La "questione meridionale"

Die Nord-Süd-Problematik in der Gegenwart


Seminararbeit, 2000
13 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

A – Einleitung

B – Hauptteil
1. Zum Begriff des „Mezzogiorno“
2. Ursachen der „questione meridionale“
3. Regionale Disparitäten der wirtschaftlichen und sozialen Struktur
4. Die Phasen der Mezzogiorno-Politik nach 1950
5. Aktuelle Entwicklungen und Probleme

C – Zusammenfassung

D – Anmerkungen

E – Anhang

F – Literaturverzeichnis

A – Einleitung

„La questione meridionale (...) ha continuato a condizionare e anche a intossicare la vita del Paese“[1] – so die beiden Schriftsteller und Journalisten Indro Montanelli und Mario Cervi über die italienische Nord-Süd-Problematik.

Was ist jedoch unter der sogenannten „Südfrage“ Italiens zu verstehen? Kann ein präziser Zeitpunkt ihrer Entstehung festgesetzt werden? Worin sind ihre Ursachen zu sehen?

In der vorliegenden Arbeit soll ein Schwerpunkt auf die Darstellung der regionalen Ungleichgewichte in Italien gesetzt werden, der eine Untersuchung zu den seit dem Jahr 1950 seitens der Politik ergriffenen Maßnahmen, eingeleitet durch die Gründung der „Cassa per il Mezzogiorno“, zum Abbau des Nord-Süd-Gefälles folgen soll.

Auf die eigentlichen geschichtlichen Ursprünge des Problems, mit der Gründung des italienischen Nationalstaates 1861/1870, und die zu diesem Zeitpunkt aufgrund unzureichender Kenntnisse begangenen Fehleinschätzungen der Lage des Südens, kann im Rahmen dieser Abhandlung nicht eingegangen werden. Der voreilige Anschluß des Südens der Penisola, ohne vorausgehende Befragung der südlichen Bevölkerung, sowie die in der Folge zunehmende Anhäufung politischer Versäumnisse, die mit der Zeit des Faschismus – der in der „questione meridionale“ kein zentrales Problem sah[2] – in eine gänzliche Ignorierung der bestehenden Tatsachen mündet, trugen gleichermaßen zu einer äußerst schwierigen Lage bei, der es schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg zu entgegnen galt.

Nach einer Abgrenzung des Begriffs des „Mezzogiorno“ und einer anschließenden Ausführung über mögliche Ursachen der „questione meridionale“ nach Meinung der Meridionalisten, soll im Folgenden versucht werden, die regionalen Disparitäten in den wirtschaftlichen und sozialen Strukturen Italiens sowie das Vorgehen gegen derartige Mißverhältnisse im Rahmen der Mezzogiorno-Politik nach 1950 aufzuzeigen. Es gilt, die Entwicklung der „questione meridionale“ – die bedeutende Intellektuelle Italiens über lange Zeit hinweg beschäftigt hat und immer noch beschäftigt –, nach ihrer langwährenden, weitgehend bewußten Mißachtung, seit dem Beginn der Schaffung außerordentlicher Maßnahmen gegen Ende des Wiederaufbaus der Nachkriegszeit, aufzuzeigen. Schließlich sollen aktuelle Probleme bzw. die Verlagerung der Schwerpunkte innerhalb des Problemkomplexes angesprochen werden.

B – Hauptteil

1. Zum Begriff des „Mezzogiorno“

Die Bezeichnung „Mezzogiorno“, die synonym für das „südliche – wirtschaftlich, sozial, kulturell und politisch – unterentwickelte Italien“[3] gebraucht wird, entstand wohl aus der Perspektive der Norditaliener; liegt doch Süditalien aus deren Sicht dort, wo die Sonne zu Mittag (= Mezzogiorno) steht.[4]

Zum „Mezzogiorno“ zählen die Regionen Abruzzen, Molise, Kampanien, Apulien, Basilikata, Kalabrien, Sizilien und Sardinien[5] bzw. ferner Teile der Regionen Latium und Marken[6].

Es handelt sich hierbei um ein geomorphologisch heterogenes Territorium, das sowohl unzugängliche Berggebiete beispielsweise in Süd-Kampanien und Kalabrien, als auch weite und fruchtbare Niederungen in Apulien und der Basilikata umfaßt. Auch im Hinblick auf die im genannten Gebiet repräsentierten Ethnien und Kulturen ist das Gebiet keineswegs einheitlich. Die Ethnien der Sarden und Sizilianer sind eigenständig, während sich auf dem Festland albanische, franco-provenzalische und okzitanische Minderheiten in Kalabrien und Apulien sowie eine starke griechisch-sprachige Gruppe um Reggio di Calabria finden.[7]

Im „Mezzogiorno“ leben auf einer Fläche von ca. 123.000 km² - was prozentual 40,8% der Gesamtfläche Italiens entspricht - rund 21,2 Millionen Menschen, die somit anteilmäßig 36,7% der Gesamtbevölkerung stellen.[8]

Wie eingangs bereits erwähnt, ist der Name „Mezzogiorno“ gleichbedeutend mit einem stark unterentwickelten Gebiet Italiens geworden. Die sehr ausgeprägten Diskrepanzen zwischen Nord- und Süditalien haben sich jedoch seit 1950, nicht zuletzt durch eine aktive, wenn auch mit zahlreichen Fehlern behaftete Mezzogiorno-Politik, vermindert. Das Süditalien-Problem hat jedoch auch übernationale, europäische Bedeutung, bedenkt man, daß es Ursprung erheblicher Migrationen war und ist, die insbesondere an den Ländern Zentraleuropas nicht spurlos vorübergegangen sind.[9]

2. Ursachen der „questione meridionale“

Erklärungsversuche für die möglichen Ursachen des Problems, das den Einheitsstaat Italien praktisch seit seiner Gründung begleitet, wurden viele unternommen. Sie erwiesen sich bald als äußerst vielschichtig. So geben die Meridionalisten - eine Gruppe von Wissenschaftlern und Politikern, die sich durch den Kampf für eine umfassende und koordinierte Entwicklung des problembeladenen südlichen Italiens auszeichnen[10] - sehr unterschiedliche Erklärungen für das Entwicklungsgefälle zwischen dem Süden und Norden Italiens.

In einer rassistischen These ist die Rede von der naturgegebenen ethnischen

„Minderwertigkeit“ der südlichen Bevölkerung. Dieser Rassismus existiert teilweise heute noch in einigen Bevölkerungsschichten – werden doch die Süditaliener mit Schimpfwörtern wie „terroni“, „negri“ oder „sudici“ bedacht. Anhänger dieser Theorie finden sich insbesondere bei den „Leghe“. Zu erwähnen bleibt, daß die südliche Bevölkerung ihrerseits, die im Norden lebenden Mitbürger als „polentoni“ bezeichnet.

Nach einemhistorisch-politischenErklärungsversuch vertritt man die Auffassung, die Bourbonen hätten eine Entwicklung im Süden verhindert. Der Norden sei industriell bevorzugt worden, die Modernisierung der südlichen Landwirtschaft verzögert und die südliche Bevölkerung ausgebeutet worden.

Der Meridionalist G. Fortunato beispielsweise, machte mitunter die geographischen Rahmenbedingungen für die Unterentwicklung Süditaliens verantwortlich. Zur Schaffung eines bisher fehlenden bäuerlichen Mittelstandes, forderte er für den Mezzogiorno eine Landreform, im Rahmen derer vor allem die bestehenden Verhältnisse des Großgrundbesitzes („Latifondo“) neu geregelt, Strukturmaßnahmen ergriffen und Steuererleichterungen für den Süden eingeführt werden sollten. Sicher trugen ungünstigegeographische und klimatischeBedingungen nicht unwesentlich zur Rückständigkeit des Südens bei. So bestehen etwa 85% der südlichen Gesamtfläche aus Bergen und Hügeln, die keine oder nur in sehr beschränktem Maße eine landwirtschaftliche Nutzung zulassen. Anders die Bedingungen im Norden, dem mit der landwirtschaftlich sehr ergiebigen Po-Ebene ein großer Vorteil zuteil wird. Die klimatischen Bedingungen des Südens stellen eine weitere Schwierigkeit dar. Auf heiße, beinahe niederschlagsfreie Sommer folgen relativ kalte und durch häufig intensive Niederschläge geprägte Winter. Dennoch herrscht oftmals akuter Wassermangel, da die Speicherfähigkeit der Böden aufgrund abholzungsbedingter

Bodenerosion gering ist. Durch die gegebene gebirgige Geländeformation der Region fließen die Niederschläge häufig in kurzer Zeit unmittelbar ins Meer ab.[11]

Nach einersozio-ökonomischenBegründung hätten die Industriellen des Nordens und die Großgrundbesitzer des Südens ein übereinstimmendes Interesse daran, die südliche Unterentwicklung zu konservieren. Während die Industriellen ihre Vorteile in den billigen Arbeitskräften aus dem Süden und im südlichen Absatzmarkt sahen, wollten die Latifundisten das Feudalsystem erhalten.[12]

Wie weiter unten noch genauer zu erläutern sein wird, wies die aktive regionale Strukturpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, die insbesondere mit dem Gesetz zur Gründung der „Cassa per il Mezzogiorno“ im Jahre 1950 eingeleitet wurde und versuchte, das bestehende Entwicklungsgefälle abzubauen, nur bedingt Erfolge auf. Hierzu trug auch die sehr unterschiedliche Ressourcenausstattung der Regionen bei, die bereits am Beispiel fruchtbaren Landes und dessen Zugänglichkeit erläutert wurde und zu einer ungleichzeitigen Entwicklung in Italien führte. Als weiterer Faktor ist die bevorzugte Lage des Nordens zu nennen, die es ermöglichte, von entwickelten Nachbarländern wie Frankreich und Österreich wichtige Impulse vor allem in den Bereichen der Administration, des Unternehmertums und der Wirtschaft zu erhalten.[13]

3. Regionale Disparitäten der wirtschaftlichen und sozialen Struktur

Wie bereits eingangs festgestellt, bestehen zwischen Nord-, Mittel- und Süditalien extrem starke kommunale und regionale Unterschiede, die sich in den wirtschaftlichen und sozialen Strukturen widerspiegeln. Aus allem einschlägigen Statistiken geht deutlich ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Nord-Süd-Gefälle in den verschiedensten Bereichen hervor. Statistisch steht der Mezzogiorno auf der „Schattenseite“ Italiens.[14]

Wenn man das gesamte Italien mit 100% gleichsetzt, so trug der Norden 1984 121% zur nationalen Wertschöpfung pro Kopf der Bevölkerung bei, der Süden hingegen lediglich 70%.[15] Umgekehrt sehen die Arbeitslosenquoten aus: 1995 machten sie mit 6,7% im Norden und 21% im Süden bei einer Quote für Gesamtitalien von 11,9%[16] die regional

unterschiedliche Verteilung deutlich. Was die Verteilung des Bruttoinlandsproduktes pro Kopf betrifft, so wird auf die sich im Anhang befindliche Abbildung verwiesen.[17] Dabei wird nicht nur das Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd deutlich (Höchstwert in der Lombardei mit 29,3 Millionen Lire, Tiefstwert bei 12,6 Millionen Lire in Kalabrien, bei einem durchschnittlichen Wert von 22,7 Millionen für Gesamtitalien), sondern auch die Kontraste innerhalb Nord- bzw. Süditaliens. 1951 wies der Mezzogiorno ein Pro-Kopf-Einkommen auf, das lediglich 54% des norditalienischen Pro-Kopf-Einkommens ausmachte. Diese Relation hatte sich bis 1980 nur geringfügig zugunsten des Mezzogiorno auf 59% erhöht.[18] Zwar läßt sich in Hinblick auf die soziale und kulturelle Versorgung im allgemeinen eine Aufholung desSüdens gegenüber dem Norden erkennen.

[...]


[1] Montanelli / Cervi, S. 364

[2] Brütting, S. 494

[3] ebd., S. 491

[4] Aberle / Hemmer 1987, S. 1

[5] z. B. bei Brütting, S. 491

[6] z. B. bei Aberle / Hemmer 1987, S. 1

[7] Aberle / Hemmer 1987, S. 1

[8] Brütting, S. 491

[9] Aberle / Hemmer 1987, S. 2

[10] Brütting, S. 485

[11] Aberle / Hemmer 1987, S. 78f.

[12] Brütting, S. 486f.

[13] Große / Trautmann, S. 63

[14] ebd., S. 117

[15] Brütting, S. 492

[16] Große / Trautmann, S. 119

[17] Anhang: Carta del reddito pro capite

[18] Aberle / Hemmer 1987, S. 2

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
La "questione meridionale"
Untertitel
Die Nord-Süd-Problematik in der Gegenwart
Hochschule
Universität Passau  (Lehrstuhl für Romanische Literatur- und Kulturwissenschaft (Schwerpunkt Italien))
Veranstaltung
Proseminar "Einführung in die Landeskunde Italiens"
Note
1,7
Autor
Jahr
2000
Seiten
13
Katalognummer
V114595
ISBN (eBook)
9783640153411
ISBN (Buch)
9783640155156
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Proseminar, Einführung, Landeskunde, Italiens
Arbeit zitieren
Thomas Strobel (Autor), 2000, La "questione meridionale", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114595

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