Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung
Abstract
1. Einleitung
2. Theoretischer Hintergrund
2.1. Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit
2.2. Einfluss von Extraversion auf Lebenszufriedenheit
2.3. Einfluss sozialen Aktivitäten auf Lebenszufriedenheit
2.4. Interaktion Extraversion und soziale Aktivitäten
2.5. Fragestellung & Hypothesen
3. Methoden
3.1. Studiendesign
3.2. Ablauf der Erhebung
3.3. Maße
3.3.1. Extraversion
3.3.2. Soziale Aktivitäten
3.3.3. Lebenszufriedenheit
3.4. Stichprobe
3.5. Statistisches Analyseverfahren
4. Ergebnisse
4.1. Hypothese 1: Haupteffekt Extraversion
4.2. Hypothese 2: Haupteffekt soziale Aktivitäten
4.3. Hypothese 3: Interaktionseffekt Extraversion und soziale Aktivitäten
5. Diskussion
5.1. Stärken und Limitationen
5.2. Implikationen für die Forschung
5.3. Praktische Implikationen
5.4. Fazit
Anhang
Anhang 1: Entwicklung Publikationen in der Positiven Psychologie
Anhang 2: Regression mit und ohne Ausreißer
Literaturverzeichnis
Zusammenfassung
Die Studienlage deutet darauf hin, dass sich Extraversion und soziale Aktivitäten positiv auf die Lebenszufriedenheit auswirken. Nach der biologisch orientierten Persönlichkeitstheorie von Eysenck sollten Extravertierte noch stärker von einem Anstieg sozialer Aktivitäten profitieren als Introvertierte, da sie auf diese Weise ihre habituell höhere Erregungsschwelle besser stimulieren. Dieser Zusammenhang zwischen Extraversion, sozialen Aktivitäten und Lebenszufriedenheit wurde auf Basis der länderübergreifenden Panel-Studie SHARE mit 71264 Personen im Alter 50+ untersucht. Während sich die erwarteten Haupteffekte von Extraversion und sozialen Aktivitäten auf Lebenszufriedenheit bestätigten, konnte der erwartete Moderationseffekt nicht bestätigt werden. Unabhängig vom Level der Extraversion profitieren Proband*innen in ähnlicher Weise von einem Anstieg sozialer Aktivitäten. Dies könnte darauf hindeuten, dass nicht die soziale Komponente, sondern - wie schon von Tellegen (1985) vorgeschlagen -positive Emotionalität das zentrale Charakteristikum von Extraversion ist. Ferner könnten die Ergebnisse auch auf methodische Mängel in der Operationalisierung zurückzuführen sein, die im Diskussionsteil erörtert werden.
Schlüsselwörter: Extraversion, soziale Aktivitäten, Lebenszufriedenheit, Subjektives Wohlbefinden
Abstract
Studies suggest that extraversion and social activities have a positive effect on life satisfaction. According to Eysenck's biologically oriented personality theory, extraverts should benefit even more from an increase in social activities than introverts, since in this way they better stimulate their habitually higher arousal threshold. This relationship between extraversion, social activities and life satisfaction was investigated based on the cross-national panel study SHARE with 71264 persons aged 50+. While the expected main effects of extraversion and social activities on life satisfaction were confirmed, the expected moderation effect could not be confirmed. Regardless of the level of extraversion, subjects benefit similarly from an increase in social activities. This could indicate that not the social component but -as already suggested by Tellegen (1985) - positive emotionality is the core of extraversion. Furthermore, the results could also be due to methodological limitation, which will be discussed at the end.
Keywords: extraversion, social activities, life satisfaction, subjective well-being
1. Einleitung
Medizinischer Fortschritt, Hygienestandards, verbesserte Arbeitsbedingungen - die Lebenserwartung hat sich seit Beginn der statistischen Erfassung Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland mehr als verdoppelt (Statistisches Bundesamt, 2020). Damit einhergehend verändert sich der Anteil älterer Menschen an der Gesamtpopulation. So stieg der Anteil von Personen im Alter ab 67 Jahren in Deutschland von 13.0 % im Jahr 1990 auf 19.1 % im Jahr 2019 (Bundeszentrale für politische Bildung, 2019). Es wird erwartet, dass dieser Anteil bis 2040 auf 26.0 % weiter steigen wird (Statistisches Bundesamt, 2019). Entsprechend gewinnt die Erhaltung der Lebensqualität von älteren Menschen immer stärker an Bedeutung (Ni Mhaolain et al., 2012). Ein zentrales Konzept zur Beschreibung und zum Vergleich von Lebensqualität ist das Wohlbefinden (Poon & Cohen-Mansfield, 2011). Neben ökonomischen und sozialen Kriterien sehen Diener und Suh (1998) im Wohlbefinden eine zentrale Determinante zur Evaluation der Lebensqualität einer Gesellschaft. In Studien werden verschiedene positive Effekte von Wohlbefinden berichtet. So konnte bspw. wiederholt eine positive Wirkung von Wohlbefinden auf Gesundheit und Langlebigkeit beobachtet werden (Diener & Chan, 2011). Studien mit Menschen im höheren Alter deuten ebenfalls auf einen Zusammenhang von Subjektivem Wohlbefinden (SWB) und Langlebigkeit hin. In einer Studie aus Finnland mit Proband*in- nenim Alter 80+ war das Sterblichkeitsrisiko für Personen im untersten Quartil der Lebenszufriedenheit knapp doppelt so hoch wie bei Personen im obersten Quartil, selbst nach Kontrolle verschiedener Störvariablen (Lyyra et al., 2006). Vor dem Hintergrund der hohen Bedeutung des Themas stellt sich die Frage, welche Faktoren sich positiv auf das SWB auswirken.
Studien lassen vermuten, dass insbesondere die Persönlichkeit eine wichtige Rolle spielt (Diener & Lucas, 1999). Meta-Analysen deuten darauf hin, dass Extraversion neben Neurotizismus der stärkste Prädiktor innerhalb der Big Five ist (z.B. Anglim et al., 2020; Steel et al., 2008). Jedoch wird der Effekt von Extraversion auf SWB hinsichtlich Höhe und Vorhandensein nicht konsistent über alle Studien bzw. Situationen berichtet. So legen bspw. die Ergebnisse von Kette und Jesionek (1991) nahe, dass extravertierte Gefängnisinsass*innen weniger glücklich sind als introvertierte. Folglich könnten situationale Faktoren von Relevanz sein (Diener et al., 2003). Nach der biologisch orientierten Persönlichkeitstheorie von Eysenck (1967) könnte die Ausübung sozialer Aktivitäten den Zusammenhang von Extraversion und SWB beeinflussen. Demnach bevorzugen Extravertierte ein höheres Erregungsniveau und suchen aktiv soziale Situationen auf. Dies könnte erklären, warum Extravertierte nicht in jeder Situation ein höheres SWB berichten als Introvertierte. Gerade mit steigendem Alter könnte dies ein Rolle spielen, wenn soziale Kontakte wegfallen. Daher soll in vorliegender Studie untersucht werden, inwieweit soziale Aktivitäten den Zusammenhang zwischen Extraversion und SWB moderieren. Darüber hinaus werden die Haupteffekte von Extraversion und sozialen Aktivitäten auf SWB geprüft.
Als Datengrundlage wird die Erhebung der multidisziplinären und länderübergreifenden Panel-Studie SHARE (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe) genutzt. Dieses Forschungsprojekt untersucht die Herausforderungen und Chancen einer alternden Gesellschaft (Bergmann, M., Scherpenzeel, A., & Börsch-Supan, A., 2019). Die vorhandenen Daten ermöglichen im Rahmen einer großen Stichprobe die Auseinandersetzung mit der Thematik, inwieweit das Zusammenspiel von Persönlichkeitseigenschaft und sozialer Aktivität das Wohlbefinden im Alter positiv beeinflussen kann. Solche Erkenntnisse können für die Weiterentwicklung von Interventionsmaßnahmen relevant sein. Bei umfassender Forschung auf diesem Gebiet könnten in Zukunft nicht nur allgemein gültige Präventionsempfehlungen, wie z.B. hinsichtlich gesunder Ernährung, sportlicher und sozialer Aktivitäten gegeben werden. In Erweiterung wären dann auch individuelle Empfehlungen möglich, die auf die Persönlichkeit des Individuums abgestimmt sind. Vor diesem Hintergrund und der steigenden gesellschaftlichen Bedeutung von SWBfür ältere Menschen zielt die vorliegende Arbeit darauf ab, weitere Erkenntnisse zur Stärkung der Lebensqualität im Alter zu gewinnen.
2. Theoretischer Hintergrund
Im Folgenden werden die für diese Arbeit relevanten Konstrukte unter der Berücksichtigung der empirischen Erkenntnislage erläutert. Dabei sollen zuerst das SWB und dessen kognitive Komponente, die Lebenszufriedenheit, dargestellt werden. Im Anschluss wird auf Prädiktor (Extraversion), Moderator (soziale Aktivität) und Interaktion dieser beiden Variablen eingegangen. Abschließend werden Forschungsfragen und Hypothesen daraus abgeleitet.
2.1. Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit
Lange Zeit konzentrierte sich die psychologische Forschung primär auf negative Emotionen und Zustände (Diener et al., 1999). Seit den 1980er Jahren gewinnen Konstrukte wie Glück und Zufriedenheit in der Forschung zunehmend an Bedeutung (Myers & Diener, 1995). Dies zeigt sich auch in einer deutlich steigenden Zahl an Publikationen auf dem Gebiet der Positiven Psychologie seit der Pionierarbeit „Positive psychology: An introduction“ von Seligman und Csikszentmihalyi aus dem Jahr 2000 (Bolier et al., 2013; Hendriks et al., 2020; Lucas et al., 1996). Dieser Trend bestätigt sich auch bei einer Analyse der Entwicklung der Publikationen auf der wissenschaftlichen Literaturdatenbank Web of Science. Typische Konstrukte der positiven Psychologie, wie „Well-being“, „Happiness“ oder „Life satisfaction“, weisen bei einer Analyse der Publikationstitel über die letzten beiden Jahrzehnte deutliche Steigerungsraten auf (siehe Abbildung1). Bedingt durch die Tatsache, dass die Psychologie im Allgemeinen ein wachsendes Forschungsgebiet darstellt, wurden mit den Begriffen „Psycho- logy“ und „Psychotherapy“ zwei weitere Suchbegriffe zur Referenz einbezogen. Da die Letztgenannten keine klassischen Outcomes darstellen und entsprechend seltener im Titel einer Studie auftauchen sollten, ist ein direkter Vergleich mit den Begriffen der positiven Psychologie nicht zielführend. Ein Vergleich der jeweiligen Entwicklung der Zuwachsraten bestätigt jedoch die steigende Bedeutung der positiven Psychologie. Detaillierte Daten zu dieser Analyse sind in Anhang 1 aufgeführt. Neben der steigenden Zahl an Publikationen werden auch in der klinischen und beratenden Praxis zunehmend die Ideen der positiven Psychologie aufgegriffen (Bolier et al., 2013).
Abbildung 1 Graphik zur Entwicklung der Publikationen im Bereich der Positiven Psychologie
Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten
Zwei zentrale Konstrukte der positiven Psychologie sind das Wohlbefinden und die Zufriedenheit (Seligman & Csikszentmihalyi, 2000). Zahlreiche Forschungstätigkeiten dazu gehen auf Edward Diener zurück, der als einer der führenden Forscher im Bereich des Wohlbefindens galt (Deutsche Gesellschaft für Positive Psychologie, 2021). In einer häufig zitierten Pionierarbeit zu dem Thema unterteilt Diener (1984) Definitionen des Wohlbefindens in drei Kategorien: normativ definiertes Wohlbefinden, Affekt und Lebenszufriedenheit. Bei normativen Definitionen steht nicht der subjektive Zustand des Erlebens, sondern das Vorhandensein wünschenswerter Eigenschaften im Fokus. Folglich basiert das Kriterium für Wohlbefinden nicht auf dem Erleben des Individuums, sondern auf dem Wertebild des Beobachters. Diese Betrachtung ist jedoch nicht unproblematisch. Da verschiedene Personen objektive Lebensgegebenheiten auf Basis ihrer Ziele, Werte und Kultur unterschiedlich bewerten, vermuten Diener et al. (2018) in einer subjektiven Betrachtung Vorteile gegenüber objektiven Ansätzen, die externe Kriterien für ein zufriedenes Leben a priori definieren. Im Gegensatz zu objektiven Ansätzen drückt subjektives Wohlbefinden (SWB) aus, wie Personen ihr Leben selbst bewerten. Entsprechend liegt der Fokus auf der subjektiven Perspektive der Befragten. (Diener & Lucas, 1999). Das SWB umfasst die eingangs genannten Konstrukte des positiven bzw. negativen Affekts und der Lebenszufriedenheit (Diener, 1984).
Diener et al.(1999)betonen bei positivem und negativem Affekt die emotionale Komponente des SWB. Hierbei stehen Stimmungen und Emotionen im Vordergrund. Dazu gehören für den positiven Affekt angenehme Emotionen, wie bspw. Vergnügen, Begeisterung oder Stolz. Negativer Affekt beschreibt hingegen unangenehme Stimmungen, z.B. Traurigkeit, Angst oder Ärger. Hohes SWB zeigt sich dabei in einem Übergewicht des positiven über den negativen Affekt (Bradburn, 1969). Auch wenn Emotionen tendenziell eher kurzfristige Zustände repräsentieren, konnte in Studien eine zeitliche Stabilität beobachtetwerden (Costa & McCrae, 1988; Watson & Walker, 1996).
Lebenszufriedenheit repräsentiert demgegenüber die kognitive Komponente des Wohlbefindens (Diener & Lucas, 1999). Dabei handelt es sich um eine ganzheitliche Bewertung der eigenen Lebensqualität durch eine Person anhand selbst gewählter Kriterien (Shin & Johnson, 1978). Bei dieser Bewertung wägt eine Person positive und negative Aspekte ab (Lucas et al., 1996). Die letztendliche Beurteilung, wie zufrieden eine Person mit ihrem Leben ist, hängt von einem Vergleich mit der als angemessen eingeschätzten Erwartung der Lebenszufriedenheit ab (Diener et al., 1985). Entsprechend spiegelt sich die Lebenszufriedenheit in der wahrgenommenen Diskrepanz zwischen individuellen Erwartungen und Erreichtem wider (Campbell et al., 1976). Durch die globale Betrachtung ist die Bewertung relativ stabil und nur teilweise abhängig von affektiven Zuständen (Lucas et al., 1996). Aspekte der Lebenszufriedenheit können die Zufriedenheit mit der Vergangenheit, der Gegenwart, der Zukunft oder auch der Wunsch nach Veränderung sein (Diener et al., 1999).
Affekt und Lebenszufriedenheit stehen in einer Wechselbeziehung (Lucas et al., 1996). So können Personen bspw. ihre aktuelle Stimmung als Indikator für die Beurteilung ihrer ganzheitlichen Lebenszufriedenheit heranziehen (Schwarz & Strack, 1991). Denkbar wäre auch, dass Personen reflektieren, wie viel Zeit sie in guter bzw. schlechter Stimmung waren, um eine Einschätzung über die Lebenszufriedenheit abzugehen (Lucas et al., 1996). In diesen Fällen würde der Affekt die Lebenszufriedenheit beeinflussen. Andersherum gehen Emotionstheorien davon aus, dass Kognitionen beim Erleben von Emotionen eine wichtige Rolle spielen (Lucas et al., 1996). Nach Lazarus (1991) sind kognitive Bewertungsprozesse zentral für die Entstehung von Emotionen. Die kognitive Bewertung des eigenen Lebens kann entsprechend beeinflussen, wie stark Personen positiven oder negativen Affekt erleben (Lucas et al., 1996). Die vorstehenden Ausführungen verdeutlichen die bidirektionale Beziehung zwischen Affekt und Lebenszufriedenheit. Dies lässt sich auch empirisch bestätigen. So vermuten Stones und Kozma (1985)auf Basis ihrer Erhebung, dass ein Faktor höherer Ordnung besteht, der den beiden Komponenten des SWBs gemeinsam zugrunde liegt. Trotz dieser Zusammenhänge legen weitere Studien nahe, dass Affekt und Lebenszufriedenheit empirisch zwei voneinander abgrenzbare Konstrukte sind (z. B. Diener, 1994; Lucas et al., 1996). Ein Erklärungsansatz hierfür ist, dass die Einschätzung der Lebenszufriedenheit auf einer ganzheitlichen Bewertung des eigenen Lebens basiert, während affektive Zustände auch durch unbewusste Ziele und biologische Faktoren beeinflusst werden können (Diener, 1994). Daher regen Diener und Lucas (1999) an, dass die beiden Konstrukte separat voneinander erfasst werden sollten, um jeweils ein ganzheitliches Bild der einzelnen Komponenten des SWBs zu erlangen.
Die SHARE-Studie hat mit der Lebenszufriedenheit die kognitive Komponente des SWB untersucht. Da die Studie keine Daten zu positivem bzw. negativem Affekt erhoben hat, wurden diese Konstrukte nicht in die Analyse dieser Arbeit einbezogen. Die Konzentrierung auf die Lebenszufriedenheit bietet die Möglichkeit einer ganzheitlichen Betrachtung der kognitiven Komponente des SWB, die zudem weniger abhängig von kurzfristigen affektiven Zuständen ist (Lucas et al., 1996) .
In empirischen Studien konnten zahlreiche Einflussfaktoren auf Lebenszufriedenheit beobachtet werden: z.B. Einkommen, sozialer Vergleich, soziale Beziehungen oder Alter (vgl. für eine aktuelle Darstellung des Forschungsstandes Diener et al., 2018). Studien deuten zudem darauf hin, dass Persönlichkeitseigenschaften substanzielle Prädiktoren sein können (Diener et al., 2018). In ihrer Meta-Analyse beobachteten DeNeve und Cooper (1998) einen Zusammenhang von r = .20 zwischen Persönlichkeit und Lebenszufriedenheit. In einer weiteren Meta-Analyse wird eine Varianzaufklärung durch die Persönlichkeit von r2 =.18 berichtet (Steel et al., 2008). Für eine differenzierte Betrachtung der einzelnen Persönlichkeitseigenschaften werden häufig die Big Five herangezogen. Studien deuten darauf hin, dass Neurotizismus und Extraversion den größten Einfluss auf Lebenszufriedenheit haben (Anglim et al., 2020; DeNeve & Cooper, 1998; Steel et al., 2008). Dies steht in Einklang mit der Annahme von Ozer und Benet-Martmez (2006), dass mit Temperament assoziierte Persönlichkeitseigenschaften (Neurotizismus und Extraversion) einen stärkeren Einfluss auf SWB haben als diejenigen, die stärker durch Umweltfaktoren beeinflusst werden (Gewissenhaftigkeit, Offenheit, Verträglichkeit).
Auch Studien mit älteren Personen lassen vermuten, dass Persönlichkeitseigenschaften zentrale Einflussfaktoren für Lebenszufriedenheit sind. So konnte bspw. in einer Studie mit Personen im Alter von 85 bis 104 beobachtet werden, dass Neurotizismus und Extraversion am stärksten mit Lebenszufriedenheit korrelieren (Etxeberria et al., 2019). Für andere Prädiktoren in dieser Studie, wie z.B. Aktivitäten oder mentale Aspekte wurde hingegen ein geringer Zusammenhang berichtet.
Dementsprechend kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass Persönlichkeit im Allgemeinen und auch Extraversion im Besonderen zentrale Prädiktoren für Lebenszufriedenheit sind. Im Folgenden sollen daher die empirischen Zusammenhänge zwischen Extraversion und Lebenszufriedenheit näher dargestellt werden. Basierend darauf werden theoretische Modelle erörtert, die den Zusammenhang erklären könnten.
2.2. Einfluss von Extraversion auf Lebenszufriedenheit
Die oben aufgeführten Meta-Analysen zum Zusammenhang von Persönlichkeit und SWB legen nahe, dass Extraversion eine wichtige Rolle für Lebenszufriedenheit spielt. In der Studie von DeNeve und Cooper (1998) konnte eine Korrelation von Extraversion und Lebenszufriedenheit in Höhe von r = .17 beobachtet werden. Steel et al. (2008) gehen davon aus, dass die berichteten Korrelationen in der Meta-Analyse von DeNeve und Cooper den tastsächlichen Zusammenhang unterschätzen. Die Autor*innen erklären ihre Vermutung wie folgt: die Datengrundlage für eine Meta-Analyse Ende war der 1990er Jahre - also noch vor Beginn der Pionierarbeit zur Positiven Psychologie von Seligman und Csikszentmihalyi im Jahr 2000 - noch relativ gering. Eine geringe Datenlage kann dazu führen, dass heterogene Studien aggregiert werden müssen, um eine ausreichend große Stichprobe zu erreichen. So werden bspw. Studien mit unterschiedlicher Definition von Persönlichkeitskonstrukten (z.B. Big Five oder Eysenck Personality Questionnaire) zusammengefasst. Die dadurch entstehende Methodenvarianz kann zu einer Unterschätzung der Korrelation führen. Vor diesem Hintergrund haben Steel et al. (2008) eine separate Betrachtung verschiedener Persönlichkeitskonstrukte vorgenommen. Diese Vorgehensweise bestätige die Annahme, dass der Zusammenhang von Extraversion und Lebenszufriedenheit stärker sein könnte als in der Studie von DeNeve und Cooper (1998) ursprünglich angenommen. So lagen die Korrelationen jeweils bei r = .20 für das Eysenck Persönlichkeits-Inventar (EPI) und das Eysenck Personality Questionnaire (EPQ) sowie bei r = .28 für verschiedene NEOInventare. Zur Berücksichtigung möglicher Interkorrelationen zwischen den Persönlichkeitseigenschaften wurde zudem eine Multiple Regression durchgeführt. Die ß-Gewichte von Extraversion zur Vorhersage von Lebenszufriedenheiten variierten dabei zwischen .13 (EPQ) und .17 (NEO). Die aktuelle Meta-Analyse von Anglim et al. (2020) konnte einen noch höheren Zusammenhang von Extraversion und Lebenszufriedenheit beobachten (r = .32).
Eine differenzierte Betrachtung der Lebenszufriedenheit legt nahe, dass Extraversion auch mit den einzelnen Domänen der Lebenszufriedenheit zusammenhängt. In ihrer Meta-Analyse beobachteten Heller et al. (2004) eine Korrelation von Extraversion mit Zufriedenheit in den Domänen Sozialleben, Job und Ehe. Die Korrelation mit der ganzheitlichen Lebenszufriedenheit belief sich in dieser Studie auf r =.28.
Weitere Einblicke zum Zusammenhang zwischen Extraversion und Lebenszufriedenheit bie- teteine Betrachtung der Persönlichkeitseigenschaft auf Facetten-Ebene. Da nur einzelne Facetten von Persönlichkeitseigenschaften relevant sein könnten, würden alle nicht-relevanten Facetten zu zusätzlicher Fehlervarianz in der Analyse führen (Steel et al., 2008). Die Meta-Analyse von Anglim et al. (2020) kommt zu dem Ergebnis, dass unter den Facetten der Extraversion insbesondere positive Emotionen im Zusammenhang mit Lebenszufriedenheit stehen (r = .34). Die für diese Arbeit relevanten Facetten der Geselligkeit (r = .19) und Aktivität (r = .18) korrelieren ebenfalls positiv mit Lebenszufriedenheit.
Von besonderer Relevanz für die vorliegende Arbeit ist der Forschungsstand zur Lebenszufriedenheit bei älteren Menschen. Es gibt Hinweise, dass die zuvor beschriebenen Effekte auch in dieser Altersgruppe bestehen. In einer irischen Studie mit Proband*innen mit einem durchschnittlichen Alter von rund 75 Jahren konnte ein positiver Zusammenhang zwischen Extraversion und Lebenszufriedenheit festgestellt werden (Ni Mhaolain et al., 2012). Die Stärke des Zusammenhangs war mit r = .13 jedoch niedriger als bei den zuvor beschriebenen Studienergebnissen. In einer weiteren Studie mit Probanden im Alter von 85 bis 104 Jahre konnte beobachtet werden, dass Lebenszufriedenheit primär durch Persönlichkeitseigenschaften prädiziert werden (Etxeberria et al., 2019). Extraversion (r = .34) zählte neben Neurotizismus (r = .39) zu den wichtigsten Prädiktoren für Lebenszufriedenheit. Erkenntnisse zum langfristigen Einfluss von Extraversion auf Lebenszufriedenheit liefert eine Längsschnittstudie, in der die Lebenszufriedenheit Anfang 60 durch das Level der Extraversion im Alter von 16 und 26 Jahren prädiziert wurde (Gale et al., 2013). Im Gegensatz zu Neurotizismus konnte hier ein direkter positiver Effekt von Extraversion auf Lebenszufriedenheit beobachtet werden. Dementsprechend weisen die zitierten Studien darauf hin, dass auch für ältere Menschen positive Effekte von Extraversion auf Lebenszufriedenheit bestehen. Allerdings scheint die Stärke des Zusammenhangs noch unter Unsicherheit zu stehen, sodass weitere Forschung für diese Altersgruppe erforderlich ist (Etxeberria et al.,2019).
Neben den empirischen Zusammenhängen beschäftigt sich die Forschung auf diesem Gebiet auch mit theoretischen Modellen zur Erklärung dieser Zusammenhänge. Auch wenn es nicht eine singuläre Theorie gibt (Erdogan et al., 2012), geht die Forschung im Wesentlichen von zwei relevanten Prozessen zur Erklärung von SWB und Lebenszufriedenheit aus: Top-Down-Prozesse und Bot- tom-up-Prozesse (Diener, 1984). Im Gegensatz zu Top-Down-Prozessen (s.u.) nehmen bei Bottom- up-Prozessen nicht die Persönlichkeit, sondern situationale Faktoren, Ereignisse und der Kontext eine zentrale Rolle zur Erklärung von Lebenszufriedenheit ein (Heller et al., 2004). So können bspw. ein stabiles soziales Netzwerk oder eine glückliche Ehe dazu beitragen, die Lebenszufriedenheit zu steigern. Für klassische Bottom-Up-Modelle spricht, dass auf empirischer Ebene Zusammenhänge von ganzheitlicher Lebenszufriedenheit und einzelnen Domänen, wie Zufriedenheit im Job oder in der Ehe beobachtet werden konnte (Argyle, 2001). So ist es auch intuitiv nachvollziehbar, dass bspw. eine glückliche Ehe zu mehr Lebenszufriedenheit führt (Heller et al., 2004). Demgegenüber deuten weitere Studien darauf hin, dass situationale Faktoren (z.B. Familienstand) nur eine geringe Korrelation mit SWB bieten (z.B. DeNeve & Cooper, 1998). Zudem scheint SWB nur temporär durch außergewöhnliche Lebensereignissen beeinflusst. Studien lassen vermuten, dass Personen sowohl an negative, wie z.B. Verwitwung (Diener et al., 2006), als auch an positive Ereignisse, wie z.B. Lottogewinne (Brickman et al., 1978), nach gewisser Zeit adaptieren. Daher konzentriert sich die Forschung zum SWB inzwischen verstärkt auf Top-Down-Prozesse (Heller et al., 2004).
Bei Top-Down-Prozessen erfolgt eine Betrachtung aus dispositionaler Perspektive. Variationen in der Lebenszufriedenheit werden insbesondere über individuelle Unterschiede in der Persönlichkeit erklärt (Heller et al., 2004). McCrae und Costa (1991) unterscheiden dabei einen temperamentbezogenen und einen instrumentellen Ansatz. Ersterer betont einen direkten Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Lebenszufriedenheit, da es sich bei Persönlichkeitseigenschaften um dauerhafte affektive Dispositionen handelt (Heller et al., 2004). Demnach haben extravertierte Personen von Natur aus eher ein heiteres Gemüt und gute Stimmung (McCrae & Costa, 1991). Sie sind prädisponiert, glücklich zu sein. Watson und Clark (1997) sehen auf Basis ihrer empirischen Untersuchung positive Emotionalität als eine zentrale Kernkomponente von Extraversion. Übertragen auf Lebenszufriedenheit ließe sich der Zusammenhang in einem einfachen Modell darstellen:
Abbildung 2 Temperamentbezogenes Modell zum Einfluss von Extraversion auf Lebenszufriedenheit
Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten
Anmerkung. Adaptiert nach McCrae und Costa (1991)
Demgegenüber postuliert der instrumentelle Ansatz einen indirekten Zusammenhang von Persönlichkeit und Lebenszufriedenheit. Dieser wird durch Mediatoren wie Lebensumstände erklärt (McCrae & Costa, 1991). Extravertierte Menschen tendieren bspw. dazu, eher soziale Situationen aufzusuchen (Eysenck, 1967; Eysenck & Eysenck, 1985). Soziale Aktivitäten wiederum sind mit größerem positivem Affekt und Lebenszufriedenheit verbunden (Pinquart & Sörensen, 2000). Dieser Zusammenhang ist beispielhaft in Abbildung 3 dargestellt. Die Verbindung zwischen Persönlichkeit und situa- tionalen Faktoren verdeutlicht, dass der instrumentelle Ansatz sowohl Aspekte von Top-Down- als auch Bottom-up-Prozessen kombiniert (Heller et al., 2004). Es zeigt sich allerdings auch, dass der instrumentelle Ansatz alleine nicht zur Erklärung ausreicht, da selbst nach Kontrolle von situationalen Faktoren der Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Wohlbefinden nicht komplett eliminiert wird (Heller et al., 2004; Watson & Clark, 1992). Entsprechend ist davon auszugehen, dass Persönlichkeit einen Effekt auf die Lebenszufriedenheit hat, der über die mediierende Rolle von situationa- len Faktoren hinausgeht (Heller et al., 2004).
Abbildung 3 Instrumentelles Modell zum Einfluss von Extraversion auf Lebenszufriedenheit
Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten
Anmerkung. Adaptiert nach McCrae und Costa (1991)
Heller et al. (2004) schlagen mit dem integrativen Modell einen weiteren Top-Down Ansatz vor. Auch in diesem Modell kommt der Persönlichkeit eine zentrale Bedeutung zu. Einerseits hat sie einen direkten Einfluss auf Lebenszufriedenheit. Andererseits wirkt sich die Persönlichkeit indirekt über verschiedene Domänen der Lebenszufriedenheit (z.B. Jobzufriedenheit) aus. Die Domänen sollen als Proxy-Variablen den zusätzlichen Einfluss von situationalen Faktoren abbilden. Nach diesem Modell könnte Extraversion einen positiven Einfluss auf Jobzufriedenheit und Ehezufriedenheit haben. Gleichzeitig wirkt sich die Zufriedenheit im Job auf die Beurteilung der ganzheitlichen Lebenszufriedenheit positiv aus (siehe Abbildung 4). Das integrative Modell von Heller et al. (2004) konnte empirisch in einer explorativen Faktorenanalyse bestätigt werden. Die einzelnen Domänen haben zum Teil die Relation von Persönlichkeit und ganzheitlicher Lebenszufriedenheit mediiert. Gleichzeitig konnten direkte statistische Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und ganzheitlicher Lebenszufriedenheit beobachtet werden.
Abbildung 4 Integratives Modell zum Einfluss von Extraversion auf Lebenszufriedenheit
Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten
Anmerkung. Adaptiert nach Heller et al. (2004)
Hinsichtlich der Rolle der Persönlichkeit kann das integrative Modell von Heller et al. (2004) zwischen den beiden Modellen von McCrae und Costa (1991) eingeordnet werden. Der temperamentbezogene Ansatz (McCrae & Costa, 1991) berücksichtigt keine situativen Faktoren, sodass die Lebenszufriedenheit vollkommen durch die Persönlichkeit determiniert ist. Im integrativen Modell (Heller et al., 2004) bestehen neben der Persönlichkeit zusätzlich auch Einflüsse durch situative Faktoren. Der instrumentelle Ansatz (McCrae & Costa, 1991) postuliert hingegen, dass die Persönlichkeit sich nur indirekt über situative Faktoren auf die Lebenszufriedenheit auswirkt.
Für Top-Down-Prozesse insgesamt und den damit verbundenen Fokus auf Persönlichkeitseigenschaften sprechen zwei Aspekte: Zum einen lassen Studien vermuten, dass Lebenszufriedenheit relativ stabil über die Zeit ist (z.B. Pavot & Diener, 1993). Damit wäre eine rein situationale Betrachtung nicht ausreichend. Zum andern deuten Zwillingsstudien auf eine wesentliche erbliche Komponente beim Wohlbefinden hin (Tellegen et al., 1988).
Die vorstehenden Ausführungen verdeutlichen, dass Top-Down Prozesse und Persönlichkeitsfaktoren eine zentrale Rolle für Lebenszufriedenheit spielen. Allerdings scheint auch ein Einbezug von situationalen Faktoren, wie im integrativen Modell, sinnvoll zu sein (Heller et al., 2004). Nachdem in diesem Abschnitt mit der Extraversion der Einfluss einer Persönlichkeitseigenschaft dargestellt wurde, soll daher im Folgenden mit den sozialen Aktivitäten auf einen situativen Einflussfaktor für Lebenszufriedenheit eingegangen werden.
2.3. Einfluss sozialen Aktivitäten auf Lebenszufriedenheit
Die Forschung zu SWB deutet darauf hin, dass soziale Beziehungen eine wichtige Rolle spielen, wenn Personen ihr Leben bewerten (Diener et al., 2018). Auch im Kontext der Alterungsforschung wurde der Einfluss von sozialen Aktivitäten zahlreich untersucht (z.B. Adams et al., 2011; Huxhold et al., 2014; Pinquart & Sörensen, 2000). Rowe und Kahn (1997) nennen eine aktive Teilhabe am Leben und dabei insbesondere interpersonale Beziehungen als einen von drei Faktoren für erfolgreiches Altern.
Ein Modell zur Erklärung bietet die Activity Theory of Ageing, die erstmals explizit von Lemon et al. (1972) aufgestellt wurde. Die Autor*innen nehmen an, dass Aktivitäten, insbesondere sozialer Natur, die verschiedenen Rollenidentitäten einer Person bestätigen und bekräftigen können. Die Summe dieser verschiedenen Rollenidentitäten wiederum trägt zu einem positiven Selbstkonzept bei, sofern keine Abweichung zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung vorliegt. Ein positives Selbstkonzept trägt schlussendlich zu einer höheren Lebenszufriedenheit bei. Werden die Rollenidentitäten einer Person hingegen nicht ausreichend bestätigt, führt dies eher zu einer geringen Lebenszufriedenheit. Von besonderer Relevanz sind diese Zusammenhänge bei Rollenverlusten, wie z.B. mit dem Ende des Erwerbslebens. Damit einhergehend ist auch der Verlust von Rollenunterstützung. Personen, die vermehrt soziale Aktivitäten ausüben, können diesen Prozess besser kompensieren und gleichzeitig leichter neue Rollenunterstützung finden. Zudem kann Aktivität im Zuge von Rollenveränderungen zum Abbau von Frustration, Ängsten und dem Gefühl der Bedeutungslosigkeit beitragen. Inwieweit Aktivitäten die Steigerung der Lebenszufriedenheit unterstützen, hängt nach der Activity Theory of Ageing von der Intimität sowie der Frequenz der Aktivitäten ab. Je intimier und häufiger die Natur der Aktivität ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine Person ausreichend Rollenunterstützung bekommt, um alle ihre Rollenidentitäten zu bestätigen. Die Theorie unterscheidet dabei drei Typen der Aktivität: informal, formale und solitäre Tätigkeiten. Informale Aktivität umfasst Interaktionen mit vertrauen Personen, wie Familie oder Freund*innen. Formale Aktivität beinhaltet die Teilnahme in formalen Organisationen, z.B. in Form von ehrenamtlichen Tätigkeiten. Solitäre Aktivitäten werden im Gegensatz zu den beiden anderen Typen alleine ausgeführt, z.B. das Lesen von Büchern. Nach der Activity Theory of Ageing haben informale Aktivitäten, insbesondere freundschaftliche Interaktion den größten Effekt auf Lebenszufriedenheit, da Freund*innen durch die Intimität in der Beziehung spezifischer auf Rollenidentitäten reagieren können. Bei formalen Aktivitäten ist Rollenunterstützung eher auf allgemeine soziale Rollen ausgerichtet und damit weniger spezifisch für die Bestätigung der Rollenidentitäten. Die geringste Rollenunterstützung resultiert hingegen aus solitären Aktivitäten, da hier Bestätigungen durch andere Personen fehlen. Sie können lediglich mental konstruiert sein.
In der gerontopsychologischen Forschung werden darüber hinaus weitere Erklärungen für den Zusammenhang von Aktivitäten und Lebenszufriedenheit diskutiert (Adams et al., 2011). Aktivitäten, die Bewegungen involvieren (auch nicht-soziale), können positive physische Effekte haben. Auf diese Weise tragen sie zu einer besseren Gesundheit und damit zu einer höheren Lebenszufriedenheit bei (Adams et al., 2011). Darüber hinaus implizieren Aktivitäten häufig das Verfolgen und Erreichen von Zielen. Dies kann die Selbstwirksamkeit positiv beeinflussen (Holahan, 1988). Spezifisch für soziale Aktivitäten wird die Rolle sozialer Unterstützung diskutiert. Diese fördert Lebenszufriedenheit durch emotionale Nähe und instrumentelle Unterstützung (Aquino et al., 1996). Zudem kann soziale Unterstützung auch auf kognitiver Ebene wirken, indem in Stresssituationen kognitive Neubewertungen unterstützt werden (Lazarus & Folkman, 1984). Letztendlich können soziale Aktivitäten die soziale Integration stärken, was wiederum das Gefühl der Zugehörigkeit steigert (Hagerty et al., 1996).
Die vorstehenden Ausführungen verdeutlichen, dass die theoretischen Zusammenhänge zwischen sozialen Aktivitäten und Lebenszufriedenheit in der Forschung schon umfassend diskutiert wurden. Empirisch wird der Zusammenhang jedoch nicht konsistent über die Studienlage bestätigt. In einer Längsschnittstudie über sechs Jahre mit Personen im Alter von 67 bis 95 Jahre konnte soziale Aktivitäten Lebenszufriedenheit nicht signifikant vorhersagen (Menec, 2003). Die Ergebnisse einer Querschnittsanalyse in dieser Studie deuten hingegen auf einen Zusammenhang hin. Daher stellt die Autorin die Vermutung auf, dass Lebenszufriedenheit eher ein Prädiktor als eine Konsequenz von sozialen Aktivitäten ist. Eine neuere Studie mit Personen im Alter von 85 bis 104 kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass kein signifikanter Zusammenhang zwischen sozialer Unterstützung und Lebenszufriedenheit besteht (Etxeberria et al., 2019).
Die Ergebnisse einer großen Meta-Analyse (286 Studien mit Personen im Durchschnittsalter von mind. 55 Jahren) von Pinquart und Sörensen (2000) legen hingegen nahe, dass das soziale Netzwerk und Lebenszufriedenheit positiv korreliert (r = .15) sind. Eine differenzierte Betrachtung zeigte, dass die Qualität (r = .22) der sozialen Beziehungen bei der untersuchen Stichprobe einen größeren Einfluss auf Lebenszufriedenheit hat als quantitative Aspekte (r = .12). Diese Beobachtung steht im Einklang mit der Activity Theory of Ageing. Qualitativ hochwertig eingestufte soziale Aktivitäten ermöglichen eher eine Stärkung der Rollenidentität als lose Kontakte. Des Weiteren lässt die MetaAnalyse von Pinquart und Sörensen (2000) vermuten, dass insbesondere ältere Personen von sozialen Aktivitäten profitieren. In der Altersgruppe > 70 zeigte sich sowohl für Netzwerkquantität (r = .13) als auch für Netzwerkqualität (r = .29) ein höherer Zusammenhang mit Lebenszufriedenheit als in der Altersgruppe < 70 (Netzwerkquantität r =.10, Netzwerkqualität r =.16). Auch dies lässt sich mit der Activity Theory of Ageing begründen. Mit fortschreitendem Alter gehen Rollenverluste einher, die besonders durch soziale Beziehungen kompensiert werden können. Weitere Studien konnten ebenfalls einen positiven Zusammenhang zwischen sozialen Aktivitäten und Lebenszufriedenheit beobachten (z.B. Fernandez-Ballesteros et al., 2001; Jang et al., 2004; Morgan & Bath, 1998; Warr et al., 2004).
Eine neuere Längsschnittstudie auf Basis des Deutschen Alterssurveys (DEAS) von Huxhold et al. (2014) bietet ein differenziertes Bild. Für eine Personengruppe im Alter von 40 bis 65 Jahren konnte in dieser Studie ein positiver Zusammenhang zwischen sozialen Aktivitäten und Lebenszufriedenheit beobachtet werden. Dies galt sowohl für Aktivitäten mit Familie als auch mit Freund*in- nen. In der zweiten Personengruppe ab 65 konnte der Zusammenhang mit Lebenszufriedenheit nur für Aktivitäten mit Freund*innen, aber nicht mit der Familie bestätigt werden. Dies könnte laut der Autor*innen auf die unterschiedlichen Rollen von Familie und Freund*innen im Alter zurückzuführen sein. Während die Familie oft verstärkt als Quelle instrumenteller Unterstützung im Alterungsprozess dient, steht bei Freund*innen primär die Kameradschaft im Zentrum der sozialen Interaktion. Diese Annahme steht im Einklang mit der Activity Theory of Ageing, die vermutet, dass eine hohe Intimität der Beziehung Rollenidentitäten spezifischer stärken kann. So könnte die Intimität bei kameradschaftlichen Beziehungen auf Augenhöhe ausgeprägter sein als bei einer eher instrumentellen Unterstützung durch die Familie.
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