Das Konzept Geld in den Schulbüchern des sozialwissenschaftlichen Unterrichts. Entstehungsgeschichte, Darstellung und ökonomische Theorien


Masterarbeit, 2020

121 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Thematischer Einstieg
1.2 Stand der Forschung im Bereich der ökonomischen und sozioökonomischen Bildung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Was ist Geld? Verschiedene Definitionsversuche
2.2 Funktionen, Eigenschaften und Erscheinungsformen des Geldes
2.3 Wie ist Geld entstanden? Zwei konträre Sichtweisen
2.3.1 Entstehungsgeschichte des Geldes. Eine tauschtheoretische Perspektive
2.3.2 Entstehungsgeschichte des Geldes. Eine kredit- und staatstheoretische Perspektive
2.3.3 Tauschtheorie vs. Kredit- und Staatstheorie des Geldes

3. Methodische Grundlagen und Vorgehen
3.1 Methodische Grundlagen
3.1.1 Das Schulbuch als Medium – Begriffsbestimmung und Funktionen
3.1.2 Methodik der Schulbuch- und Inhaltsanalyse
3.2 Methodisches Vorgehen der Arbeit
3.2.1 Auswahl der Forschungsmethode und Darstellung des Analyserasters
3.2.2 Bestimmung des Datenpools

4. Ergebnisse der Inhaltsanalyse
4.1 Quantitative Ebene
4.1.1 Ergebnisse der Makroebene „Umfänge“
4.1.2 Ergebnisse der Mesoebene „Bestandteile“
4.1.3 Ergebnisse der Mikroebene „Veröffentlichungs- bzw. Erscheinungsorte“
4.2 Qualitative Ebene
4.2.1. Definition des Geldes
4.2.2 Entstehungsgeschichte des Geldes

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang
I Übersicht aller untersuchten Schulbücher der Fächer Wirtschaft, Politik und Gesellschaftslehre der Sekundarstufe I für das Land NRW
II Abbildungsverzeichnis
III Tabellenverzeichnis
IV Codebuch

1. Einleitung

1.1 Thematischer Einstieg

Schule hat die Aufgabe, junge Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben in unserer Gesellschaft vorzubereiten“ (MSB NRW 2018, S. 1). Insbesondere der sozialwissenschaftliche Unterricht1 hat das Ziel die Schülerinnen und Schüler (künftig: SuS) zu mündigen Bürgern, die in der Lage sind, politische, soziale und wirtschaftliche Verhältnisse verantwortungsvoll mitzugestalten, zu entwickeln (MSB NRW 2018, S. 1f.).

Vor allem in den letzten Jahren hat die ökonomische Bildung im Bildungssystem und damit auch in den Schulen deutlich an Relevanz gewonnen. Zu verdanken ist dies unter anderem der breiten wissenschaftlichen und bildungspolitischen Kritik, die sich im Jahr 2010 an einem Gutachten des Gemeinschaftsausschusses der Deutschen Gewerblichen Wirtschaft (GGW), der aus 15 großen einflussreichen Wirtschaftsverbänden besteht, zur ökonomischen Allgemeinbildung entzündet hat (Hedtke 2016, S. 1; Zurstrassen et al. 2011, S. 1ff.).

Ziel des Gutachtens war es, Bildungsstandards und Standards für die Lehrerbildung für ein neues Unterrichtsfach "Ökonomie" nach dem Prinzip der neoklassischen Ökonomik an allgemeinbildenden Schulen auszuarbeiten und zu veröffentlichen. Wesentliches Merkmal dieser Kritik war der Mangel an der Einbettung ökonomischer Fragen in „gesellschaftliche, politische und kulturelle Zusammenhänge“ (Zurstrassen et al. 2011, S. 6) (Hedtke 2016, S. 1; Zurstrassen et al. 2011, S. 1ff.).

Auch aus Sicht der SuS lässt sich ein offenbar steigendes Interesse an wirtschaftlichen Themen beobachten. So zeigt eine neue Umfrage des Bundesverbands deutscher Banken im Jahr 2018, dass 71 % der befragten SuS in der Schule „nicht viel bis gar nichts über wirtschaftliche Prozesse“ (Bankenverband 2018, o. S.) lernen bzw. gelernt haben. Dabei wünschen sich jedoch 84 % der Befragten mehr Informationen über wirtschaftliche Zusammenhänge und Prozesse in der Schule. Zwei Drittel der SuS fordern sogar die Einführung eines eigenen Schulfaches „Wirtschaft“ (Bankenverband 2018, o. S.; Kramer 2015, o. S.).

Mit dieser immer stärkeren Konzentration auf ein rein wirtschaftliches Schulfach und der zunehmenden Relevanz des Verständnisses wirtschaftlicher Zusammenhänge sollten relevante Aspekte, wie bspw. die Multiperspektivität und Kontroversität des Faches und somit einzelner Themenfeder, in den Blick genommen werden.

So kritisieren der Bielefelder Didaktikprofessor Reinhold Hedtke und Arbeitnehmerverbände die Forderungen, die vor allem vom Bundesverband deutscher Banken und einigen Lobbygruppen angeführt werden. Die Interessen seien von Unternehmen und Arbeitgebern zu stark in den Vordergrund gerückt und somit das Fach Wirtschaft zu eindimensional strukturiert. Der Fokus sollte vielmehr auf eine sozioökonomische Bildung, die auf Selbsterkenntnis, kritisch reflektiertem Handeln und sozialer wie auch ökologischer Verantwortung basiert, gerichtet werden. Des Weiteren sollte die in den Wirtschaftswissenschaften auftretende Hochschuldebatte um eine plurale Ökonomik, nach dem Prinzip einer vielfältigen und wissenschaftsorientierten ökonomischen Bildung auch in der ökonomischen Bildung, zumindest im Kern, dargestellt werden (Hedtke 2012, S. 11ff.; GEW 2011, S.1).

Wie die Einführung darlegt, kann wirtschaftlichen Inhalten in der Schule eine wichtige Rolle zugeschrieben werden. Sowohl in den Wirtschaftswissenschaften als auch in den Medien und bei den SuS nehmen diese Inhalte einen immer größeren Wert ein. Aus diesem Grund ist es notwendig, wirtschaftliche Inhalte genauer zu betrachten und herauszufinden, ob die in der Schule vermittelten Inhalte dieser wichtigen Rolle durch eine kontroverse, multiperspektive und wissenschaftliche Darstellung gerecht werden. Aufgrund des begrenzten Rahmens dieser Arbeit wird sich auf das Themenfeld Geld, dessen Entstehungsgeschichte und Charakter fokussiert.

Dementsprechend kann mithilfe dieser Arbeit dazu Stellung genommen werden, ob die wirtschaftlichen Inhalte in der Schule dieser essenziellen Rolle im soeben geschilderten Themenfeld gerecht werden.

Auch die Debatte um das Themenfeld Geld, dessen Entstehungsgeschichte und Charakter ist spätestens seit David Graebers „Debt: The First 5,000 Years“, zu Deutsch „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“ wieder ins Rampenlicht gerückt. So beruft er sich in seiner Literatur auf den fast 100 Jahre andauernden Hinweis etlicher Anthropologen. Diese wiesen immer wieder auf die Richtigstellung des von Adam Smith erfundenen Grundmythos der Entstehung des Geldes durch den Tauschhandel hin und widerlegten diesen sogar. So sei Geld nicht, wie überall vermittelt, als natürliches Produkt des Tauschhandels entstanden, woraus sich wiederum das Geld, als eine Art Liquidierung des Handels und anschließend die Kreditvereinbarungen bzw. Schulden entwickelten. Ganz im Gegenteil seien, Kreditvereinbarungen als das Versprechen, etwas zurückzugeben, schon deutlich früher als das Geld existent gewesen und eng an die menschliche Entwicklung gebunden (Graeber 2014, S. 31ff.; Rebmann 2018, o. S.).

Auch Graeber konnte durch die Darstellung zahlreicher historischer und anthropologischer Befunde die Theorie Adam Smiths widerlegen. Nichtsdestotrotz beharren zahlreiche Ökonomen auf der Theorie des Tauschhandels, die maßgeblich zur Entstehung der heutigen Wirtschaftswissenschaften beitrug und noch immer relevant ist (Graeber 2014, S. 31ff.; Rebmann 2018, o. S.).

Inwiefern diese in den Wirtschaftswissenschaften existierende Multiperspektivität der Theorien eine Aufmerksamkeit in der ökonomischen Bildung und den Schulbüchern findet, bildet einen zentralen Bestandteil dieser Arbeit.

Diese Arbeit verfolgt dabei die folgenden zentralen Fragen:

(1) Welche ökonomischen Konzepte und Theorien werden in den Wirtschaftswissenschaften in Bezug auf das Themenfeld Geld, dessen Entstehungsgeschichte und Charakter diskutiert und wie werden diese dargestellt?
(2) Welche ökonomischen Konzepte und Theorien werden in den Schulbüchern des sozialwissenschaftlichen Unterrichts der SEK I mit Blick auf das Themenfeld Geld, dessen Entstehungsgeschichte und Charakter vermittelt und wie werden diese dargestellt?

Die erste zentrale Frage (1) umfasst eine theoretische Aufarbeitung der wissenschaftlichen Literatur in den Wirtschaftswissenschaften. Insbesondere das zweite Kapitel orientiert sich an diese Fragestellung. So kann Frage (1) mithilfe des zweiten Kapitels beantwortet werden.

Die zweite zentrale Frage (2) wird durch eine empirische Aufarbeitung im dritten Kapitel dieser Arbeit konkretisiert und mit den Ergebnissen des vierten Kapitels beantwortet.

Der Fokus der Untersuchung dieser Arbeit liegt auf den Schulbüchern, mit denen im Gesellschafts-, Politik- und Wirtschaftsunterricht des Landes Nordrhein-Westfalen gearbeitet wird. Dementsprechend werden in dieser Arbeit die Inhalte der aktuell verwendeten Schulbücher betrachtet. Welche Inhalte explizit durch die Lehrkraft im Unterricht vermittelt werden, kann durch diese Arbeit nicht vollständig nachvollzogen werden, da die Schulbücher lediglich ein Element des umfangreichen Repertoires einer Lehrkraft darstellen. Jedoch gibt diese Arbeit einen Hinweis darauf, welche Inhalte im Wirtschaftsunterricht der Schule behandelt werden.

Konkret beschäftigt sich diese Arbeit im zweiten Kapitel mit den Grundlagen zum Themenfeld Geld, dessen Entstehung und Charakter. Dazu werden der Begriff bzw. die Definition des Geldes, die eng mit seiner Entstehungsgeschichte zusammenhängen, vorgestellt.

Da der Geldbegriff trotz der „Berge wissenschaftlicher Literatur“ (Issing 2011, S. 1) nicht eindeutig definiert werden kann bzw. verschiedene Definitionen existieren, wird diese Heterogenität an Definitionen im Sinne der angestrebten Multiperspektivität und Kontroversität auch in dieser Arbeit dargestellt. Um sich ein vollständiges Verständnis des Geldbegriffes anzueignen, werden im Anschluss an die Definition des Geldbegriffes die verschiedenen Funktionen, die Eigenschaften, die Erscheinungsformen, die Geld annehmen kann und die Entstehungsgeschichte des Geldes vorgestellt.

Wie bereits angeschnitten, kann die Entstehungsgeschichte des Geldes aus zwei konträr gestellten Theorien bzw. Perspektiven betrachtet werden: auf der einen Seite steht dabei die Tauschtheorie, auf der anderen Seite hingegen die Kredit- und Staatstheorie. Beide Sichtweisen werden in zwei separaten Unterkapiteln detailliert und unbeeinflusst voneinander erarbeitet. So beschäftigt sich Kapitel 2.3.1 mit der Sichtweise des Geldes als Produkt der natürlichen Neigung des Menschen zum Handeln (Tauschtheorie). Kapitel 2.3.2 beschäftigt sich wiederum mit der Sichtweise des Geldes als Produkt des Staates, um Schulden, Steuern und Abgaben der Bevölkerung einheitlich zu strukturieren und zu organisieren und Kriege und Heere zu finanzieren (Kredit- und Staatstheorie) (Knapp 1905, S. 2ff.; Smith 1977, S. 58f.; Graeber 2014, S. 45ff.; Keynes 1955, S. 4f.; Paul 2007, S. 37f.).

In einer abschließenden Zusammenfassung werden beide Sichtweisen kurz zusammengefasst und gegenübergestellt, sodass die Unterschiede beider Theorien herausgearbeitet werden.

Das dritte Kapitel dieser Arbeit kann in zwei Teile unterteilt werden. In diesem Kapitel werden zum einen die methodischen Grundlagen und das methodische Vorgehen dieser Arbeit vorgestellt. Konkret beschäftigt sich der erste Teil des dritten Kapitels mit den methodischen Grundlagen dieser Arbeit. Die in diesem Teil erarbeiteten Grundlagen bilden einen besonderen Wert für diese Arbeit, da sie die Grundlage der Analyse dieser Arbeit bilden. Dazu wird das Schulbuch als Medium und die Methodik der Inhaltsanalyse detaillierter betrachtet.

Kapitel 3.1.1 beinhaltet die Definition bzw. Begriffsbestimmung, die Funktionen und die Eigenschaften des Schulbuches. Dabei soll insbesondere die Wichtigkeit und der große Einfluss des Schulbuches auf die Akteure des Umfelds Schule und die Öffentlichkeit deutlich werden, womit die in dieser Arbeit geplante Inhaltsanalyse auch über das Schulbuch als Medium legitimiert werden kann. Im Anschluss an Kapitel 3.1.1 wird die Methodik der Inhaltsanalyse erarbeitet und eine Verbindung zum Kapitel „Auswahl der Forschungsmethode und Darstellung des Analyserasters“ hergestellt. Dieses thematisiert die Inhaltsanalyse konkreter.

Im zweiten Teil des dritten Kapitels wird das methodische Vorgehen dieser Arbeit vorgestellt und begründet. Dazu wird die Forschungsmethode vorgestellt und anschließend werden die einzelnen Bestandteile des Analyserasters veranschaulicht. Abschließend wird der Datenpool, der alle vom Ministerium für Schule und Bildung des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen (NRW) zugelassenen Schulbücher der Klassenstufen 5, 6, 7 und 8 der sozialwissenschaftlichen Fächer beinhaltet, präsentiert.

Das vierte Kapitel bildet einen wesentlichen Bestandteil dieser Arbeit: es veranschaulicht die Ergebnisse der in dieser Arbeit durchgeführten Studie. Dieses Kapitel orientiert sich in seiner Struktur am Analyseraster, das im dritten Kapitel ausführlich vorgestellt wird.

Im Fazit wird der gesamte Inhalt dieser Arbeit kurz zusammengefasst. Dazu wird abschließend auf die Darstellung des Themas Geld, dessen Entstehungsgeschichte und Charakter in den Wirtschaftswissenschaften und in den Schulbüchern des sozialwissenschaftlichen Unterrichts der SEK I eingegangen.

1.2 Stand der Forschung im Bereich der ökonomischen und sozioökonomischen Bildung

Im Bereich der ökonomischen und soziökonomischen Bildung mit Fokus auf die Schulbuch- bzw. Inhaltsanalyse sozialwissenschaftlicher Schulbücher der SEK I findet sich bislang keine Studie, die sich mit dem Themenfeld Geld, dessen Entstehungsgeschichte und Charakter beschäftigt, weshalb mit dieser Analyse die Möglichkeit besteht, neue Erkenntnisse in einem unerforschten Themenfeld zu generieren.

Schulbuchanalysen im Bereich der ökonomischen und sozioökonomischen Bildung

liegen nur für einzelne Themen, die sich meist mit dem Unternehmerbild, dem Staatsverständnis und der sozialen Marktwirtschaft beschäftigen, vor“ (Van Treeck/ Urban 2019, S. 5).

Van Treeck und Urban (2019) beschäftigten sich mit der Kontroversität und Wissenschaftlichkeit unter anderem in den Schulbüchern des sozialwissenschaftlichen Unterrichts (Van Treeck/ Urban 2019, S. 131ff.).2

Untersucht wurden dabei die Themen: soziale Marktwirtschaft/ Wirtschaftssysteme und Makroökonomik, Umweltpolitik/ Nachhaltigkeit, politisches System/ Demokratie, Wohlfahrtsstaat, soziale Ungleichheit einschl. Gender, Globalisierung und Entwicklungspolitik (Van Treeck/ Urban 2019, S. 131ff.).

Van Treeck und Urban kommen dabei zu folgenden, für diese Arbeit relevanten Ergebnissen:

Es ist generell von einem angemessenen Wissenschaftsbezug in den Lehr-Lern-Materialien auszugehen. Auch sind wirtschafts- und sozialpolitische Kontroversen in den Lehr-Lern-Materialien präsent. Defizite sind durch eine paradigmatische Engführung auf die deutsche Soziale Marktwirtschaft und den Ordoliberalismus […] und auf ein ökonomistisches Globalisierungsverständnis gegeben.“ (Van Treeck/ Urban 2019, S. 1).

Schlösser und Schuhen (2017) hingegen untersuchten in ihrer Schulbuchanalyse das Unternehmerbild und die Darstellung der sozialen Marktwirtschaft. Der Fokus der Studie lag darauf, „insbesondere zu analysieren, ob wirtschaftliche Zusammenhänge korrekt erklärt und bewertet werden“ (Schlösser/ Schuhen 2017, S. 3).

Deutlich machen Schlösser und Schuhen die eher schwache Stellung der ökonomischen Bildung im deutschen Schulwesen.

So ist die ökonomische Bildung:

im deutschen Schulwesen nach Bundesländern unterschiedlich geordnet, meist innerhalb eines sozialwissenschaftlichen Integrationsfaches oder eines Kombinationsfaches wie Wirtschaft und Recht. Nur selten ist Ökonomie mit einem eigenen Fach vertreten […]. Hinzu kommt, dass in vielen Bundesländern der Unterricht fachfremd erteilt wird, beispielsweise von Lehrkräften, die für die Fächer Erdkunde oder Geschichte ausgebildet sind.“ (Schlösser/ Schuhen 2017, S. 4).

Dementsprechend erlenen die SuS „ökonomisches Wissen meist fragmentiert“ (Schlösser/ Schuhen 2017, S. 4) auch die „im Bildungsbegriff angelegte Reflexionsfähigkeit wird in der Domäne Ökonomie nicht erreicht (Schlösser/ Schuhen 2017, S. 4).

Dazu machen Schlösser und Schuhen deutlich, dass das Unternehmerbild in den Schulbüchern kaum thematisiert wird. So wird das das Thema Unternehmertum „knapp und unbefriedigend behandelt“ (Schlösser/ Schuhen 2017, S. 3). Des Weiteren bleibt die „Darstellung der sozialen Marktwirtschaft als Wirtschaftsordnung in der Regel sehr abstrakt“ (Schlösser/ Schuhen 2017, S. 3).

Auch der „ordnungspolitische Grundgedanke der Sozialen Marktwirtschaft […] wird nicht lebensnah vermittelt.“ (Schlösser/ Schuhen 2017, S. 3).

Auch Hofmann et al. (2012), die sich mit der sozialen Marktwirtschaft und deren Darstellung in den Schulbüchern der SEK I und II beschäftigten, bestätigten die soeben dargelegten Erkenntnisse in ihrer Studie.

Dabei wurde untersucht, ob „Inhalte vollständig und korrekt nach der herrschenden Lehrmeinung im Schulbuch wiedergegeben werden und welches Bild der sozialen Markwirtschaft in den Schulbüchern dargestellt wird.“ (Hofmann et al. 2012, S. 78).

Hofmann et al. kamen zu dem Ergebnis, dass in den Schulbüchern der SEK I kein einziges Schulbuch ein vollständiges Bild der Konzeption der sozialen Marktwirtschaft vermittelt (Hofmann et al. 2012, S. 83f.).3

Die letzte hier vorgestellte Studie von Klein und Schare (2010), im Auftrag des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, untersuchte die Themen Unternehmen und soziale Marktwirtschaft im Schulbuch. Konkret wurden die Rolle der Unternehmer und die Konzeption der sozialen Marktwirtschaft betrachtet (Klein/ Schare 2010, S. 4ff.).

Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Konzeption der sozialen Marktwirtschaft nur formal dargestellt wird. Dazu fehlen elementare Bestandteile, die zum Verständnis der Gesamtkonzeption und deren Wirkungszusammenhang beitragen. Insbesondere die Themen „Finanzen“ und „Geld“, die den Kern dieser Studie bilden, werden in den meisten Schulbüchern stark vernachlässigt (Klein/ Schare 2010, S. 4ff.; Hofmann et al. 2012, S. 74f.).

Es wurde deutlich, dass die soeben vorgestellten Studien einige Defizite in den Schulbüchern des sozialwissenschaftlichen Unterrichts erkennen. Dementsprechend werden für diese Studie Defizite bei der Thematisierung und Darstellung des Themas Geld, dessen Entstehungsgeschichte und Charakter, nicht ausgeschlossen.

2. Theoretischer Hintergrund

Das folgende Kapitel beschäftigt sich ausführlich mit dem Geldbegriff, dessen Funktionen und Eigenschaften und mit der Entstehungsgeschichte des Geldes. Ziel ist es, nach diesem Kapitel den Begriff, die Funktionen und die Eigenschaften des Geldes umfassend zu verstehen, den Ursprung des Geldes nachvollzogen zu haben und die dazugehörige Multiperspektivität in den Wirtschaftswissenschaften zu erkennen. So soll eine Grundlage für die folgenden Kapitel geschaffen werden und die in der Einleitung formulierte erste Forschungsfrage beantwortet werden können.

2.1 Was ist Geld? Verschiedene Definitionsversuche

Den Begriff Geld zu definieren, wirkt auf den ersten Blick recht simpel, da dieser im Alltag und in der täglichen Praxis, im Sprachgebrauch und im Denken jedes Menschen eine selbstverständliche Größe darstellt. Des Weiteren existiert eine fast unüberblickbare Vielfalt an Literatur, die sich mit dem Begriff des Geldes beschäftigt. Doch wie genau lässt sich dieser Begriff definieren? (Mishkin 2004, S. 44f.; Brandl 2015, S. 1f.; Sedillot 1992, S. 9f.).

Karl Helfferich verwies bereits im Jahr 1910 in seinem Klassiker „Das Geld“ darauf, dass die Definition des Geldbegriffes: „jeher ein schwieriges Problem der theoretischen Nationalökonomie“ (Helfferich 1910, S. 215) darstelle. Trotz der Geläufigkeit dieses Begriffes sei es: „schwierig [,] diese allgemeine Vorstellung in eine kurze Definition zu fassen“ (Helfferich 1910, S. 215). Insgesamt existiert eine große Anzahl an Definitionen, die sich mit dem Geldbegriff beschäftigen. Diese unterscheiden sich, je nachdem welche Funktionen und Erscheinungsformen des Geldes herangezogen werden, voneinander. Zudem spielt die Sicht auf die Entstehungsgeschichte eine wichtige Rolle bei der Definition des Geldbegriffes. Mishkin fasst die Problematik folgend prägnant zusammen: „there is no single, precise definition of money or the money supply, even for economists.“ (Mishkin 2004, S. 44) (Helfferich 1910, S. 215; Moritz 2012, S. 5; Mishkin 2004, S. 44f.; Brandl 2015, S. 1f.; Sedillot 1992, S. 9f.).

In der Regel befassen sich Ökonomen in ihren Einführungslehrbüchern nicht genauer mit der oben geschilderten Komplexität der Eigenschaften des Geldes und dessen historischer Entwicklung, sondern gehen direkt zur Geldtheorie über. Auf die Frage, was Geld ist, wird lediglich auf die Funktionen des Geldes verwiesen (Reifner 2017, S. 43ff; Brandl 2015, S. 1f.; Siebert/ Lorz 2007, S. 258; Paul 2007, S. 34; Gischer 2017, S. 5f.).

Exemplarisch kann dies an folgenden Zitaten veranschaulicht werden:

In der Vergangenheit hat man viel Mühe darauf verwandt, nach dem Wesen des Geldes zu suchen… Heute beginnt man in der Regel die Analyse des Geldes mit der Frage nach dessen Funktion (als) …. Recheneinheit, Tauschmedium, Wertaufbewahrungsmittel.“ (Reifner 2017, S. 43).

In der heutigen Nationalökonomie wird der Geldbegriff von den Geldfunktionen her bestimmt: Alles, was Geldfunktionen ausübt, ist Geld.“ (Issing 2011, S. 1).

Den Begriff des Geldes lediglich über die Funktionen des Geldes zu definieren, kann jedoch keine überzeugende Definition des Geldes darstellen, weshalb im Folgenden verschiedene Definitionen des Geldbegriffes vorgestellt werden. Dies dient dazu die Multiperspektivität, die in Einführungslehrbüchern nicht ausreichend thematisiert wird, in diesem Themenbereich zu verdeutlichen (Gischer 2017, S. 5f.).

Bereits Aristoteles bestimmte in seinem Werk „Politik“, was Geld ist. So sei Geld ein Maß des Bedürfnisses und ein Tauschmittel, dass komplexeren Verhältnissen den Austausch von Gegenständen erleichtert. Damit begann bereits Aristoteles dem Geld eine Doppelrolle zuzuordnen: zum einen die des Tauschmittels, zum anderen als Maß des Bedürfnisses (Aristoteles 1994, S. 63ff.; Gischer 2017, S. 5; Petersen/ Faber 2015, S. 88f.).

Adam Smith4, der als Vater des kapitalistischen Liberalismus gilt, betrachtete Geld als das Ergebnis einer „natürlichen Neigung des Menschen, zu handeln und Dinge gegeneinander auszutauschen“ (Smith 1997, S. 58).

Diese Neigung sei rein menschlich, da Tiere dies nicht tun. So heißt es bei Smith:

Niemand hat je erlebt, dass ein Hund mit einem anderen einen Knochen redlich und mit Bedacht gegen einen anderen Knochen ausgetauscht hätte“ (Smith 1977, S. 58).

Damit definiert Smith nach Aristoteles auch den Geldbegriff insbesondere aus Sicht der Tauschmittelfunktion.

Carl Menger, einer der wichtigsten Ökonomen des letzten Jahrhunderts, beschrieb Geld als eine Ware, die im Tauschverkehr aus dem Kreis der übrigen Waren als universelles Tauschmittel hervorgegangen ist. Somit legt auch er den Fokus auf die Tauschmittelfunktion des Geldes (Menger 1892, S. 242ff.; Brandl 2015, S. 6f.).

Gustav Schmoller beschreibt Geld in seinem Klassiker „Grundriss der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre“ von 1904 als etwas, das:

größere Menschengruppen in Staat und Gemeinde viel leichter zum Zusammenwirken und zur Arbeitsteilung bringt. Insbesondere die Arbeitsteilung schafft die lebendigen Märkte, den großen Handel und den Verkehr zwischen den Individuen.“ (Schmoller 1904, S. 97) (Schmoller 1904, S. 97f.; Reinhold 1997, S. 60f.).

Karl Helfferich definiert Geld als:

die Gesamtheit der jenigen Objekte, welche in einem gegebenen Wirtschaftsgebiet und in einer gegebenen Wirtschaftsverfassung die ordentliche Bestimmung haben, den Verkehr (oder die Übertragung von Werten) zwischen den wirtschaftenden Individuen zu vermitteln.“ (Helfferich 1910, S. 220).

Damit bestimmt Helfferich Geld „nicht nur als abstrakte, von jeder materiellen Verkörperung losgelöste Funktion“ (Helfferich 1910, S. 220), sondern „vielmehr tritt Geld in jeder gegebenen Wirtschaftsverfassung und in jedem gegebenen Wirtschaftsgebiet als ein bestimmter Kreis konkreter Objekte gegenüber“ (Helfferich 1910, S. 220). Nichtsdestotrotz legt Helfferich den Fokus auf die Tausch- bzw. Vermittlungsfunktion des Geldes (Helfferich 1910, S. 219f.).

Auch Hans- Joachim Jarchow definiert den Geldbegriff mit Fokus auf der Tausch- bzw. Zahlungsmittelfunktion. Er bezeichnet Geld als:

alles was im Rahmen des nationalen Zahlungsverkehrs einer Volkswirtschaft generell zur Bezahlung von Gütern und Dienstleistungen oder zur Abdeckung anderer wirtschaftlicher Verpflichtungen akzeptiert wird.“ (Jarchow 2010, S. 1).

Horst Siebert und Oliver Lorz definieren den Geldbegriff ungeachtet der Perspektive der historischen Entwicklung direkt über die Funktionen des Geldes. Damit bieten sie eine ausgedehntere Definition als die obere an, die sich hauptsächlich auf die Tausch- bzw. Zahlungsmittelfunktion des Geldes beschränkte. Geld sei, so Siebert und Lorz, „ein Gut, dass in einer Gesellschaft allgemein als Tauschmittel, als Recheneinheit (Wertausdrucksmittel) und als Wertaufbewahrungsmittel akzeptiert wird.“ (Siebert/ Lorz 2007, S. 258) oder in Kurzform: „Geld ist, was gilt“ (Siebert/ Lorz 2007, S. 258).

Auch Frederic Mishkin beschränkt sich, wie Siebert und Lorz, in seinem Definitionsversuch auf die Geldfunktionen. Jedoch wird der Allgemeingültigkeitsanspruch seiner Definition schnell deutlich. Mishkin definiert Geld als:

Whether money is shells or rocks or gold or paper, it has three primary functions in any economy: as medium of exchange, as a unit of account, and as a store of value.“ (Mishkin 2004, S. 45).

Udo Reifner bezeichnet Geld als:

einen Vorrat an Werten, mit dem künftige Tausch- und Zahlungsvorgänge abgewickelt werden können, womit alles zum Geld zu zählen werden sollte, was zugleich die Funktion eines Tausch-, Zahlungs- und eines Wertaufbewahrungsmittels erfüllt.“ (Reifner 2017, S. 43).

Auch seine Definition ist, wie die vorherigen, an die drei Funktionen des Geldes angelehnt (Reifner 2017, S. 43f.).

Eine moderne Definition des Geldes bietet Fritz Helmedag. Dabei wird der Fokus vor allem auf das in der heutigen Zeit gängige stoffwertlose Geld, das keine Umtauschverpflichtung besitzt und somit vollständig vom Vertrauen der Nutzer abhängig ist, gelegt. Auch dieses Geld dient hauptsächlich der Tauschmittelfunktion (Helmedag 1994, S. 91f.; Gischer 2017, S. 6f.):

Geld ist in einer modernen, vom ökonomischen Tausch dominierten Gesellschaft ein metrisch skalierter Wertausdruck, dessen Autorität sich darauf gründet, von jedem Verkäufer als Gegenleistung des Käufers im ökonomischen Tausch anerkannt zu werden.“ (Helmedag 1994, S. 92).

Paul Kellermanns Definition lehnt sich gewissermaßen an Helmedags Definition an. So heißt es bei Kellermann (Kellermann 1991, S. 99; Kellermann 2014, S. 21f.):

Geld ist allgemein und zunächst ein vergegenständlichtes, in der Regel schriftlich gegebenes Versprechen von Leistung. Es ist selbst keine Leistung, symbolisiert lediglich den Anspruch auf Leistung; insofern stellt es ‚Kaufkraft‘ dar. Voraussetzung für die Symbolisierung von Leistung in Form des Versprechens und des Anspruchs ist, dass zumindest zwei Parteien – nämlich Geber und Nehmer von Geld –, in der Regel jedoch ganze Personengruppen oder soziale Systeme Versprechen und Anspruch akzeptieren. Versprechen und Anspruch bedeuten für den Geldgeber die Anerkenntnis, Leistung schuldig zu sein; für den Geldnehmer, auf die Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft des Geldgebers zu vertrauen. Geld unterliegt somit immer ein kollektives Vertrauensverhältnis.“ (Kellermann 1991, S. 99).

Die soeben vorgestellten Definitionen bilden nur einen kleinen Ausschnitt.5

Wie zu erkennen ist, orientiert sich der Großteil der vorgestellten Definitionen an den Funktionen des Geldes. Die Mehrzahl der Geldtheoretiker und der hier vorgestellten Definitionen weisen der Tauschmittelfunktion die primäre Rolle zu (Paul 2007, S. 34f.).

Weitere Definitionen, die eine andere Perspektive auf den Geldbegriff haben, bilden folgende:

Alfred Mitchell-Innes, der ein Vertreter der Kredittheorie des Geldes6 war und mit seinen Publikationen in den Jahren 1913 und 1914 die damals wie heute noch vorherrschende Tauschtheorie des Geldes kritisierte, beschrieb Geld als:

credit and credit alone is money. A’s money is B’s debt to him, and when B pays his debt, A’s money disappears. This is the whole theory of money.“ (Mitchell-Innes 1913, S. 402).

Des Weiteren sei Geld: „credit and debt have nothing and never have had anything to do with gold and silver.“ (Mitchell-Innes 1913, S. 393)

Im Gegensatz zu den bereits vorgestellten Definitionen bezieht sich Mitchell-Innes nicht auf die Tauschmittelfunktion des Geldes. Geld ist Guthaben, welches das Verhältnis von Menschen untereinander beeinflusst. Dabei stellt das Guthaben der einen Person, die Schulden der anderen dar. Mitchell-Innes verleiht dem Geld mit seiner Definition eine neue Perspektive, die sich aufgrund der unterschiedlichen Sicht auf die Entstehungsgeschichte von den bereits vorgestellten Begriffsbestimmungen unterscheidet (Mitchell-Innes 2004, S. 14ff.; Wisbar 2020, S. 253f.).

Georg Knapp, der ähnlich wie Mitchell-Innes die vorherrschende Tauschtheorie des Geldes in den Anfängen des 20. Jahrhunderts kritisierte, definiert Geld als:

„Geld ist das Geschöpf der Rechtsordnung. Es ist im Laufe der Geschichte in den verschiedensten Formen aufgetreten. Eine Theorie des Geldes kann daher nur rechtsgeschichtlich sein.“ (Knapp 1905, S. 1).

Die Rechtsordnung „regelt den Gebrauch“ (Knapp 1905, S. 2) des Geldes. Welche Form das Geld dabei annimmt, ist unwichtig, denn was der Staat als Währung akzeptiere, würde auch zur Währung (Knapp 1905, S. 1ff.; Graeber 2014, S. 54f.).

Damit beschreibt Knapp die Entstehung des Geldes nicht aus der Natur des Menschen, zu tauschen, sondern als Produkt des Staates, um in einem einheitlichen System Kredite und Schulden zu messen. Mithilfe von Gesetzen sind die Bürger dazu gezwungen, das von der Regierung akzeptierte Zahlungsmittel „Geld“ zu verwenden (Knapp 1905, S. 2ff.; Graeber 2014, S. 54f.; Steinhardt 2016, S. 1f.).7

Sowohl Mitchell-Innes als auch Knapps Definitionen basieren auf derselben Annahme, dass Geld aus Schulden entstanden ist.

John Maynard Keynes, der in seiner Auffassung, was Geld ist von Mitchell-Innes und Knapp geprägt wurde und ebenfalls Anhänger der Kredittheorie war, beschrieb Geld als:

Money of account […] is the primary concept of a theory of money. A money of account comes into existence along with debts […]. Such debts […] can only be expressed in terms of a money of account. […] Money proper […] can only exist in relation to a money of account“ (Keynes 1955, S. 3; Paul 2007, S. 38f.).

Damit beschreibt Keynes Geld als ein auf einen „Standard bezogenes Zahlungsmittel, dass der Tilgung von Schulden dient, die bei jedem Kauf anfallen.“ (Keynes 1955, S.4; Paul 2007, S. 39).

Auch Keynes sieht Geld, ähnlich wie Knapp, als Schöpfung des Staates, der die Einhaltung der Verträge erzwingt und festlegt, in welcher Form die Schulden beglichen werden (Keynes 1955, S.4f.; Paul 2007, S. 39).

Geoffrey Ingham definiert Geld als:

„Geld ist kein Medium, das aus dem Tausch hervorgeht. Es ist vielmehr ein Mittel, um Schulden aufzurechnen und zu begleichen, und die wichtigsten Schulden sind Staatsschulden.“ (Ingham 2004, S. 47).

Hier wird deutlich, dass auch Ingham ein Anhänger der Kredittheorie ist. Ähnlich wie Knapp sieht er den Staat als wichtigen Akteur bei der Entstehung des Geldes (Ingham 2004, S.46ff.; Graeber 2014, S. 53f.).

David Graeber kritisiert in seinem Buch „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“ die bereits vorgestellten Definitionen aus Sicht der Tauschtheorie des Geldes. Laut Graeber wird die Geschichte des Geldes „genau verkehrt herum erzählt“ (Graeber 2014, S. 47).

Laut Graeber fing die Menschheit

nicht mit Tauschhandel an, entdeckte dann das Geld und entwickelte schließlich Kreditsysteme. Was heute als virtuelles Geld verstanden wird, war zuerst da. Die Münzen kamen viel später, und ihr Gebrauch verbreitete sich sehr unterschiedlich; sie ersetzten Kreditsysteme nie ganz.“ (Graeber 2014, S. 47).

Graeber verschärft sogar seine These, indem er den Tauschhandel als eine Art „zufälliges Nebenprodukt der Verwendung von Münzen und Papiergeld“ (Graeber 2014, S, 47) beschreibt. Des Weiteren fand Tauschhandel

historisch betrachtet anscheinend immer dann statt, wenn Menschen, die Transaktionen mit Geld gewöhnt waren, aus dem einen oder anderen Grund keinen Zugang zu geldlichen Zahlungsmitteln hatten.“ (Graeber 2014, S. 47).

Damit mindert er die Bedeutung des Tauschhandels, der einen existenziellen Bestandteil in der vorherrschenden Tauschtheorie des Geldes bildet.

Wie deutlich wurde, können die vorgestellten Definitionen in zwei gegensätzliche Lager eingeteilt werden. Diese lassen sich grob, je nach Auffassung der Entstehungsgeschichte des Geldes, in die Kredit- und Staatstheorie und die Tauschtheorie des Geldes, auf die in Kapitel 2.3 detailliert eingegangen wird, unterteilen. Ergänzt werden diese beiden Lager durch eine neutralere Perspektive, die den Geldbegriff, ohne auf die Entstehungsgeschichte des Geldes einzugehen, lediglich aus Sicht der Funktionen des Geldes definiert.

Welche Funktionen und Erscheinungsformen Geld besitzen kann, wird im Folgenden Kapitel beschrieben.

2.2 Funktionen, Eigenschaften und Erscheinungsformen des Geldes

In nahezu jedem Einführungslehrbuch der Ökonomie werden Geld drei Funktionen zugeschrieben. Diese werden, um der Multiperspektivität in den Wirtschaftslehrbüchern gerecht zu werden, in dieser Arbeit um zwei Funktionen erweitert.

Zur ersten und wichtigsten Funktion des Geldes gehört die Tauschmittelfunktion. Alle weiteren Funktionen werden als Subfunktionen bzw. Ergänzungen angesehen (Schneck/ Buchbinder 2015, S. 52).8

Um diese Funktion zu verstehen, wird im Folgenden ein Beispiel gegeben.

Es wird davon ausgegangen, dass drei Personen mit drei verschiedenen Gütern aufeinandertreffen. Diese können wie folgt dargestellt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Matrix der Tauschwünsche und des Tauschangebots (angelehnt an Gischer 2017, S. 4)

Trotz der simplen Zusammenstellung dieser Tauschwünsche wird schnell deutlich, dass kein direkter Tausch zwischen den Personen möglich ist. So könnte Moritz keine Erdnüsse von Mohamad tauschen, da er nicht im Besitz der nachgefragten Erdbeeren ist. Eine Möglichkeit, dieses Dilemma zu lösen, wäre ein Dreieckstausch: so könnte Moritz seine Schuhe gegen Julias Erdbeeren tauschen, um diese wiederum gegen Mohamads Erdnüsse einzutauschen. Somit wären alle Bedürfnisse befriedigt (Gischer 2017, S. 4).

Selbstverständlich funktioniert der oben geschilderte Tauschhandel nur, wenn alle Beteiligten mit dem Tausch einverstanden sind (Gischer 2017, S. 3f.; Issing 2011, S. 1f.; Moritz 2012, S. 5f.).

Gut vorstellbar wäre, dass Moritz den Tausch mit Julia nicht eingeht, da er (in den Einführungslehrbüchern wird immer von fremden Personen ausgegangen) keine Informationen darüber hat, ob Mohamad noch an den Erdbeeren interessiert ist oder ob das neue Tauschverhältnis beidseitig akzeptiert wird (Transaktions- und Informationskosten). Das Risiko, dass Moritz auf den Erdbeeren sitzen bleibt, ist durchaus realistisch. Des Weiteren setzt diese gesamte Situation das Prinzip der doppelten Koinzidenz der Bedürfnisse voraus, also dass die Angebots- und Nachfragewünsche aller potenziellen Tauschpartner exakt entgegengesetzt sind. Das würde bedeuten, dass Moritz‘ eingetauschte Erdbeeren genau den Vorstellungen Mohamads entsprächen und umgekehrt. Ebenfalls müssten sich die beteiligten Interessenten zur selben Zeit am selben Ort befinden (Gischer 2017, S. 3f.; Issing 2011, S. 1f.; Moritz 2012, S. 5f.).

Das Beispiel zeigt, dass die soeben aufgeführten Bedingungen den Tauschhandel erheblich einschränken. Hier ist es empfehlenswert, ein einheitliches Zahlungsmittel „Geld“ einzuführen, das von allen Beteiligten als Tauschmittel akzeptiert und anerkannt wird. Dieses „Geld“ ermöglicht es nun, unvollständige Tauschhandlungen durchzuführen. So können Anbieter und Nachfrager von Gütern und Leistungen den unmittelbaren Austausch zeitlich und räumlich verlagern. Des Weiteren können durch die Eigenschaft des Geldes als Liquiditätsträger komplexe Systeme gesellschaftlicher Arbeitsteilung entstehen (Gischer 2017, S.3f.; Reinhold 1997, S. 60; Schmoller 1904, S. 97; Reifner 2017, S. 43).

Das oben geschilderte Dilemma wäre mit einem allgemein anerkannten und akzeptierten Zahlungsmittel „Geld“ einfach zu beheben. So kann Moritz Mohamads Erdnüsse gegen „Geld“ eintauschen. Dieser wiederum kann das eingetauschte Geld gegen Julias Erdbeeren eintauschen, die wiederum Moritz‘ Schuhe gegen das eingetauschte Geld eintauscht.

Eine weitere Funktion bildet die Zahlungsmittelfunktion, die Geld nicht nur als Zweck zum Tausch, sondern auch als Mittel zur Tilgung von Schulden sieht. Diese Funktion wird in vielen Lehrbüchern nicht zusätzlich thematisiert, sondern häufig mit in die Tauschmittelfunktion integriert. In dieser Arbeit wird diese Funktion jedoch aufgrund der Wichtigkeit der Tilgung von Schulden separat aufgeführt (Issing 2011, S. 1; Gischer 2017, S. 5; Paul 2007, S. 34; Moritz 2012, S. 5f.).

Eine dritte Funktion des Geldes bildet die Wertaufbewahrungsfunktion. Diese beschreibt Geld unter der Bedingung, dass es ein unverderbliches, allgemein anerkanntes, akzeptiertes und aufbewahrendes Mittel ist, als die Möglichkeit, die Energie von Dienstleistungen oder produzierten Produkten für unbestimmte Zeit aufzubewahren. Dies bedeutet, dass das bei einem Verkauf erhaltene Geld nicht direkt durch einen neuen Kauf eingetauscht werden muss. So können Dienstleistungen gegen Geld eingetauscht werden, welches dann in Zukunft gegen neue Dienstleistungen bzw. reale Gegenstände eingetauscht werden kann. Die Wertaufbewahrungsfunktion ist jedoch an einen stabilen Geldwert gekoppelt, da die Funktion sonst beeinträchtigt wird. In der Realität wurde diese Beeinträchtigung bereits in inflationären Situationen, wie bspw. in der Weimarer Republik 1923, besonders deutlich (Schneck/ Buchbinder 2015, S. 50f.; Moritz 2012, S. 7; Reinhold 1997 S. 60f.; Siebert/ Lorz 2007, S. 258f.).

Eine vierte Funktion des Geldes bildet die Funktion als Recheneinheit, auch bekannt als Wertmessfunktion. Diese Funktion beschreibt Geld als die Möglichkeit den Wert aller Güter, Dienstleistungen, Forderungen und Verbindlichkeiten in Einheiten einer selben Bezugsgröße auszudrücken und somit vergleichbar zu machen. So kann bspw. der Marktwert einzelner Güter in einem „Standardgut“ (Issing 2011, S. 2) ausgedrückt werden.

Gut darstellen lässt sich diese Funktion durch folgendes Beispiel (Siebert/ Lorz 2007, S. 258f.; Schneck/ Buchbinder 2015, S. 51; Jarchow 2010, S. 2; Issing 2011, S. 2):

Es wird davon ausgegangen, dass vier Güter (Fernseher, Fußball, Jeans und Radio) existieren. In einer Ökonomie, in der kein Geld und somit auch keine Rechenfunktion existiert, müssten folgende Tauschverhältnisse vorhanden sein:

Fernseher : Fußball; Fernseher : Jeans; Fernseher : Radio; Fußball : Jeans;

Fußball : Radio; Jeans : Radio.

Bei 100 Gütern, die in dieser Ökonomie hergestellt worden sind, müssten 4950 ( , wobei N die Anzahl der Güter angibt) Austauschverhältnisse bekannt sein (Siebert/ Lorz 2007, S. 258f.).

Es wird deutlich, dass die Informationsdichte und Komplexität in einer modernen Ökonomie, die nicht nur aus sechs Gütern besteht, nicht mehr händelbar sein würde, was die Wichtigkeit dieser vierten Funktion verdeutlicht (Siebert/ Lorz 2007, S. 259).

Eine fünfte Funktion, die in den Einführungslehrbüchern nicht mit einbezogen wird, bildet die soziale Funktion des Geldes. Diese wurde von Luhmann 1988 etabliert. Luhmann sieht Geld als ultimatives Kommunikationsmedium innerhalb eines Wirtschaftssystems. In diesem System kann nur mithilfe des Geldes miteinander kommuniziert werden. So sind jeder Informationsaustausch und viele zwischenmenschliche Beziehungen in einem Wirtschaftssystem an das allgemein akzeptierte Geldmittel auf unterschiedlichen Ebenen gebunden. Insbesondere durch das Geld als Kommunikationsmedium würden Menschen unterschiedlichster Ethnien, Sprachen und Ziele miteinander in Kontakt treten und miteinander handeln (Luhmann 2018, S. 230ff.; Schneck/ Buchbinder 2015, S. 51f.; Reinhold 1997, S. 60f.).

Geld werden verschiedene Eigenschaften und Erscheinungsformen zugeschrieben; insgesamt lassen sich sieben Eigenschaften festhalten. Diese können als Voraussetzung für die Funktionen des Geldes betrachtet werden (Moritz 2012 S. 7; Jarchow 2010, S. 3f.; Brandl 2015, S. 240f.):

1. Seltenheit : Einer kleinen Geldeinheit wird eine hohe Kaufkraft beigemessen.
2. Haltbarkeit : Im Laufe der Zeit soll Geld keinen Verlust an stofflicher Substanz erleiden.
3. Teilbarkeit : Geld sollte in kleine Einheiten zerlegbar sein, ohne dabei an Wert zu verlieren.
4. Homogenität : Geld sollte die gleiche stoffliche Beschaffenheit besitzen. Somit können sich Geldeinheiten untereinander vollständig vertreten.
5. Fälschungssicherheit : Geldeinheiten sollten nicht fälschbar sein.
6. Herstellkosten : Die Kosten der Produktion der Geldeinheiten sollten niedriger als der bemessene Wert sein.

Geld kann verschiedene Formen annehmen. Diese Formen haben sich über die Jahrtausende hinweg häufig verändert. Im Folgenden werden die Erscheinungsformen des Geldes in ihrer historischen Reihenfolge vorgestellt. Die historische Reihenfolge der Erscheinungsformen orientiert sich dabei an, der in den Einführungslehrbüchern gängigen Tauschtheorie des Geldes. Eine Kontrastierung dieses Ansatzes und somit der chronologischen Anordnungen der Erscheinungsformen findet sich im nächsten Kapitel 2.3. Die im weiteren Verlauf beschriebene Reihenfolge soll lediglich dazu dienen, die Erscheinungsformen des Geldes und deren Entwicklungen im Allgemeinen zu erkennen und zu verstehen:

Als älteste Form des Geldes wird das Natural- bzw. Warengeld bezeichnet. Dieses beschreibt Güter, deren Geldwert durch den Warenwert gedeckt ist und als Zwischentauschmittel verwendet wird. Konkret wurde eine unüberschaubare Anzahl an Verbrauchs- und Gebrauchsgegenständen, abhängig von der geographischen Lage, dem Klima, der Umwelt und der Epoche, als Naturalgeld benutzt. So musste eine Ware ausgewählt werden, die den erwähnten Eigenschaften des Geldes so gut wie möglich entsprach und somit von allen Akteuren akzeptiert und anerkannt wurde. Als Zwischentauschmittel wurden Salz, Weizen, Reis, Vieh, Fischzähne, Äxte, Muscheln und viele weitere Gegenstände verwendet (Schneck/ Buchbinder 2015, S. 49; Moritz 2012, S. 8; Issing 2011, S. 3f.; Jarchow 2010, S. 4; Sedillot 1992, S. 29ff.; Keynes 1955, S. 6f.; Kellermann 2014. S. 6).

Aufgrund der Tatsache, dass nicht alle Zwischentauschmittel den oben aufgeführten Kriterien entsprachen und zu stark von saisonalen Schwankungen beeinflusst waren, wurde die Vielfalt der Tauschmittel mit zunehmender Zeit homogener. Es wurden zunehmend Tauschmittel ausgewählt, die beständiger und fungibler waren (Schneck/ Buchbinder 2015, S. 49f.; Moritz 2012, S. 9; Jarchow 2010, S. 4; Sedillot 1992, S. 57ff.; Reifner 2017, S. 76).

Der tatsächliche Wert der verwendeten Tauschmittel ist dabei immer unwichtiger geworden. Mit der Entwicklung der Metallbearbeitung wurden immer häufiger Edelmetalle, wie bspw. Gold, Silber und Platin, in uneinheitlicher Form als Zahlungsmittel verwendet, was das Metallgeld zum neuen vorherrschenden Zahlungsmittel machte. Dieses entsprach eher den Eigenschaften des Geldes, konnte jedoch häufig selbständig von jeder Person aufgebracht werden. Des Weiteren mussten diese uneinheitlichen Edelmetalle bei jedem Zahlungsvorgang gesondert gewogen werden. Ein weiteres Problem stellte die Nachprüfbarkeit des Reinheitsgehaltes dar (Schneck/ Buchbinder 2015, S. 49f.; Moritz 2012, S. 9; Jarchow 2010, S. 4; Sedillot 1992, S. 57ff.; Kellermann 2014. S. 6).

Aufgrund dieser Nachteile wurden Münzen bzw. das Münzgeld als einheitliches Tauschmittel eingeführt. Dieses konnte nur von einem Münzherrn, der die Münzen nach Reinheit und Gewicht überprüfte, durch Schriftzeichen vereinheitlicht bzw. genormt werden (Schneck/ Buchbinder 2015, S. 59f.; Moritz 2012, S. 9f.; Jarchow 2010, S. 4; Sedillot 1992, S. 65ff.; Kellermann 2014. S. 6).

Mit zunehmender Zahl von Transaktionen und Transaktionswerten wurden die Nachteile des Münzgeldes deutlicher. So mussten die Münzen immer einzeln gezählt werden, der Transport eines hohen Geldbetrages konnte anstrengend und teuer sein und die Gefahr eines Diebstahls war vorhanden. Aus diesen Gründen ist das wertgedeckte Papiergeld entstanden, das diese Nachteile beheben sollte. Dieses konnte, aufgrund der Tatsache, dass es durch Edelmetalle gedeckt war, jederzeit wieder eingetauscht werden. Das Gold wurde künftig bei Goldschmieden gegen Empfangsscheine gelagert. Diese Scheine stellten das gelagerte Gold dar. Mit diesen Empfangsscheinen konnten, wie zuvor mit den Münzen, dann weitere Transaktionen getätigt werden. Nach und nach entwickelten sich die Goldschmieden zu Banken. Da sie bemerkten, dass das gelagerte Gold kaum gleichzeitig von den jeweiligen Besitzern abgeholt wurde begannen sie, mehr Anweisungen auf Gold auszugeben, als tatsächlich vorhanden war. Somit war das ausgegebene Papiergeld nicht mehr vollständig von Gold gedeckt (Schneck/ Buchbinder 2015, S.60f.; Moritz 2012, S. 10; Jarchow 2010, S. 4f.; Siebert/ Lorz 2007, S. 259f.; Sedillot 1992, S. 163ff.; Kellermann 2014. S. 6).

Im Laufe der Zeit wurde die Ausgabe von Empfangsscheinen durch Goldschmieden bzw. Banken von Regierungen durch staatliche Noten- und Münzmonopole ersetzt. Damit wurden Banknoten, die vom Staat bzw. Banken hergestellt wurden, zu gesetzlichen Zahlungsmitteln, womit diese die Goldmünzen ersetzten. Trotz der Tatsache, dass das Papiergeld nicht mehr vollständig durch Goldreserven abgedeckt war, bestand die Einlösepflicht des Papiergeldes in Gold noch bis in das 20. Jahrhundert hinein (Schneck/ Buchbinder 2015 65f.; Moritz 2012, S. 10; Jarchow 2010, S. 4f.; Siebert/ Lorz 2007, S. 259f.; Sedillot 1992, S. 173ff.; Kellermann 2014. S. 6).

Mit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems im Jahr 1971 wurden durch den Goldstandard gedeckte Banknoten, wie bspw. der Dollar, durch sogenanntes Buch bzw. Fiatgeld ersetzt. Fiatgeld stellt Geld dar, welches keinen wirklichen Wert hat. Somit stellt es ein vollkommen stoffwertloses Geldmittel ohne Gebrauchswert dar, das rein auf dem Vertrauen der Bürger beruht (Schneck/ Buchbinder 2015 65f.; Graeber 2014, S. 59ff.; Moritz 2012, S. 10f.; Jarchow 2010, S. 5f.; Siebert/ Lorz 2007, S. 259f.).

Seit einigen Jahren etabliert sich eine neue Erscheinungsform von Geld: das elektronische Geld stellt gespeicherte Werteinheiten dar, die zu Zahlungszwecken verwendet werden können. Dieses kann in kartengestütztes Geld und softwaregestütztes Geld unterschieden werden. Kartengestütztes Geld wird bspw. als elektronische Geldbörse verwendet und die reale Kaufkraft auf einer Plastikkarte gespeichert (Issing 2011, S. 3f.; Siebert/ Lorz 2007, S. 259f.).

Softwaregestütztes Geld beschreibt wiederum elektronisch gespeicherte Werteinheizen, die über das Internet (Online-Banking) übertragen werden (Issing 2011, S. 3f.; Siebert/ Lorz 2007, S. 259f.).

2.3 Wie ist Geld entstanden? Zwei konträre Sichtweisen

Wie bereits in Kapitel 2.1 deutlich wurde, lassen sich die vorgestellten Definitionen in zwei konträre Lager einteilen. Diese können grob, je nach Auffassung über die Entstehungsgeschichte des Geldes, in die Kredit- und Staatstheorie und die Tauschtheorie des Geldes unterschieden werden. Beide Theorien gehen von einer unterschiedlichen Perspektive hinsichtlich der Entstehungsgeschichte des Geldes aus. Im Folgenden werden beide Theorien in zwei separaten Kapiteln erörtert. Ziel ist es, beiden Perspektiven einen separaten und unabhängigen Raum zu geben, um die jeweilige Perspektive unbeeinflusst vorzustellen. Nachdem beide Theorien nachvollzogen wurden, werden diese in einer kurzen Zusammenfassung gegenübergestellt, um die Unterschiede noch einmal deutlich hervorzuheben.

2.3.1 Entstehungsgeschichte des Geldes. Eine tauschtheoretische Perspektive

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit der Tauschtheorie des Geldes, die maßgeblich durch Adam Smith und sein Werk „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ geprägt wurde. Hinweise auf die Ansätze dieser Theorie lassen sich jedoch schon auf Aristoteles zurückverfolgen9.

Laut der Tauschtheorie des Geldes ist das Geld aus der „natürlichen Neigung des Menschen, zu handeln und Dinge gegeneinander auszutauschen“ (Smith 1997, S. 58) entstanden. Diese Neigung sei rein menschlich und würde die Menschen von Tieren unterscheiden. So hat niemand „je erlebt, dass ein Hund mit einem anderen einen Knochen redlich und mit Bedacht gegen einen anderen Knochen ausgetauscht hätte“ (Smith 1977, S. 58) (Smith 1977, S. 58f.; Paul 2007, S. 37f.; Striegel 2018, S. 36ff.).

Des Weiteren sind Logik und der zwischenmenschliche Austausch ebenfalls Formen des Tauschhandels, die dem Profitstreben des Menschen unterliegen. Diese Notwendigkeit des Tauschhandels schafft die Arbeitsteilung, die am Anfang aller menschlicher Leistungen und Kultur entsteht (Smith 1977, S. 58f.; Rebmann 2018, o. S.).

Zudem seien Märkte, Geld und Eigentum bereits vor der Entstehung politischer Institutionen existent gewesen, weshalb sich der Staat als politische Institution, was das Geld und den Markt angeht, ausschließlich darauf beschränken sollte, die Stärke der Landeswährung zu wahren. Der Markt sollte, da er aus der Natur des Menschen entstanden ist und vor der Existenz von Regierungen bereits funktioniert hat, frei vom Einfluss des Staates bzw. der Regierung bleiben (Graeber 2014, S. 31; Striegel 2018, S. 36ff.; Rebmann 2018, o. S.).

Die Tauschtheorie des Geldes wird seit Adam Smith anhand des folgenden theoretischen Beispiels veranschaulicht:

Menschen seien anfangs Selbstversorger gewesen, was die einzige Möglichkeit war, dauerhaft zu überleben. Strukturiert waren diese in räumlich getrennten Sippen bzw. Großfamilien. Um zu überleben, waren die Menschen der Urzeit auf ihre Sippen angewiesen, was regelmäßige und ausgeprägte Kooperation und Koordination zwischen den Gruppen voraussetzte. Im Laufe der Zeit entdeckten die verschiedenen Sippenangehörigen ihre „natürlichen Talente“ (Gischer 2017, S. 2), die sie mithilfe intensiver Übung zu Spezialisten für bestimmte Aufgaben machte. So konnte bspw. eine Sippe, aufgrund ihrer spezialisierten Sippenangehörigen, Felle so herstellen, dass diese für die Bedürfnisse der Sippenmitglieder ausreichten und sogar vorrätig gelagert werden konnten (Smith 1977, S. 59; Gischer 2017, S. 2; Graeber 2014, S. 29ff.; Born 1981, 360f.).

Nach einer gewissen Zeit wurden räumliche Barrieren immer häufiger überbrückt, sodass verschiedene Sippen aufeinandertreffen konnten. Unter der Voraussetzung, dass sich die Sippen aufgrund ihrer verschiedenen Lebensbedingungen und verschiedenen Spezialisierungen unterschiedlich entwickelten, konnten diese nun Waren, Kenntnisse und Techniken gegeneinander tauschen. Jedoch mussten alle Beteiligten des Tausches auch davon profitieren, um den Tausch tatsächlich zustande kommen zu lassen (Gischer 2017, S. 2f.; Starbatty 2009, S. 146f.; Striegel 2018, S. 36ff.).10

Dieser anfängliche Tauschhandel verlief, aufgrund des Problems der doppelten Koinzidenz der Bedürfnisse oft schleppend und kompliziert.11 Um jedoch solche Situationen zu vermeiden, versuchten alle Sippen ständig alle anderen Waren zumindest in kleiner Menge, vorrätig zu haben (Aristoteles 1994, S. 93; Graeber 2014, S. 30; Gischer 2017, S. 2f.; Paul 2007, S. 34f.; Reifner 2017, S. 75; Brandl 2015, S. 242).

Diese dienten zum Tausch gegen andere Waren. Um den Handel mit Naturalien zu erleichtern, ist das Geld „quasi natürlich“ (Paul 2007, S. 37) in verschiedenen Formen entstanden (Aristoteles 1994, S. 93; Graeber 2014, S. 30; Gischer 2017, S. 2f.; Paul 2007, S. 34f.; Reifner 2017, S. 75; Brandl 2015, S. 242).12

Konkret beschrieb Adam Smith die Entstehung des Geldes aus dem Tauschhandel wie folgt:

But when the division of labour first began to take place, this power of exchanging must frequently have been very much clogged and embarrassed in its operations. One man, we shall suppose, has more of a certain commodity than he himself has occasion for, while another has less. The former consequently would be glad to dispose of, and the latter to purchase, a part of this superfluity. But if this latter should chance to have nothing that the former stands in need of, no exchange can be made between them. The butcher has more meat in his shop than he himself can consume, and the brewer and the baker would each of them be willing to purchase a part of it. But they have nothing to offer in exchange, except the different productions of their respective trades, and the butcher is already provided with all the bread and beer which he has immediate occasion for. No exchange can, in this case, be made between them. He cannot be their merchant, nor they his customers; and they are all of them thus mutually less serviceable to one another. In order to avoid the inconveniency of such situations, every prudent man in every period of society, after the first establishment of the division of labour, must naturally have endeavoured to manage his affairs in such a manner, as to have at all times by him, besides the peculiar produce of his own industry, a certain quantity of some one commodity or other, such as he imagined few people would be likely to refuse in exchange for the produce of their industry.“ (Smith 1976, S. 37f.).

Im Weiteren beschreibt Smith grob die Entwicklung hin zu den Edelmetallen. Diese entwickelten sich wie beschrieben aus der Hervorhebung einzelner bevorzugter Handels- und Tauschmittel (Smith 1976, S. 38ff.; Graeber 2014, S. 32ff.).

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich das Geldsystem zum heutigen Kreditsystem (Smith 1976, S. 38ff.; Graeber 2014, S. 32ff.).13

2.3.2 Entstehungsgeschichte des Geldes. Eine kredit- und staatstheoretische Perspektive

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit der Kredit- und Staatstheorie des Geldes. Maßgeblich wurde diese durch Alfred Mitchell-Innes und Georg Knapp in den Anfängen des 20. Jahrhunderts geprägt. Erst vor einigen Jahren konnte David Graeber mit seinem Werk „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“ diese Theorie erfolgreich wieder in die Öffentlichkeit bringen.

Laut der Kredit- und Staatstheorie des Geldes begann der zwischenmenschliche Handel nicht, wie in der Tauschtheorie vertreten, mit dem Tauschhandel von Waren, sondern in der Form einfacher Kredite.14 Diese Kredite stellten ein Versprechen dar, die Entgegennahme von Waren später zu begleichen. Dementsprechend setzte dieser Handel eine Form des Vertrauens voraus, weshalb Handel hauptsächlich zwischen Angehörigen oder Bekannten erfolgte. Diese frühen Kreditsysteme existieren bereits tausende Jahre vor der Erfindung des Münzwesens (Graeber 2014, S. 46f.; Keynes 1955, S. 4f.; Paul 2007, S. 39; Rebmann 2018, o. S.; Reifner 2017, S. 84f.; Paul 2012, S. 92f.).

Als nun die Menschen immer häufiger aufeinandertrafen, wurden Waren in Form von Gaben und Ritualen übergeben.15 Der Tauschprozess, wie ihn die Tauschtheorie beschreibt, existierte historisch belegbar nicht (Adloff 2017, S. 17; Graeber 2014, S. 33f.; Rebmann 2018, o. S.; Reifner 2017, S. 83f.).16

Das Geld ist laut der Kredit- und Staatstheorie ein Produkt des Staates bzw. der Regierung, die das Geld zur Organisation und einheitlichen Strukturierung von Schulden, Steuern und Abgaben der Bevölkerung und zur Finanzierung von Kriegen und Heeren geschaffen hat (Knapp 1905, S. 2ff.; Graeber 2014, S. 45ff.; Keynes 1955, S. 4f.; Paul 2007, S. 37f.; Reifner 2017, S. 84f.; Steinhardt 2016, S. 1f.).17

Des Weiteren konnte die Regierung die zahlreichen sozialen Währungen, die sich in den ländlichen Bereichen entwickelt haben, durch eine von der Regierung geführte einheitliche Währung ersetzen. Mithilfe von Gesetzen wurden die Menschen zwanghaft an diese Art des Bezahlens gebunden (Knapp 1905, S. 2ff.; Graeber 2014, S. 45ff.; Keynes 1955, S. 4f.; Paul 2007, S. 37f.; Reifner 2017, S. 84f.; Steinhardt 2016, S. 1f.).

Die Märkte und der Tauschhandel, die eine wichtige Rolle in der Tauschtheorie spielen, seien als Nebeneffekt aus der Finanzierung von Kriegen und Heeren entstanden. So stellten die Versorgung und Entlohnung von großen Heeren organisatorische und finanzielle Probleme dar, die der König lösen musste. Statt diese selbst zu lösen, wurden jedem Soldaten Münzen ausgehändigt.18 Diese Münzen konnten die Soldaten dann bei der Bevölkerung gegen Waren oder Dienstleistungen eintauschen. Die Bevölkerung wiederum wurde dazu verpflichtet, dem König Münzen zu zahlen. Die Bevölkerung musste nun Wege finden, in dem sie bspw. produzierte Waren nicht mehr ausschließlich zur Selbstversorgung, sondern auch zum Handel verwendete, diese Münzen zu verdienen und damit ihre Schuld gegenüber dem König zu begleichen. Aus dieser Dynamik heraus sind dann Märkte als Nebeneffekt entstanden (Graeber 2014, S. 55f.; Paul 2007, S. 38ff.; Rebmann 2018, o. S.).

Konkret kann die Entwicklung des Geldes und der Schulden in fünf Phasen eingeteilt werden:19 20

1. Die erste Phase kann als Phase der frühen städtischen Zivilisationen in der Zeitspanne von etwa 3000 v. Chr. bis 800 v. Chr. beschrieben werden. Dabei kann insbesondere Mesopotamien aufgrund der Menge an historischen Befunden als Beispiel herangezogen werden (Graeber 2014, S. 226ff.; Paul 2007, S. 40f.; Lipinski 2013, o. S.).

Die Wirtschaft dieser Phase war durch große Tempel- und Palastanlagen gekennzeichnet. Zu diesen Anlagen gehörten Priester, Beamte, Handwerker und Bauern, die für die Anlagen tätig waren. Neben ihrer religiösen und politischen Aufgabe dienten die Anlagen auch als Warenumschlagplätze für die breite Bevölkerung (Graeber 2014, 45ff.; Rebmann 2018, o. S.; Reifner 2017, S. 85f.).

Als Währungseinheit wurde der Silberschekel verwendet. Das Gewicht dieses Schekels diente als Äquivalent zu einer bestimmten Menge an Gerste. Damit diente der Schekel, der zur damaligen Zeit das „Geld“ bildete, hauptsächlich den Beamten. Diese schufen den Schekel, um einen besseren Überblick über die Ressourcen, die sie täglich in großen Mengen organisieren und strukturieren mussten, zu gewährleisten und diese einfacher zu transferieren. Edelmetalle, wie bspw. Gold und Silber, wurden hauptsächlich in den Tempeln und den Staatshäusern von religiösen und staatlichen Autoritäten gehortet. In der breiten Gesellschaft spielten Edelmetalle keine große Rolle; stattdessen beruhte der Handel auf Kreditvereinbarungen. Diese wurden auf Tontafeln, auf denen die Schulden des Schuldners vermerkt worden sind, festgehalten. Diese Tontafeln nahmen die Gläubiger bis zur Rückzahlung als Sicherheit entgegen. Häufig verschuldete sich die Bevölkerung, sowohl bei den Privatleuten als auch bei den Tempel- und Palastanlagen, so stark, dass dies zu sozialen Unruhen führte, die durch regelmäßige Schuldenerlasse gemildert werden mussten (Graeber 2014, 45ff.; Rebmann 2018, o. S.; Reifner 2017, S. 85f.).

2. Die zweite Phase kann als Phase der Achsenzeit beschrieben werden. Der Begriff „Achsenzeit“ wurde insbesondere durch Karl Jaspers geprägt. Dieser beschreibt die Zeitspanne von etwa 800 v. Chr. bis 600 n. Chr. (Graeber 2014, S. 235f.).

Diese Phase ist insbesondere durch die Einführung des Münzwesens aus Edelmetallen geprägt. So wurde nahezu zur selben Zeit und unabhängig voneinander im Bereich des Gelben Flusses in China, im Tal des Ganges in Nordindien und an den Küsten des Ägäischen Meeres bis nach Unteritalien erstmals in der Geschichte der Menschheit Münzgeld aus Edelmetallen geprägt. Vor allem diese Regionen der Welt waren zur damaligen Zeit dauerhaft in Kriege untereinander verwickelt. So führten etliche Kleinstaaten Krieg gegeneinander (Graeber 2014, S. 236ff.; Paul 2007, S. 43ff.).

Die riesigen Heere, die die Kriege der Kleinstaaten führten, bestanden aus bezahlten Berufs- und Söldnerheeren. Anders als die Dienstleute und Beamten des Staates, mussten die Soldaten für ihre Arbeit materiell entlohnt werden. Eine Bezahlung in Form von Tieren war jedoch nicht möglich, da diese schlecht zu transportieren waren und die Heere häufig nicht dauerhaft an einem Ort verblieben. Aus diesem Grund schien es recht vorteilhaft die Soldaten mit am Beutegut, das aus eroberten Staats- und Tempelschätzen und Münzgeld bestand, zu beteiligen. Die Beteiligung am Beutegut reichte jedoch nicht aus, um die Heere vollständig zu finanzieren. Um diese enorme Menge an Münzgeld zu beschaffen, wurde deshalb häufig die Bevölkerung der eroberten Reiche versklavt. Diese wurde dazu verdammt in den Gold- und Silberminen zur arbeiten und somit mehr Münzgeld zur Finanzierung der Heere zu beschaffen (Graeber 2014, S. 236ff.; Paul 2007, S. 43ff.).

3. Die dritte Phase kann als Phase des Mittelalters in der Zeitspanne von etwa 600 n. Chr. bis 1450 n. Chr. beschrieben werden.21 Diese Phase bildete einen Umbruch im Vergleich zur vorherigen Phase, da die Sklaverei ihren Niedergang erlebte. Zudem nahm die Anzahl der Kriege, die die Achsenzeit maßgeblich prägte, ab, was den technischen Fortschritt beschleunigte. Im Gegensatz zur Achsenzeit nahm das Geld im Mittelalter wieder abstrakte und virtuelle Formen an. So wurden Schecks, Kerbhölzer und auch Papiergeld verwendet. Das Geld wurde als Symbol einer Übereinkunft bzw. eines Vertrages gesehen und hatte somit keinen eigenen Wert (Graeber 2014, S. 313ff.).

4. Die vierte Phase kann als Phase des Zeitalters der kapitalistischen Imperien beschrieben werden (1450 bis 1971) (Graeber 2014, S. 323ff.).22

5. Die fünfte Phase kann als Phase des von Goldstandard gekoppelten Fiat bzw. Buchgeld beschrieben werden. Graeber nennt diese Phase: „Der Anfang von etwas, das noch nicht bestimmt werden kann“ (Graeber 2014, S. 379). Diese Phase beschreibt die Zeitspanne von 1971 bis heute (Graeber 2014, S. 379ff.).

2.3.3 Tauschtheorie vs. Kredit- und Staatstheorie des Geldes

Die Tauschtheorie des Geldes beschreibt die Entstehung des Geldes aus der „natürlichen Neigung des Menschen, zu handeln und Dinge gegeneinander auszutauschen“ (Smith 1997, S. 58).

Menschen haben anfangs, nach dem sie sich spezialisiert haben, Waren, Kenntnisse und Techniken gegeneinander getauscht. Dieser Tauschhandel lief jedoch häufig schleppend und kompliziert, weshalb bestimmte Waren, die den Eigenschaften des Geldes möglichst entsprachen, als Natural- bzw. Warengeld angewendet worden sind.23 24 Mit der Zeit wies dieses Geld Nachteile auf, weshalb Metallgeld verwendet wurde. Auch dies wies schließlich Nachteile auf, weshalb zum Münzgeld und im Anschluss zum Papiergeld übergangen wurde. Die Kreditsysteme und damit das virtuelle Geld sind die bisher letzte Entwicklungsstufe des Geldes (Schneck/ Buchbinder 2015, S. 49ff.; Jarchow 2010, S. 4; Moritz 2012, S. 9ff.; Graeber 2014, S. 46ff.; Siebert/ Lorz 2007, S. 259f.).25

Märkte, Geld und Eigentum waren bereits vor der Entstehung des Staates und Regierungen vorhanden. Die Märkte haben aufgrund des Profitstrebens und der Natur des Menschen, zu handeln, effizient und im Gleichgewicht funktioniert. Diese Faktoren bilden die Grundlage der menschlichen Gesellschaft; keine arbeitsteilige Gesellschaft kann ohne Tauschhandel funktionieren. Aus diesem Grund sollten Staaten und Regierungen so wenig wie möglich in diesen Markt eingreifen, da sie sonst die Natürlichkeit des Marktes verzerren (Graeber 2014, S. 31ff.; Striegel 2018, S. 36ff.; Rebmann 2018, o. S.).

Die Kredit- und Staatstheorie des Geldes beginnt bei ihrer Sicht auf die Entstehungsgeschichte des Geldes mit einfachen zwischenmenschlichen Krediten. Diese stellten ein Versprechen dar, die Entgegennahme von Waren später zu begleichen. Mit der Einführung von Staaten und Regierungen sind auch die Abgaben und Steuern an den Staat entstanden. Diese konnten anfangs noch mit allem, was der Bürger besaß, beglichen werden (Graeber 2014, S. 45ff.; Knapp 1905, S. 2ff.; Keynes 1955, S. 4f.; Paul 2007, S. 37f.; Reifner 2017, S. 84f.; Steinhardt 2016, S. 1f.).

Um die Abgaben jedoch einheitlicher zu strukturieren und zu organisieren und um die zahlreichen Kriege und damit die Kriegsheere zu finanzieren, schuf der Staat, der zu Beginn noch aus Staats- und Tempelanlagen bestand, das Geld in Form von Metall und im Anschluss in Form von Münzgeld. Damit sind das Metall- und Münzgeld viel später als die Kreditsysteme entstanden. Der Tauschhandel und damit die klassischen Märkte, wie sie in der Tauschtheorie verstanden werden, sind „in erster Linie eine Art zufälliges Nebenprodukt der Verwendung von Münzen und Papiergeld“ (Graeber 2014, S. 47). Somit wurde der klassische Tauschhandel nur dann praktiziert, wenn das Zahlen mit geldlichen Zahlungsmitteln bereits bekannt war, lange vorher verwendet worden ist und in der aktuellen Situation nicht möglich war, wie bspw. in Deutschland der Nachkriegszeit (Graeber 2014, S. 45ff.; Knapp 1905, S. 2ff.; Keynes 1955, S. 4f.; Paul 2007, S. 37f.; Reifner 2017, S. 84f.; Steinhardt 2016, S. 1f.).

[...]


1 Unter dem Begriff „Sozialwissenschaftlicher Unterricht“ werden die Fächer Gesellschaftslehre (GL), Politik und Wirtschaft verstanden.

2 Hier wurde der Fokus bei der Betrachtung der Ergebnisse auf die Schulbücher des sozialwissenschaftlichen Unterrichts gelegt. Die Studie von Van Treeck und Urban (2019) untersuchte auch Lehrpläne und externe Unterrichtsmaterialien. Die dabei generierten Ergebnisse werden in dieser Arbeit nicht genauer dargestellt.

3 Da sich diese Arbeit mit den Schulbüchern der SEK I beschäftigt, werden hier nur die empirischen Befunde der SEK I vorgestellt.

4 Smith‘ Argumentation wird aufgrund ihrer Wichtigkeit in Kapitel 2.3 ausführlich behandelt.

5 Weitere Definitionen, die im Folgenden nicht vorgestellt werden, können unter der aufgelisteten Literatur nachvollzogen werden:

Albisetti 1977 – Handbuch des Geldes; Köhler 1977 – Geldwirtschaft; Köhler 1981 – Geldtheorie; Ehrlicher (Hg.) 1983 – Geld- und Währungspolitik; Weimer 1992 – Geschichte des Geldes; Deutsche Bundesbank 1993– Die Deutsche Bundesbank; Jarchow 1993/ 1995 – Geldtheorie und Politik des Geldes; Duwendag 1999 – Geldtheorie und Geldpolitik in Europa; Borchert 2003 – Geld und Kredit.

6 Auf diese Perspektive wird in Kapitel 2.3 detaillierter eingegangen.

7 Auf diese Perspektive wird in Kapitel 2.3 detaillierter eingegangen.

8 Diese Auffassung wird in den gängigen Einführungslehrbüchern vertreten. Diese orientieren sich größtenteils an der vorherrschenden Tauschtheorie des Geldes. Je nach Auffassung können auch die Funktionen des Geldes reflektiert und kritisiert werden. Aufgrund des begrenzten Rahmens dieser Arbeit werden im Folgenden die in der Literatur gängigen Funktionen des Geldes vorgestellt und um zwei weitere erweitert. Dies dient dazu, grundsätzlich die Funktionen des Geldes zu kennen und zu verstehen. Eine Einbettung der Funktionen in den Kontext der Entstehungsgeschichte des Geldes findet in Kapitel 2.3 statt.

9 Siehe Kapitel 2.

10 Frei nach dem Profitstreben des „homo oeconomicus“ (Brandl 2015, S. 254).

11 Siehe Kapitel 2.2 für eine ausführliche Erläuterung des Problems der doppelten Koinzidenz der Bedürfnisse.

12 Siehe Kapitel 2.2, um die verschiedenen Formen und die Entwicklung des Geldes detaillierter nachzuvollziehen.

13 Siehe Kapitel 2.2, um die verschiedenen Formen und die Entwicklung des Geldes detaillierter nachzuvollziehen.

14 Siehe Phase „der frühen städtischen Zivilisationen“, die im Weiteren beschrieben wird.

15 Die Rituale und Gaben waren, anders als wie der Tausch in der Tauschtheorie, nicht durch einen beidseitigen Transfer von Waren gekennzeichnet. So:

weiß man nicht, ob man etwas erwidert bekommt, was man erwidert bekommt und wann man etwas erwidert bekommt. Dies liegt jeweils in der Hand des Empfängers einer Gabe. Beim Tausch einigen sich vor dem Transfer beide Parteien über die Modalitäten und es fließen Güter in beide Richtungen.“ (Adloff 2017, S. 17).

16 Siehe Kapitel 2.3.

17 Auch die Ursprünge des Wortes „Geld“ weisen auf die staatliche Erfindung des Geldes hin. So stand das gotische Wort „Gild“ für Steuer oder Abgabe. Auch das altenglische Wort „gield“ stand für Dienst, Abgabe, Opfer an den Staat (Reifner 2017, S. 85).

18 Diese Münzen dienten als Symbol der Schuld des Königs gegenüber dem jeweiligen Soldaten (Graeber 2014, S. 56).

19 Diese Einteilung orientiert sich an die Einteilung, die David Graeber in seinem Buch „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“ vornimmt.

20 Die ersten beiden Phasen der Entwicklung des Geldes und der Schulden unterscheiden sich im Wesentlichen von der Entstehungsgeschichte des Geldes aus Sicht der Tauschtheorie. Sie bilden den wichtigsten Teil der Entstehungsgeschichte des Geldes aus der Sicht der Kredit- und Staatstheorie. Aus diesem Grund werden diese im Folgenden detaillierter ausgeführt. Die dritte Phase der Entwicklung bildet gewissermaßen eine „Rückkehr“ in die erste Phase der Entwicklung, weshalb diese grob vorgestellt wird. So wurden wieder verstärkt Kreditsysteme verwendet. Die weiteren Phasen weisen Parallelen zu den bereits in Kapitel 2.2 vorgestellten Formen und der Entwicklung des Geldes vor. Aus diesem Grund werden diese in diesem Kapitel benannt und nicht weiter ausgeführt. Um die Entwicklung dieser beiden Phasen nachzuvollziehen, wird auf Kapitel 2.2 verwiesen.

21 Die Phase des Mittelalters bezieht sich hier hauptsächlich auf den asiatischen Kontinent. So waren China, Indien und die islamische Welt Europa um Jahrhunderte voraus (Graeber 2014, 313ff.).

22 1971 beschloss der US-Präsident Richard Nixon, dass im Ausland gehaltene Dollar nicht mehr in Gold umgetauscht werden können, womit der Goldstandard komplett entfernt wurde (Graeber 2014, S. 379).

23 Siehe Kapitel 2.2 für eine ausführliche Erläuterung des Problems der doppelten Koinzidenz der Bedürfnisse.

24 Siehe Kapitel 2.2, um die Eigenschaften des Geldes nachvollziehen zu können.

25 Eine detaillierte Entwicklung des Geldes kann in Kapitel 2.2 nachgelesen werden.

Ende der Leseprobe aus 121 Seiten

Details

Titel
Das Konzept Geld in den Schulbüchern des sozialwissenschaftlichen Unterrichts. Entstehungsgeschichte, Darstellung und ökonomische Theorien
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
121
Katalognummer
V1141153
ISBN (eBook)
9783346521804
ISBN (Buch)
9783346521811
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geld, Geschichte des Geld, Geld in der Schule, Darstellung des Geldes, Entstehungsgeschichte des Geldes, Tauschtheorie, Kredittheorie, Staatstheorie, Schulbuchstudie
Arbeit zitieren
Anes Ridha (Autor:in), 2020, Das Konzept Geld in den Schulbüchern des sozialwissenschaftlichen Unterrichts. Entstehungsgeschichte, Darstellung und ökonomische Theorien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1141153

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