Wie reagierten die Deutschen auf antisemitische Erlasse? Gab es öffentliche Gegenreaktionen? Teilte die Bevölkerung den Antisemitismus des NS?
Der Antisemitismus und das Konzept der völkischen Blut- und Bodenpolitik bildete die Grundlage der nationalsozialistischen Politik. Dies wird in den frühen Parteiprogrammen der 20er, als auch in den späteren Wahlkämpfen und Reden von NS-Funktionären deutlich. Hitler selbst hat sich dabei als Sprecher des Volkes stilisiert, dass er lediglich ausführe, was das deutsche Volk wünsche, dass der ideologische Antisemitismus der NSDAP auf den antisemitischen Wünschen der Bevölkerung basiere. Im Gegensatz dazu behauptete nach dem Krieg die überwiegende Mehrheit der Deutschen, man habe von den Verbrechen an den Juden nichts gewusst, bzw. man habe selbst Juden geschützt und hätte ohnehin nichts tun können. Die Schuld trage die NS-Führung.
Beide konträre Positionen wurden teils von Historikern einbezogen. Entweder wurde die Rolle der NS-Führung betont, die die Vernichtung der Juden fanatisch und im Geheimen vor der Bevölkerung verborgen durchgeführt hätten, ohne Beteiligung der Bevölkerung. Oder es wurde versucht zu zeigen, dass die NS-Ideologie von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung geteilt wurde und die Shoah nicht nur das Werk einer kleinen Clique, sondern der gesamten deutschen Bevölkerung sei. Um diese Einschätzungen einordnen zu können und differenziert zu betrachten, erachte ich es für notwendig, die Stimmung in der deutschen Bevölkerung hinsichtlich antisemitischer Politik zu erfassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Quellenlage
3. Die Jahre 1933-1938
a. Boykott vom 1.April 1933 und das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums
b. Nürnberger Gesetze
4. Novemberpogrome 1938
5. Die Jahre ab 1938
a. Ghettoisierung
b. Kennzeichnungspflicht
c. Deportation
6. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Stimmung und die Reaktionen der deutschen Bevölkerung auf die nationalsozialistische Judenverfolgung im Zeitraum von 1933 bis 1945. Dabei wird der zentralen Forschungsfrage nachgegangen, inwieweit die Bevölkerung den Antisemitismus des NS-Regimes teilte, wie sie auf die antisemitischen Maßnahmen reagierte und ob es öffentlichen Widerstand gab.
- Analyse der Rolle des Antisemitismus als Grundlage der nationalsozialistischen Politik.
- Untersuchung der Reaktionen auf Diskriminierung und gewaltsame Verfolgung.
- Bewertung des Einflusses von Propaganda und der Auswirkung von Terror auf die öffentliche Meinung.
- Betrachtung von Solidaritätsbekundungen und Widerstand im Kontext sozialer Isolierung.
- Kritische Einordnung historischer Quellen, insbesondere der SD-Berichte und Tagebuchaufzeichnungen.
Auszug aus dem Buch
4. Novemberpogrome 1938
Diese vermeintliche zumindest öffentliche Ruhe (es wurden trotzdem weiterhin antisemitische Verordnungen erlassen) wurde im Verlaufe des Jahres 1938 zunehmend brüchig. Einhergehend mit der Sudetenkrise und eines befürchteten Kriegsausbruchs versuchte man die Juden als Sündenböcke darzustellen und die Bevölkerung gegen sie aufzuhetzen. Das Attentat auf Ernst von Rath am 7.November 1938 lieferte dem NS-Regime schließlich den Vorwand diese Gewalt in ein Pogrom münden zu lassen. Der Versuch judikativ gegen Juden vorzugehen wurde nun endgültig durch das Programm der fanatischen Gewalt abgelöst.
Etwa 400 Menschen wurden umgebracht oder in den Suizid getrieben, 30.000 in KZs deportiert, von denen hunderte an den Lagerbedingungen starben. 1400 Synagogen und tausende Geschäfte wurden zerstört. Neben den wirtschaftlichen Schäden, die Juden erleiden mussten und den zusätzlichen Entschädigungszahlungen, die sie für die Zerstörungen aufbringen musste, wurde außerdem so klar wie noch nicht bis dahin formuliert, dass sie in Deutschland nicht nur sozial isoliert werden, sondern auch um ihr Leben fürchten müssen. In der Folge stiegen die Emigrationszahlen 1938 und 1939 auf insgesamt 118.000, mehr als in den Jahren vorher zusammen. Das Ziel Juden zur Emigration zu zwingen wurde also erreicht, wenn auch bedacht wurde, dass die Schadensersatzpflicht dem eher hinderlich sein könnte, ebenso ihre gesellschaftliche Isolierung. Die Juden seien „aus allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens [ausgeschaltet], sodass den Juden zur Sicherung ihrer Existenz nur die Auswanderung bleibt“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Antisemitismus als Kern der NS-Ideologie ein und stellt die Frage nach der Haltung der deutschen Bevölkerung zur Judenverfolgung.
2. Quellenlage: Es werden die für die Arbeit zentralen Quellen, insbesondere die Berichte des Sicherheitsdienstes (SD) der SS, in ihrer Aussagekraft und methodischen Begrenzung kritisch analysiert.
3. Die Jahre 1933-1938: Dieses Kapitel behandelt die frühen Phasen der Diskriminierung, einschließlich der Boykottmaßnahmen und der Nürnberger Gesetze, sowie die begrenzten Reaktionen der Bevölkerung.
4. Novemberpogrome 1938: Hier wird der Übergang von judikativer Diskriminierung zu organisierter, fanatischer Gewalt während der Pogrome sowie deren Wirkung auf die Bevölkerung beschrieben.
5. Die Jahre ab 1938: Dieses Kapitel analysiert die weitere Radikalisierung durch Ghettoisierung, die Einführung der Kennzeichnungspflicht und den Beginn der systematischen Deportationen.
6. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Ergebnisse zusammen: Die Mehrheit der Bevölkerung tolerierte die Verfolgung, verhielt sich apathisch und leistete kaum Widerstand, während das Regime durch Terror und soziale Ausgrenzung jede Solidarität zunehmend unterband.
Schlüsselwörter
Antisemitismus, Nationalsozialismus, Judenverfolgung, Bevölkerungsstimmung, SD-Berichte, Diskriminierung, Novemberpogrome, Ghettoisierung, Kennzeichnungspflicht, Deportation, Solidarität, NS-Ideologie, Widerstand, Shoah, Volksgemeinschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Untersuchung der Einstellung und der Reaktionen der deutschen Bevölkerung gegenüber der antijüdischen Politik und dem Terror des nationalsozialistischen Regimes zwischen 1933 und 1945.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die verschiedenen Stufen der Ausgrenzung, von der wirtschaftlichen Diskriminierung und den Nürnberger Gesetzen über die Novemberpogrome bis hin zur Ghettoisierung und Deportation, jeweils eingebettet in die Analyse der öffentlichen Meinung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu ergründen, ob und in welchem Maße die deutsche Bevölkerung den Antisemitismus des Regimes teilte, wie sie auf die Maßnahmen reagierte und ob es wirksame öffentliche Gegenreaktionen gab.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Analyse von Primär- und Sekundärquellen. Dabei werden insbesondere geheime Lageberichte des Sicherheitsdienstes (SD) sowie Sopade-Berichte kritisch auf ihre Repräsentativität und ideologische Voreingenommenheit hin untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil ist chronologisch gegliedert und behandelt die Phasen der Verfolgung: die frühen Maßnahmen 1933-1938, die Zäsur der Novemberpogrome 1938 sowie die Eskalation ab 1938 mit Ghettoisierung, Kennzeichnung und Deportation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Antisemitismus, Judenverfolgung, Bevölkerungsstimmung, SD-Berichte, Novemberpogrome, Ghettoisierung, Kennzeichnungspflicht, Deportation und Solidarität.
Warum wird die Glaubwürdigkeit der SD-Berichte in der Arbeit hinterfragt?
Die SD-Berichte konnten keine repräsentative Meinung der Bevölkerung abbilden, da die Bevölkerung ihre echte Meinung aufgrund der Unterdrückung nicht äußern konnte. Zudem war der SD ein ideologisch fanatisches Organ, dessen Berichte oft die Wunschvorstellungen der Führung widerspiegelten.
Welche Rolle spielten die Kirchen in Bezug auf die Judenverfolgung?
Die Kirchen waren teilweise eine der wenigen Institutionen, aus deren Umfeld vorsichtiger Widerspruch oder humanistische Solidarität gegenüber den verfolgten Juden geäußert wurde, auch wenn sie sich oft in einem schwierigen Konflikt zwischen Nächstenliebe und staatlicher Repression befanden.
Wie reagierte die Bevölkerung auf die Einführung des gelben Sterns?
Während es keine organisierten öffentlichen Proteste gegen die Kennzeichnungspflicht gab, dokumentiert die Arbeit individuelle Sympathiebekundungen. Gleichzeitig nutzte das Regime drakonische Strafandrohungen, um Solidarität mit Juden als „volksfeindlich“ zu unterdrücken.
- Arbeit zitieren
- Matthias Wagner (Autor:in), 2021, Die Deutschen und der Antisemitismus. Reaktionen der Bevölkerung auf den nationalsozialistischen Terror, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1144222