Arbeitsbezogene Erreichbarkeit und Burnout. Die Rolle der Work-Life-Balance und der Arbeitsbedingungen


Hausarbeit, 2019

32 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

1 Einleitung

Die Arbeitsumgebung hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Aufgrund des technischen Fortschritts und einer zunehmenden Digitalisierung der Arbeitsabläufe ist es in den meisten Unternehmen gängige Praxis, Führungskräfte und Mitarbeiter(innen) mit Informations- und Kommunikationstechnologien (im Folgenden abgekürzt mit IuK) auszustatten. IuK umfassen verschiedene elektronische Geräte wie beispielsweise Computer, Smartphones und Tablets, welche sich häufig auch transportieren und mobil nutzen lassen. Sie wurden 2016 bereits von 83% aller Beschäftigten in Deutschland genutzt, um die alltäglichen Arbeitsaufgaben zu erledigen (Arnold, Butschek, Steffes, & Müller, 2016), wobei dieser Prozentsatz stetig ansteigt und im Jahr 2019 vermutlich noch höher ausfällt.

Die Arbeit mit IuK weist zunächst einige Vorteile auf: Die Produktivität der Beschäftigten erhöht sich, internationales Arbeiten wird ermöglicht und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben wird erleichtert (Barnett, Spoehr, Moretti, Gregory, & Chiveralls, 2011). Dem gegenüber führen IuK jedoch ebenso zu erhöhten Erwartungen an die Beschäftigten, in der Freizeit erreichbar zu sein und Arbeitsaufgaben zu erledigen (Gajendran, Harrison, & Delaney‐Klinger, 2015). Diese Erreichbarkeit wird häufig mit möglichen negativen gesundheitlichen Konsequenzen in Verbindung gebracht und hat dazu geführt, dass bereits einige Unternehmen wie Volkswagen und BMW Firmenstrategien zur Einschränkung der Erreichbarkeit außerhalb der vertraglich geregelten Arbeitszeiten eingeführt haben (Dettmers, 2017b; Lindecke, 2015; Ter Hoeven, van Zoonen, & Fonner, 2016). Dass es diesen von den Unternehmen vermuteten positiven Zusammenhang zwischen arbeitsbezogener Erreichbarkeit und Gesundheitsbeeinträchtigungen tatsächlich gibt, wurde inzwischen bereits mehrfach durch Studien belegt (Dettmers, 2017a; Ďuranová & Ohly, 2016; Pangert, Pauls, & Schüpbach, 2016).

Eine für Firmen relevante gesundheitliche Auswirkung ist Burnout. Bei Burnout handelt es sich um ein Stresssyndrom, welches durch andauernde Erschöpfung im Arbeitskontext charakterisiert ist (Bakker, Demerouti, & Sanz-Vergel, 2014) und häufig zu langen personellen Ausfällen (Peterson et al., 2011) und damit zu finanziellen Einbußen für das Unternehmen führt.

Während der positive Zusammenhang zwischen arbeitsbezogener Erreichbarkeit und Stress bereits mehrfach nachgewiesen wurde (Fenner & Renn, 2010; Voydanoff, 2005), findet sich zum Zusammenhang arbeitsbezogene Erreichbarkeit und Burnout bisher nur wenig Forschung. Die vorhandenen Studien zeigen zudem widersprüchliche Ergebnisse. Während manche Studien eine positive Assoziation zu Burnout-Komponenten belegen (Dettmers, 2017a; Dettmers, Bamberg, & Seffzek, 2016; Ragsdale & Hoover, 2016), zeigte sich bei anderen Studien kein Zusammenhang (Day, Paquet, Scott, & Hambley, 2012).

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es diese Widersprüchlichkeiten aufzudecken, indem weitere Faktoren im Zusammenhang zwischen arbeitsbezogener Erreichbarkeit und Burnout berücksichtigt werden. Im Speziellen wird dargestellt, welche Rolle die Work-Life-Balance spielt und in diesem Kontext überprüft, ob die individuelle Segmentierungspräferenz einen Einfluss auf den Zusammenhang zwischen arbeitsbezogener Erreichbarkeit und Burnout hat. Darüber hinaus wird untersucht, ob Arbeitsbedingungen den Zusammenhang zwischen arbeitsbezogener Erreichbarkeit und Burnout beeinflussen. Dazu wird das Job Demands-Resources Modell (Bakker & Demerouti, 2007) für die Hypothesenaufstellung herangezogen.

2 Arbeitsbezogene Erreichbarkeit und Burnout

Aufgrund der zunehmenden Integration mobiler IuK in den Arbeitskontext sind die Erwartungen an Beschäftigte gestiegen, nicht nur während ihrer festgelegten Arbeitszeit, sondern auch darüber hinaus erreichbar zu sein (Dettmers, 2017b). In der vorliegenden Arbeit wird arbeitsbezogene Erreichbarkeit als zusätzliche Arbeit definiert, welche außerhalb der vertraglich geregelten Arbeitszeiten mithilfe von IuK geleistet wird, da dies ein weit verbreitetes Phänomen darstellt. So zeigen die Ergebnisse einer Erhebung in Europa, dass etwa 40% der Beschäftigten außerhalb ihrer üblichen Arbeitszeiten für arbeitsbezogene Zwecke kontaktiert werden (Arlinghaus & Nachreiner, 2013). Auch in Deutschland berichteten 39% der Befragten, dass sie außerhalb ihrer Arbeitszeiten erreichbar sein müssen (BAuA, 2016). Diese Form der Erreichbarkeit ist oftmals nicht explizit im Arbeitsvertrag enthalten (Fenner & Renn, 2010) und erfolgt entweder freiwillig oder aufgrund impliziter Erwartungen seitens des Unternehmens (Höge, Palm, & Strecker, 2016). Hierbei besteht ein Unterschied zu Arbeitsformen wie Home-Office oder mobilem Arbeiten, in denen ein Teil der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit mithilfe von IuK außerhalb des Büros ausgeführt wird (Derks & Bakker, 2014). Es handelt sich bei der verwendeten Definition von arbeitsbezogener Erreichbarkeit also zusammenfassend um die arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit und wird im Folgenden auch so benannt.

Aufgrund der weiten Verbreitung von arbeitsbezogener IuK-Nutzung in der Freizeit ist es wichtig, deren gesundheitliche Folgen zu kennen. Die Mehrzahl der Studien stellt einen gesundheitsbeeinträchtigenden Effekt fest. Querschnittsstudien konnten einen positiven Zusammenhang zwischen arbeitsbezogener IuK-Nutzung in der Freizeit und Stress (Voydanoff, 2005), Schlafstörungen (Lanaj, Johnson, & Barnes, 2014) sowie verschiedenen Krankheiten und Arbeitsunfähigkeitszeiten (Arlinghaus & Nachreiner, 2013) nachweisen. Zusätzlich geben eine Längsschnittstudie (Dettmers, 2017a) und eine Tagebuchstudie (Derks, van Mierlo, & Schmitz, 2014) Hinweise darauf, dass arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit auch kausal für Gesundheitsbeeinträchtigungen verantwortlich ist (Dettmers, 2017b).

Aufgrund der Matching-Hypothese (Amstad, Meier, Fasel, Elfering, & Semmer, 2011), welche besagt, dass sich eine Anforderung vor allem auf den (Lebens-)Bereich auswirkt, in dem sie entstanden ist, wird in der vorliegenden Arbeit davon ausgegangen, dass arbeitsbezogene Erreichbarkeit das arbeitsbezogene Wohlbefinden beeinträchtigt (Dettmers, 2017a). Bei Burnout handelt es sich – im Gegensatz zu anderen gesundheitlichen Beeinträchtigungen – um ein Stresssymptom, welches ausschließlich im Arbeitskontext auftritt (Maslach, Schaufeli, & Leiter, 2001). Burnout entsteht als Ergebnis eines längeren Prozesses, welcher durch einen erhöhten Arbeitseinsatz (wie beispielsweise durch Überstunden) sowie einem damit einhergehenden chronischen Stress ausgelöst wird (Leppin, 2007; Nil et al., 2010). Ein manifestiertes Burnout-Syndrom lässt sich dann mithilfe von drei Komponenten charakterisieren: Zynismus, verringerte Leistungsfähigkeit und emotionale Erschöpfung, wobei letztere das Kernsymptom von Burnout darstellt (Maslach et al., 2001; T.A. Wright & Bonett, 1997). Emotionale Erschöpfung reflektiert den chronischen Stressaspekt (Bakker et al., 2014), da sie zum Einen die Konsequenz des andauernden Stressempfindens darstellt und zum Anderen wiederum das Stresserleben erhöht (Nil et al., 2010). Emotionale Erschöpfung ist gekennzeichnet durch das Gefühl, aufgrund der Arbeitsanforderungen und des beruflichen Kontakts mit anderen Menschen ausgebrannt und erschöpft zu sein (Büssing & Glaser, 1998). Mithilfe der Komponente emotionale Erschöpfung lassen sich gesundheits- und arbeitsbezogene Folgen besser vorhersagen als mit den anderen beiden Komponenten des Burnout-Syndroms (Maslach et al., 2001). So konnte beispielsweise Peterson et al. (2011) in einer Längsschnittstudie zeigen, dass emotionale Erschöpfung Krankheitsperioden von über 90 Tagen Dauer bereits 44 Monate vorher vorhersagen kann. Darüber hinaus fungiert emotionale Erschöpfung als negativer Prädiktor für die Arbeitsleistung (Taris, 2006; T.A. Wright & Bonett, 1997) und geht mit einer erhöhten Kündigungsbereitschaft einher (Maslach et al., 2001). Die durch emotionale Erschöpfung verursachten Produktivitätseinschränkungen und Arbeitsunfähigkeitszeiten gehen mit finanziellen Einbußen einher (Leppin, 2007), weshalb emotionale Erschöpfung für Unternehmen eine relevante Konsequenz von Arbeitsanforderungen darstellt. Aufgrund dessen wird in der vorliegenden Arbeit emotionale Erschöpfung als Indikator für Burnout erhoben.

Für die vorliegende Fragestellung wird demnach der Zusammenhang zwischen arbeitsbezogener IuK-Nutzung in der Freizeit und emotionaler Erschöpfung untersucht. Zwei Faktoren, die den vermuteten positiven Zusammenhang erklären können sind ein erhöhtes Stresserleben sowie die beeinträchtigte Erholung, welche beide durch die arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit hervorgerufen werden.

2.1 Arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit und Stress

Da es sich bei emotionaler Erschöpfung um eine Konsequenz chronischen Stresses handelt (Nil et al., 2010), wird im Folgenden die stressauslösende Komponente von arbeitsbezogener IuK-Nutzung in der Freizeit dargestellt.

Zunächst scheint die arbeitsbezogene Nutzung von IuK innerhalb und außerhalb der Arbeitszeit den Stress von Beschäftigten zu erhöhen, wie Berg-Beckhoff, Nielsen, und Ladekjær Larsen (2017) in einem systematischen Review darstellen konnten. Der von den Beschäftigten wahrgenommene Stress aufgrund der IuK-Nutzung wird im wissenschaftlichen Diskurs häufig unter dem Begriff Technostress (Ragu-Nathan, Tarafdar, Ragu-Nathan, & Tu, 2008) zusammengefasst. Chesley (2014) konnte mittels Strukturgleichungsmodellen nachweisen, dass Technostress mit den häufigen Unterbrechungen sowie der schnelleren Arbeitsweise, die mit der IuK-Nutzung einhergeht, zusammenhängt. Tarafdar, Pullins, und Ragu‐Nathan (2015) ergänzten dies, indem sie als zusätzliche Auslöser des Technostresses die Unsicherheit bei der Anwendung von (neuen) IuK sowie die Möglichkeit der permanenten Kontaktaufnahme als Ursachen identifizierten.

Wenn die arbeitsbezogene IuK-Nutzung auf die Freizeit fällt, rücken weitere stressauslösende Faktoren in den Fokus. So stellt die wahrgenommene Erwartung, auch in der Freizeit schnell auf Anfragen und Nachrichten mittels IuK antworten zu müssen, einen Stressfaktor dar, der zudem als Prädiktor für Burnout gilt (Barber & Santuzzi, 2015). Ein weiterer Grund für die stressauslösende Wirkung von arbeitsbezogener IuK-Nutzung in der Freizeit liegt zudem in der Mehrarbeit begründet. Es handelt sich bei der in der vorliegenden Arbeit verwendeten Definition von arbeitsbezogener Erreichbarkeit ja immer um Arbeit, welche zusätzlich zu den normalen Arbeitszeiten anfällt und gesundheitliche Folgen hervorrufen kann. So wiesen Arlinghaus und Nachreiner (2014) in einer Untersuchung mit 30.000 Probanden nach, dass schon ein leichtes Ausmaß an zusätzlicher Arbeit mit einem erhöhten Risiko an psychischen Belastungen einhergeht. Zudem zeigten Ng und Feldman (2008) in einer Metaanalyse, dass Überstunden einen signifikanten positiven Zusammenhang zu wahrgenommenem arbeitsbezogenem Stress sowie einer allgemeinen mentalen Belastung aufweisen. Außerdem findet die Mehrarbeit von außerhalb des Büros meist nicht unter optimalen Bedingungen statt, was zu einer zusätzlichen Belastung führen kann (Dettmers, Bamberg, et al., 2016). So ist der Arbeitsplatz zuhause oftmals nicht so gut ausgestattet, die Austauschmöglichkeiten mit Kolleg(inn)en sind eingeschränkt und zudem muss die Arbeitsaufgabe parallel zum Privatleben erledigt werden, welches ebenfalls mit bestimmten Anforderungen wie der Kinderbetreuung oder Haushaltsaufgaben einhergeht (Dettmers, 2017b).

Ein weiterer Stressfaktor von arbeitsbezogener IuK-Nutzung in der Freizeit besteht durch die Unvorhersehbarkeit der möglichen Kontaktaufnahme durch Kolleg(inn)en und Kund(inn)en. Es ist unklar, ob und wann Arbeitsaufgaben auftauchen werden und welchen Umfang diese einnehmen (Bamberg, Dettmers, Funck, Krahe, & Vahle-Hinz, 2012). Somit kann antizipatorisch Stress ausgelöst werden, auch wenn die arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit nicht immer zu konkreten Arbeitsaufgaben führt (Dettmers, 2017a).

Insgesamt lässt sich feststellen, dass die IuK-Nutzung in der Freizeit einen stressauslösenden Charakter hat. Da es sich bei emotionaler Erschöpfung um die Komponente von Burnout handelt, welche vor allem aufgrund andauernden Stresserlebens entsteht (Leppin, 2007; Nil et al., 2010), kann man infolgedessen auch von einem positiven Zusammenhang zwischen arbeitsbezogener IuK-Nutzung in der Freizeit und emotionaler Erschöpfung ausgehen.

2.2 Arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit und Erholung

Den zweiten Faktor für den vermuteten positiven Zusammenhang zwischen arbeitsbezogener IuK-Nutzung in der Freizeit und emotionaler Erschöpfung stellt die beeinträchtigte Erholung dar. Gemäß des Effort-Recovery Modells (Meijman & Mulder, 1998) kann Erholung nur dann stattfinden, wenn es Zeiten gibt, in denen keine Arbeitsaktivitäten stattfinden (Sonnentag & Fritz, 2007). Zudem ist es notwendig, während der Freizeit von Arbeitsproblemen abschalten und sich von den Arbeitsanforderungen distanzieren zu können (Sonnentag, 2005), da dies einen essentiellen Bestandteil des Erholungsprozesses darstellt (Dettmers, Bamberg, et al., 2016; Sonnentag, Arbeus, Mahn, & Fritz, 2014). Das mentale Distanzieren von Arbeitsanforderungen ist jedoch deutlich erschwert, wenn man in der Freizeit mittels IuK von Kund(inn)en oder Kolleg(inn)en kontaktiert wird. So konnten Dettmers, Vahle-Hinz, Bamberg, Friedrich, und Keller (2016) in einer Tagebuchstudie zeigen, dass Personen an den Tagen, an denen sie erreichbar sein mussten, weniger abschalten konnten als an Tagen, an denen sie nicht erreichbar sein mussten. Wenn das Abschalten von Arbeitsanforderungen in der Freizeit nicht gegeben ist, weist dies wiederum einen hohen Zusammenhang mit dem Auftreten von emotionaler Erschöpfung auf (Siltaloppi, Kinnunen, & Feldt, 2009; Sonnentag & Fritz, 2007). Arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit erschwert demnach das mentale Abschalten von der Arbeit und beeinträchtigt den Erholungsprozess (Ward & Steptoe-Warren, 2013), was im weiteren Verlauf zu erhöhten Werten emotionaler Erschöpfung führen kann (Dettmers, 2017a).

2.3 Arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit und emotionale Erschöpfung

Auf Basis der letzten zwei Unterkapitel lässt sich festhalten, dass arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit den wahrgenommenen Stress erhöht sowie die Erholung beeinträchtigt und beide Faktoren zudem einen positiven Zusammenhang zu emotionaler Erschöpfung aufweisen (Dettmers, 2017a; Nil et al., 2010; Siltaloppi et al., 2009). Demzufolge kann auch ein direkter positiver Zusammenhang zwischen arbeitsbezogener IuK-Nutzung in der Freizeit und emotionaler Erschöpfung vermutet werden. Bisher gibt es erst relativ wenig Forschung zu genau diesem Zusammenhang, weshalb im Folgenden auch Studien mit anderen Erreichbarkeitsaspekten als der arbeitsbezogenen IuK-Nutzung in der Freizeit dargestellt werden. Da die spezifische Operationalisierung von arbeitsbezogener Erreichbarkeit jedoch einen Einfluss auf das Ergebnis haben kann (Pangert et al., 2016), wird diese im Folgenden jeweils berichtet.

Zunächst haben Day et al. (2012) Skalen zu verschiedenen Aspekten von IuK entwickelt, darunter auch eine Skala zur Erfassung der Erreichbarkeitsanforderungen. In dieser Skala wurden wahrgenommene Erwartungen an die eigene Erreichbarkeit sowie die tatsächliche Kontaktaufnahme mittels IuK für arbeitsbezogene Zwecke in der Freizeit gemeinsam erfasst. In der anschließenden Regressionsanalyse mit 258 Probanden fand sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen Erreichbarkeitsanforderungen und emotionaler Erschöpfung.

Im Jahr 2016 untersuchten Ragsdale & Hoover die arbeitsbezogene Nutzung eines Smartphones in der Freizeit, wobei sie Erwartungen und Gedanken bezüglich der arbeitsbezogenen Nutzung sowie den tatsächlichen Gebrauch des Smartphones zu arbeitsbezogenen Zwecken in der Freizeit in einer Skala zusammenfassten. Dabei fand sich ein positiver Zusammenhang zwischen arbeitsbezogener Erreichbarkeit und emotionaler Erschöpfung bei 313 Probanden aus verschiedenen Berufsbranchen.

Im Unterschied dazu teilten Dettmers, Bamberg, et al. (2016) die Messung der arbeitsbezogenen Erreichbarkeit in zwei verschiedene Skalen auf: Erreichbarkeitserwartung und die tatsächliche Häufigkeit der Kontaktaufnahme in der Freizeit. Hier zeigte sich, dass die Erreichbarkeitserwartung, nicht aber die Häufigkeit der Kontakte außerhalb der Arbeitszeit einen positiven Zusammenhang mit emotionaler Erschöpfung aufweist. Darauf aufbauend führte Dettmers (2017a) eine Längsschnittstudie mit 416 Akademikern durch und nutzte hierzu die Skala zur Erfassung von Erreichbarkeitserwartungen (Dettmers, Bamberg, et al., 2016). Dabei fand sich zu allen drei Messzeitpunkten ein positiver Zusammenhang zu emotionaler Erschöpfung.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass bisher nur zwischen den Erreichbarkeitserwartungen und emotionaler Erschöpfung ein positiver Zusammenhang nachgewiesen werden konnte. Bezüglich der tatsächlichen IuK-Nutzung zu arbeitsbezogenen Zwecken in der Freizeit fand sich kein Zusammenhang zu emotionaler Erschöpfung in der Studie von Dettmers, Bamberg, et al. (2016), während der Zusammenhang bei den Studien von Day et al. (2012) sowie Ragsdale und Hoover (2016) nicht eindeutig ist, da keine Trennung der Erreichbarkeitsaspekte vorgenommen wurde.

3 Arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit und Work-Life-Balance

Wie bereits dargelegt, besteht insgesamt Konsens darüber, dass arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit mit negativen gesundheitlichen Folgen assoziiert ist (Pangert et al., 2016). Dennoch konnte nicht in allen Studien ein gesundheitsbeeinträchtigender Effekt gefunden werden (Ďuranová & Ohly, 2016; Pangert et al., 2016). Es ist daher denkbar, dass die arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit sowohl negative als auch positive Konsequenzen hervorrufen kann.

Arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit führt zu einer Vermischung von Arbeitsleben (work) und Privatleben (life) (Berkowsky, 2013; Glavin & Schieman, 2010) und beeinflusst damit die Work-Life-Balance (Demerouti, Derks, ten Brummelhuis, & Bakker, 2014). Bei der Work-Life-Balance handelt es sich um die Wahrnehmung, dass Arbeit und Freizeit unter Berücksichtigung der individuellen Lebensprioritäten miteinander vereinbar sind (Kalliath & Brough, 2008). Bei der Betrachtung der Work-Life-Balance im Kontext der arbeitsbezogenen IuK-Nutzung in der Freizeit sind insbesondere die Work-Family Border Theorie sowie die Person-Environment-Fit Theorie von Interesse.

3.1 Work-Family Border Theorie

Die Work-Family Border Theorie (Clark, 2000; Nippert-Eng, 1996) erklärt, wie Personen mit der Grenze (border) zwischen Arbeits- und Privatleben umgehen, um eine Work-Life-Balance herzustellen (Clarke, 2008). Gemäß der Theorie erhöht arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit die Durchlässigkeit des Privatlebens (Golden & Geisler, 2007), was im Allgemeinen zu einem erhöhten Work-Life-Konflikt, d.h. einem Konflikt zwischen dem Arbeits- und Privatleben, führt (Fenner & Renn, 2010; Voydanoff, 2005).

Dabei ist jedoch zu beachten, dass sich die präferierte Segmentierung und Integrierung von Arbeits- und Privatleben zwischen Personen unterscheidet (Kreiner, Hollensbe, & Sheep, 2009). So schätzen manche Beschäftigte eher herkömmliche Arbeitsregelungen, bei denen sie Arbeit und Freizeit strikt trennen können und ziehen daher eine klare Grenze zwischen beiden Bereichen (Allen, Johnson, Kiburz, & Shockley, 2013), während andere Mitarbeiter(innen) eine Integration der beiden Lebensbereiche präferieren (Derks, Bakker, Peters, & van Wingerden, 2016). Die sogenannte Segmentierungspräferenz kann als ein Kontinuum angesehen werden, bei welchem an einem Ende die Personen zu verorten sind, welche eine klare Trennung beider Lebensereiche bevorzugen. Am anderen Ende finden sich Personen, welche Arbeit und Privatleben vollkommen integrieren (Nippert-Eng, 1996).

Die individuelle Segmentierungspräferenz hat einen Einfluss auf die wahrgenommene Work-Life-Balance (Bulger, Matthews, & Hoffman, 2007) und die Bewertung von arbeitsbezogener IuK-Nutzung in der Freizeit. Beschäftigte mit einer niedrigen Segmentierungspräferenz – d.h. Personen welche die Lebensbereiche lieber integrieren - schätzen die Vorteile von arbeitsbezogener IuK-Nutzung in der Freizeit (Valcour & Hunter, 2005), weil sie ihnen dadurch beispielsweise ermöglicht, auf dem Heimweg Arbeitsaufgaben zu beenden und trotzdem rechtzeitig zur anstehenden Kinderbetreuung zuhause zu sein. Sie nehmen die arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit daher als etwas Positives wahr, da sie ihnen die Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben und damit die individuelle Work-Life-Balance erleichtert. So stellten auch Derks et al. (2016) in einer Tagebuchstudie fest, dass bei Beschäftigten mit niedriger Segmentierungspräferenz die arbeitsbezogene Smartphone Nutzung in der Freizeit zu einem verringerten Work-Life-Konflikt führt. Arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit kann daher zwar einen Work-Life-Konflikt verstärken (Fenner & Renn, 2010; Voydanoff, 2005) aber ebenso auch zu einer besseren Work-Life-Balance beitragen (Chesley, 2005; Derks et al., 2016). Für die vorliegende Arbeit sind diese Ergebnisse relevant, da ein wahrgenommener Work-Life-Konflikt positiv mit emotionaler Erschöpfung assoziiert ist (Eby, Casper, Lockwood, Bordeaux, & Brinley, 2005; Mauno & Kinnunen, 1999; K. Wright et al., 2014). Wenn der Work-Life-Konflikt durch die Hinzunahme der Segmentierungspräferenz als Moderator vorhergesagt werden kann, kann daraus geschlossen werden, dass die Segmentierungspräferenz auch im Zusammenhang zwischen arbeitsbezogener IuK-Nutzung in der Freizeit und emotionaler Erschöpfung als Moderator fungiert.

3.2 Person-Environment Fit Theorie

Gemäß der Person-Environment Fit Theorie (French, Caplan, & Van Harrison, 1982) entsteht Stress aufgrund einer fehlenden Kongruenz zwischen Person und Umwelt. Ähnlich wie sich Menschen bezüglich der Segmentierungspräferenz unterscheiden, so weisen Arbeitsplätze Unterschiede hinsichtlich des Ausmaßes auf, in welchem sie eher die Trennung oder die Integration von Arbeits- und Privatleben fördern (Kreiner, Hollensbe, & Sheep, 2006). Wenn arbeitsbezogene IuK-Nutzung in der Freizeit erwartet wird, handelt es sich um ein Unternehmen, welches zwangsläufig ein Mindestmaß an Integration von Arbeits- und Privatleben fordert (Derks et al., 2014; Kreiner, 2006). Im Idealfall passen die Segmentierungspräferenz und die spezifischen Organisationsanforderungen bezüglich der arbeitsbezogenen IuK-Nutzung in der Freizeit zusammen. So zeigt sich beispielsweise eine höhere Arbeitszufriedenheit, wenn die Arbeitsbedingungen und die individuelle Segmentierungspräfenz im Einklang stehen (Rothbard, Phillips, & Dumas, 2005).

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Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Arbeitsbezogene Erreichbarkeit und Burnout. Die Rolle der Work-Life-Balance und der Arbeitsbedingungen
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Jahr
2019
Seiten
32
Katalognummer
V1142253
ISBN (eBook)
9783346522214
ISBN (Buch)
9783346522221
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ständige Erreichbarkeit, emotionale Erschöpfung, Burnout, Telearbeit, Smartphone, Handy, Erholung, Work-Life-Balance, Work-Life-Conflict, JDR, Segmentierungspräferenz, Abschalten
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Arbeitsbezogene Erreichbarkeit und Burnout. Die Rolle der Work-Life-Balance und der Arbeitsbedingungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1142253

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