Social-Media-Konsum und Burnout bei Studierenden. Untersuchung des Zusammenhangs


Bachelorarbeit, 2020

78 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Ziel der Arbeit
1.3 Gang der Arbeit

2 Theoretische Grundlagen und Erläuterung zentraler Begrifflichkeiten
2.1 Gesellschaftlicher Wandel und Digitalisierung
2.2 Stress
2.3 Bumout
2.3.1 Definition von Bumout
2.3.2 PhasenvonBumout
2.3.3 UrsachenvonBumout
2.3.4 SymptomatikbeiBumout
2.3.5 Diagnostik von Bumout
2.3.6 Behandlung und Prävention von Bumout
2.4 Depression

3 Soziale Medien
3.1 Facebook
3.2 Instagram
3.3 TikTok
3.4 Negative Auswirkungen des Social Media Konsums auf die menschliche Psyche ...
3.5 Hypothesen

4 Untersuchung
4.1 Stichprobenkonstruktion
4.2 Untersuchungsdesign und Datenerhebung
4.3 Datenanalyse

5 Ergebnisse
5.1 Stichprobenbeschreibung
5.2 Ergebnisse zu den einzelnen Hypothesen

6 Diskussion
6.1 Kritische Reflexion
6.2 Vergleich mit den Ergebnissen anderer Studien

7 Fazit und Handlungsempfehlung

Literaturverzeichnis

Abstract

Durch die Digitalisierung sind moderne Kommunikationsformen wie beispielsweise soziale Medien entstanden. Viele Konsumenten nutzen weltweit soziale Medien. Parallel zu dieser Entwicklung werden auch zunehmend psychische Erkrankungen wie beispielsweise Burnout registriert. Diese Abschlussarbeit untersucht den Zusammenhang zwischen häufigem Social-Media-Konsum und Burnout bei Studierenden. Die Stichprobe der quantitativen Studie setzt sich aus 100 Probanden zusammen und besteht aus Studierenden der FOM Hochschule für Oekonomie & Management Köln. Mit der Korrelationsanalyse nach Spearman wurde untersucht, inwiefern ein Zusammenhang zwischen dem Social-Media-Konsum und den Bumout-Messwerten des MBI-Testinstruments besteht. Zudem wurde untersucht, ob das Alter der Konsumenten mit der Intensität des Konsums zusammenhängt. Die Ergebnisse zeigten einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Social-Media-Konsum und Burnout, der durch die 3 Skalen Erschöpfung, Zynismus und Wirksamkeit repräsentiert wird. Zudem konnte ein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Alter der Nutzer und dem durchschnittlichen Social-Media-Konsum pro Tag nachgewiesen werden. Mögliche Einflussfaktoren wie der Erhebungszeitpunkt der Studie oder auch nicht berücksichtige Faktoren wie die Anzahl der Freunde oder Beiträge werden diskutiert.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Akuter und chronischer Stress

Abbildung 2: Überblick über die wichtigsten Definitionen des Burnout-Syndroms

Abbildung 3: Die drei Dimensionen von Burnout

Abbildung 4: Burnout: 12-Phasen-Modell

Abbildung 5: Innere und äußere Faktoren der Burnout-Entstehung

Abbildung 6: Symptom-Cluster bei Burn-out

Abbildung 7: Das „Maslach Burn-out-Inventar“ in der Version mit 25 Items

Abbildung 8: Behandlung und Prävention von Burnout

Abbildung 9: Depressive Symptomatik im europäischen Vergleich

Abbildung 10: Anzahl der aktiven Social-Media-Nutzer weltweit in den Jahren 2015 bis 2020 (in Milliarden)

Abbildung 11 : Ranking der größten Social Networks und Messenger nach der Anzahl der Nutzer im Januar 2020 (in Millionen)

Abbildung 12: Boxplot: Social Media Konsum in Minuten

Abbildung 13: Zusammenhang zwischen Social Media Konsum und Erschöpfung

Abbildung 14: Zusammenhang zwischen Social Media Konsum und Wirksamkeit

Abbildung 15: Zusammenhang zwischen Social Media Konsum und Zynismus

Abbildung 16: Zusammenhang zwischen Social Media Konsum und Alter

1 Einleitung

Die fortschreitende Digitalisierung im 21. Jahrhundert sorgt für umfangreiche Veränderungen für einzelne Individuen, Gesellschaften, Wirtschaftssysteme und Politik (Schmidt, S. J. & Kaess, M., 2020, S. 47). Das Internet und soziale Medien schaffen eine technologische Basis für neue Formen der Kommunikation und Zusammenarbeit (Carstensen, T., 2017, S. 88). Als Beispiel für neue Formen der Kommunikation können Beiträge in sozialen Medien genannt werden, die bei vielen Menschen im Alltag omnipräsent sind. Jugendliche werden als „digital natives“ bezeichnet, weil diese mit digitalen Medien aufgewachsen sind und dadurch eine starke Vertrautheit entstanden ist (Schmidt, S. J. & Kaess, M., 2020, S. 48).

Fast jeder deutsche Jugendliche (98 %) zwischen 14 und 18 Jahren besitzt ein eigenes Smartphone inklusive Intemetzugang. Die meisten Jugendlichen verbringen täglich im Durchschnitt 5 Stunden und 44 Minuten im Internet. Die beliebteste Beschäftigung im Internet bei denjugendlichen Konsumenten ist dabei das Surfen in sozialen Medien (Manske, A. & Schmidt, S. J., 2019, S. 691f). Durch verschiedene soziale Medien wie beispielsweise Facebook oder Instagram entwickelten sich nicht nur neue Kommunikationsformen, sondern auch Darstellungsmöglichkeiten. Die Nutzer können miteinander interagieren, sich selbst präsentieren und Beziehungen zu anderen Individuen aufbauen (Jörissen, B., Kroner, S., Unterberg, L. & Schmiedl, F., 2019, S. 66).

Anfang des Jahres 2010 nahmen ca. 69,4 % der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren das Internet in Anspruch. Umgerechnet entspricht dies 49 Millionen Internetnutzer. Im Vorjahr nutzten 13 % weniger Deutsche das Internet (van Eimeren, B. & Frees, B., 2010, S. 379). Wie groß der Anstieg der Internetnutzung ist, zeigt sich daran, dass im Jahr 2018 bereits etwa 90,3 % der Deutschen ab 14 Jahren im Internet aktiv waren. Das entspricht 63,3 Millionen Menschen. (HessischerRundfunk, 2018, o. S.)1.

Neben den steigenden Nutzerzahlen im Internet konnte auch eine Zunahme an psychischen Störungen in Deutschland festgestellt werden. Von 2000 bis 2010 stiegen die Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen um 37 %. Die Krankenhausfälle bei psychisch kranken Patienten erhöhten sich von 2000 bis 2009 um 70 % (Bühring, P., 2010, S. 1548). Aufgrund eines Burnouts suchte bereits etwa jeder fünfte Deutsche (19 %) einen Psychiater oder Psychologen auf (Ärzte Zeitung, 2019, o. S.). Von 2005 bis 2016 stieg der Anteil der Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren mit psychischen Diagnosen um 38 Prozent. Ferner sind bei Studierenden etwa 17 %, also jeder Sechste von einer psychischen Erkrankung betroffen. Dies umfasst annähernd 470.000 Personen. Viele Faktoren deuten daraufhin, dass in Zukunft mehr junge Menschen mit psychischen Erkrankungen leben werden (BARMER, 2018, S. 1).

In Deutschland und auch weltweit zählen psychische Störungen zu den häufigsten und folgenschwersten Erkrankungen. Pro Jahr leiden etwa 30 % der deutschen und europäischen Bevölkerung an einer psychischen Krankheit. Unbehandelte psychische Störungen führen bei den Betroffenen aufgrund von psychischen, sozialen, körperlichen und verhaltensbezogenen Beschränkungen zu einer geringeren Lebensqualität. Deutschlandweit sind psychische Erkrankungen ein häufiger Grund für Krankheitsfehltage, Arbeitsunfähigkeit und einen früherer Renteneintritt (Bauer, M., et al., 2016, S. 989).

1.1 Problemstellung

Seit mehreren Jahren verwenden zunehmend Konsumenten soziale Medien. Gleichzeitig konnten steigende Fallzahlen mit psychischen Problemen nachgewiesen werden. Das Bumout-Syndrom wird in den meisten Fällen im beruflichen Kontext beobachtet. Aus diesem Grund basieren viele Forschungsarbeiten auf dem Berufsleben der Betroffenen. Verschiedene Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass soziale Medien die Psyche der Nutzer beeinflussen und Stress erzeugen können. Bei der Entstehung von Burnout ist Stress ein ernstzunehmender Einflussfaktor. Diese Arbeit soll mit Blick auf den Zusammenhang zwischen der Nutzung von Social Media und Burnout einen Teil zur Burnoutforschung beitragen und neue Erkenntnisse im Zusammenhang mit sozialen Medien liefern.

1.2 Ziel der Arbeit

Zu Beginn der vorliegenden Arbeit soll das Wissen über das Burnout-Syndrom vertieft werden und herausgearbeitet werden, inwiefern andere Forschungen einen Bezug zu Social Media erkennen konnten. Zudem ist es das Ziel dieser Abschlussarbeit, mittels einer eigenen Studie herauszufinden, inwiefern ein Zusammenhang zwischen Burnout und dem Konsum sozialer Medien besteht. Um diese Ziele zu erreichen, wird im Rahmen dieser Arbeit eine umfassende Literaturrecherche betrieben. Anschließend wird mit einer Online-Umfrage quantitativ untersucht, inwiefern eine Verbindung zwischen Social­Media-Konsum und Burnout nachgewiesen werden kann. Bei diesem Vorgehen wird das in der Praxis häufig verwendete Messinstrument „Maslach Burnout Inventory“ (MBI) verwendet, um bei den Probanden zu untersuchen, ob sich typische Merkmale messen lassen, die für das Burnout Syndrom sprechen.

1.3 Gang der Arbeit

Zu Beginn der vorliegenden Arbeit soll zunächst im 2. Kapitel die Theorie nach Hartmut Rosa vorgestellt werden. Diese beschreibt einen durch moderne Technologien begünstigten Beschleunigungsprozess bei westlichen Gesellschaften. Darüber hinaus wird das Burnout-Syndrom vorgestellt und auf die Phasen, Ursachen, Symptomatik, Diagnostik sowie Behandlung und Präventionsmaßnahmen eingegangen. Ferner wird das Burnout-Syndrom der Depression gegenübergestellt, um auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinzuweisen. Weil der Schwerpunkt dieser Arbeit auf dem Burnout-Syndrom liegt, wird auf tiefgehende Ausführungen der Punkte Stress und Depression verzichtet. Um die Relevanz bzw. die Zusammenhänge der genannten Punkte zu verdeutlichen, werden diese kurz in den Kapiteln 2.2 (Stress) und 2.4 (Depression) vorgestellt und der Zusammenhang mit Social Media dargestellt. Im 3. Kapitel werden die sozialen Medien Facebook, Instagram und TikTok erklärt und auf Zusammenhänge mit psychischen Erkrankungen hingewiesen. Ab dem 4. Kapitel beginnt die quantitative Studie dieser Arbeit. Nachdem die Stichprobenkonstruktion, Untersuchungsdesign sowie die Datenerhebung und Datenanalyse beschrieben wurde, beginnt im darauffolgenden Kapitel die Stichprobenbeschreibung. Zudem werden die Ergebnisse zu den aus Kapitel 3 gebildeten Hypothesen vorgestellt. In Kapitel 6 werden die Ergebnisse der quantitativen Studie diskutiert, kritisch reflektiert und mit den Ergebnissen anderer Studien verglichen. Abschließend werden im 7. Kapitel Handlungsempfehlungen ausgesprochen und ein Fazit gezogen.

2 Theoretische Grundlagen und Erläuterung zentraler Begrifflich- keiten

Dieses Kapitel stellt den theoretischen Rahmen der Arbeit vor. Zudem wird auf zentrale Begrifflichkeiten eingegangen. Dadurch soll für den weiteren Verlauf der Arbeit verdeutlicht werden, dass Burnout ein gesellschaftliches Problem darstellt, das aus der Beschleunigung resultiert. Darüber hinaus soll gezeigt werden wie facettenreich das Thema Burnout ist.

2.1 Gesellschaftlicher Wandel und Digitalisierung

Bereits Shakespeare, Marx und Goethe erkannten einen Beschleunigungsprozess im materiellen, sozialen und geistigen Kontext. Die Menschen der modernen Welt sind ständig von der Beschleunigung in allen Lebensbereichen betroffen. Die Beschleunigungstheorie von Hartmut Rosa bezieht sich nicht auf die Beschleunigung von Zeiteinheiten wie Stunden oder Minuten, sondern beschreibt den Alltag im beruflichen und sozialen Kontext. Begriffe wie „fast food“ und „speed dating“ beschreiben schnelle Abläufe und sprechen für die Überlegungen der Beschleunigungstheorie (Rosa, H., 2013, S. 6f).

Lehmacher vertritt die Aussage, dass sich die Welt noch nie schneller als heute entwickelte. Seiner Meinung nach war es in der Vergangenheit nicht möglich, Waren im heutigen Tempo durch die Welt zu befördern. Diese Umstände wirken sich stark auf die Gesellschaft und Wirtschaft aus. Die Folge ist ein erhöhter Entscheidungsdruck, durch den Entscheidungen auch ohne fundierte Faktenlage schnell getroffen werden müssen (Lehmacher, W„ 2013, S. 153).

Neben neuen Computersystemen erreichen auch Transportwege und Kommunikationssysteme immer schneller werdende Geschwindigkeiten. In der Wissenschaft konnten ebenfalls Hinweise auf einen Rückgang der durchschnittlichen Schlafdauer des Menschen festgestellt werden. Rosa beschreibt verschiedene Sphären der Beschleunigung mit zugrundeliegenden Mechanismen, welche der Autor auch als Motoren bezeichnet. Die erste Sphäre stellt die technische Beschleunigung dar. Laut Rosa ist diese am einfachsten zu messen und die eindeutigste Form der Beschleunigung. Er definiert die Technische Beschleunigung als „intentionale Steigerung der Geschwindigkeit zielgerichteter Transport-, Kommunikations-, und Produktionsprozesse“ (Rosa, H., 2013, S. 9). Auch weitere Verfahren, die darauf abzielen, Verfahrensweisen zu beschleunigen, sind der technischen Beschleunigung zuzuordnen. Die technische Beschleunigung beeinflusst die soziale Realität. Dadurch hat sich das Empfinden von Raum und Zeit im sozialen Alltag grundlegend verändert. Die Globalisierung und die Ortlosigkeit des Internets sorgen zusammen mit modernen Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten zu einer Verkleinerung des Raumes. Als Beispiel für die immer geringer werdende Bedeutung von dem Raum nennt Rosa eine Reise von London nach New York. Diese dauerte vor vielen Jahren noch mehrere Wochen und ist heute innerhalb von 8 Stunden durch moderne technische Möglichkeiten beendet (Rosa, H., 2013, S. 8f).

Jansen, S. A., Stehr, N., und Schröter, E., (2012, S. 119) sind der Ansicht, dass die Welt durch die Globalisierung immer kleiner geworden ist und bestätigen dadurch die Aussage von Rosa, dass der Raum an Bedeutung verliert. Als Beispiele werden moderne Kommunikationsmöglichkeiten genannt, mit denen Nachrichten über den gesamten Globus ausgetauscht werden können. Menschen und Güter können durch neuartige Transportinfrastrukturen verstärkt große Distanzen zurücklegen.

Als zweite Sphäre wird die Beschleunigung des sozialen Wandels beschrieben. Darunter sind Veränderungen innerhalb der Gesellschaft zu verstehen. Die soziale Beschleunigung wird als „Steigerung der Verfallsraten der Verlässlichkeit von Erfahrungen und Erwartungen und als die Verkürzung der als Gegenwart zu bestimmenden Zeiträume“ definiert (Rosa, H., 2013, S. 12). Beispielhaft wird die zeitliche Stabilität von verschiedenen Informationen wie Adressen, Telefonnummern, Jobs und zwischenmenschlichen Beziehungen hinterfragt. Die Soziale Beschleunigung beschreibt die Ver­änderung sozialer Familienstrukturen und der Arbeitswelt. In agrarischen Gesellschaften fand in den meisten Fällen keine Veränderung bei idealtypischen Familienstrukturen statt. Trotz Generationswechsel blieben diese Strukturen weitgehend stabil. In der klassischen Moderne (ca. 1950 bis 1970) überdauerten die Familienstrukturen selten länger als eine Generation. Die Familien zentrierten sich um ein Ehepaar bis dieses verstorben war. Anschließend löste sich das soziale Miteinander häufig wieder auf. In der Spätmodeme trennen sich schon vermehrt Ehepaare zu Lebenszeiten. Es kommt vermehrt zu Scheidungsfällen und Wiederverheiratungen (Rosa, H., 2013, S. 10f).

Auch Herbert Obinger (2019, S. 106) berichtet von einer gesellschaftlichen Modernisierung, die von einem Wertewandel begleitet wurde. Dies führte zu einer Veränderung der Geschlechterverhältnisse und beschleunigte den Wandel von Familienstrukturen und die Pluralisierung möglicher Lebensformen. Ferner sind weitere Lebensstile entstanden.

Laut Huinink, J., (2019, S. 453) werden Familienstrukturen von soziokulturellen, ökonomischen, politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen beeinflusst. Die Veränderung der familiären Lebensstile ist folglich tief im sozialen Wandel einer Gesellschaft verwurzelt. Seit dem Anfang der westlichen Modernisierung haben sich die Familienlebensstrukturen fundamental und in mehrfacher Hinsicht verändert. Die intensive geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Arbeit und Familie zerfiel und die Ehe verlor ihr Selbstverständnis als einzig zulässige Form des Zusammenlebens. Im Zuge dessen nahm die Vielfalt möglicher Strukturen des familiären Miteinanders zu.

Ähnliche Veränderungen wie in den Familienstrukturen stellt Rosa in der Arbeitswelt fest. Über Generationen wurde während der Vor- und Frühmoderne der Beruf von Vätern an die Söhne weitergereicht. Während der klassischen Moderne konnte eine Veränderung festgestellt werden. Vermehrt wählen die Nachkommen selbst den eigenen Beruf aus. Dieser wurde meistens das gesamte Leben ausgeübt. Auch dies veränderte sich in der Spätmodeme. Berufstätige fingen an, sich während des Lebensweges beruflich neu zu orientieren (Rosa, H., 2013, S.13f).

Die dritte Sphäre stellt die Beschleunigung des Lebenstempos dar. Individuen in westlichen Gesellschaften haben zunehmend das Gefühl, über nicht genügend Zeit zu verfügen (Zeitknappheit). Demzufolge kann Zeit als Ressource wahrgenommen werden, welche konsumiert und dadurch immer weniger und dadurch auch wertvoller wird. Unter dieser Form der Beschleunigung versteht man die „Steigerung der Zahl an Handlungsoder Erlebnisepisoden pro Zeiteinheit und ist als solche die Folge eines Wunsches oder gefühlten Bedürfnisses, mehr in weniger Zeit zu tun“ (Rosa, H, 2013, S. 14). Die subjektiv empfundene Steigerung des Lebenstempos kann dazu führen, dass Individuen in Zeitdruck geraten und Stress wahrnehmen. Grund dafür ist die Wahrnehmung, dass die Lebenszeit ein steigendes Tempo annimmt. Es entsteht die Befürchtung, bei der Entwicklung des sozialen Lebens nicht mehr mithalten zu können (Rosa, H.,2013, S. 14f).

Die Veränderungen in der modernen Arbeitswelt wie beispielsweise eine durch die Digitalisierung erhöhte Arbeitsdichte, ständige Erreichbarkeit oder Informationsfluten führen zu Überforderungszuständen. Viele Individuen können sich aufgrund der dauerhaften Überforderung nur schwer erholen. Die beschriebene Dauererregung beschreibt Struhs-Wehr, K., (2017, S. 32f) als einen Zustand, bei dem die Betroffenen unter Strom stehen. Dieser Zustand wird als Distress definiert und hat in vielen Fällen Erkrankungen zur Folge.

Die moderne Gesellschaft wird stark durch Wachstum und Geschwindigkeit beeinflusst. Laut Rosa stellt der Wettbewerb den sozialen Motor für die Beschleunigung der Gesellschaft dar und wird durch die Prinzipien und Profitgesetze einer kapitalistischen Ökonomie bestimmt. Seiner Ansicht nach sind die soziale und technische Beschleunigung eine logische Konsequenz, die durch das wettbewerbsorientierte kapitalistische Marktsystem entsteht. Weil die Arbeitszeit ein entscheidender Produktionsfaktor ist, führen Beschleunigung und Zeitersparnis unmittelbar zu Wettbewerbsvorteilen. Der beschriebene Wettbewerb istjedoch nicht nur in der Wirtschaft oder im Sport zu beobachten. Es werden unter anderem Konkurrenzkämpfe in den Bereichen Politik, Wissenschaft, Kunst, Bildung und Berufen beschrieben. Nach Rosa lassen sich am offensichtlichsten die „bizarren Formen dieses kompetitiven sozialen Wettbewerbs in der Spätmodeme auf Internetseiten wie Facebook [...] beobachten“ (Rosa, H., 2013, S. 21f). Bei diesen sozialen Medien zählen die Nutzer die Anzahl der Freunde und beurteilen die gegenseitige physische Attraktivität anhand von veröffentlichten Fotos. Die Verheißung der Ewigkeit stellt den kulturellen Motor der sozialen Beschleunigung dar. In der weltlichen modernen Gesellschaft stellt die Beschleunigung ein Gegenstück für die religiöse Verheißung eines ewigen Lebens dar. Das bedeutet, dass dem Leben vor dem Tod die wichtigste Rolle zugeschrieben wird. Im Allgemeinen orientieren sich die Individuen an den Angeboten und Optionen, die ihnen zu Lebzeiten zur Verfügung stehen. Die Vorstellung ein erfülltes Leben zu leben, das reich an Erfahrungen und ausgeschöpften Möglichkeiten ist, zielt auf die Realisierung möglichst vieler Möglichkeiten. Dieser Lebenseinstellung zufolge verliert ein Leben nach dem Tod zunehmend an Bedeutung. Weil den Menschen mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen, als diese in ihrer gesamten Lebensspanne wahmehmen können, erscheint die Beschleunigung des Lebenstempos als naheliegende Lösung. Die Beschleunigung kann also als Strategie verstanden werden, um in der begrenzten Lebenszeit mehr Angebote zu beanspruchen. Laut Rosa kann diese Strategiejedoch nicht funktionieren, weil die zeitsparenden Techniken gleichzeitig die zur Verfügung stehenden Weltoptionen vervielfachen. Neben den zwei externen Motoren, die die Beschleunigung antreiben, beschreibt Rosa einen Beschleunigungszirkel, der aus den drei Sphären der sozialen Beschleunigung besteht. Dieser Zirkel ist ein sich selbst antreibendes System und daher seit der Spätmoderne nicht mehr auf die externen Antriebsmotoren angewiesen (Rosa, H., 2013, S. 20f).

Die klassische Säkularisierungstheorie beschreibt die Annahme, dass der Mo- demisierungsprozess in weltweiten Gesellschaften für den Bedeutungsverlust der Religion verantwortlich ist und unterstützt Rosas Argumentation. Verschiedene Faktoren, wie beispielsweise das Wohlstandsniveau, soziale Sicherheit, Individualisierungsprozesse und die Pluralisierung einer Gesellschaft begünstigen die Verdrängung von Religion aus modernen Gesellschaften (Kem, T. & Pruisken, I., 2016, S. 337f).

Rosa stellt der sozialen Beschleunigung die soziale Entschleunigung gegenüber und nennt verschiedene Bereiche, in denen keine Beschleunigung beobachtet wird. Als erstes werden natürliche Geschwindigkeitsgrenzen genannt. Diese beschreiben natürliche Prozesse wie beispielsweise eine Schwangerschaft oder den Verlauf eines Kalenderjahres und können nicht beschleunigt werden. An zweiter Stelle beschreiben sogenannte Beschleunigungsoasen territoriale, soziale und kulturelle Nischen, die von den Modemisie- rungs- und Beschleunigungsprozessen weitgehend unbeeinflusst sind. Konsumgüter, die durch traditionelle Vorgehensweisen entstanden sind, werden mit Entschleunigung ebenso in Verbindung gebracht, wie isoliert lebende Kulturen. Als drittes steht die Entschleunigung als dysfunktionale Nebenfolge sozialer Beschleunigung für eine ungeplante Konsequenz im Dynamisierungsprozess. Diese Entschleunigung kann auch als pathologische Form auftreten, wenn der Körper von Erwerbstätigen aufgrund des hohen Beschleunigungsdruckes mit einer Erkrankung als Ausstiegsreaktion reagiert und der Betroffene ungewollt in einen Zustand der Entschleunigung versetzt wird. Es ist erwiesen, dass die psychischen Erkrankungen Burnout und Depression in den letzten Jahrzenten global signifikant angestiegen sind. Dass Zusammenhänge zwischen den psychischen Erkrankungen und der Beschleunigung als wahrscheinlich gelten, lässt sich nicht zuletzt daran ablesen, dass sich viele Arbeitnehmer zunehmend mit dem Arbeitspensum überfordert sehen (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2016, S. 36). An vierter Stelle steht die intentionale Entschleunigung für eine bewusst gewählte Entschleunigung. Hierbei wird zwischen der funktionalen (beschleunigenden) Entschleunigung und der ideologischen (oppositionellen) Entschleunigung differenziert. Unter der funktionalen Entschleunigung sind temporäre Aktivitäten zu verstehen, welche einer Verlangsamung dienen, um anschließend erfolgreich am beschleunigten Sozialsystem beteiligt zu sein. Die bewusst gewählten Auszeiten dienen dem Ziel, die eigene Produktivität steigern. Die ideologische Entschleunigung wird von verschiedenen antimodemen Bewegungen verfolgt, die sich für eine radikale Entschleunigung einsetzen. Häufig gehören die Anhänger zu radikal religiösen, politisch ultrakonservativen oder auch anarchistischen Gruppen. Als Rückseite der sozialen Beschleunigung nennt Rosa als fünftes die strukturelle und kulturelle Erstarrung. Es wird die Vermutung geäußert, dass im Kontrast zu den Erscheinungsformen der weit verbreiteten Beschleunigung keine realen Veränderungen mehr möglich sind und sich ein Zustand des rasenden Stillstands einstellt (Rosa, H., 2013, S. 29f).

Rosa schlussfolgert in seiner Theorie, dass die beschriebene soziale Beschleunigung zu einer Entfremdung führt, die sich in fünf verschiedenen Bereichen beobachten lässt. Die Entfremdung vom Raum beschreibt die Entfernung von sozialer und physischer Nähe. Die wachsende Distanz ist auf das Zeitalter der digitalen Globalisierung zurückzuführen, weil sozial nahestehenden Mitmenschen nicht unbedingt physisch nahe sein müssen und umgekehrt. Die soziale Beschleunigung sorgt also für eine Herauslösung aus dem physischen Raum und begünstigt ebenfalls die Entfremdung von diesem. An zweiter Stelle wird die Entfremdung von Dingen genannt. Hierunter fallen sowohl Dinge, die konsumiert als produziert werden. Objekte, mit denen Menschen leben und arbeiten, sind mit ihnen verbunden und sind ein Teil der Identität. Mit zunehmender Austauschrate dieser Dinge verändert sich auch die Beziehung zu diesen. Weil in der Beschleunigungsgesellschaft die Produktion von Gütern, im Gegensatz zur Reparatur, stets beschleunigt wurde und zudem meist kostengünstiger ist, wird eine Entfremdung von Objekten begünstigt. Als dritte Form wird die Entfremdung gegenüber den eigenen Handlungen genannt und kann auf zwei Ursachen zurückgeführt werden. Die beschriebene Entfremdung von Dingen kann ferner im Berufskontext beobachtet werden. Erwerbstätige beschäftigen sich im Arbeitsalltag mit Werkzeugen, Geräten und Vorgängen, deren Umgang meist fremd ist. Die Entfremdung baut auf der Tatsache auf, dass sich viele Menschen nicht ausreichend über verschiedene Abläufe wie Steuererklärungen oder Verträge die sowohl online als auch offline abgeschlossen werden, informieren. Das Überangebot an Informationen verursacht in der modernen Welt ein Gefühl der Entfremdung. Zudem erleben Personen in der Spätmoderne häufig das Gefühl, nicht den Tätigkeiten nachzugehen, die sie eigentlich ausüben wollen. Obwohl die Menschen nicht gezwungen werden, werden stattdessen Tätigkeiten verfolgt, die in Wirklichkeit gar nicht ausgeführt werden wollen. Diese Umstände begünstigen die von Rosa beschriebene Entfremdung gegenüber den eigenen Handlungen. An vierter Stelle wird die Entfremdung von der Zeit genannt. Im Gegensatz zur Uhrzeit, die objektiv messbar ist, kann das subjektive Zeitempfinden unterschiedlich wahrgenommen werden. Rosa nennt das subjektive Zeitparadoxon, das besagt, dass erinnerte und erlebte Zeit umgekehrt proportional zueinanderstehen. Bei Erlebnissen mit vielfältig stimulierenden Eindrücken wird die vergangene Zeit subjektiv als schnell vergehend wahrgenommen. Rückblickend scheint esjedoch so, als sei der Tag sehr lang gewesen. Bei Erlebnissen mit wenig Eindrücken scheint die Zeit nur langsam zu verstreichen. Im Nachhinein scheintjedoch der Tag sehr kurz gewesen zu sein. Neben dem beschriebenen kurz/lang- bzw. lang/kurz-Muster existiert auch ein kurz/kurz-Muster. Dieses macht sich bemerkbar, wenn die Zeit subjektiv schnell vergeht aber auch im Nachhinein als genauso schnell verstreichend wahrgenommen wird. Rosa nennt hierfür die Beispiele Internet- und Fernsehkonsum. Weil bei diesen Aktivitäten nur wenige Stimulationen stattfinden und der persönliche Bezug zu diesen Tätigkeiten fehlt, bleiben nur wenige Erinnerungen im menschlichen Gehirn vorhanden. Weil in der spätmodernen Beschleunigungsgesellschaft viele Handlungen isoliert voneinander stattfinden, sind häufig wenig Erinnerungen zu diesen Situationen vorhanden. Rosa baut seine Überlegungen auf Walter Benjamins Äußerungen auf, dass das moderne Leben erlebnisreich, aber erfahrungsarm charakterisiert ist. Erlebnisse können ohne Souvenirs leicht vergessen werden, während Erfahrungen niemals vergessen werden. Ohne Erinnerung an die eigenen Erlebnisse kann eine Entfremdung begünstigt werden. Als Fünftes werden die Selbstentfremdung und soziale Entfremdung genannt. Rosa stellt das soziale Umfeld der heutigen Zeit mit dem unserer Vorfahren gegenüber und kommt zu dem Ergebnis, dass durch moderne Technologien die Häufigkeit der sozialen Begegnungen, Intensität der Beziehungen und ihre Dauerhaftigkeit beständig zunimmt. Die sozialen Kontakte in der modernen Gesellschaft können als übersättigt beschrieben werden, wenn die beschriebene Zunahme ein extremes Maß erreicht. In diesem Stadium sind Beziehungen durch ein oberflächliches und unpersönliches Miteinander charakterisiert. Der Aufbau echter Resonanzbeziehungen wird mit einem hohen Zeitaufwand und die Auflösung mit einer schmerzhaften Erfahrung in Verbindung gebracht. Die Selbstentfremdung ist die Konsequenz aus der Entfremdung von Raum, Zeit, den eigenen Handlungen und Erfahrungen sowie den Mitmenschen. Grund dafür ist, dass Selbstgefühl und Identität durch die genannten Faktoren bestimmt wird. Diese können aber aufgrund mangelnden Bezugs nicht richtig zustande kommen und es kommt zur Selbstentfremdung (Rosa, H., 2013, S. 86f).

Mit Blick auf das Forschungsinteresse rückt dabei insbesondere die Entfremdung von der Zeit in den Blick. Es ist davon auszugehen, dass in sozialen Netzwerken keine wirklichen Erlebnisse erlebt werden. Obwohl die Konsumenten viel Zeit mit dem lesen oder anschauen von Beiträgen verbringen, werden keine realen Erfahrungen gesammelt, was eine Entfremdung begünstigen kann. Zudem lässt sich vermuten, dass soziale Medien die Entfremdung vom Raum begünstigen, weil die physische Anwesenheit mehrerer Personen nicht mehr notwendig ist, um miteinander zu kommunizieren.

2.2 Stress

Das Ziel dieses Kapitels ist es zu erklären worum es sich bei dem Begriff „Stress“ handelt. Zudem soll auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Thema Burnout hingewiesen werden. Darüber hinaus soll verdeutlicht werden, welche Bedeutung Stress bei der Entstehung von Burnout einnimmt. Aus diesem Grund wird das Konzept der allgemeinen Stressreaktion nach Selye erklärt, auf das sich in Kapitel 2.3.1 bezogen wird.

Unter dem Begriff „Stress“ ist die „physiologische, psychologische und verhaltensbezogene Anpassung eines Organismus[4] (Stressreaktion) auf umweltbezogene und psychosoziale Reize, sogenannte „Stressoren“ zu verstehen. Die Klassifizierung eines Reizes als Stressor wird im Gehirn vorgenommen (Werdecker, L. & Esch, T., 2018, S. 1). Manfred Spitzer (2015, S. 131f) beschreibt Stress als Reaktion auf eine lebensbedrohliche Situation, bei der die Hormone Cortisol und Adrenalin ausgeschüttet werden. Durch die Hormone werden Kräfte mobilisiert, um die Überlebenschance zu erhöhen. Ein erhöhter Blutzuckerspiegel, Puls und Blutdruck sowie straffere Muskeln und gesteigerte Aufmerksamkeit unterstützen den Körper beim Kämpfen oder Fliehen. Viele Körperfunktionen, die nicht für das unmittelbare Überleben verantwortlich sind, werden in Stresssituationen vom menschlichen Körper vorübergehend auf ein Minimum reduziert. Im Gegensatz zur akuten Stressreaktion begünstigt chronischer Stress die Entstehung zahlreicher Krankheiten. Sollte der Stress zum Dauerzustand werden, können Krankheiten wie beispielsweise Krebs oder Diabetes die Folge sein. Die folgende Abbildung stellt die Unterschiede zwischen akutem Stress und chronischem Stress gegenüber.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Akuter und chronischer Stress Akuter und chronischer Stress (Eigene Darstellung nach Spitzer, M., 2015, S. 132).

Laut Selye handelt es sich bei Stress um eine unspezifische Reaktion vom menschlichen Körper auf verschiedene an ihn gestellte Anforderungen. Es ist zwischen Distress und Eustress zu unterscheiden. Distress wird als negativ, unangenehm und schädlich beschrieben und steht dem Eustress, welcher als lebenswichtig und positiv gilt, gegenüber. Die anhaltende Dauer von Stress ist von entscheidender Bedeutung. Ein hohes Maß an Eustress und ein Defizit bei Erholungspausen kann zu Distress führen. Selye beschreibt die folgenden drei Phasen von Stress in seinem physiologischen Modell: Alarmphase, Resistenzphase, Erschöpfungsphase. Während der Alarmphase machen sich erste Stressoren wie Magenbeschwerden oder erhöhter Blutdruck bemerkbar. Als Resultat wird die Widerstandsfähigkeit der Betroffenden verringert. Zudem tritt eine geringere kognitive Leistungsfähigkeit auf. Wenn nach der Alarmphase keine Erholungsphase folgt, wird in die Resistenzphase gewechselt. Der menschliche Körper wird durch diesen Prozess im starken Ausmaß geschwächt. Im Falle einer Erholung wechselt der menschliche Körper wieder in den ursprünglichen Zustand. Die dritte und letzte Phase versteht Selye als Erschöpfungsphase. Falls ein Stressor über einen längeren Zeitraum anhält, neigt sich die Anpassungsenergie in naher Zukunft dem Ende zu. Das anschließende Wideraufkommen der Symptome der ersten Phase verursachen dauerhafte Schäden bei den Betroffenen. Beim Auftreten eines Stressors schätz der Betreffende die Stresssituation als positiv, negativ oder neutral ein. Anschließend kommt es zur Bewältigung bzw. zum Widerstand. Der Betroffene befindet sich nun in einer Phase der Stressbewältigung (Coping) und muss zwischen möglichen Reaktionen abwiegen. Falls die Stressbewältigung nicht erfolgreich verläuft und die Ausdauer des Betroffenen überschritten wird, kann eine Phase des psychischen Zusammenbruchs folgen. Physiologischer und psychologischer Stress sind eng miteinander verbunden. Aus diesem Grund können auch physische Krankheiten durch psychischen Stress ausgelöst werden. Beim Vergleich von Burnout und Stress lassen sich Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede feststellen. Neben ähnlichen Symptomen stehen die beiden Konzepte mit Übermüdung und Erschöpfung im Zusammenhang. Ein deutlicher Unterschied ist bei dem Aspekt der Dehumanisierung festzustellen: ausgebrannte Menschen isolieren sich zunehmend, während stark gestresste Individuen aktiv am Leben teilnehmen. Im Gegensatz zum Burnout, der mit negativen Folgen der Betroffenen einhergeht, kann Stress gegebenenfalls als Eustress und dadurch positiv wahrgenommen werden. Chronischer Stress kann bei der Entstehung des Burnout Syndroms einen begünstigenden Einflussfaktor darstellen. Burnout ist jedoch nicht das direkte Resultat von erlebtem Stress, sondern das Ergebnis von unbewältigtem sozialen Stress. Daher kann das Syndrom als ein Endstadium von erfolgloser Stressbewältigung bezeichnet werden (Falkenberg, F., 2015, S. 68f).

Die Studie „Gesund digital arbeiten?!“ beschäftigte sich mit digitalem Stress in Deutschland. Bei der Untersuchung wurden 5005 Erwerbstätige bei einer Online-Studie befragt, die im beruflichen Kontext überwiegend digitale Informationen verarbeiten. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass im Durchschnitt jeder achte Proband stark oder sehr stark bei digitalen Tätigkeiten von Belastungsfaktoren betroffen ist. Auffällig ist, dass die Belastung tendenziell häufiger bei großen Unternehmen zu beobachten sind. Befragte, die mit vielen verschiedenen Medien und Technologien arbeiten, aber sich eher selten damit beschäftigen sind stärker von Belastungsfaktoren betroffen, als Erwerbstä­tige, die mit wenigen Medien und Technologien arbeiten, aber diese häufig verwenden. Digitaler Stress konnte bei der Untersuchung mit einem schlechteren allgemeinen Gesundheitszustand in Verbindung gebracht werden. Zudem schlussfolgern die Forscher die Zunahme an Erschöpfung sowie kognitiver und emotionaler Irritation bei digitalem Stress. Digitaler Stress kann ebenfalls eine verringerte Arbeitszufriedenheit und Produktivität der Arbeitnehmer zufolge haben. In extremen Fällen kann digitaler Stress zu Positions- oder Berufswechsel der betroffenen Mitarbeiter führen (Gimpel, H., et al., 2019, S. 24f).

Bei einer Umfrage mit 444 Facebook-Nutzern wurde von Forschern der Zusammenhang von Technostress2 und Technologiesucht3 in Bezug auf die Nutzung sozialer Medien untersucht. Der Gebrauch von Informationstechnologie kann bei den Betroffenen Stress auslösen. Diese Form von Stress wird im genannten Kontext als Technostress bezeichnet. Forschungsergebnisse zeigen, dass der Konsum sozialer Medien mit dem Empfinden von Stress zusammenhängt. Vom Stress betreffende Personen reagieren auf stressige Situationen mit unterschiedlichen Bewältigungsverhalten. Diese verfolgen das Ziel, die Stresssituation zu umgehen. Im Stressfall, der durch eigene Aktivitäten in sozialen Medien hervorgerufen wird, ist ein gängiges Bewältigungsverfahren, dass die eigene Verwendung reduziert oder auch vollständig beendet wird. Es gibtjedoch Forschungsergebnisse, bei denen Probanden den Konsum sozialer Medien fortsetzen, obwohl sich diese durch die Verwendung gestresst fühlen. Es wurden Menschen beobachtet, welche gestresst versuchten ständig auf dem aktuellsten Stand in sozialen Medien zu bleiben und regelmäßig auf Neuigkeiten reagierten. Gleichzeitig konnten sich die Benutzer trotz der Stresssituation nur schwer von sozialen Medien abwenden. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass durch soziale Medien gestresste Personen gleichzeitig süchtig danach sein können. Der Widerspruch, dass Stress mit Sucht beim Konsum sozialer Medien zusammenhängt, stellt die Forschung vor neue Herausforderungen (Tarafdar, M., Maier, C., Laumer, S. & Weitzel, T., 2019, S. 96f).

Medienbezogener Stress kann durch die permanente Erreichbarkeit über verschiedene Kommunikationsdienste ausgelöst werden. Heranwachsende empfinden die subjektive Wahrnehmung, direkt auf neue Nachrichten reagieren zu müssen, als Stressfaktor. Konsumenten sozialer Medien können Stress ebenfalls empfinden, wenn sich das Smartphone nicht in greifbarer Nähe befindet. Grund dafür sind ständige Gedanken dar­über, welche Ereignisse in sozialen Medien gegebenenfalls verpasst werden könnten. Zudem wird bei den Nutzem die Aufmerksamkeit tendenziell weniger fokussiert, weil das Medien-Multitasking vermehrt vorkommt. Von 1999 bis 2009 erhöhte sich das Medien­Multitasking von 16 % auf 29 %. Aufgrund der ständigen Erreichbarkeit, welche durch mobile Kommunikationsgeräte ermöglicht werden, verschwinden die Grenzen zwischen der Berufswelt und dem Privatleben der Nutzer. Als Nachteil nennen die Autoren eine mögliche Informationsüberflutung, sowie die empfundene Erwartung, von zu Hause und unterwegs aus zu arbeiten, nur weil die Möglichkeit gegeben ist. Zudem wird von den Autoren die Beschleunigung als Nachteil genannt, welche bereits im Kapitel 2.1 beschrieben wurde (Genner, S. & Süss, D., 2014, S. 4f).

Digitaler Stress ist eine Art von Stress, der aus der Auseinandersetzung mit den Informations- und Kommunikationstechnologien und ihrer Omnipräsenz in Wirtschaft und Gesellschaft entsteht. Digitaler Stress ist weit verbreitet und hat schwerwiegende nachteilige Auswirkungen wie zum Beispiel geringere Arbeitszufriedenheit oder Erkrankungen wie Burnout (Fischer, T., & Riedl, R., 2020, S. 218f).

Stress ist im Allgemeinen zu einem Alltagsphänomen geworden. Der Zusammenhang zwischen Stress und Burnout ist eindeutig erkennbar (Falkenberg, F., 2015, S. S.68). Das folgende Kapitel geht aufBurnout als mögliche Folge von Stress ein.

2.3 Burnout

2.3.1 Definition von Burnout

Das Bumout-Syndrom ist „ein Komplex von körperlichen, emotionalen, kognitiven und verhaltensorientierten Symptomen“ (von Känel, R., 2008, S. 477). Bonno, I. (2018, S. 41) beschreibt Bumout als „eine affektive Reaktion auf kontinuierliche Stressbelastungen im Beruf‘, die durch die drei Kemsymptome: emotionale Erschöpfung, Depersonalisation oder Zynismus und Ineffektivität des beruflichen Handelns bzw. Verlust der beruflichen Kompetenz gekennzeichnet ist. Bisher gibt esjedoch keine allgemeingültige Definition von Burnout, die international konsentiert ist (Kaschka, W.P., Korczak, D.&Broich, K.,2011,S.781).

Es herrscht in der Literaturjedoch Einigkeit, dass es sich bei Bumout um einen schleichend einsetzenden und langwierigeren Prozess handelt (Burisch, M., 2014, S. 40). Als mögliche Ursache für die fehlende anerkannte Definition nennt Bonno fehlende objektive Krankheitsmarker und die Problematik, einheitliche Symptome festzulegen (Bonno, I., 2018, S. 41). Schröder hingegen beschreibt „das Problem der Abgrenzung zu Unzufriedenheit, Überdruss, Stress, Angst, Anspannung, Konflikt und Depression[4]“ (Schröder, M., 2006, zitiert nach Falkenberg, F., S. 65). Laut der KKH Kaufmännische Krankenkasse ist Burnout keine eigenständige Krankheit, sondern ist als Vorstufe zur Depression zu verstehen. Ferner wird Burnout als Zusatzdiagnose im Zuge anderer, häufig ebenfalls psychischer Erkrankungen gestellt. Zudem wird Bumout durch eine chronische Überlastungssituation verursacht (KKH Kaufmännische Krankenkasse, 2018, S. 5f). Charoensukmongkol, P. (2016, S. 1967) beschreibt Burnout als einen negativen, arbeitsbedingten psychologischen Zustand, der entsteht, wenn Mitarbeiter über einen längeren Zeitraum Stress erfahren. Bereits 2013 gab es mehr als 6000 wissenschaftliche Beiträge zum Thema Burnout. Ferner konnten mehrere Hundert Bumout-Definitionen verzeichnet werden (Rothland, M., 2013, S. 121).

Umgangssprachlich wird so gut wie alles, was mit Stress, Ermüdung oder Verlust der Motivation zusammenhängt, mit Burnout gleichgesetzt (Scherrmann, U., 2015, S. 8). Im Großteil der Öffentlichkeit steht der Begriff Burnout ersatzweise für jegliche Form einer Erschöpfung. In den 1970er Jahren stuften Maslach und Jackson Burnout als Unfähigkeit ein, der eigenen Arbeit zügig, präzise und zufriedenstellend gerecht zu werden (Brand, S. & Holsboer-Trachsler, E., 2010, S. 561).

Laut Burisch ist Burnout ein Oberbegriff für persönliche Krisen, deren Beginn mit tendenziell unauffälligen Frühsymptomen begleitet wird. Mögliche Folgen für die Betroffenen reichen von Arbeitsunfähigkeit bis Suizid (Burisch, M„ 2019, o. S.). Brand, S. und Holsboer-Trachsler, E. (2010, S. 561) definieren Burnout als „ein arbeitspsychologisches Konstrukt, welches durch emotionale Erschöpfung, Depersonalisation und verminderte subjektive Leistungsfähigkeit gekennzeichnet ist“.

Neben einer nicht allgemein akzeptierten Definition sind sich auch Forscher über die Ursachen von Burnout uneinig (Koch, U. & Broich, K., 2012, S. 161). Zudem ist „Burnout weder in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten, 10. Revision (ICD-10) noch im Diagnostischen und Statistischen Handbuch psychischer Störungen (DSM-IV)“ als „eine eigenständige Diagnose“ dargestellt (Korczak, D., Kister, C. & Huber, B., 2010, S. 5).

Die Problematik einer nicht einheitlich vorhandenen Definition zeigt sich auch in der nachfolgenden Abbildung, die die wichtigsten Definitionen zusammenfassend darstellt.

[...]


1 ARD/ZDF-Onlinestudie 2018. Mit dem Verweis "o. S." (ohne Seitenzahl) wird darauf verwiesen, dass es sich um Online-Dokumente ohne Nummerierung handelt).

2 Die Nutzung von Technologien kann Stress verursachen. Dieser Stress wird alsTechnostress bezeichnet.

3 Unter dem BegriffSucht ist eine Verhaltensabhängigkeit als den Verlust der Kontrolle über ein bestimmtes Verhalten und als intensives Einlassen auf ein bestimmtes Verhalten zu verstehen. In diesem Kontext bezieht sich die Technologiesucht auf die Nutzung von Technologien.

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Social-Media-Konsum und Burnout bei Studierenden. Untersuchung des Zusammenhangs
Hochschule
FOM Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
78
Katalognummer
V1142057
ISBN (eBook)
9783346527172
ISBN (Buch)
9783346527189
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Bachelor Thesis beinhaltet ein quantitatives Forschungsprojekt. Das bedeutet, dass statistische Zusammenhänge untersucht wurden. Bei der Studie wurde der Maslach Burnout Inventory (MBI) verwendet. Hierbei handelt es sich um das gängigste Testinstrument in der Forschung zum Thema Burnout.
Schlagworte
Burnout, Social Media, Stress, Depression, Social Media Konsum, psychische Erkrankungen, Burn out, soziale Medien, Facebook, Instagram, YouTube, Whatsapp, Psychologie, Wirtschaftspsychologie, Sucht, Suchterkrankung, psychische Störung, Maslach, Maslach Burnout Inventory, Entschleunigung, Hartmut Rosa, Entschleunigungstheorie, ICD-10, MBI
Arbeit zitieren
Alexander Philipp Wiemann (Autor:in), 2020, Social-Media-Konsum und Burnout bei Studierenden. Untersuchung des Zusammenhangs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1142057

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