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Gender Studies zur Frühen Neuzeit - Ein Literaturüberblick

Title: Gender Studies zur Frühen Neuzeit -  Ein Literaturüberblick

Diploma Thesis , 2004 , 143 Pages , Grade: 2,0

Autor:in: Marion Luger (Author)

History of Europe - Middle Ages, Early Modern Age
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Da das Schreiben von Geschichte nicht auf einer tabula rasa erfolgen kann, soll in der vorliegenden Arbeit aufgezeigt werden, inwieweit sich die theoretischen Erkenntnisse, die die Frauen- und Geschlechtergeschichte seit den 1970er-Jahren gewonnen hat, in empirischen Gender Studies zur Frühen Neuzeit widerspiegeln. Zu diesem Zweck wurden rund 150 Untersuchungen zur Frühen Neuzeit aus der vergangenen Dekade zum Vergleich herangezogen. Der Zeitraum, der in diesen Werken behandelt wird, reicht vom Ausgang des Spätmittelalters bis zum Übergang von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft im ausgehenden 18. Jahrhundert.
Um zu untersuchen, inwiefern sich feministische Theoriebildung und empirische Studien zur Frühen Neuzeit wechselseitig beeinflusst haben, werden auf die Themenfelder Lebensverläufe, Arbeit, Religion, Politik, Bildung, Ehe und soziale Sphären die folgenden Fragestellungen angewandt: 1. In welchem Maße haben HistorikerInnen die Dichotomie „männlich-öffentlich“ vs. „weiblich-privat“ und die Theorie von den „komplementären Geschlechtscharakteren“ als gegeben gedacht? 2. Wie wird in den Forschungen das Verhältnis zwischen Norm und Praxis der Geschlechterverhältnisse beschrieben? 3. Inwiefern wird die Kategorie „Geschlecht“ in Relation zu anderen Kategorien gesetzt? 4. Wird die Konstruktion von Geschlechterdifferenzen in der Frühen Neuzeit zum Thema gemacht? 5. Inwieweit haben Gender Studies zur Frühen Neuzeit die Geschichte neu geschrieben?
Die Antworten bieten einen ambivalenten Überblick über den Forschungen implizite Diskursstränge und zeigen Forschungsdesiderate auf.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

Konstruierte Geschichte

Theorie vs. Empirie?

Erkenntnisstränge

Forschungsgegenstände

2. ALTE DICHOTOMIEN UND NEUE PERSPEKTIVEN

„Privatheit“ - „Öffentlichkeit“: eine fragwürdige Dichotomie

Die Relevanz von normativen Debatten

Der „männliche Blick“ im „Zivilrecht“

3. LEBENS(VER)LÄUFE UND LEBENSABSCHNITTE

Zur Bedeutung von „Geschlecht“ und anderen Kategorien

Kinder und Alte, Ledige und Witwe/r

Armut und Geschlecht

4. ARBEIT

Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung

Frauen-Erwerbstätigkeit und ihr Wert

Frauen-Arbeit im handwerklichen Bereich

Welche Arbeit gebührt wem?

5. RELIGION

Religion und Frömmigkeit – eine „weibliche“ Angelegenheit?

Religion und Geschlecht – und sonstige Kategorien

6. POLITIK

„Politik“ im weiteren Sinne

Herrscherinnen: Das Vorrecht des Standes

„Richterinnen“: Praktizierte Konfliktregelung

BürgerInnen und BäuerInnen: Politische Partizipation

Menschen im Aufruhr: Unterschiedlichste Solidaritäten

7. GELEHRSAMKEIT, BILDUNG UND WISSENSCHAFT

Humanistische „Gelehrsamkeit“

Zugang zum Wissen und Erziehungsziele

Der Wert von „Bildung“

Frauen in der Wissenschaft

Wissenschaft und die „Geschlechter-Differenz“

8. EHE

Zur Theorie und Praxis des Ehe-Ideals

Frau oder Mann – Wer „hat die Hosen an“?

Die Bestimmung zur „Ehefrau, Hausfrau und Mutter“

Mutterpflicht – Mutterglück?

9. GETRENNTE WEGE

Zwei Geschlechter – zwei Sphären?

Gemischtgeschlechtliche Geselligkeit

Formen der Geselligkeit und die Rede von „Männlichkeit“-„Weiblichkeit“

Die Theorie von der Geschlechterpolarität und die Frauen

Der Brief als „Medium der Weiblichkeit“

10. RESÜMEE UND AUSBLICK

Rückprojektionen von Geschlechter-Modellen

Bedeutung von Normen und Praktiken

Positionierung der Kategorie „Geschlecht“

Konstruktion der Geschlechter-Differenz

Perspektiven einer neuen Geschichtsschreibung

Zielsetzung und Forschungsfragen

Die Diplomarbeit untersucht anhand eines Literaturüberblicks, inwieweit aktuelle historische Studien zur Frühen Neuzeit die Kategorie „Geschlecht“ als analytisches Instrument nutzen. Dabei wird kritisch hinterfragt, wie Historikerinnen und Historiker mit etablierten Dichotomien wie „öffentlich“ und „privat“ umgehen und inwiefern sie theoretische Konzepte in ihre empirischen Analysen integrieren.

  • Analyse der Transformation und Dekonstruktion vormoderner Geschlechterrollen in der aktuellen Forschung.
  • Untersuchung des Verhältnisses von normativen Diskursen und gelebter sozialer Praxis.
  • Kritische Reflexion der „Geschlechter-Polarität“ als historisches Konstrukt.
  • Erforschung von Handlungsspielräumen und Machtverhältnissen von Frauen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen.
  • Dezentrierung der Kategorie „Geschlecht“ durch Einbeziehung von Faktoren wie Stand, Alter und Religion.

Auszug aus dem Buch

Der „männliche Blick“ im „Zivilrecht“

Wie einige HistorikerInnen festgestellt haben, waren normierende Instanzen, die von Männern dominiert wurden, auch durch deren Perspektive geprägt. Einige dieser normgebenden Instanzen, die beinahe ausschließlich von Männern besetzt und deshalb vom „männliche Blick“ beherrscht gewesen sind, waren in der Frühen Neuzeit die Institutionen des Rechts. Beispielhaft soll dies am „Zivilrecht“ veranschaulicht werden; konkret an der sogenannten „Geschlechtsvormundschaft“. Dabei handelte es sich um ein Rechtsinstitut, das festschrieb, dass Frauen in allen Angelegenheiten, die das Vermögensrecht betrafen, auf den Beistand eines Mannes angewiesen waren. Was aber waren bei der „Geschlechtsvormundschaft“ die Intentionen und Auswirkungen des „männlichen Blicks“?

Geht man mit Merry Wiesner konform, so wurde unter Juristen für eine Beibehaltung der Geschlechtsvormundschaft plädiert, um Ehefrauen in ihrer Verantwortlichkeit einzuschränken. Während die Geschlechtsvormundschaft im Mittelalter für Frauen Schutz implizierte, bescherte sie ihnen, wie Merry Wiesner meint, in der Frühen Neuzeit nur noch Abhängigkeit: Einerseits beschränkte sie nämlich die rechtlichen und die ökonomischen Möglichkeiten verheirateter Frauen, andererseits diente sie als Argument, um Frauen den Zutritt zu offiziellen Ämtern zu verwehren.

Zusammenfassung der Kapitel

1. EINLEITUNG: Grundlegende theoretische Reflexion über das „Machen“ von Geschichte und die methodische Herangehensweise an die Literaturanalyse.

2. ALTE DICHOTOMIEN UND NEUE PERSPEKTI VEN: Kritische Untersuchung der fragwürdigen Trennung von „Privatheit“ und „Öffentlichkeit“ in der frühneuzeitlichen Historiographie.

3. LEBENS(VER)LÄUFE UND LEBENSABSCHNI TTE: Analyse von Lebenszyklen und der Bedeutung von Alter, Armut und Stand für die geschlechtsspezifische Positionierung.

4. ARBEIT: Untersuchung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und der Herausforderungen bei der Bewertung von Lohn- und Hausarbeit.

5. RELIGION: Erörterung der Rolle der Religion als Deutungskultur und der Frage nach der angeblichen „Feminisierung“ religiöser Praktiken.

6. POLITIK: Debatte über den Politikbegriff und die politische Partizipation von Frauen jenseits formeller Ämter.

7. GELEHRSAMKEIT, BILDUNG UND WISSENSCHAFT: Vergleich humanistischer und aufklärerischer Bildungskonzepte sowie deren Auswirkungen auf den Zugang von Frauen zum Wissen.

8. EHE: Analyse der Ehe als zentrale Lebensform und ordnungspolitisches Instrument sowie der Diskrepanz zwischen Ehe-Idealen und gelebter Praxis.

9. GETRENNTE WEGE: Diskussion über die Segregation der Geschlechter in sozialen Sozietäten und die Theorie der Geschlechterpolarität.

10. RESÜMEE UND AUSBLICK: Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse zur geschlechtergeschichtlichen Forschung und Identifizierung zukünftiger Forschungsdesiderate.

Schlüsselwörter

Geschlechtergeschichte, Frühe Neuzeit, Sozialgeschichte, Frauenforschung, Politische Partizipation, Geschlechterpolarität, Norm und Praxis, Arbeitsteilung, Herrschaftsstrukturen, Alltagsgeschichte, Emanzipation, Wissensgeschichte, Historische Anthropologie, Machtverhältnisse.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit bietet einen Literaturüberblick über die Forschung zur Frauen- und Geschlechtergeschichte in der Frühen Neuzeit aus der letzten Dekade vor 2004.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Themenfelder umfassen alte Dichotomien, Lebensverläufe, Arbeit, Religion, Politik, Bildung, Wissenschaft sowie Ehe- und Gesellschaftskonzepte.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, inwieweit Historikerinnen und Historiker theoretische Modelle (vor allem aus dem angloamerikanischen Raum) in ihre Studien einbeziehen und ob sie dabei traditionelle Annahmen kritisch hinterfragen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Autorin stützt sich auf eine vergleichende Analyse von etwa 150 einschlägigen wissenschaftlichen Publikationen zur Frühen Neuzeit.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Fachbereiche, in denen untersucht wird, wie Machtverhältnisse, Normen und Praktiken das Handeln von Frauen und Männern geprägt haben.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zu den wichtigsten Begriffen zählen Geschlechtergeschichte, Norm und Praxis, Arbeitsteilung, Machtverhältnisse und die Dekonstruktion traditioneller Dichotomien.

Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Normen?

Normen werden als Indikatoren für soziale Spannungen verstanden; sie spiegeln nicht zwingend das tatsächliche Verhalten wider, sondern setzen den Rahmen, in dem Frauen und Männer agierten.

Warum wird die „Geschlechtsvormundschaft“ als Beispiel herangezogen?

Sie dient als exemplarisches Rechtsinstitut, um die komplexen, oft widersprüchlichen Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Geschlechtern in der Frühen Neuzeit aufzuzeigen.

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Details

Title
Gender Studies zur Frühen Neuzeit - Ein Literaturüberblick
College
University of Vienna
Grade
2,0
Author
Marion Luger (Author)
Publication Year
2004
Pages
143
Catalog Number
V114529
ISBN (eBook)
9783640145447
ISBN (Book)
9783640146451
Language
German
Tags
Gender Studies Frühen Neuzeit Literaturüberblick Thema Gender
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Marion Luger (Author), 2004, Gender Studies zur Frühen Neuzeit - Ein Literaturüberblick, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114529
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