Die Possible-Worlds-Theory. Anwendung auf den Science-Fiction-Heist-Film Inception


Hausarbeit, 2015

25 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Narratologie und POSSIBLE-WOLDS THEORY : Narrative Texte als alterantive Welten

Experiment: Ein szenischer Anwendungsversuch der Possible-Worlds Theory auf den Science-Fiction-Heist-Film Inception

Fazit

Quellenverzeichnis

Anhang

Einleitung

Was ist Realität, was ist Traum? Wo liegen die Grenzen und wo verschwimmen sie? Diesen philosophischen Fragen hat sich Regisseur und Drehbuchautor Christopher Nolan in seinem Science-Fiction-Heist-Film „Inception“ gewidmet. Über 10 Jahre hinweg schrieb er an dem Drehbuch, welches sich intensiv mit der Konstruktion von Traumwelten beschäftigt. „The idea that has always fascinated me about dreams is that everything in that dream is created by your own mind.”12 Nolan erschafft eine Welt, in der es möglich ist, bewusst zu träumen und Traumwelten zu konstruieren. Die Handlung des Hollywood-Streifens spielt in 10 Traumwelten und einer als Realität gekennzeichneten Welt. Der Zuschauer wird mental gefordert und vom Regisseur immer wieder vor die Frage gestellt: Was ist Realität?

2002 wurde Carola Surkamps Artikel „Narratologie und possible-worlds theory: Narrative Texte als alternative Welten“ in „Neue Aufsätze der Erzähltheorie“ veröffentlicht3. Die Wissenschaftlerin stellt in diesem Text eine literarische Theorie der Possible-Worlds Theory (PWT) auf. Im Mittelpunkt stehen die wichtigsten Konzepte, Kategorien und Modelle der PWT. Sie sollen einen Perspektivenwechsel in der Analyse narrativer Texte ermöglichen4.

Ich möchte mich in dieser Arbeit kritisch mit der Possible-Worlds Theory auseinandersetzen und herausfinden,ob ihre literarischen Theorien auf den Film „Inception“ anwendbar sind. Der Film ist dafür prädestiniert, da er zahlreiche mögliche Welten neben einer tatsächlichen Welt enthält. Zum Einstieg in die Thematik folgt eine Zusammenfassung und Erläuterung der PWT. Surkamp hat einen umfassenden Einblick über das Themenfeld der PWT geliefert, den es gilt zu destillieren. Dabei hebe ich die anwendbaren Theorien hervor. Diese möchte ich in dem zweiten Teil meines Textes direkt auf den Film Inception beziehen. Fraglich ist, inwiefern sich die erzähltheoretischen Konzepte auf einen Film anwenden lassen. Ich erhoffe mir in einigen Bereichen den Film auf semantischer Ebene nachvollziehbar analysieren zu können und mit Hilfe der PWT einen Weg zu finden, die komplexen Handlungsuniversen des Blockbusters nachvollziehbar darstellen zu können.

Narratologie und POSSIBLE-WOLDS THEORY : Narrative Texte als alternative Welten

Zentrales Thema des Artikels „Narratologie und possible-worlds theory: Narrative Texte als alternative Welten“ von Carola Surkamp ist die possible-worlds theory (PWT). Diese Theorie, welche ursprünglich aus dem Fachgebiet der analytischen Philosophie kommt, geht von der Annahme aus, dass es neben unserer Welt noch weitere so genannte „mögliche Welten“ gibt. Gottfried Wilhelm Leibniz († 14. November 1716) ist einer der ersten Verfechter des Konzepts der „möglichen Welten“ gewesen. Er vertrat die Vorstellung, dass die tatsächlich geschaffene Welt aufgrund Gottes Güte die beste aller möglichen Welten sein müsse5. Weiterführend bot die Formulierung von „möglichen Welten“ die Möglichkeit in Philosophie und Logik die Bedeutung von modalen Aussagen zu erklären. So fand diese Theorie ihre Anwendung zuerst in der Modallogik. Dort wurde sie dazu genutzt semantische Probleme zu lösen. In den Siebzigern entdeckten Umberto Eco, Thomas Pavel und Lubomir Dolezel das Erklärungspotential von modalen Zuständen und Zugangsrelationen für die Beschreibung fiktionaler Welten. „Seither kommen Konzepte der Theorie möglicher Welten in vier Bereichen zur Anwendung“.6 Surkamp beruft sich in der folgenden Aufzählung zum größten Teil auf die Ausführungen der US-amerikanischen Wissenschaftlerin Marie-Laure Ryan7.

1. Theorie und Semantik von Fiktionalität; 2. Gattungstheorie bzw. Typologie narrativer Welten; 3. Narrative Semantik, insbesondere Theorien zum Plot, zur Figurendarstellung und zum multiperspektivischen Erzählen; 4. Poetik des Postmodernismus8

Das Anliegen Surkamps ist es „die wichtigsten Konzepte, Kategorien und Modelle der PWT zu erläutern und verschiedene Ansätze für die Analyse narrativer Texte auf der Basis der Theorie möglicher Welten vorzustellen.“9

In der PWT stellt unsere Wirklichkeit ein modales System da, welches aus vielen verschiedenen möglichen Welten besteht. Unsere real existierende Lebenswelt, im Folgenden auch actual world genannt, wird von vielen nicht-aktualisierten Welten ( possible worlds ) umkreist. Von allen Welten, die als Alternativen zur Realität stehen, werden diejenigen als possible worlds angesehen, die in einer bestimmten Zugangsrelation zur Realität stehen. Damit ist gemeint, dass diese Welten die logischen Gesetze der actual world einhalten müssen. Sie müssen ontologisch widerspruchsfrei sein und die physikalischen Gesetze befolgen. Demnach wäre eine Welt, die allen logischen Gesetzen unterliegt und in der Adolf Hitler im Oktober 1907 an der Allgemeinen Malerschule der Wiener Kunstakademie aufgenommen worden wäre eine possible world. In dieser possible world hätte sich die Weltgeschichte womöglich stark abweichend zu unserer heutigen Geschichte verändert.

Dieses Beispiel soll verdeutlichen, dass das Modell der PWT im Gegensatz zu einem „ Ein-Welt-Modell“ auch kontrafaktische Bedingungssätze logisch erläutern kann. Bei der Frage, was die actual world im Gegensatz zu den possible worlds ausmacht, gibt es in der Philosophie jedoch zwei rivalisierende Erklärungsansätze.10

Im Modalrealismus geht man davon aus, dass unsere actual world gegenüber anderen possible worlds nicht privilegiert ist. Die possible worlds sind demnach parallele Welten mit eigener Gesetzesmäßigkeit und dem gleichen ontologischen Status wie unsere Realität. Im Modalrealismus unterscheiden sich also nur die Positionen der Betrachter, nicht aber der Wirklichkeitsgehalt der verschiedenen Welten. Dem hingegen tritt der moderate Realismus, welcher allein der actual world eine autonome Existenz zuschreibt. Alle anderen Welten seien das Produkt mentaler Aktivitäten. Sie besitzen also keinen Wirklichkeitsgehalt.

Als nächstes geht Surkamp auf die Frage nach dem Wahrheitsgehalt fiktionaler Aussagen ein. Wie angekündigt arbeitet sie die Anwendung der PWT für Theorie und Semantik von Fiktionalität aus. Gleich zu Beginn hebt sie hervor, dass mit dem Konzept der möglichen Welten, die in strukturalistischen Ansätzen nicht bedachte Frage des Wahrheitsgehalts fiktionaler Texte beantwortet werden, kann. Natürlich handelt es sich bei einem narrativen Text aus der Sicht unserer außertextuellen Wirklichkeit nur um eine possible world. Jedoch kann die im Text als Wirklichkeit dargestellte Welt ( textual actual world ) für die Dauer der Rezeption des Textes als actual world angenommen werden. Gehen wir nach der Theorie der „willing suspension of disbelief“: »willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit«, die Samuel T. Coleridge 1817 aufstellte, ist die Bereitschaft die Fiktionalität einer Geschichte auszublenden ohnehin Voraussetzung für alle Phänomene, die auf dem »Einlassen auf die Geschichte« basieren. Schreiben wir der textual actual world (TAW) den Realitätsgehalt unserer actual world zu, so bildet die TAW innerhalb des narrativen Textes einen Maßstab für den Wirklichkeitsgehalt von fiktionalen Aussagen und Handlungen in eben diesem Text. „Fiktionale Aussagen können daher im Rahmen einer literarischen Theorie möglicher Welten in bezug [sic] auf verschiedene Referenzwelten auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden.“11 Darüber hinaus ermöglicht die PWT die Analyse von intrafiktionaler Rede in narrativen Texten. Der Wirklichkeitsgehalt der intrafiktionalen Rede kann an der Modallogik der textual actual world festgemacht werden. So können beispielsweise Wunschvorstellungen oder Illusionen von Figuren in der TAW als fiktional erkannt werden. Es ist dennoch nicht immer einfach den Wahrheitsgehalt von fiktionalen Aussagen zu ermitteln, insbesondere wenn sich verschiedene narrative Instanzen widersprechen. Hier bringt Surkamp den Vorschlag von Dolezel ein, die semantisch ausgerichtete PWT mit Texttheorien zu verbinden. Die Vermittlungsinstanzen werden dabei nach ihrem Grad der Authentizität hierarchisch voneinander unterschieden.

Innerhalb der PTW nennt Dolezel diese Technik „authentication“. Bei der authentication werden ganz nach narrativen Konventionen Erzählertypen unterschieden, denen einen unterschiedlicher Grad an Zuverlässigkeit zugeschrieben wird. Dem auktorialen Erzähler wird in der PWT ein hoher Stellenwert zugeschrieben. Seine Aussagen beschreiben die TAW zuverlässig. So kann der Rezipient erschließen was sich auf der Ebene der Figur in Wirklichkeit ereignet hat, auch wenn die Figur in ihrer Figurenrede eine abweichende Erfahrung beschreibt . „Äußerungen in der Erzählerrede [beschreiben] die tatsächliche Welt […], während Figuren – z.B. durch ihre Wunschvorstellungen, Träume oder Hypothesen – bloß mögliche Welten des textuellen Modalsystems entwerfen.“12

Trotz der weitreichenden Erklärungsmöglichkeiten der PWT im Bereich der Semantik bleiben Fragen zur textuellen Wirklichkeit (TAW) unbeantwortet. Im Gegensatz zur PWT in der Philosophie sind in der Narratologie die möglichen Welten nie ontologisch vollständig. Das Problem der ontologischen Unvollständigkeit kann in keinem narrativen Texten gänzlich gelöst werden. Gehen wir wie Ryan davon aus, dass der Leser die Unvollständigkeit der TAW nach dem Vorbild der eigenen Lebenswelt ergänzt, so wirft dies wiederum ein anderes Problem auf. Jeder Rezipient hat einen persönlichen Bezugsrahmen, mit dem er die TAW ergänzt. Es entstehen verschiedene Rekonstruktionen der TAW. Dieses Problem kann mit der PWT als Methode in der Narratologie in Anwendung auf Erzähltexte nicht gelöst werden . Auch ist in „möglichen Welten“ im literarischen Sinne die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Aussagen nicht immer eindeutig zu beantworten, da in einigen Textarten wie dem „nouveau roman“ modallogische Widersprüche in der TAW vorhanden sind. Somit hält Carola Surkamp am Ende des Kapitels fest, dass „Konzepte der PWT mit erzähltheoretischen Kategorien verbunden werden müssen, damit die ursprüngliche philosophische Theorie der möglichen Welten fruchtbar auf narrative Texte angewendet werden kann.“13

Als nächstes beschreibt die Autorin den Beitrag der PWT zur Gattungstheorie. Ihrer Meinung nach können mit der PWT in narrativen Texten dargestellte Wirklichkeiten in verschiedene Arten von narrativen Welten eingeordnet werden. Im Mittelpunkt hierbei steht die Erweiterung des Begriffs der Zugänglichkeit zu möglichen Welten ( accessibility ). Für Doreen Maître sind die Einhaltung unserer physikalischen Gesetze und die materielle Kausalität Grundlage für das Konzept der accessibility. Weitergehend stellt Maître vier Typen von narrativen Welten auf. Die Erste ist unserer außertextuellen Welt am nächsten da sie faktische historische Daten beinhaltet. Der zweite Typus nach Maître behandelt Fakten und Daten, die real seien könnten. Bei der Dritten treten Fakten auf die möglich seien könnten sowie Fakten, die unmöglich sind. Die letzte Kategorie beinhaltet mögliche Welten, in denen nur Fakten existieren, die in der außertextuellen Wirklichkeit unmöglich sind.

Ryan beachtet im Gegensatz zu Maître mehr Kriterien, die die außertextuelle Wirklichkeit von der TAW abgrenzen. Marie-Laure Ryan bezieht „auch die Kompatibilität des Inventars sowie Faktoren der chronologischen, taxonomischen, analytischen, linguistischen, historischen, sozio-ökonomischen und kategorialen Kompatibilität ein.“14 Durch diesen Kriterienkatalog kann sie eine graduelle Skalierung von Genreklassifizierung vornehmen. Die Welten werden an der Anzahl der Zugangsrelationen der oben genannten Kompatibilitäten gemessen. Je mehr sie erfüllen, desto realitätsnäher ist die TAW. Felix Martinez-Bonati schlägt vor, narrative Welten nach internen Konfigurationen zu klassifizieren. Diese Unterteilung wendet er bei Texten an, die in unterschiedliche Sphären aufgeteilt sind. Ihm nach stehen die verschiedenen Sphären entweder homogen oder heterogen zueinander.

Einen besonderen Beitrag zur Narratologie leistet die PWT, wenn es darum geht, die TAW von ihren möglichen alternativen Welten innerhalb des Textes zu unterscheiden. Die verschiedenen Welten des Textes werden als ein einheitliches Erzähluniversum angesehen. Dem Universum gehören zwei Hauptkategorien von Handlungsebenen an, bei der die eine Handlungsebene eine absolute Existenz aufweist (TAW) und die anderen durch mentale Aktivitäten von Figuren erschaffen werden. So lässt sich ein Handlungsplot konstruieren, der zwischen möglichen und unmöglichen Situationen unterscheidet, jedoch die Abhandlung des Textes als Ganzes wieder gibt. Um die kognitiven Vorgänge der Figuren noch präziser in ihr semantisches Plotmodell einzuordnen, unterscheidet Ryan die intrafiguralen possible worlds (alternative possible worlds ) in 5 verschiedene Welttypen. Die K (knowledge)-world umfasst das Wissen und die Fähigkeiten einer Figur.15 Die W (wish)-world besteht aus den Wünschen und Bedürfnissen, während die O (obligation)-world die verinnerlichten Pflichten und Konventionen bezeichnet. Die Intentionen und Pläne bilden die I (intention)-world. Den letzten wichtigen Welttypus in einer Figur stellen Phantasieuniversen (f-universes) da.16 Sie entstehen durch Träume, Fantasien, Halluzinationen oder Fiktionen einer Figur in der TAW und eröffnen ein neues Erzähluniversum. Nach Ryans Plottheorie muss man das Zusammenspiel aller verschiedenen möglichen Welten als einen Wettstreit um die TAW verstehen. Jede Figurenwelt möchte die Dominante in einer Figur sein, jede Figurendomäne möchte ihre Interessen in der TAW durchsetzen. Genau von diesen Konflikten lebt ein narrativer Text. Der Text erlangt eine „ tellability“, er wird also „erzählbar gemacht“ und ansprechender für den Leser. Möchte man die PWT auf die Figurendarstellung anwenden, so ergeben sich neue, in der strukturalistischen Narratologie unbeachtete Analysemöglichkeiten. Grundlegend dafür ist, dass im Modell möglicher Welten Figuren als fiktional konstruierte, nicht aktualisierte Individuen angesehen werden. Die Reduktion von Figuren als reine Handlungsträger, wie sie innerhalb der strukturalistischen Narratologie stattfindet, wird durch die Vorstellung einer virtuellen Identität abgelöst.

Die aus W-, K-, I- und O-worlds bestehende Figurendomäne wirkt der semantischen Entleerung von Figuren entgegen und macht sie zu einem inhaltlichen Bestandteil von Erzähltexten. Der Leser kann dieser virtuellen Person viel einfacher Empathie entgegenbringen, was die Qualität des Leseerlebnisses steigert. Einen weiteren Vorteil der Figurendarstellung in der PWT stellt die Tatsache dar, dass literarische Figuren mit Charakter, gelöst von ihrem ursprünglichen Text, auch in anderen Erzähluniversen auftreten können, da sie eigene Ziele, Wünsche, Bedürfnisse und Konvention haben. Auch zum multiperspektivischen Erzählen leistet die PWT unter Einbeziehung dem Konzept der Figuren- und Erzählerdomäne und dem Konzept „möglicher Welten“ einen Beitrag. „Nicht die Struktur der erzählerischen Vermittlung steht bei Ryan im Vordergrund, sondern das sich aus dem Wissen, dem Informationsstand, den Werten, Normen, Wünschen und Intentionen einer literarischen Instanz zusammensetzende individuelle Wirklichkeitsmodell.“ 17 Aus diesem Grund können auch die konzeptuell-ideologischen Standpunkte von Erzählern und Figuren in der narrativen Multiperspektivität untersucht werden. Ryan gesteht den Bewohnern von möglichen Welten, beispielsweise den Romanfiguren, eine geistige Eigenständigkeit zu. In der PWT sagt sie, haben die Bewohner von fiktionalen Universen dieselbe Fähigkeit durch mentale Operationen possible worlds zu manipulieren. So kann in einem narrativen Text ein Geschehnis durch Auffächerung in verschiedene erzählte Welten konstruiert werden. Je nach Perspektiventräger wird ein Ereignis anders dargestellt, so wie auch Menschen unterschiedliche Sichtweisen und Interpretationen haben können. Auf der Grundlage des Konzepts der Modalität können diese Sichtweisen von Erzählern und Figuren in einem Verhältnis zueinander gestellt werden. Auch in dieser Frage kann Ryans Skalierungsmethode der Gattungstheorie helfen die Relationen von differierenden Erzählperspektiven zu beschreiben. Dabei werden die möglichen Einzelwelten mit ihrer TAW verglichen. Bei einem gleichwertigen Nebeneinander von Wirklichkeitsansichten spricht Ryan von einer Pluralität der Weltauslegung, liegt jedoch die eine Weltauslegung näher an der TAW als eine andere, so bezeichnen wir Dies als Hierarchisierung. Auch zwischen den verschiedenen Figurenwelten können Spannungen herrschen. Ein bekanntes Beispiel stellt der Innere Konflikt dar, der sehr deutlich in inneren Monologen ausgedrückt werden kann.

Das letzte Anwendungsgebiet, auf welches Surkamp die PWT bezieht, sind die Poetiken des Postmodernismus. Trotz ihrer umstrittenen Erklärungskraft bei Postmodernen Texten meint Ryan einen Lösungsweg des Problems gefunden zu haben: Wie im Postmodernismus, indem es eine Vielzahl miteinander konkurrierender Versionen der Wirklichkeit gibt, müsse die TAW in der PWT ihren alleinigen Anspruch auf die textuelle Wirklichkeit auch abtreten und Platz für verschiedene TAWs einräumen. So kann zwar kein Zentrum im Sinne einer TAW ausgemacht werden, doch eine Anordnung in die Modalstruktur von Erzähluniversen (Abb. 1) ist möglich.

Abschließend bewertet Surkamp die PWT als große Bereicherung für die Narratologie und sieht ihre Anwendung als einen Schritt in „Richtung einer interdisziplinär ausgerichteten Erzähltheorie“18.

Mit der Ausrichtung der Narratologie an der PWT sei die Abkehr von rein textimmanenten, strukturalistischen Formanalysen möglich. Die Sinndimension von Erzähltexten rückt in den Mittelpunkt, doch müssen dazu Kategorien zur Beschreibung der Semantik von Erzählstrukturen bereitgestellt werden. Surkamp resümiert, dass sie lediglich Ansätze für Konzepte und Modelle zur semantischen Analyse geliefert habe. Es sei wichtig das Potential der PWT weiter zu fördern, indem feststehende Skalen, Modelle und Theorien weiterentwickelt werden.

Experiment: Ein szenischer Anwendungsversuch der Possible-Worlds Theory auf den Science-Fiction-Heist-Film Inception

An den Beginn dieses Kapitels möchte ich eine knappe Inhaltsangabe des Filmes Inception stellen. Diese ist jedoch kein ausreichender Ersatz für die Rezeption von Inception. Ein wiederholtes Anschauen ist die Voraussetzung, um diesen Anwendungsversuch nachvollziehen zu können. Die Inhaltsangabe soll dem Leser in erster Instanz den Zugang zum Film erleichtern. Bedeutender ist jedoch den Leser für die Anwendung der PWT im Hinblick auf den Spielfilm zu sensibilisieren. Deshalb liegt der Fokus meiner Zusammenfassung auf den Sachverhalten, auf die sich Surkamps Konzepte der PWT anwenden lassen.

Die Handlung des Films spielt in mindestens zwölf verschiedenen möglichen Welten. In der als Realität dargestellten Welt gelten Modalgesetze, wie auch physikalische Gesetze. Allerdings ist es in dieser Welt möglich mit einem vom US-Militär entwickeltem Verfahren, das sich Traum-Sharing nennt, bewusst zu Träumen und auch an den Träumen anderer Personen teilzuhaben. Die Hauptfigur Dominick Cobb und seine Frau Mal haben das Konzept des Traum-Sharings im Selbstversuch erforscht. Bei ihren Studien entdeckten sie, dass es beim Traum-Sharings möglich ist einen Traum in einem Traum zu haben. Sie gehen immer tiefer in weitere Träume und damit immer tiefer in ihr Unterbewusstsein. Was die Beiden zu dem Zeitpunkt noch nicht verstanden haben ist, dass die Zeit für den Träumenden erheblich langsamer vergeht. Je mehr Traumebenen ein Traum hat, umso langsamer vergeht die Zeit in der Realität. So kommt es, dass Cobb und Mal Jahrzehnte in ihrem Traum erleben. Schließlich verliert Mal ihr Bewusstsein für die Realität und hält ihren Traum für real. Cobb sieht sich gezwungen ihr einen Gedanken einzupflanzen (Inception), um sie dazu zu bewegen aufwachen zu wollen. Cobb:

Wir hatten uns hier [Limbus H.S.] verloren. Ich wusste, dass wir ausbrechen mussten, aber sie wollte es nicht akzeptieren. Sie hatte etwas weggesperrt, etwas… etwas tief in ihr, eine Wahrheit die sie einmal gekannt, aber mit Absicht vergessen hatte und sie konnte sich nicht befreien, da beschloss ich danach zu suchen. Ich ging tief in den hintersten Winkel ihres Verstands und fand den geheimen Ort. Ich brach ein und pflanzte einen Gedanken, einen einfach kleinen Gedanken, der alles verändern sollte: Dass ihre Welt nicht real ist.“

Mal: „Dass der Tot der einzig mögliche Ausweg ist.“ 19

[...]


1 Vgl.: Heist-Film: http://www.ukessays.com/essays/film-studies/the-heist-sub-genre-film-studies-essay.php 05.03.2015, 15:30 Uhr: Filmgenre, welches sich mit der Planung, Vorbereitung und Durchführung eines spektakulären Diebstahls befasst. Die Handlung wird aus der Sicht der Räuber dargestellt. Als bekanntes Beispiel dient die Ocean‘s-Triologie von Regisseur Steven Sonderbergh. Gefunden auf www.ukessays.com The Heist Sub Genre Film Studies Essay.

2 Christopher Nolan. Inception. Regisseur: Christopher Nolan. Drehbuch: Christopher Nolan. Produktionsland (USA, UK): Warner Bros., Legendary Pictures. 2010. DVD/Specials/Inception: wie alles begann.

3 Carola Surkamp „Narratologie und possible-worlds theory: Narrative Texte als alternative Welten.“ In: Ansgar & Vera Nünning (Hrsg.). Neue Ansätze in der Erzähltheorie. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2002. 153-183

4 Vgl.: Surkamp, Carola. S.180

5 Surkamp, Carola. S. 178

6 Surkamp, Carola. S.154

7 Vgl. ebd. S. 154

8 Vgl. ebd. S. 154

9 Vgl. ebd. S.154

10 Vgl. ebd. S. 168

11 Vgl. ebd. S. 158

12 Ebd. S.161

13 Ebd. S.165

14 Surkamp, S.166

15 Abb. 1: Modalstruktur von Erzähluniversen (Gutenberg 2000: 50) mit eingefügten Anmerkungen in rot.

16 Surkamp, S.171

17 Surkamp, S.175

18 Surkamp, S.180

19 Inception. R.: Christopher Nolan. (USA, UK) 2010. TC: 1:59:44 – 2:00:40

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Possible-Worlds-Theory. Anwendung auf den Science-Fiction-Heist-Film Inception
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Professur für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)
Note
1,3
Jahr
2015
Seiten
25
Katalognummer
V1142409
ISBN (eBook)
9783346518439
ISBN (Buch)
9783346518446
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Narratologie, Inception, Filmanalyse, Christopher Nolan, Possible Worlds Theory
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Die Possible-Worlds-Theory. Anwendung auf den Science-Fiction-Heist-Film Inception, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1142409

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