. Für sie ist die Nacht ein „Raum, in dem sich das Unterbewusste offenbaren kann.“ Dieses Unterbewusste fasziniert die ganze Generation der Romantik: In der Nacht schläft der Mensch, er kehrt dabei zu seinen „organischen Ursprüngen oder zu jenseitigen Regionen“ zurück. Besonders der Traum spielt hierbei als „Schwelle der verschiedenen Bewusstseinsstufen“, also als Bewusstseinserweiterung, eine zentrale Rolle.
Hoffmann nennt den Begriff „Traum“ in seiner Lyrik fast 600 mal. Auch wird die Nacht der Romantik als „gefährliche Naturmacht“ oder „Schauplatz von gespenstig-grausigen Geschehen[s]“ interpretiert. Typisch für die nächtlichen Beschreibungen ist dabei der Mond, welcher beispielsweise als Symbol der Indirektheit verstanden werden kann, denn er leuchtet nicht durch eigene Kraft, sondern reflektiert lediglich das Sonnenlicht. In Eichendorffs Gedicht „Mondnacht“ ist er so als nicht unmittelbare Erfahrung der himmlischen Offenbarung deutbar, welche demnach nur indirekt wahrnehmbar ist.
Maßgeblich für die Nachtvorstellung der Romantik sind Novalis „Hymnen an die Nacht“ (1799). Jene sind besonders aus dem Grunde von solch großer Bedeutung, da sie eine „Wende innerhalb der deutschsprachigen Weltanschauungslyrik markieren“. Während die Aufklärung eine Selbstverwirklichung des Menschen im Diesseits, also der Lebenszeit, propagierte, sich also von der Religion zu befreien versuchte, knüpfte Novalis an christlichen Vorstellungen an und verherrlichte die Vorstellung eines „spirituellen jenseitigen Lebens“. Er sieht im Tod kein grauenvolles Ende, sondern vielmehr eine „transzendente Sphäre“, gewissermaßen eine „höhere Daseinsform“. Als Symbol hierfür wählt Novalis die Nacht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hier wird das Ziel der Arbeit formuliert, die Filmszene "Die grauen Anfurten" auf romantische Melancholie-Elemente zu untersuchen und die methodische Vorgehensweise skizziert.
2. Einordnung: Dieses Kapitel definiert die Epoche der Romantik sowie den historischen Wandel des Melancholiebegriffs von einer Krankheit hin zur genialen Veranlagung.
3. Auswahl romantischer Motive: Es werden die drei zentralen Motive Sehnsucht, Nacht und Vergangenheit theoretisch beleuchtet und anhand literarischer Beispiele der Romantik erläutert.
4. Anwendung auf Filmszene: Die theoretischen Erkenntnisse zu den drei Motiven werden auf die filmischen Elemente und die Dramaturgie der Schlussszene des "Herrn der Ringe" übertragen.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass trotz vereinzelter romantischer Motive deutliche inhaltliche Differenzen bestehen und die Szene eher als Ende einer Heldenreise zu verstehen ist.
Schlüsselwörter
Romantik, Melancholie, Sehnsucht, Nacht, Vergangenheit, Deutsche Lyrik, Der Herr der Ringe, Die grauen Anfurten, Utopie, Mittelalter, Novalis, Eichendorff, Heldenreise, Filmwissenschaft, Literaturanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Verbindung zwischen der Epoche der deutschen Romantik und der Schlussszene des Films "Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs".
Welche Themenfelder stehen dabei im Fokus?
Zentral sind die Untersuchung von romantischen Motiven wie Sehnsucht, Nacht und Vergangenheit sowie deren filmische Umsetzung.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit geht der Frage nach, ob sich Elemente der Melancholie der Lyrik der deutschen Romantik in der Filmszene "Die grauen Anfurten" wiederfinden lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse romantischer Texte (Lyrik) durchgeführt, deren Ergebnisse anschließend auf die filmische Inszenierung übertragen und verglichen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Romantik und Melancholie, die Erarbeitung der drei Leitmotive und deren konkrete Anwendung auf die Filmszene.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich diese Publikation charakterisieren?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Romantik, Melancholie, Sehnsucht, Nacht, Vergangenheit, Heldenreise sowie die spezifische Analyse von Tolkiens Filmvorlage.
Wie unterscheidet sich die im Film gezeigte Utopie von der romantischen Utopie?
Während die romantische Utopie oft vage und unerreichbar bleibt, wird das Reiseziel im Film (Valinor) sehr konkret und greifbar als Ort der Unsterblichen definiert.
Warum kommt die Arbeit zu dem Schluss, dass die Szene keine reine Wiederkehr der Romantik darstellt?
Die Untersuchung zeigt, dass der Blick im Film nicht nur zurück in die Vergangenheit, sondern auch hoffnungsvoll in die Zukunft gerichtet ist, was einen zentralen Unterschied zur melancholisch-rückwärtsgewandten Romantik markiert.
- Arbeit zitieren
- Franz Ufer (Autor:in), 2021, Romantik und J.R.R. Tolkien. Die Melancholie der Lyrik der deutschen Romantik in "Der Herr der Ringe - Die Rückkehr des Königs", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1140708