Die Fragen, die in dieser Seminararbeit behandelt werden sollen, sind: Fand unter Chruschtschow eine verstärkte Verfolgung bis dahin tolerierten Verhaltens statt? Wenn ja, hatte diese Verfolgung politische Motive? Und: Inwiefern wurde die Existenz des Hooliganismus politisch erklärt und zu politischen Zwecken instrumentalisiert?
Der Umgang mit sozialer Abweichung, zu der solche Verhaltensweisen wie Alkoholismus, Vandalismus, Prostitution und Alltagskriminalität gehören, ist von wesentlicher Bedeutung für das Verstehen des sozialen Systems der Sowjetunion. Allerdings ist dieses Phänomen, dies gilt umso mehr außerhalb der russischsprachigen Welt, wenig erforscht. Die Erforschung solcher Phänomene, speziell in der „Tauwetterperiode“ nach dem Tode Stalins und während der Konsolidierung der Macht Chruschtschows, lässt Schlüsse zu auf das Ausmaß an Repressivität des politischen Systems in der Sowjetunion und die Motive der Herrschenden.
Alkoholismus und „Hooliganismus“ waren soziale Probleme, die die besondere Aufmerksamkeit der Autoritäten hervorriefen. Anti-Alkohol Kampagnen wurden mehrfach in der Geschichte der Sowjetunion mit großem Aufwand und geringem Erfolg geführt. Das Problem des Alkoholismus und des „Hooliganismus“ war in der gesamten Geschichte der Sowjetunion prävalent, allerdings stieg die Zahl der Verurteilungen wegen dieses letzten Delikts mit dem Beginn der Chruschtschow-Ära noch einmal sprunghaft an.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsstand
3. Das Phänomen Hooliganismus
4. Definition und Verwendung des Begriffs „Hooliganismus“ in der Chruschtschow-Ära
5. Maßnahmen gegen „Hooliganismus“
5.1 Der Abschied von „sozialistischer Legalität“
6. Der Umgang mit verwandten Formen deviantem Verhaltens
6.1 Parasitentum
6.2 Alkoholismus
7. Erklärungsversuche
7.1 Zugrundeliegende ethische Normvorstellungen
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Umgang der sowjetischen Behörden und der Gesellschaft mit Formen sozialer Devianz wie Hooliganismus, Alkoholismus und Parasitentum während der Tauwetterperiode (1954–1964), um Rückschlüsse auf die politische Steuerung und das paternalistische Selbstverständnis des Staates in dieser Umbruchszeit zu ziehen.
- Analyse des Phänomens Hooliganismus und seiner staatlichen Bekämpfung
- Untersuchung der Anti-Parasiten-Gesetze und ihrer historischen Traditionen
- Die Rolle von Alkoholmissbrauch als soziales und politisches Problem
- Der Widerspruch zwischen „sozialistischer Legalität“ und informeller Repression
- Die Rolle der Öffentlichkeit bei der Ausgrenzung nicht-konformer Verhaltensweisen
Auszug aus dem Buch
3. Das Phänomen Hooliganismus
„Hooliganismus“ – oft in der Form von „geringfügigem Hooliganismus“ (engl. petty hooliganism), war in sowjetischen Gerichten der zweithäufigste Anklagepunkt nach dem des geringfügigem Diebstahls. Die vielleicht beste Beschreibung, wie willkürlich die Straftatbestände angewandt wurden, liefert LaPierre:
„During the Khrushchev period, authorities imprisoned millions of Soviet citizens under the criminal category of hooliganism for anywhere from three days to five years for everything from swearing at a stranger to stabbing him.“
Unter „Hooliganimus“ wurden so unterschiedliche Delikte wie sexuelles Fehlverhalten, Schlägereien, Fluchen, bis hin zum Totschlag verstanden. Die Strafen bzw. Maßnahmen zur Reintegration waren ebenso lokal und zeitlich extrem unterschiedlich. Gemeinsam war ihnen, dass diese Taten – in der Regel – gegen die sowjetische Gesellschaft gerichtet sein mussten, um sich als „Hooliganismus“ zu qualifizieren. Das ist in der Tat das Näheste, das man zu einer zufrieden stellenden „Definition“ von Hooliganismus zu dieser Zeit in der Sowjetunion kommen kann. Allerdings ist auch dieses Kriterium nicht wirklich brauchbar, um Hooliganismus begrifflich zu fassen. Denn die Entscheidung, ob eine bösartige Absicht gegen den Staat vorlag, lag bei den Strafverfolgungsbehörden. Außerdem fand eine große Zahl der als „Hooliganismus“ verurteilten Taten im privaten oder halböffentlichen Raum statt, was eine Einstufung als politisches hate crime oder als Ausdruck einer rebellischen Einstellung wenig plausibel macht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Phase der Tauwetterperiode nach Stalins Tod ein und definiert das Forschungsinteresse am Umgang des sowjetischen Staates mit sozialer Abweichung.
2. Forschungsstand: Das Kapitel beleuchtet die spärliche und oft oberflächliche Forschungsliteratur zu sozialer Devianz in der Sowjetunion und würdigt die Pionierarbeit von Brian LaPierre.
3. Das Phänomen Hooliganismus: Hier wird die vage und willkürliche Anwendung des Hooliganismus-Paragraphen als Instrument zur Verfolgung unterschiedlichster Verhaltensweisen dargestellt.
4. Definition und Verwendung des Begriffs „Hooliganismus“ in der Chruschtschow-Ära: Das Kapitel analysiert die Diskrepanz zwischen offizieller juristischer Unschärfe und der medialen sowie gesellschaftlichen Stigmatisierung des stereotypen Hooligans.
5. Maßnahmen gegen „Hooliganismus“: Der Fokus liegt hier auf der Einbeziehung der Öffentlichkeit in die Strafverfolgung, um die unterbesetzte Polizei bei der Bekämpfung abweichenden Verhaltens zu entlasten.
5.1 Der Abschied von „sozialistischer Legalität“: Dieses Unterkapitel thematisiert den Widerspruch zwischen der offiziellen Reformpolitik einer sozialistischen Legalität und der gleichzeitigen Übertragung von Strafvollmachten an inoffizielle Laiengremien.
6. Der Umgang mit verwandten Formen deviantem Verhaltens: Es wird untersucht, wie neben Hooliganismus auch Parasitentum und Alkoholismus als soziale Probleme adressiert wurden.
6.1 Parasitentum: Die Analyse der Parasitengesetze zeigt, wie historische Traditionen der Deportation und Zwangsarbeit in einem neuen sowjetischen Rechtsrahmen fortgesetzt wurden.
6.2 Alkoholismus: Der Umgang mit Alkoholismus wird als Mischung aus medizinischer Pathologisierung und moralischer Verurteilung beschrieben, wobei das Trinken als Ausdruck mangelnder sozialer Integration gewertet wurde.
7. Erklärungsversuche: Dieses Kapitel verortet das Vorgehen des Staates im Kontext der rapiden Urbanisierung und des Wunsches der Führung, gesellschaftliche Disziplin durch moralische Ideale zu erreichen.
7.1 Zugrundeliegende ethische Normvorstellungen: Es wird dargelegt, wie abweichendes Verhalten als Angriff auf das moralische Ideal des Sowjetbürgers gewertet wurde und damit das Herrschaftssystem legitimieren konnte.
8. Fazit: Die Arbeit schließt mit dem Ergebnis, dass der Staat eher als wankelmütiger Akteur handelte, der den Druck der Öffentlichkeit aufgriff und durch vage Gesetze ungewollt ein System der Ausgrenzung schuf.
Schlüsselwörter
Sowjetunion, Tauwetterperiode, Chruschtschow, Hooliganismus, Parasitentum, Alkoholismus, Devianz, soziale Kontrolle, sozialistische Legalität, Druzhina, Repression, Gesellschaftsgeschichte, sowjetischer Alltag, Moralvorstellungen, Kriminalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Umgang der sowjetischen Behörden mit als deviant wahrgenommenen Verhaltensweisen wie Hooliganismus, Parasitentum und Alkoholismus während der sogenannten Tauwetterperiode zwischen 1954 und 1964.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Untersuchung beleuchtet?
Zentrale Themen sind die Diskrepanz zwischen gesetzlicher Unschärfe und Strafpraxis, die Einbindung der Öffentlichkeit durch Milizen und Laiengerichte sowie die moralischen Ansprüche des Staates an seine Bürger.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit fragt danach, wie diese Kampagnen mit dem politischen System der UdSSR zusammenhingen und inwieweit der Staat dabei als agierende oder lediglich reagierende Macht fungierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Bearbeitung verwendet?
Der Autor führt eine qualitative Analyse historischer Quellen und westlicher Forschungsliteratur durch, um die staatliche Verfolgungspraxis im sozio-politischen Kontext der Chruschtschow-Ära einzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Im Hauptteil werden die einzelnen Erscheinungsformen von Devianz analysiert, die Rolle der Öffentlichkeit bei deren Unterdrückung sowie die Widersprüche bei der Etablierung einer „sozialistischen Legalität“ diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Hooliganismus, Parasitentum, Tauwetterperiode, soziale Devianz, Chruschtschow-Ära, Druzhina und die sowjetische Gesellschaftspolitik.
Welchen Einfluss hatte die „sozialistische Legalität“ auf die Verfolgung von Parasiten?
Interessanterweise stand die Verfolgung von Parasiten durch Laiengremien und kollektiven Druck oft im direkten Widerspruch zu den Bemühungen, Willkürjustiz durch eine rechtsstaatlichere „sozialistische Legalität“ zu ersetzen.
Wird Hooliganismus in dieser Arbeit als politisches Instrument gesehen?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass es sich eher um eine gesellschaftliche Reaktion und ein populistische Maßnahme handelte, als um ein gezieltes politisches Instrument zur Unterdrückung einer organisierten Opposition.
- Arbeit zitieren
- Martin Ivers (Autor:in), 2018, Hooliganismus, Alkoholismus und Parasitentum während der "Tauwetterperiode". Der Umgang mit sozialer Devianz in der Sowjetunion 1954 bis 1964, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1141076