Ein erster Ansatz, um sich definitorisch prekärer Arbeit bzw. prekären Beschäftigungsverhältnissen anzunähern, kann rein formal in einer negativen Abgrenzung zum klassischen Normalarbeitsverhältnis (NAV) vorgenommen werden. Die Referenzkategorie NAV ist sozialversicherungspflichtig, unbefristet und gewährleistet durch Arbeit in Vollzeit ein existenzsicherndes Einkommen.
Im Umkehrschluss ist demnach prekäre Arbeit in aller Regel dann anzunehmen,
wenn das Entgelt deutlich unter dem Durchschnittseinkommen liegt und nicht mehr
allein den Lebensunterhalt des Arbeitnehmers sichert, eine geringe Arbeitsplatzsicherheit besteht und somit keine zuverlässige Zukunftsplanung mehr für den Einzelnen möglich ist, Arbeitnehmerschutzrechte reduziert sind und reduzierte oder nicht vorhandene Sozialversicherungspflicht gegeben ist.
Ausgehend von dieser Negativ-Definition lassen sich nun Kernformen prekärer Arbeit, wie befristete, Teilzeit- und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse sowie Leiharbeitsverhältnisse, identifizierten. Diese Formen prekärer Arbeit weisen die soeben aufgeführten Kriterien in einem sehr unterschiedlichen Ausmaß auf.
Der gerade gewählte Definitionsansatz ist jedoch nicht ganz so stringent einzuhalten, denn nicht jede vom NAV abweichende Arbeit ist auch prekär bzw. nicht jeder Arbeitnehmer in den soeben genannten Beschäftigungsformen befindet sich in eine prekären Lebenssituation.
Der Prekaritätsgrad eines Beschäftigungsverhältnisses korreliert sehr stark mit der Ausübungsdauer der Tätigkeit. Wird beispielsweise ein nur kurzzeitig ausgeübtes befristetes Beschäftigungsverhältnis entfristet oder dient Leiharbeit als Brücke aus der Arbeitslosigkeit in ein Normalarbeitsverhältnis, bleibt der Prekaritätsgrad marginal.
Auch spielt die Freiwilligkeit der Wahl einer bestimmten Beschäftigungsform eine
Rolle. Möglich ist, dass Beschäftigte aus familiären Gründen phasenweise eine Teilzeitbeschäftigung ausüben oder zur beruflichen Orientierung eine befristete Tätigkeit ausgeübt wird.
Gliederung
1. Einleitung
1.1. Definition und Arten prekärer Arbeit bzw. Beschäftigungsformen
1.2. Entwicklung prekärer Arbeit bzw. Beschäftigungsformen
1.3. Geschlechtsspezifische Verteilung prekärer Arbeit
1.4. Berufs-/Branchenspezifische Verteilung prekärer Arbeit
2. Arbeits- und Umgebungsbelastung prekärer Beschäftigungsformen und deren Auswirkungen auf die gesundheitliche Konstitution
2.1. Physische Arbeits- und Umgebungsbelastungen
2.2. Psychische Arbeits-, Umgebungsbelastungen und Anforderungen
2.3. Auswirkungen auf die gesundheitliche Ressourcen prekär Beschäftigter
3. Rechtliche Rahmenbedingungen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes
3.1. EU-Arbeitsschutzrichtlinien
3.2. Arbeitschutzgesetz und duales Arbeitsschutzsystem in der BRD
3.3. Weitere Gesetze zur Umsetzung in diesem Zusammenhang (z.B. Arbeitnehmerüberlassungsgesetz / AÜG)
4. Arbeits- und Gesundheitsschutz in der Praxis
4.1. Umsetzung in der betrieblichen Praxis bei befristet Beschäftigten
4.2. Umsetzung in der betrieblichen Praxis bei Teilzeit- u. geringfügig Beschäftigten
4.3. Umsetzung in der betrieblichen Praxis bei Leiharbeitnehmern
5. Lösungsansätze/-möglichkeiten zu einer besseren Umsetzung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes
5.1. Gemeinsame deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA)
5.2 Kampagnen und Initiativen im Bereich der Leiharbeit / Arbeitnehmerüberlassung
5.2.1 Kampagnen der IG-Metall
5.2.2 Initiativen der Arbeitsgeberverbände im Personaldienstleistungsbereich zur Erhöhung des fachlichen Standards des internen Personals
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Problematik des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Das primäre Ziel besteht darin, die rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die gelebte Arbeitspraxis zu analysieren, um aufzuzeigen, inwieweit prekär Beschäftigte – insbesondere Leiharbeitnehmer – gegenüber dem Normalarbeitsverhältnis benachteiligt sind und welche gesundheitlichen Belastungen daraus resultieren.
- Definition und Ausbreitung atypischer Beschäftigungsverhältnisse
- Analyse physischer und psychischer Arbeitsbelastungen bei prekärer Beschäftigung
- Evaluation der rechtlichen Grundlagen des Arbeitsschutzes in Deutschland
- Betriebliche Umsetzung von Arbeitsschutzmaßnahmen in der Praxis
- Kritische Würdigung aktueller Lösungsansätze und politischer Initiativen
Auszug aus dem Buch
2.3. Auswirkungen auf die gesundheitliche Ressourcen prekär Beschäftigter
Die gesundheitlichen Ressourcen von prekär Beschäftigten sind vielfach von Vornherein schon geschwächt, da überproportional häufig vor Antritt einer prekären Arbeit eine Phase von Arbeitslosigkeit vorgelagert ist. So sind zum Beispiel mehr als 60 Prozent der Leiharbeitnehmer vorher arbeitslos. Eine Vielzahl von Quer- und Längsschnittsstudien belegen, dass Arbeitslosigkeit im Verhältnis zu Erwerbstätigkeit mit einem deutlich höheren Risiko physischer und psychischer Gesundheitsbeeinträchtigungen korreliert. Während der Beschäftigungslosigkeit werden häufig depressiven Verstimmungen und Gefühle der Nutzlosigkeit sowie eine hohe Trägheit bzw. Passivität aufgebaut. Die Betroffenen sind besonders häufig nervös und reizbar, klagen über Schlafstörungen und Gewichtszunahme. In der Schlussfolgerung sind diese Personen insgesamt in ihrer Leistungsfähigkeit stark gemindert.
Die im Folgenden aufgeführten Ergebnisse der BIBB-/BAuA-Erwerbstätigenbefragung sind vor dem Hintergrund der erhöhten Arbeits-, Umgebungsbelastungen und Anforderungen in prekären Arbeitsverhältnissen zu sehen, können jedoch auch auf eine Schwächung der gesundheitlichen Ressourcen der Arbeitnehmer deuten.
So geben zum Beispiel prekär Beschäftigte in der Zeitarbeitsbranche besonders häufig an, folgende gesundheitliche Beschwerden aufzuweisen: 31,5 Prozent berichten von Schmerzen in Armen und Beinen (NZA: 21,8 %), 24,6 Prozent haben häufig Schmerzen in den Knien (NZA: 19,4 %) und 28,9 Prozent Schmerzen in Beinen und Füßen (NZA: 21,7%). Über Müdigkeit, Mattigkeit und Erschöpfung klagen 48,1 Prozent (NZA: 43,3 %) der Leiharbeitnehmer.
Es ist auffallend, dass alle abgefragten Beschwerden unter Leiharbeitnehmern stärker oder mindestens genauso häufig verbreitet waren wie bei allen übrigen Beschäftigten – trotz des jüngeren Altersdurchschnitts und der wesentlich kürzeren Beschäftigungsdauer.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel definiert prekäre Arbeit durch eine negative Abgrenzung zum Normalarbeitsverhältnis und beleuchtet die historische Entwicklung sowie die demografische Verteilung atypischer Beschäftigungsformen.
2. Arbeits- und Umgebungsbelastung prekärer Beschäftigungsformen und deren Auswirkungen auf die gesundheitliche Konstitution: Hier werden die physischen und psychischen Belastungen sowie die daraus resultierenden negativen gesundheitlichen Folgen für prekär Beschäftigte detailliert analysiert.
3. Rechtliche Rahmenbedingungen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes: Dieser Abschnitt gibt einen Überblick über die europäischen Richtlinien sowie das deutsche Arbeitsschutzgesetz und spezifische Regelungen wie das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz.
4. Arbeits- und Gesundheitsschutz in der Praxis: Hier wird untersucht, wie Arbeitsschutz in der betrieblichen Realität bei verschiedenen prekären Beschäftigtengruppen umgesetzt wird und wo spezifische Defizite bestehen.
5. Lösungsansätze/-möglichkeiten zu einer besseren Umsetzung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes: Dieses Kapitel stellt aktuelle Strategien, wie die Gemeinsame deutsche Arbeitsschutzstrategie, sowie gewerkschaftliche und arbeitgeberseitige Initiativen vor.
6. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass prekär Beschäftigte einen besonderen Schutz benötigen und die bisherigen Maßnahmen hinter den tatsächlichen Notwendigkeiten zurückbleiben.
Schlüsselwörter
Prekäre Arbeit, Normalarbeitsverhältnis, Leiharbeit, Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz, Arbeitsplatzunsicherheit, Atypische Beschäftigung, Betriebliche Praxis, Arbeitnehmerüberlassung, Arbeitsbelastung, Psychische Belastung, Prävention, Arbeitsschutzgesetz, Gesundheitsressourcen, Arbeitsmarktpolitik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Hausarbeit befasst sich mit der Situation des Arbeits- und Gesundheitsschutzes von Arbeitnehmern in prekären Beschäftigungsverhältnissen in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Definition prekärer Beschäftigung, die Analyse der spezifischen Arbeitsbelastungen, die rechtliche Einordnung sowie die betriebliche Umsetzung des Arbeitsschutzes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen den rechtlichen Anforderungen an den Arbeitsschutz und der gelebten Realität in prekären Arbeitsverhältnissen aufzuzeigen und Lösungsansätze zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie der Auswertung empirischer Daten von Institutionen wie dem BIBB, der BAuA und dem Statistischen Bundesamt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl die physischen und psychischen Belastungssituationen der Beschäftigten als auch die rechtlichen Rahmenbedingungen und die Praxis bei verschiedenen Beschäftigungsformen wie Befristung und Leiharbeit dargestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Prekäre Arbeit, Arbeitsschutz, Leiharbeit, Gesundheitsbelastung und Arbeitsplatzunsicherheit charakterisieren.
Warum sind Leiharbeitnehmer laut Arbeit besonders schutzbedürftig?
Leiharbeitnehmer unterliegen häufiger wechselnden und widrigen Arbeitsbedingungen, haben ein höheres Unfallrisiko und sind durch die "Strategie der Anpassung" oft gehemmt, Mängel im Arbeitsschutz zu melden.
Welchen Einfluss hat eine vorangegangene Arbeitslosigkeit auf die Gesundheit?
Die Arbeit zeigt, dass eine Phase der Arbeitslosigkeit häufig mit psychischen Beeinträchtigungen einhergeht, wodurch Beschäftigte bereits mit verminderten gesundheitlichen Ressourcen in ein neues, prekäres Arbeitsverhältnis starten.
Bewertet die Autorin die derzeitigen Lösungsansätze als ausreichend?
Nein, die Autorin bezeichnet die aktuellen Initiativen als "kleine Schritte", die jedoch oberflächlich bleiben und nur ein geringes Potenzial für grundlegende Verbesserungen bieten.
- Citation du texte
- Dipl. Kauffrau Anja Stockrahm (Auteur), 2008, Arbeits- und Gesundheitsschutz in prekärer Arbeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114328