Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen hunderttausende von Flüchtlingen und Vertriebenen nach Deutschland, unter anderem aus Schlesien. Als Fremde in einem vom Krieg zerstörten Land mussten sie unter erschwerten Bedingungen versuchen, sich ein neues Leben aufzubauen. Zur gegenseitigen Unterstützung organisierten sie sich und gründeten Ortsgruppen in zahlreichen Städten und auch Dörfern, zuerst mit dem Ziel, wieder nach Schlesien zurückkehren zu können. Auch in Augsburg finden sich Kreisgruppen der Landsmannschaft der Oberschlesier e.V. und der Landsmannschaft Schlesien (Nieder- und Oberschlesien) e.V.
Während die junge Bundesrepublik mit den schlesischen Vertriebenenorganisationen konform ging, dass man die Oder-Neiße-Grenze nicht akzeptieren könnte, hat sich der Tenor mittlerweile geändert. Die Grenze ist vertraglich gesichert und Vertriebene können nicht mit Ausgleichszahlungen rechnen. Die Landsmannschaften dagegen sind kaum von ihrer Linie abgewichen, weshalb die studentische Linke sie ab den 1970er Jahren als politisch rechts einordnete.
Unabhängig von den politischen Zielen des Vorstandes, erfüllen die Landsmannschaften auch soziale und kulturelle Bedürfnisse, die für die meisten Mitglieder im Vordergrund stehen.
In der vorliegenden Arbeit soll zuerst auf die Geschichte Schlesiens eingegangen werden, da sie es ist, auf die die schlesischen Landsmannschaften in ihrer politischen und kulturellen Arbeit vor allem Bezug nehmen. Anschließend werden die beiden Gruppen der Schlesier näher beschrieben, aus denen die Landsmannschaften ihre Mitglieder rekrutieren – nämlich die Flüchtlinge und die Vertriebenen, sowie die Spätaussiedler. Vor allem die zuerst genannten haben für die schlesischen Vertriebenenorganisationen eine große Bedeutung, wie noch gezeigt werden wird, weshalb ihr Schicksal genauer beschrieben wird. Schließlich werden die beiden in Augsburg vertretenen Landsmannschaften genauer vorgestellt, wobei die Ansichten und Absichten des Vorstandes anhand der Schlesischen Nachrichten, dem Organ der Landsmannschaft Schlesien, untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Geschichte Schlesiens
III Schlesier in Deutschland
III.I Flüchtlinge und Vertriebene
III.I.I Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen und Vertriebenen
III.I.II Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen
III.II Spätaussiedler
III.II.I Staatliche Maßnahmen
III.II.II Integration der Spätaussiedler
IV Schlesische Vertriebenenorganisationen
IV.I Die Landsmannschaft Schlesien (Nieder- und Oberschlesien) e.V. in Augsburg
IV.II Landsmannschaft der Oberschlesier e.V. in Augsburg
V Die Zeitung Schlesische Nachrichten der Landsmannschaft Schlesien (Nieder- und Oberschlesien) e.V.
V.I Erstellen einer Häufigkeitstabelle über das Vorkommen bestimmter Wörter
V.II Auswertung und kontextbezogene Interpretation der Ergebnisse
V.II.I Die Kategorien Schlesien, Deutschland und Polen
V.II.II Die Kategorien Vertriebene und (Spät-) Aussiedler
V.II.III Die Kategorien Heimat, Unrecht, Oder und Neiße
V.III Zusammenfassung der Ergebnisse
VI Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle schlesischer Landsmannschaften in Augsburg, indem sie deren historische Genese, ihre aktuelle soziale Funktion und ihre politische Agenda anhand der Verbandszeitschrift "Schlesische Nachrichten" analysiert.
- Historische Entwicklung Schlesiens und der deutsch-polnischen Beziehungen
- Differenzierung zwischen Flüchtlingen/Vertriebenen und Spätaussiedlern
- Struktur und Aufgaben der Landsmannschaften als soziale Anlaufstellen
- Inhaltsanalyse der "Schlesischen Nachrichten" zur Identifizierung zentraler Themenfelder
- Diskussion über das Fortbestehen dieser Organisationen im Kontext des demografischen Wandels
Auszug aus dem Buch
V.II.II Die Kategorien Vertriebene und (Spät-) Aussiedler
Sehr auffällig ist die Häufigkeit der Wörter in der Kategorie Vertriebene. In den 13 untersuchten Ausgaben werden 858 Nennungen gezählt. Das sind im Durchschnitt mindestens 66 Wörter der Kategorie pro Ausgabe. Daher sollen mögliche dahinter stehende Absichten im Folgenden diskutiert werden.
Um die Häufigkeit von Wörtern wie Vertreiber, Vertriebene, Vertreiberstaaten etc. zu erklären, könnte man vorbringen, dass die Leserschaft sich auch aus ehemaligen Vertriebenen rekrutiert, weshalb dieses Thema für sie von besonderer Brisanz ist.
Doch träfe diese These vollständig zu, so müssten sich die Artikel der Zeitung ähnlich intensiv mit Aussiedlern beschäftigen. Die Nennungen aus der Kategorie (Spät-) Aussiedler belaufen sich allerdings auf lediglich 39. Die Konzentration der Zeitung auf bestimmte Themen hängt also nicht zwangsläufig mit dem persönlichen Hintergrund der Leserschaft zusammen. Es stellt sich die Frage, welche Absichten die Zeitung, als Organ der Landsmannschaft Schlesien, verfolgt, und warum Artikel über Spätaussiedler, die in den Landsmannschaften stark vertreten sind, für diese weniger interessant sind.
Ein Argument wäre, dass jede Zeitung versucht, Leser anzuziehen. Dazu wählt sie unter anderem spektakuläre und emotionsgeladene Themen aus. Die Spätaussiedler haben ihr Land im Vergleich zu den Flüchtlingen und Vertriebenen freiwillig aufgrund einer persönlichen getroffenen Entscheidung verlassen. Somit kann die Zeitung kein Unrecht kritisieren oder aufdecken, das an ihnen verübt wurde. Allerdings scheinen Themen wie die Integration der Spätaussiedler doch von öffentlichem Interesse, wenn auch weniger emotional, weshalb die Frage, warum die Spätaussiedler lediglich am Rande erwähnt werden, noch nicht geklärt ist. Denn diejenigen Deutschstämmigen, die in Schlesien geblieben sind, werden durchaus thematisiert.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Die Einleitung umreißt die historische Situation nach 1945 und stellt die Relevanz der schlesischen Landsmannschaften als soziale und kulturelle Organisationen in Augsburg vor.
II Geschichte Schlesiens: Dieses Kapitel behandelt die wechselvolle Geschichte Schlesiens, von der frühen Unabhängigkeit bis hin zur polnischen Verwaltung nach dem Zweiten Weltkrieg.
III Schlesier in Deutschland: Es wird die Unterscheidung zwischen den nach 1945 geflohenen Vertriebenen und den späteren Spätaussiedlern sowie deren unterschiedliche Integrationserfahrungen beleuchtet.
IV Schlesische Vertriebenenorganisationen: Das Kapitel beschreibt die Gründung und Funktion der Landsmannschaften als Interessenvertretung und Anlaufstellen für Betroffene.
V Die Zeitung Schlesische Nachrichten der Landsmannschaft Schlesien (Nieder- und Oberschlesien) e.V.: Hier findet eine systematische Inhaltsanalyse der Verbandszeitschrift statt, um die Agenda des Verbandes anhand von Worthäufigkeiten zu deuten.
VI Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die zukünftige Bedeutung der Landsmannschaften angesichts der alternden Mitgliederstruktur.
Schlüsselwörter
Schlesien, Vertriebene, Spätaussiedler, Landsmannschaft, Augsburg, Schlesische Nachrichten, Integration, Identität, Heimat, Flucht, Ostgebiete, Polen, Deutschland, Erinnerungskultur, Minderheiten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie sich schlesische Vertriebenenorganisationen in Augsburg präsentieren und welche Themen in ihrem offiziellen Organ, den "Schlesischen Nachrichten", im Vordergrund stehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Aufarbeitung der Flucht und Vertreibung, der kulturellen Identität der Mitglieder sowie der politischen Repräsentation durch die Landsmannschaften.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die politische und kulturelle Agenda der Landsmannschaften zu entschlüsseln und zu untersuchen, ob und warum bestimmte Themengebiete in ihrer Vereinszeitschrift deutlich stärker gewichtet werden als andere.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewandt?
Die Autorin führte eine systematische Inhaltsanalyse mittels einer Häufigkeitstabelle durch, um das Vorkommen spezifischer Begriffe in einer Stichprobe der Zeitschrift "Schlesische Nachrichten" aus den Jahren 2004 bis 2006 zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen geschichtlichen Abriss, eine Differenzierung zwischen Vertriebenen und Spätaussiedlern sowie eine detaillierte Auswertung der Zeitungsinhalte nach verschiedenen Kategorien wie "Heimat", "Unrecht" oder "Vertreibung".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte umfassen Schlesien, Vertreibung, Identität, Integration sowie das spezifische Wirken der Landsmannschaften in der Bundesrepublik.
Warum finden Spätaussiedler in der Zeitung kaum Beachtung?
Die Analyse legt nahe, dass die Zeitung auf emotional besetzte Themen fokussiert, die eine kritische Auseinandersetzung mit historischem Unrecht ermöglichen – ein Aspekt, der auf die freiwillige Ausreise von Spätaussiedlern weniger zutrifft.
Welche Rolle spielt die "alte Heimat" für den Vorstand der Verbände?
Die Verbände nutzen das Idealbild der alten Heimat, um ein Wir-Gefühl zu erzeugen und gegen das Vergessen anzukämpfen, wobei der politische Anspruch zunehmend zugunsten kultureller Bewahrung in den Hintergrund rückt.
- Quote paper
- Julia Przybilla (Author), 2006, Schlesier in Deutschland im Spiegel ihrer Organisationen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114155