Als 1977 das kaum mehr als fünfzig Seiten umfassende Buch Oublier Foucault erscheint, wischt Foucault es mit einer souveränen Geste beiseite: „Mein Problem wäre es wohl eher, mich Baudrillards zu erinnern.“1 Er steht zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt seiner Karriere, und der Gedanke liegt nahe, dass Baudrillard lediglich darauf aus ist, vom Verkaufserfolg des ein Jahr zuvor erschienen Foucault-Buches Der Wille zum Wissen zu profitieren. Baudrillards offensichtliche Kritik ist aber mehr als die Fahrt auf dem Trittbrett eines berühmten Denkers. In ihrer provokanten Art repräsentiert sie zum einen den Beginn einer intellektuellen Krise Foucaults. Keines der fünf geplanten Folgebände von Der Wille zum Wissen wird je erscheinen. Zum andern ist sie eine scharfsinnige Auseinandersetzung mit dessen neuartigem Machtmodell. Baudrillard weist an entscheidenden Stellen auf Schwächen der so akribischen Analytik Foucaults hin und setzt ihr – zumindest in Ansätzen – eine alternative Konzeption von Macht und Sexualität entgegen. Es wird in dieser Arbeit versucht, zunächst in groben Zügen in Foucaults Machtanalyse einzuleiten. Daraufhin soll Baudrillards Kritik nachgezeichnet werden, was es nötig macht, in
ebenso groben Zügen in Teile seines Denkens einzuführen. Dies wird in einem ständigen Hin und Her zwischen Kritik und Gegenentwurf geschehen, was insofern zu rechtfertigen wäre, als es Baudrillards eigenem Vorgehen entspricht. Insbesondere wird in seine vom Trugbild dominierte Zeichentheorie eingeführt, um verständlich zu machen, wieso seine Kritik stets auf einen ontologischen Zweifel hinausläuft. Zudem wird auf die Gegenkonzeption, die er unter den Begriffen der Verführung und der Herausforderung zusammenfasst, eingegangen werden. Am Ende sollen sich zwei theoretische Modelle gegenüberstehen, deren Stärken und Schwächen schon im Verlauf der Arbeit gegeneinander abgewogen worden sind und die abschließend noch einmal auf ihre Plausibilität und Konvergenz hin geprüft werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Macht und Sexualität
2.1 Wissen
2.2 Macht
2.3 Sexualität
3 Sexualität und Produktion
3.1 Die Repressionshypothese
3.2 Es gab nie wirklich Sexualität
3.3 Die Ordnung der Simulakren
4 Produktion und Verführung
4.1 Wahrheit und Sexualität wurden produziert
4.2 Sexualität wird vorgeführt
4.3 Die Alternative der Verführung
5 Verführung und Macht
5.1 Verführung ist stärker als Macht
5.2 Die Frage nach dem Widerstand
5.3 Das Ende der Macht
6 Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die kritische Auseinandersetzung Jean Baudrillards mit Michel Foucaults machtanalytischen Konzepten, insbesondere im Kontext von Sexualität und Produktion. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie Baudrillard Foucaults Modell herausfordert und durch seine eigenen Theorien der Verführung und des Simulakrums zu ergänzen oder zu konterkarieren sucht.
- Vergleich der Machtkonzepte von Foucault und Baudrillard
- Analyse der Rolle von Sexualität als Wissens- und Machtinstrument
- Untersuchung von Baudrillards Konzepten der Simulation und der Ordnung der Simulakren
- Diskussion des Widerstandsbegriffs in einer medial dominierten Gesellschaft
- Gegenüberstellung von Produktion und Verführung als theoretische Modelle
Auszug aus dem Buch
3.3 Die Ordnung der Simulakren
Das Trugbild ist das Geheimnis der agonalen Zeichentheorie Baudrillards. Aus der verschmähten Randfigur der Platonischen Ideenlehre macht er einen zentralen Ordnungsbegriff. In Der symbolische Tausch und der Tod (1976) schreibt er die Geschichte des Simulakrums, die in die Epochen Imitation, Produktion und Simulation eingeteilt ist. Seit der Renaissance vollzieht sich innerhalb dieses dreistufigen Ordnungsschemas ein Prozess der ungebremsten Zeichenvermehrung. Die zentrale Beobachtung Baudrillards ist es, dass das alte Zeichenmodell Saussures von Zeichen (signifiant) und Bezeichnetem (signifié) ausgedient hat. Ausdruck und Zeichen haben sich von Bedeutung und Gegenstand gelöst und bilden nur noch ein syntaktisches System von Relationen.
Die Signifikation geht schon seit längerem über die einfache Naturnachahmung hinaus. Der Stuck des Barock ermöglicht eine universelle Semiotik auf der Grundlage einer einzigen Substanz. Mit den gespiegelten Flügeln des Stuckengels beginnt das Zeichensystem in die Ära der Selbstreferenzialität zu kippen. Die Maschinen und Roboter der industriellen Revolution lassen es zu enormer Produktionsleistungen auflaufen. Das System der industriellen (Re)Produktion hebt die Unterscheidung von Realität und Erscheinung auf. Es schafft eine „Realität ohne Bild“ oder – die Umkehrung ist legitim – ein Bild ohne Realität. In dem Maße, wie die Produktion sich selbst produziert, beziehen sich die Zeichen nur noch auf sich selbst. Das meint Baudrillard mit der „Auflösung der Produktion im Code.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die kritische Auseinandersetzung Baudrillards mit Foucaults Werk Oublier Foucault vor und umreißt die methodische Herangehensweise der Arbeit.
2 Macht und Sexualität: Dieses Kapitel führt in Foucaults Machtanalyse ein, wobei der Fokus auf der engen Verschränkung von Wissen, Machtdispositiven und der Steuerung des Körpers liegt.
3 Sexualität und Produktion: Hier wird Foucaults Repressionshypothese kritisch beleuchtet und Baudrillards Gegenentwurf durch die Theorie der Simulakren eingeführt.
4 Produktion und Verführung: Dieses Kapitel vergleicht die unterschiedlichen Zeichenbegriffe der Autoren und stellt der modernen Produktion von Wahrheit die Alternative der Verführung gegenüber.
5 Verführung und Macht: Es wird untersucht, warum Baudrillard die Verführung als stärkere, symbolische Kraft gegenüber der Macht betrachtet und wie die Problematik des Widerstands in beiden Theorien behandelt wird.
6 Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung resümiert die Gegenüberstellung der beiden Theoriegebäude und konstatiert eine gemeinsame Problematik in Bezug auf die Diskurse über Sexualität und Macht.
Schlüsselwörter
Michel Foucault, Jean Baudrillard, Macht, Sexualität, Verführung, Simulation, Simulakrum, Produktion, Dispositiv, Bio-Macht, Widerstand, Zeichen, Hyperrealität, Oublier Foucault, Der Wille zum Wissen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretische Auseinandersetzung von Jean Baudrillard mit Michel Foucaults Analytik der Macht, insbesondere mit Blick auf deren jeweilige Konzepte von Sexualität und gesellschaftlicher Ordnung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören Machttheorie, Sexualitätsgeschichte, Zeichentheorie, die Rolle des Simulakrums und die Frage nach Möglichkeiten des Widerstands.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Stärken und Schwächen von Foucaults Machtanalyse im Licht von Baudrillards Kritik an der "Ordnung des Realen" und seiner Theorie der Verführung zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse, bei der die Theorien der Autoren in einem kontinuierlichen Hin-und-Her zwischen Kritik und Gegenentwurf aufeinander bezogen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Verschiebung von Machtmodellen bei Foucault, Baudrillards Radikalkritik am Konzept der Produktion und die Einführung der "Logik der Verführung" als Gegenkategorie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Macht, Sexualität, Verführung, Simulakrum, Bio-Macht, Produktion, Zeichen, Widerstand und Hyperrealität.
Wie bewertet der Autor Baudrillards Kritik an Foucault?
Der Autor ordnet Baudrillards Kritik als scharfsinnig ein, merkt aber an, dass Baudrillard es vermeidet, sich direkt auf Foucaults analytische Ebene zu begeben, und stattdessen eigene, hermetischere Konzepte entwirft.
Zu welchem Fazit kommt der Autor bezüglich der praktischen Anwendbarkeit der Widerstandstheorien?
Der Autor stellt fest, dass sowohl Baudrillards Verführung als auch Foucaults alternative Ökonomie der Lüste vor theorieimmanenten Schwierigkeiten stehen, die ein konsequentes Handeln oder Schreiben darüber fast unmöglich machen.
- Citation du texte
- Axel Schubert (Auteur), 2003, Das Ende der Macht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114285