Schlesier in Deutschland im Spiegel ihrer Organisationen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Geschichte Schlesiens

III Schlesier in Deutschland
III.I Flüchtlinge und Vertriebene
III.I.I Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen und Vertriebenen
III.I.II Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen
III.II Spätaussiedler
III.II.I Staatliche Maßnahmen
III.II.II Integration der Spätaussiedler

IV Schlesische Vertriebenenorganisationen
IV.I Die Landsmannschaft Schlesien (Nieder- und Oberschlesien) e.V. in Augsburg
IV.II Landsmannschaft der Oberschlesier e.V. in Augsburg

V Die Zeitung Schlesische Nachrichten der Landsmannschaft Schlesien (Nieder- und Oberschlesien) e.V
V.I Erstellen einer Häufigkeitstabelle über das Vorkommen bestimmter Wörter
V.II Auswertung und kontextbezogene Interpretation der Ergebnisse
V.II.I Die Kategorien Schlesien, Deutschland und Polen
V.II.II Die Kategorien Vertriebene und (Spät-) Aussiedler
V.II.III Die Kategorien Heimat, Unrecht, Oder und Neiße
V.III Zusammenfassung der Ergebnisse

VI Schluss

VII Quellenverzeichnis

I Einleitung

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen hunderttausende von Flüchtlingen und Vertriebenen nach Deutschland, unter anderem aus Schlesien. Als Fremde in einem vom Krieg zerstörten Land mussten sie unter erschwerten Bedingungen versuchen, sich ein neues Leben aufzubauen. Zur gegenseitigen Unterstützung organisierten sie sich und gründeten Ortsgruppen in zahlreichen Städten und auch Dörfern, zuerst mit dem Ziel, wieder nach Schlesien zurückkehren zu können. Auch in Augsburg finden sich Kreisgruppen der Landsmannschaft der Oberschlesier e.V. und der Landsmannschaft Schlesien (Nieder- und Oberschlesien) e.V.

Während die junge Bundesrepublik mit den schlesischen Vertriebenenorganisationen konform ging, dass man die Oder-Neiße-Grenze nicht akzeptieren könnte, hat sich der Tenor mittlerweile geändert. Die Grenze ist vertraglich gesichert und Vertriebene können nicht mit Ausgleichszahlungen rechnen. Die Landsmannschaften dagegen sind kaum von ihrer Linie abgewichen, weshalb die studentische Linke sie ab den 1970er Jahren als politisch rechts einordnete.

Unabhängig von den politischen Zielen des Vorstandes, erfüllen die Landsmannschaften auch soziale und kulturelle Bedürfnisse, die für die meisten Mitglieder im Vordergrund stehen.

In der vorliegenden Arbeit soll zuerst auf die Geschichte Schlesiens eingegangen werden, da sie es ist, auf die die schlesischen Landsmannschaften in ihrer politischen und kulturellen Arbeit vor allem Bezug nehmen. Anschließend werden die beiden Gruppen der Schlesier näher beschrieben, aus denen die Landsmannschaften ihre Mitglieder rekrutieren – nämlich die Flüchtlinge und die Vertriebenen, sowie die Spätaussiedler. Vor allem die zuerst genannten haben für die schlesischen Vertriebenenorganisationen eine große Bedeutung, wie noch gezeigt werden wird, weshalb ihr Schicksal genauer beschrieben wird. Schließlich werden die beiden in Augsburg vertretenen Landsmannschaften genauer vorgestellt, wobei die Ansichten und Absichten des Vorstandes anhand der Schlesischen Nachrichten, dem Organ der Landsmannschaft Schlesien, untersucht werden.

II Geschichte Schlesiens

Schlesien wurde im Jahre 1137 unter Kaiser Friedrich I. Barbarossa vom noch jungen polnischen Reich unabhängig. Um 1200 wurde es in Ober- und Niederschlesien aufgeteilt, später in weitere zahlreiche Herzogtümer, deren Fürsten meist mit dem polnischen Königshaus der Piasten verwandt waren. Bereits im 12. Jahrhundert wurden deutsche Siedler für diese Gebiete angeworben, vor allem aber nach dem Mongolensturm und der verheerenden Schlacht von 1241. Die Siedler, zumeist Bauern, Kaufleute, Handwerker und Bergleute, bekamen Land zu sehr günstigen Preisen, teilweise sogar umsonst, und erhielten Rechte, wie z. B. ihren Hof zu vererben, die sie in der Heimat nicht hatten.[1]

Das Zusammenleben der deutschen und polnischen Bevölkerung verlief friedlich und wurde durch Verbindungen zwischen Adelshäusern beider Nationen gestärkt. Es entstanden zahlreiche Siedlungen mit deutschem Stadtrecht. Da es keine starke Zentralgewalt in Polen gab, orientierten sich die schlesischen Fürsten in ihrer Politik am Reich. Doch erst in den 20er Jahren des 14. Jahrhunderts nahmen sie endgültig die böhmische Lehenshoheit an. 1335 verzichtete der polnische König Kasimir III. in einem Vertrag auf diese Gebiete, womit Schlesien als Land zum Römisch-Deutschen Reich gehörte.[2]

Zu dieser Zeit ließen sich keine weiteren deutschen Siedler in Schlesien nieder, was auf die großen Menschenverluste während der Pest zurückzuführen ist. Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde wieder eine planvolle Siedlungspolitik betrieben, mit dem Ziel, die Zahl der Untertanen zu erhöhen, die Steuern zahlen mussten.[3]

1795 kam es zur dritten polnischen Teilung. Der Staat wurde zwischen Österreich, Russland und Preußen aufgeteilt. Die Neugründung des Großherzogtums Polen scheiterte nach wenigen Jahren nach der Niederlage Napoleons 1815, was zu einer erneuten Aufteilung führte. Der sich seit der französischen Revolution in Europa entwickelnde Nationalismus hatte zur Folge, dass auch die Polen nach einem eigenen Staat unter nationalen Gesichtspunkten strebten. Durch die Teilung entwickelte sich ihr Nationalismus besonders stark und brachte Preußen bald in Bedrängnis. Bismarck befürchtete, dass die Polen, sollte man ihnen die alten Gebiete wiedergeben, auch diejenigen fordern würden, die wie Pommern und Schlesien unter anderem auch von Polen besiedelt wurden, und dass dies die Deutschen zu einer Minderheit in einem fremden Nationalstaat machen würde. Vor allem die Reichsgründung 1871 hatte eine weitere Politisierung der Bevölkerung zur Folge. Um die nationalstaatlichen Bestrebungen zu unterbinden, verfolgte der preußische Staat eine Politik, die zur Unterdrückung der Polen führte. Deutsch wurde als einzige Unterrichtssprache eingeführt und polnisch als Amtssprache und vor Gericht verboten.[4]

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde durch den Versailler Vertrag die polnische Republik am 11. November 1918 gegründet. Wie Bismarck befürchtet hatte, wurden nun auch Gebiete beansprucht, die vor der Teilung nicht polnisch gewesen waren, in denen aber ein Teil der Bevölkerung polnischsprachig war. Mit dem Versailler Friedensvertrag bekam Polen den größten Teil von Westpreußen und Posen und einige schlesische Grenzgebiete. In anderen Gebieten, nämlich in Oberschlesien, Marienwerder und Allenstein, sollten Volksabstimmungen entscheiden. Während die beiden letztgenannten sich eindeutig für Deutschland aussprachen, war die Lage in Oberschlesien schwieriger. Die Polen versuchten der Abstimmung gewaltsam zuvorzukommen, weshalb es insgesamt zu drei schlesischen Aufständen kam. Dennoch ergab die Abstimmung im März 1921 nur 448 820 Stimmen für Polen und 707 554 Stimmen für Deutschland.[5]

„Doch entgegen dem Abstimmungsergebnis wurde der Ostteil von Oberschlesien, mit dem Kohlegebiet Kattowitz, der neuen Polnischen Republik zugeschlagen. Da die Weimarer Republik die neuen Ostgrenzen nicht anerkannte, blieb das Verhältnis zu Polen gespannt.“[6]

Am 1. September 1939 marschierte die deutsche Wehrmacht in Polen ein, während etwa zwei Wochen später die Rote Armee in den Osten der Republik einbrach. Danzig, Westpreußen, Ostoberschlesien und Südostpreußen wurden an das Deutsche Reich annektiert, während der übrige Teil Polens, der unter deutscher Herrschaft stand, zum „Generalgouvernement“ wurde. In den eingegliederten Gebieten lebten etwa 80 % Polen, weshalb man die Bevölkerung in Volkslisten mit vier Gruppen einteilte. Das Ziel war die „Entpolonisierung“, bei der man die Polen von den Deutschstämmigen trennen wollte. In der ersten und zweiten Gruppe befanden sich diejenigen, die sich selbst weiterhin dem deutschen Volke zugehörig fühlten, wofür beispielsweise das Beherrschen der deutschen Sprache als Beweis zählte. Sie erhielten automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit und wurden während des Krieges beispielsweise bei der Vergabe von Lebensmittelkarten bevorzugt behandelt. In der dritten Gruppe befanden sich Personen, deren Haltung zumindest nicht gegen Deutschland gerichtet war. Die vierte Gruppe zählte alle „polonisierten“ Deutschen, die jedoch - so wie auch die der dritten Gruppe - das Recht hatten, sich um die deutsche Staatsbürgerschaft zu bewerben. Ein weiterer Schritt in der „Eindeutschungspolitik“ war es, etwa 10% der Polen aus dem „Generalgouvernement“ auszusiedeln und antideutsch eingestellte Polen, Juden, sowie die polnische Intelligenz in Konzentrationslager zu bringen. 5,5 Millionen Polen und polnische Juden kamen in dieser Zeit durch die Maßnahmen der Deutschen und Sowjets um.[7]

Auf der Konferenz von Jalta 1945 erklärte Stalin, dass er die eroberten Gebiete Ostgalizien und Wolhynien im polnischen Osten nicht wieder an Polen zurückgeben würde. Die Folge wäre eine Westverschiebung Polens, um dieses zu entschädigen. Die polnische Westgrenze sollten die Oder und die westliche Neiße bilden, was auf der Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis 2. August 1945 beschlossen wurde, und womit Stalin eine Feindschaft zwischen Deutschen und Polen begründetet. Von den 12 Millionen Deutschen in den Ostgebieten befanden sich sieben Millionen auf der Flucht vor der sowjetischen Armee, als sich die Front im März 1945 bis an die Oppeln-Görlitzer Neiße bewegte. Nach Ende der Kämpfe kehrten über eine Million der Flüchtlinge in ihre Heimat zurück, so dass man noch 5,6 Millionen Deutschte zählte. Viele von ihnen hatten die Hoffnung, dass Schlesien bald wieder deutsch werden würde, da die Grenzfrage erst in einem Friedensvertrag endgültig geklärt werden sollte. Doch wurden die Grenzen von der DDR fünf Jahre nach Kriegsende und von der Bundesrepublik Deutschland 1970 anerkannt.[8] Die Endgültigkeit der Grenzen wurde 1990 in dem so genannten 2 + 4 Vertrag noch einmal bestätigt. Dort heißt es:

„Das vereinte Deutschland und die Republik Polen bestätigen die zwischen ihnen bestehende Grenze in einem völkerrechtlich verbindlichen Vertrag. Das vereinte Deutschland hat keinerlei Gebietsansprüche gegen anderen Staaten und wird solche auch nicht in Zukunft erheben.“

Die zu Beginn willkürlichen Vertreibungen wurden nach den Potsdamer Beschlüssen planvoll fortgeführt, so dass bis 1949 3,5 Millionen Menschen vertrieben wurden. Etwa 1,2 Millionen Deutsche blieben nach dem Krieg in den ehemaligen deutschen Ostgebieten.[9]

„Eine große Gruppe von Zweisprachigen wurde als Autochthone (bodenständige) bezeichnet und erhielt nach z. T. erzwungenen Treueerklärungen gegenüber dem polnischen Staat die polnische Staatsbürgerschaft. In Oberschlesien und Masuren wurden ihnen keine eigenen kulturellen Einrichtungen wie Schulen, Vereine oder Zeitungen erlaubt.“[10]

Durch ein Abkommen zwischen Polen und Deutschland von 1951, das Familienzusammenführungen regelte, nahmen über 300 000 Oberschlesier und Masuren die Möglichkeit wahr, nach Deutschland zu ziehen.[11]

Die provisorische polnische Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg verfolgte eine Politik des Revanchismus. Zahlreich Deutsche wurden in Zentralarbeitslager gebracht oder als russische Zwangsarbeiter verschleppt. Die deutsche Bevölkerung in Schlesien wurde diskriminiert und beschimpft.[12] Es wird von zahlreichen Vergewaltigungen, Morden und Plünderungen berichtet.[13]

[...]


[1] Vgl. Bluhm, Georg: Die Oder Neiße Frage. Hannover 1967. S. 16-17./Malchow, Barbara; Keyumars Tayebi; Ulrike Brand: Die fremden Deutschen. Aussiedler in der Bundesrepublik. Hamburg 1990. S. 10-11.

[2] Vgl. Bluhm: Die Oder Neiße Frage. S. 17.

[3] Vgl. Malchow: Die fremden Deutschen. S. 14.

[4] Vgl. Die Oder Neiße Frag. S. 25-28./ Die fremden Deutschen. S. 20-21.

[5] Vgl. Die Oder Neiße Frage. S. 29-31.

[6] Die fremden Deutschen. S. 25.

[7] Vgl. Die fremden Deutschen. S. 32-33.

[8] Vgl. Die Oder Neiße Frage. S. 42-45./ Die fremden Deutschen. S. 32-34.

[9] Vgl. Die fremden Deutschen. S. 34.

[10] Die fremden Deutschen. S. 34.

[11] Vgl. Die Oder Neiße Frage. S. 47.

[12] Vgl. Die fremden Deutschen. S. 9.

[13] Vgl. 10 Jahre nach der Vertreibung. S. 112; 113.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Schlesier in Deutschland im Spiegel ihrer Organisationen
Hochschule
Universität Augsburg  (Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Volkskunde)
Veranstaltung
Migrantenorganisationen in Augsburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V114155
ISBN (eBook)
9783640155705
ISBN (Buch)
9783640155767
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schlesier, Deutschland, Spiegel, Organisationen, Migrantenorganisationen, Augsburg
Arbeit zitieren
Julia Przybilla (Autor), 2006, Schlesier in Deutschland im Spiegel ihrer Organisationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114155

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