Die Funktion des Waldmotivs im Artusroman anhand von Hartmann von Aues "Iwein"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Der wilde Wald als Voraussetzung für âventiure

Die Funktion des Waldes im ersten Brunnenabenteuer

Die Funktion des Waldes im zweiten Brunnenabenteuer

Die Funktion des Waldes im dritten Brunnenabenteuer

Der Wald als Antithese zur höfischen Welt

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Vorlage zu Iwein lieferte der französische Schriftsteller Chrétien de Troyes mit Yvain. Somit ist Hartmann von Aues letztes und am besten überliefertes Werk, welches um 1200 entstanden ist, kein originärer Einfall von ihm selbst, sondern eine Übertragung ins Mittelhochdeutsche.1 Der Stoff des höfischen Artusromans basiert auf den Sagen von dem legendenumwobenen britannischen König Artus und seiner Tafelrunde. Typischerweise tritt er selbst kaum in Erscheinung, stattdessen steht einer seiner Ritter, Iwein, im Fokus. Einer der wichtigsten Motive im Artusroman ist der Wald.2 Erstaunlicherweise wurde dieses Motiv in der mittelalterlichen Literatur nur selten erforscht, daher soll das Ziel dieser Arbeit sein, das Waldmotiv und seine Funktion in Hartmanns Iwein näher zu untersuchen.

Der wilde Wald als Voraussetzung für âventiure

Kalogrenant, Iweins Vetter, berichtet auf dem traditionellen Pfingstfest am Arthushof von seiner misslungenen âventiure, die zehn Jahre zurück liegt. Mit den Worten: ,, Ez geschach mir […] daz ich nâch âventiure reit, gewâfent nâch gewonheit, ze Breziljân in den walt ‘‘ (V. 259-263), wird der Wald im Roman als Abenteuerraum definiert. Kalogrenant erklärt einem Waldmenschen im wilden Wald, was âventiure ist: ,, ich heize ein riter und hân den sin daz ich suochende rîte einen man der mit mir strîte [...], gesige [...] ich [...], sô hât man mich vür einen man, und wirde werder danne ich sî.‘‘ (V. 530-537) Er veranschaulicht wie Ritter ausreiten, um zu kämpfen, damit sie Ehre und Würde im Falle eines Sieges erlangen. Im Artusroman ist âventiure räumlich an die wilde Natur des Waldes gebunden, wo der Ritter im Kampf auf Drachen, Riesen, Zwerge oder andere Ritter trifft und so versucht sich dem Artushof als würdig zu erweisen. Kalogrenant missglückt dies, da er den Kampf gegen einen anderen Ritter verliert. Der Wald von Brenziljân hat sich in der mittelalterlichen Literatur als der Inbegriff des Zauberwaldes etabliert.3 Die bloße Nennung dieses berüchtigten Waldes genügt, um Iwein für das Kommende vorzubereiten und ihn anzuregen die selbe âventiure wie sein Vetter zu suchen. Am Anfang der Erzählung lassen sich viele topografische Wiederholungen finden: ,, ûz der wilde, und kam an ein gevilde ‘‘ (V. 275), ,, ze walde von gevilde ‘‘ (V. 397), ,, ze walde und ze gevilde ‘‘ (V. 499), ,, grôze wilde, walt unde gevilde.‘‘ (V. 969-970). Diese Wiederholungen führen zu der Annahme, dass Hartmann schon zu Beginn der Erzählung den Wald als Handlungsort besonders hervorheben möchte. Diese Annahme lässt sich bestätigen, weil sich der Wald im weiteren Verlauf der Geschichte als Wendepunkt im Leben des Protagonisten herauskristallisiert. Kalogrenant und Iwein schildern die gleichen Erlebnisse und Erfahrungen im wilden Breziljân, obwohl Kalogrenant in seinem Abenteuerbericht am Artushof das Geschehene auf zehn Jahre zuvor datiert. Das lässt darauf schließen, dass die Bedeutung und Funktion des Waldes für den Artusritter nicht subjektiv, sondern vielmehr allgemeingültig und unabhängig von Person und Zeit ist. Da Iwein auf der Suche nach âventiure ist, muss er den höfischen Bereich verlassen und in den Wald von Breziljân reiten. Dadurch lässt sich der Wald als Voraussetzung für die âventiure bezeichnen, da diese bekanntlich die zentrale Handlung im Artusroman einnimmt. Somit lässt sich die These aufstellen, dass es ohne den Wald keine zu bestehende âventiure gibt und ohne diese keinen Artusroman, der über die âventiure berichtet. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird diese These näher erläutert.

Die Funktion des Waldes im ersten Brunnenabenteuer

Iwein, angetrieben von Abenteuerlust, findet die selben Begebenheiten vor wie Kalogrenant, als er in den Wald von Breziljân reitet. Beide sehen alle möglichen Arten von Tieren auf das Furchtbarste kämpfen. Unter ihnen lebt ein ,, waltman ‘‘ (V. 698), der größer als ein Auerochse ist und ein furchteinflößendes, animalisches Aussehen besitzt. (vgl. V. 418-469) Anhand dieser ausführlichen Beschreibung des Wilden entsteht ein Kontrastbild zum höfischen Artusritter Kalogrenant. Der wilde Waldmensch weist Kalogrenant den Weg zum paradiesischen Zauberbrunnen. In der Nähe des klaren Brunnens findet er (und später Iwein) eine schöne Kapelle und einen kräftigen Lindenbaum, der das ganze Jahr über blüht und so den Brunnen vor jeder Wetterlage beschützt. Über dem Brunnen befindet sich auf einem marmornen Sockel ein funkelnder Smaragdstein und an einem Ast der Linde hängt ein goldenes Gefäß herab. Diese friedliche Szenerie wird untermalt durch herrlichen Vogelgesang. (vgl. V. 566-627)

Der Raumwechsel zwischen den kämpfenden Tieren im Wald und dem locus amoenus (Topos des lieblichen Ortes)4 geschieht plötzlich, denn zwischen den beiden Orten liegen nur drei kurze Meilen. (vgl. V. 554) Dieser unmittelbare Wechsel zwischen den beiden Räumen und das dadurch erzeugte Gegenbild zwischen dem locus amoenus und dem wilden Wald deutet auf die Klimax hin.5 Der Waldmensch hat Kalogrenant erklärt, dass er mit dem goldenen Gefäß Wasser vom Brunnen auf den Stein gießen soll, wenn er auf der Suche nach âventiure ist. (vgl. V.545-598) Kalogrenant und Iwein begießen beide den Stein mit Brunnenwasser. Dies bewirkt eine totale Veränderung des Raumes, da ein unheilvolles Unwetter mit Blitzen und Regen durch das Begießen des Steines ausgelöst wird, welches den Gesang der Vögel verstummen lässt, Dunkelheit mit sich bringt und jedem Baum und jedem Tier in der Nähe Schaden zufügt. (vgl. V. 638-666) Dieses Unwetter ist jedoch nicht von Dauer, da alsbald der Brunnenhüter Ascalon auftaucht, bereit zum Verteidigungskampf. Kalogrenant verliert den Kampf. Iwein gewinnt jedoch diesen, indem er Ascalon tödlich verletzt. Auffallend ist, dass sowohl Kalogrenant als auch Iwein eine Beschreibung zum Brunnen benötigt haben, um diesen zu finden. Das lässt vermuten, dass Hartmann es für unwahrscheinlich hielt, dass die Figuren den Zauberbrunnen im Wald durch Zufall finden könnten. Diese Bedingung für das Finden des Zauberbrunnens korreliert mit den mittelalterlichen Vorstellungen und Assoziationen zum Wald, denn im Mittelalter war die europäische Landschaft geprägt von urwaldähnlichen Wäldern und große Flächen des bewohnbaren Landes waren gezeichnet von (noch) unbezwingbarer Natur.6 Der Wald hatte eine ganz andere Größenordnung als in unserer heutigen Zeit, daher ist die Beschreibung der Wege im Wald von Breziljân auch nicht verwunderlich: ,, dâ wârn die wege manecvalt.‘‘ (V. 264) ,,Der Wald war das kulturfremde Gebiet, die unbezwungene Natur, die mit dem Menschen nichts gemeinsam hatte. [...] [Der Wald steht] unter eigener, vom Menschen unbeeinflusster, Gesetzlichkeit. Er verkörpert die Welt des Wunderbaren, ist Schauplatz des irrationalen Geschehens und Wohnort jenseitiger Zaubergestalten. Seine Bedeutung beschränkt sich aber nicht auf seine Funktion als Schauplatz [...], sondern er nimmt selbst Teil am wunderbaren Geschehen und ist somit die räumliche Gestaltung einer ganzen [Zauber]welt.‘‘7 Iwein gelangt durch seinen Sieg gegen Ascalon in das Feenreich. Der Zauberbrunnen im Wald ist somit ein aktiver Abenteuerraum, durch den der Protagonist in die sogenannte ,,Andere Welt‘‘ gelangt, welche sich durch Magie, Wunderwesen und durch einen besonderen Zugang auszeichnet.8 Hierin lässt sich die primäre Funktion des Waldmotivs im Iwein erklären. Iwein muss durch den Wald, um von der höfischen Welt in die Feenwelt zu gelangen, somit dient dieser als Brücke zwischen den zwei Welten. Die Annahme, der Wald sei eine notwendige Verbindung zwischen den zwei gegensätzlichen Welten, wird auch dadurch deutlich, dass der Wald sowohl höfische als auch märchenhafte Elemente in sich vereint. Die Kapelle repräsentiert die christlich-höfische Welt, während die kämpfenden Tiere und der wilde Waldmensch, der mit einem Eber verglichen wird (vgl. V. 456), eindeutig dem Abenteuerraum zuzuordnen sind. Die in Marmorstein gehauenen Tiere im Sockel über dem Brunnen (vgl. V. 582-584) verweisen ebenso auf die Dichotomie des Waldmotivs, welche das Künstliche und das Wilde impliziert. Dr. Glaser entwirft das Modell eines Schwellenraums, um den Übergang einer Figur in eine Sphäre einer anderen Welt zu kennzeichnen.9 Nach diesem Modell kann man den Zauberbrunnen, der sich im Wald befindet, als Schwellenraum definieren. Damit fungiert der Wald als komplexeres Raumkonzept im weitesten Sinne ebenfalls als ein Schwellenraum.

Iwein folgt dem tödlich verwundeten Ascalon bis in dessen Burg. Ascalon, der Gatte der Brunnenherrscherin, stirbt zwar an seinen Verletzungen, jedoch wird Iwein in der Burg eingeschlossen. Ohne die Hilfe von Lunete, die Iwein noch von früheren Begegnungen am Artushof kennt, hätte er sich nicht vor den Männern verstecken können, die den Mörder von Ascalon suchen. Lunete gibt Iwein einen unsichtbar machenden Zauberring (vgl. V. 1202-1209), ein weiteres Indiz dafür, dass sich im Wald ein Zugang zu einer märchenhaften Welt befindet, die sich in ihrer Gesetzmäßigkeit deutlich von der arturischen Welt unterscheidet. Lunete ist die Botin von Laudine, der Herrscherin über das Brunnenreich. Der unsichtbare Iwein verliebt sich in die trauernde, verwitwete Laudine: ,, daz er nie wîbes lîp alsô schœnen gesach.‘‘ (V. 1308-1309) Hier wird auf die vorher eingeführte Minnethematik Bezug genommen, denn der paradiesische Brunnen im Wald stellt das Sinnbild der Minne dar und deutet auf die bevorstehende Minnethemantik im Iwein voraus. Lunete überzeugt Laudine, dass Iwein durch seinen Sieg ein würdiger Nachfolger als Brunnenhüter und Ehemann wäre, sodass es schließlich zur Hochzeit von Iwein und Laudine kommt. Das Feenreich im Iwein weist die typischen Merkmale für diesen Bereich im Artusroman auf. In der Anderen Welt herrschen Frauen.10 Laudine ist Herrscherin über das Brunnenreich, dies wird auch dadurch deutlich, dass Lunete schon einmal als Botin für Laudine zum Artushof geschickt worden ist, obwohl es üblicherweise die Aufgabe von ihrem Gatten Ascalon gewesen wäre, einen männlichen Boten auszuschicken.11 In der Forschung hat sich die Auffassung etabliert, dass Laudine eine Wasserfee ist, dessen Machtbereich der Zauberbrunnen ist.12 Diese Annahme lässt sich auch in der Tatsache erkennen, dass der Zugang zur Anderen Welt oftmals an ein Gewässer im Wald gebunden ist und dass der Brunnen im Iwein im weitesten Sinne als ein Gewässer aufzufassen ist.13 Ein weiteres Kriterium von Wasserfeen ist ,,die Ortsgebundenheit [...] an den Wald von Breziljân“14, dies würde auch erklären, warum Laudine im Roman nicht ein einziges Mal die höfische Welt betritt, sondern darauf angewiesen ist, einen Boten zu schicken. Es ist wichtig, den Feenbereich im Iwein genauer zu untersuchen, denn die Abenteuer des Helden finden immer in der Anderen Welt oder in der Wildnis statt, die beide neben der Artuswelt existieren. Um von der höfischen in die märchenhafte Welt zu wechseln, müssen die Figuren im Artusroman meistens durch einen Wald reiten.15 Es ist anzunehmen, dass der Wald, der, wie vorher aufgezeigt, Elemente aus beiden Bereichen vereint, als Brücke zwischen diesen Orten dienen muss, da die Zauberei und die Weiblichkeit aus dem Feenreich in einem so kontrastreichen Gegensatz zum männlich-ritterlich geprägten Artushof stehen, dass ein barrierefreier Raumwechsel wohl kaum möglich wäre. ,,Charakteristisch ist das baldige Verlassen der feeischen Geliebten, die den Sterblichen deshalb mit Wahnsinn [...] straft.‘‘16 Genau das passiert Iwein im weiteren Verlauf der Geschichte.

Die Funktion des Waldes im zweiten Brunnenabenteuer

Der Ritter Gawein überredet Iwein kurz nach der Hochzeit dazu, mit ihm auf âventiure und Turnierfahrt ausziehen. Laudine ist damit einverstanden unter der Bedingung, dass Iwein innerhalb eines Jahres zurückkehrt. (vgl. V.2925) Iwein und sein Freund Gawein reisen von einem gewonnenen Kampf zum nächsten. Iwein lässt die Jahresfrist jedoch unbeabsichtigt verstreichen. Lunete, geschickt von Laudine, findet Iwein und beschuldigt ihn vor den anderen Rittern des Verrats und fordert seinen magischen Ehering, der seinem Träger Zufriedenheit schenkt, zurück. (vgl. V. 3102 f.) Somit verliert Iwein vor dem Artushof seine êre und minne. Die Scham über den Verlust seines Ansehens und die Reue über den versäumten Termin zur Rückkehr seiner Geliebten lassen ihn den Verstand verlieren. ,, er brach sîne site und sîne zuht und zarte abe sîn gewant, daz er wart blôz sam ein hant. sus lief er über gevilde nacket nâch der wilde [...] wander gegen walde lief [...] der lief nû harte balde ein tôre in dem walde.‘‘ (V. 3237-3260)

Iwein lebt von nun an ein Leben in der Wildnis, abgeschieden von jeglicher Zivilisation. Der Wald als Raum scheint für dieses Einsiedlerleben prädestiniert zu sein, denn er stellt die absolute Negation der höfisch-zivilisierten Welt dar. So schreibt auch Dr. Manfred H. Niessen: ,,Das Motiv [des Wahnsinns] ist eng verbunden mit dem des Waldlebens, da der vom Wahnsinn Befallene meist in den Wald flüchtet und dort fern von jeder menschlichen [...] Kultur sich selbst entfremdet und in animalischer Weise lebt.‘‘17 Iwein verwandelt sich während seines Wahnsinns zu einem Wilden. Er ist nackt (vgl. V. 3238) und seine Nahrung besteht aus rohem, ungewürztem Fleisch. (vgl. V. 3272-3278) Die Kleidung Iweins repräsentiert seine Herkunft und das damit verbundene geistige und materielle Reichtum. Mit dem Ablegen dieser Kleidung trennt sich Iwein von seiner gesitteten Menschlichkeit. Der Übergang von der höfischen Artuswelt in die Welt des wilden Waldes wird nicht nur symbolisch mit dem Ablegen der Rüstung und Kleidung vollzogen, sondern der ,,Identitätsverlust ist gleichsam Raumverlust.‘‘18,,Bezeichnend für das mittelalterliche Denken ist es, dass die seelische Abwendung von den Menschen mit einer gleichzeitigen räumlichen Entfernung verbunden war.‘‘19 Da Iwein seine Schuld in der höfischen Welt auf sich geladen hat, durch den Verrat an seiner Gattin, muss er nach diesem Konzept die höfische Welt verlassen. Daher ist der Wald der einzige Ort, in dem der Protagonist momentan leben kann, da der Wald den Gegenraum zu allem Höfischen darstellt. Durch Iweins neues Verhalten und Aussehen, denn er ist schmutzig ,, gelîch einem môre ‘‘ (V. 3348), hat er alle höfisch-ritterlichen Attribute abgelegt, die ihm aufgrund seiner Herkunft zukommen. Damit weist er Parallelen zu dem Waldmann aus Iweins erstem Brunnenabenteuer auf, der ebenfalls ,, einem môre gelîch ‘‘ (V. 427) und keine Kleidung trägt. (vgl. V. 465-468) Auch wenn es einige Parallelen zwischen Iwein, einem Königssohn, und dem wilden Waldmenschen gibt, lassen sich dennoch mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten finden. Wie im ersten Kapitel festgestellt, dient der Wald vor allem als âventiure -Ort für die Artusritter und ist damit wahrlich nicht als permanenter Lebensraum für diese vorgesehen. Diese Annahme lässt vermuten, dass Iweins Zustand im Wald nur von vorübergehender Natur ist. ,,Der Wahnsinn, an den sich notwendigerweise das Motiv des Waldlebens anschließt, weil der Wahnsinnige nur im Wald leben kann, [...] ist als Folge der Minnekrankheit durch eine Fee zu verstehen.‘‘20 Nur eine Fee ist in der Lage den Wahnsinn und die Waldeinsamkeit von höfischen Artusrittern wieder zu heilen.21 Iwein wird von drei höfischen Damen am Rande des Waldes auf einer Landstraße schlafend aufgefunden. Sie erkennen den ruhmreichen Ritter sofort trotz seines wilden Erscheinungsbildes. (vgl. V. 3361-3385) Die Tatsache, dass die Damen Iwein in diesem Zustand problemlos erkennen, bestätigt die Auffassung, dass Iwein kein wilder Waldmensch, sondern naturgemäß ein Teil der höfischen Welt, ist. Auffallend ist, dass Iwein sich schlafend am Rande des Waldes auf einer Landstraße befindet, als er gefunden wird. Somit befindet er sich unmittelbar an der Grenze zur höfischen Sphäre und bewegt sich im wahrsten Sinne des Wortes nur noch am Rande des Waldes. Hierin lässt sich seine unbewusste Sehnsucht nach der Artuswelt wieder erkennen. ,,Diese Szene zwischen den beiden Landschaftstypen zeigt paradigmatisch, wie entscheidend der Übertritt von der einen in die andere Landschaft ist. Diese Stelle markiert daher den Wendepunkt der Iweinhandlung. Einen umgekehrten Wandel zeigt Iweins Flucht in den Wald.‘‘22 Eine der drei Damen ist im Besitz einer Zaubersalbe von der Fee Feimorgân und nur dadurch können sie Iwein von seinem Wahnsinn heilen. (vgl. V.3423 f.) Die Heilung scheint nur im Wald möglich, denn diese ist an die Fee Feimorgân gebunden und, wie schon vorher im Abschnitt 2 an Laudine festgestellt, sind Feen und ihre Zauberkraft ortsgebunden – an das Feenreich und den Wald. Iweins Heilung ist folglich nur in einem außerhöfischen Bereich möglich.23 Der Wald dient dem Helden, der seine Schuld in der höfischen Welt auf sich geladen hat, somit als Heilsraum.24

,, unz in diu wilde varwe verlie, [...] dô wart er einem rîter glîch.‘‘ (V. 3596 f.)

Iwein, gesalbt und geheilt, reist vorerst ohne Namen durch die Welt. Da er seinen Fehler schon vor der Ankunft von Lunete eingesehen hat, startet Iwein mit dieser Erkenntnis in sein neues Leben. In dem Moment, als er sich selbst wieder als Ritter ansieht, entflammen im Protagonisten wieder seine höfischen Ideale. Besonders die triuwe und êre sind es, die er von nun an bewiesen möchte. (vgl. V. 3509 f.) So hilft er einer der drei Hofdamen, indem er erfolgreich gegen die Heeresmacht des Grafen Aliers kämpft, die ihr Land bedroht hat. (vgl. V. 3703 f.) Seine triuwe zu Laudine beweist Iwein dadurch, dass er eine Hochzeit als Dank der Hofdame ablehnt. (vgl. V. 3785 f.)

[...]


1 vgl. Hartmann von Aue: Iwein. Urtext und Übersetzung. Hg. Von G.F. Benecke, K. Lachmann und L. Wolff. 3. Aufl. Berlin/New York 1981, S.160-161.

2 vgl. Marianne Stauffer: Der Wald. Zur Darstellung und Deutung der Natur im Mittelalter. Zürich 1958, S.11.

3 vgl. Marianne Stauffer, S. 44.

4 vgl. Thomas Lauber: Funktionalisierte Räumlichkeit im Artusroman Hartmanns von Aue. Wien 2010, S.50 f.

5 vgl. Thomas Lauber, S. 61.

6 vgl. Jens Pfeiffer: Verirrungen im Dickicht der Wörter. Die Wälder der Ritter und der Wald Dantes. In: Das Mittelalter. Perspektiven mediävistischer Forschung. Hg. Von Elisabeth Vavra. Band 13, Heft 2. Berlin 2008, S. 136.

7 Marianne Stauffer, S. 14-15.

8 vgl. Andrea Glaser: Der Held und sein Raum. Die Konstruktion der erzählten Welt im mittelhochdeutschen Artusroman des 12. und 13. Jahrhunderts. Frankfurt am Main u.a. 2004, S. 49-50.

9 vgl. Andrea Glaser, S. 49-52.

10 vgl. Annegret Nortmeyer: Mythische Motive irischer bzw. cornischer Provenienz im höfischen Roman am Beispiel des ''Iwein'', ''Tristan'' und ''Parzival''. Kiel 1994, S. 31.

11 vgl. Annegret Nortmeyer, S. 93.

12 vgl. Manfred H. Niessen: Märchenmotive und ihre Funktion für den Aufbau des höfischen Romans, dargestellt am 'Iwein' Hartmanns von Aue. Krefeld 1973, S. 35.

13 vgl. Annegret Nortmeyer, S. 57.

14 Manfred H. Niessen, S. 44.

15 vgl. Robert Roth: Die drei ,,Welten‘‘ im Iwein : Ein strukturalistischer Ansatz jenseits des Doppelwegs. Wien 2012, S.11.

16 Manfred H. Niessen, S. 35.

17 Manfred H. Niessen, S. 55.

18 Thomas Lauber, S. 52.

19 Marianne Stauffer, S. 97.

20 Manfred H. Niessen, S. 172.

21 vgl. Manfred H. Niessen, S. 56.

22 Manfred H. Niessen, S. 156.

23 vgl. Manfred H. Niessen, S. 51.

24 vgl. Mireille Schnyder: Der Wald in der höfischen Literatur: Raum des Mythos und des Erzählens. In: Das Mittelalter. Perspektiven mediävistischer Forschung. Hg. Von Elisabeth Vavra. Band 13, Heft 2. Berlin 2008, S.128.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Funktion des Waldmotivs im Artusroman anhand von Hartmann von Aues "Iwein"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Philosophische Fakultät - Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Weltbilder in Texten des Mittelalters
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V1141803
ISBN (eBook)
9783346518941
ISBN (Buch)
9783346518958
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Waldmotiv, Ältere Deutsche Literaturwissenschaft, Topographie, Semantik, Hartmann von Aue, Hartmann, Iwein, Artusroman, Heldenepos, Aventiure, Mediävistik, Literaturwissenschaft, Mittelhochdeutsch, Wald, Mittelalter, Raumkonzept, Raumstruktur
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Jella Delzer (Autor:in), 2020, Die Funktion des Waldmotivs im Artusroman anhand von Hartmann von Aues "Iwein", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1141803

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