Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit. Fallanalyse


Hausarbeit, 2021

12 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Rahmenbedingungen
1.2 Fallgeschehen

2. Theoretische Perspektiven
2.1 Teamrollen
2.2 Themenzentrierte Interaktion (TZI)
2.3 Das Modell der Transaktionsanalyse (TA)

3. Reflexion

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Fallanalyse entspringt einem Beispiel, welches sich in meiner 3 jährigen Praxiserfahrung in einer Regelwohngruppe für Kinder und Jugendliche abspielte. Die Zeit in der Wohngruppe hat mich sehr geprägt, da es einige ungelöste Konflikte gab, die meiner Meinung nach auch hätten verhindert werden können. Daher würde ich gerne ein Beispiel darstellen und erörtern.

Zunächst werden jedoch die Rahmenbedingungen des Handlungsfeldes kurz vorgestellt.

1.1 Rahmenbedingungen

Die Stationären Erziehungshilfen bieten Kinder und Jugendlichen eine Lebenssicherung, welche aufgrund von Gefährdung des Kindeswohls aus ihrer Herkunftsfamilie Inobhut genommen werden. Grundlage dafür ist, dass Sorgeberechtigte nicht in der Lage sind ihren Erziehungspflichten nach Art. 6 des Grundgesetzes nachzugehen. Das Handlungsfeld gehört zu den §27 Hilfen zur Erziehung und beinhaltet die §33 Vollzeitpflege, §34 Heimerziehung und §35 Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung . Das Ziel dieser Hilfsangebote ist vorrangig die Rückführung in die Herkunftsfamilie. Ist dies nicht möglich, werden die Kinder und Jugendlichen auf ihre Volljährigkeit vorbereitet und in ein Selbstständiges Leben übergeleitet. (vgl. Jordan, E. et al. 2015)

Das Setting meines Fallbeispiels ist in der Heimerziehung (§34) angesiedelt. Die Wohngruppe bietet Platz für insgesamt 10 Kinder und Jugendliche, vom Grundschulalter bis zum 18. Lebensjahr, deren Erziehung und Entwicklung im Herkunftsmilieu nicht sichergestellt ist. Das Konzept der Wohngruppe beinhaltet eine enge Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie, wodurch sie aktiv mit in den Entwicklungsprozess einbezogen wird, soweit diese dazu bereit und in der Lage ist, bei der Gestaltung und Umsetzung der Entwicklungsprozesse mitzuarbeiten. Der Personalschlüssel beträgt 5 zu 1,90. Die 5 Vollzeitstellen werden durch 6 MitarbeiterInnen vertreten, sowie einer Praktikantin. (vgl. Evangelisches Kinderheim – Jugendhilfe Herne & Wanne-Eickel gGmbH 2009)

1.2 Fallgeschehen

Beteiligte (fiktive Namen):

Herr Scholl (42 J.): Sozialarbeiter, Erziehungsleitung

Joanna (34 J.), Lia (29 J.): Sozialarbeiterin

Karin (33 J.) Sarah (30) Micha (40): ErzieherIn

Melinda (19 J.) Praktikantin, macht ein Duales Studium im Bereich Soziale Arbeit

Es ist Montag und alle MitarbeiterInnen, die Praktikantin, sowie der Erziehungsleiter haben sich zur wöchentlichen Teamsitzungen zusammengefunden. Der Erziehungsleiter, Herr Scholl, setzt sofort an und teilt den KollegInnen mit, dass es vorgestern einen Vorfall in der Gruppe gab und er damit beginnen möchte ihn zu reflektieren. Dabei macht er eine beiläufige Handbewegung in Richtung der Praktikantin. Diese beginnt vorsichtig zu erzählen. Sie war am gestrigen Tag als Tagdienst eingeplant, musste jedoch für drei Stunden in der Gruppe allein bleiben, da es der Personalschlüssel nicht anders bot. Die Praktikantin fühlte sich schon nicht wohl dabei, schien aber keine andere Wahl zu haben. In den Stunden kam es zu einem Konflikt mit einer 10 jährigen Bewohnerin, welche durch einen banalen Konflikt immer weiter in einen kontrolllosen Zustand geriet. Sie drohte und schlug andere, drohte alle und sich selber umzubringen, wodurch die Bewohner*innen Angst bekamen und sich in den Zimmern einschlossen. Die Praktikantin, Melinda, konnte das Mädchen nicht regulieren, wodurch sie sich aus Angst ebenfalls ins Büro einschloss, was das kleine Mädchen, ohne dass sie es wusste, weiter triggerte. Im Endeffekt kam der Erziehungsleiter, sowie ein RTW um das Mädchen zunächst in die Kinderklinik zu bringen. Als die Praktikantin zu Ende erzählte und den Tränen nahe stand kamen mehrere Reaktionen von den Kolleg*innen.

Joanna : Wie man dich denn auch nur alleine lassen, war ja klar dass was schief geht!

Lia: Naja, ich konnte halt nicht länger bleiben nach meinem 24-Stunden Dienst, als ob du das gemacht hättest.

Joanna : Na dann hätte Karin, wenn sie schon einspringt eben früher kommen müssen, schau was bei sowas rum kommt. Sarah darf nicht alleine bleiben, sie ist Praktikantin und noch sehr jung dazu. Ihr fehlt die Erfahrung.

Karin: Ich mache eh schon Überstunden wie verrückt weil zurzeit gefühlt alle krank sind, oder werden, tut mir leid, dass ich da nach 4 Nachtdiensten hintereinander nicht früher komme wenn ich endlich mal zwei tage frei habe.

Melinda: Ich habe ja gesagt es ist ok alleine zu bleiben, also habe ich die Verantwortung..

Joanna : Es ist aber verboten dich alleine zu lassen, ganz einfach.

Herr Scholl: Es ist nun leider passiert, daran können wir nichts mehr ändern. Ihr habt da aber wirklich Mist gebaut. (verzweifelter Blick) Ich würde jetzt gerne wissen wie es Ihnen Frau H. nach dem Vorfall geht. Sie scheinen mir weiterhin sehr belastet zu sein.

Melinda: Ich weiß nicht, ich fühle mich schlecht und schuldbewusst. Ich war ja schon öfter mal kurz alleine in der Gruppe und eigentlich habe ich alles im Griff und deswegen einen Kollegen/eine Kollegin anzurufen fiel mir auch schwer.

Herr Scholl tauscht noch einige Sätze mit Sarah bezüglich ihres Zustandes aus und versucht anschließend herauszufinden wo die Problematik innerhalb des Team ist.

Herr Scholl : Wenn ich ehrlich bin, habe ich schon länger nicht mehr das Gefühl, dass ich hier mit einem Team am Tisch sitze. In welchem Bereich gibt es Konflikte, ist es etwas privates untereinander, liegt es an ihrer Haltung, oder der Dynamik in der Gruppe? Ich möchte es verstehen.

Micha: Naja, alle machen momentan Überstunden weil es extrem viele Krankheitsfälle gibt, aber das ist ja leider immer wieder Thema. Außerdem geht es in der Gruppe drunter und drüber weil wir BewohnerInnen haben die nicht in unser Konzept passen wodurch wir deren Bedürfnisse nicht gerecht werden. Es kommt dadurch häufiger zu Konflikten, da sinkt die Motivation hier zu arbeiten, erstrecht wenn man eigentlich frei hätte. Es ist einfach nur noch ein Aushalten, so kann ich auch keine Leistung erbringen.

Herr Scholl: Danke für ihre offenen Worte, sehen dass alle so, oder gibt es noch etwas zu bemerken, oder hinzuzufügen?

Es herrscht Schweigen und der Erziehungsleiter bittet letztendlich die KollegInnen sich bis nächste Woche Gedanken darüber zu machen.

2. Theoretische Perspektiven

2.1 Teamrollen

Mit seinem Rollenmodell geht Belbin davon aus, dass jeder Mensch innerhalb eines Teams sich in eine bestimmte Rolle einfügt und sich dementsprechend verhält. Durch die Bestimmung der Teamrollen können beispielsweise Leitungskräfte die Teamleistung analysieren und gegebenenfalls optimieren. Durch gezielte Kombinationen der Teamrollen kann das Team effizienter arbeiten, indem Schwächen und Stärken ausgeglichen werden und eine Balance entsteht. Dies wirkt sich ebenfalls auf das Arbeitsklima und das Verständnis untereinander aus, wohingegen falsche Kombinationen die Leistung schwächen. Das Bestimmen der Rollen ist daher für eine funktionierende Teamarbeit relevant.

Belbin hat für seine Methode einen Fragebogen und neun Teamrollen entwickelt, welche er in drei Kategorien unterteilt; Handlungsorientiert, Sachorientiert und Kommunikationsorientiert.

Die handlungsorientierten Typen sind:

- Leiter = dynamisch, hohe Leistung wenn unter Druck, neigt dazu gelegentlich provokant und rücksichtslos zu sein
- Motor = Setzt Pläne und Ideen in Taten um, ist zuverlässig und diszipliniert, aber auch unflexibel
- Perfektionist = Bewahrt optimale Qualität, ist gewissenhaft, neigt aus Vorsicht dazu alles selbst zu machen

Die Sachorientierten Typen sind:

- Visionär = kreativ, bemüht neue Lösungen zu finden, gedankenverloren
- Realist = Untersucht Lösungen auf Machbarkeit, strategisch, Antriebslos
- Profi = Antriebsstark in gezielten Aufgaben, liefert Fachwissen

Die Kommunikationsorientierten Typen sind:

- Planer = koordinieren Ressourcen, Führungskompetenz, kann manipulierend wirken
- Helfer = fördert Teamprozesse, diplomatisch, einfühlsam, entscheidungsschwach
- Kommunikator = baut Netzwerke auf, optimistisch, verliert schnell das Interesse (vgl. Heinrich, Wall 2013)

Auf das Fallbeispiel angewendet:

Im Fallbeispiel zeigt sich eine konfliktbehaftete Gruppe, was sich im Arbeitsalltag spiegelt. Dies kann an einer missglückten Kombination von Teamrollen liegen, in dem die Schwächen der verschiedenen Persönlichkeiten nicht ausgeglichen werden. Ein Blick auf die verschiedenen Beteiligten zeigt, dass der Erziehungsleiter ein kommunikationsorientierter Typ ist, genauer gesagt Eigenschaften des Helfers und Planers aufzeigt. Als neutrale Person wendet er sich der belasteten Praktikantin zu und versucht die Konflikte des Teams aufzudecken. Seine Führungskompetenzen zeigt er, indem er auf einer diplomatischen Ebene das Team durch die Interkationen leitet und dadurch Teamprozesse anregt.

Praktikantin Melinda zeigt einerseits Eigenschaften des Helfers, indem sie versucht Konflikte zwischen den anderen zu vermeiden und neutral zu sein. Jedoch ist sie auch entscheidungsschwach und kann sich im Team nicht richtig durchsetzen (lässt sich von KollegInnen beeinflussen), was durch ihren Status als Praktikantin geschuldet sein kann. Des Weiteren ist anzunehmen, dass sie des Öfteren im Alltag die Rolle des Motors einnimmt, da sie stets versucht Aufgaben diszipliniert und zuverlässig nachzugehen, ansonsten hätten die Mitarbeiter der Gruppe ihr auch nicht zugetraut alleine zu bleiben.

Lia, Karin und Joanna sind in der Kommunikation untereinander unfreundlich, zeigen jedoch trotz allem Stärken auf. Zum Beispiel haben Lia und Karin, auch wenn es nicht optimal war, nach Lösungen gesucht um den Dienst so schnell es geht zu besetzen. Karin hat sich dafür gemeldet da sie Pflichtbewusst ihre Aufgaben erfüllt. Die zwei scheinen handlungsorienterte Züge aufzuweisen, wohingegen Joanna ihre realistische, also Sachorientierte Sicht übermittelt, sie ist jedoch ansonsten antriebslos. Sarah und Micha sind im gesamten Geschehen zurückhaltend und eher desinteressiert.

Da es in dem Team grundlegende Konflikte gibt, sollten die MitarbeiterInnen, sowie der Erziehungsleiter, sich ihren Rollen bewusst werden. Dadurch wird sichtbar, dass das Team von Grund auf nicht harmonisch und Leistungsstark agieren kann.

2.2 Themenzentrierte Interaktion (TZI)

Die Themenzentrierte Interaktion ist ein professionelles Handlungskonzept und eine Methode zur Arbeit in Gruppen, von Ruth C, und befindet sich an einer Schnittstelle von Pädagogik und Therapie. Mithilfe der Themenzentrierten Interkation (TZI), können Prozesse in Gruppen, Teams, Unternehmen und Organisationen analysiert, geplant, gesteuert und gestaltet werden, sodass die Methode in vielen unterschiedlichen Bereichen Anwendung findet. Das Resultat ermöglicht ein ergebnisorientiertes und zielgerichtetes Arbeiten miteinander.

Das Konzept der TZI basiert unter anderem auf drei Axiomen, welche sozusagen das Fundament bilden. Diese Axiome umfassen Autonomie; „Der Mensch ist eine psycho-biologische Einheit. Er ist auch Teil des Universums. Er ist darum autonom und interdependent. Autonomie (Eigenständigkeit) wächst mit dem Bewusstsein der Interdependenz (Allverbundenheit)“, Wertschätzung; „Ehrfurcht gebührt allem Lebendigem und seinem Wachstum. Respekt vor dem Wachstum bedingt bewertende Entscheidungen. Das Humane ist wertvoll, Inhumanes ist wertbedrohend." und die Grenzerweiterung; „Freie Entscheidung geschieht innerhalb bedingender innerer und äußerer Grenzen. Erweiterung dieser Grenzen ist möglich." (Galuske 2009, S. 253)

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Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit. Fallanalyse
Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
2,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
12
Katalognummer
V1140906
ISBN (eBook)
9783346519542
ISBN (Buch)
9783346519559
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Arbeit, Methoden der Sozialen Arbeit, Fallanalyse, Kinder- und Jugendhilfe, Jugendhilfe, Hilfe zur Erziehung, Hilfen zur Erziehung, Teamrollen, Teamrollen Belbin, Themenzentrierte Interaktion, Transaktionsanalyse
Arbeit zitieren
Aylin Hörsting (Autor:in), 2021, Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit. Fallanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1140906

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