Wie wirkt sich der Besuch einer Ganztagsschule auf den Familienalltag aus?


Hausarbeit, 2019

15 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ganztagsschulen

3. Familienalltag
3.1 Erwerbstätigkeit
3.2 Freizeitangebote
3.3 Hausaufgaben
3.4 Familienzeit
3.5 Familienklima

4. Kooperationen von Eltern & Schule
4.1 Notwendigkeit der Zusammenarbeit
4.2 Möglichkeiten der Kooperation

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im deutschen Schulwesen gehört der flächendeckende Ausbau von Ganztagsschulen zu einer der größten Reformen bisher. Demnach ist die Zahl der Ganztagsschulen in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Grund dafür ist zu einem wesentlichen Teil der sogenannte PISA Schock aus dem Jahr 2000. Bei der Studie schlossen deutsche Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich ab und in kaum einem anderen Land waren die Bildungschancen so sehr von der sozialen Herkunft abhängig wie in Deutschland (OECD PISA, 2001). Der Ausbau der Ganztagsschulen soll zu einer größeren Chancengleichheit beitragen (Steiner, 2009). Ein ganztägiges Bildungs-, Betreuungs- und Freizeitangebot soll bestehende Bildungsdisparitäten reduzieren.

Im Bereich der Familienpolitik wird die Ganztagsschule vor allem für eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf eingesetzt; die Ganztagsschule soll Eltern entlasten. Der Großteil von ihnen ist berufstätig und steht vor der Herausforderung, die Arbeit und das Privatleben zu vereinbaren. Dies gilt besonders für die immer größer werdende Zahl an Alleinerziehenden. Das statistische Bundesamt schreibt:

Alleinerziehende stehen vor der besonderen Herausforderung, dass sie die Betreuung von Kindern ohne Partner oder Partnerin im gemeinsamen Haushalt bewältigen und gleichzeitig für die materielle Absicherung ihrer Familie sorgen müssen. Die Chance zur Beteiligung am Berufsleben ist für sie deswegen besonders wichtig. (Statistisches Bundesamt, 2018, S. 13)

Ganztagsschulen in Deutschland sind keine Seltenheit mehr. Im Jahr 2002, kurz nach dem PISA­Schock, verzeichnete die Kultusministerkonferenz 4951 Verwaltungseinheiten mit Ganztagsbetrieb in Deutschland (KMK, 2006). Die aktuellen Statistiken von 2017 geben eine Gesamtanzahl von 18.686 an (KMK, 2019), die Menge hat sich also seither mehr als verdreifacht. Bis zum Jahr 2025 sollen Ganztagsangebote an Grundschulen rechtlich garantiert werden (BMBF, 2018). Bei über 3 Millionen Schülerinnen und Schüler im Jahr 2017 (KMK, 2019), die den Ganztagsschulbetrieb nutzen, stellt sich die Frage, welche Auswirkungen der ganztägige Unterricht auf den Familienalltag hat.

Um dieser Frage nachzugehen werden einzelne Aspekte des Familienalltags genauer untersucht. Welche Auswirkungen hat die Ganztagsschule auf die Erwerbstätigkeit der Eltern, die Freizeitgestaltung der Familie, die Hausaufgaben, die Familienzeit und das Familienklima? Des Weiteren wird die Kooperation zwischen Schule und Eltern untersucht und es wird der Frage nachgegangen, ob auch dieser Bereich Effekte auf den Alltag einer Familie hat.

2. Ganztagsschulen

Um die Auswirkungen eines Besuchs der Ganztagsschule untersuchen zu können, sollte vorher der Begriff der Ganztagsschule im Allgemeinen geklärt sein. Ein weit verbreiteter Ganztagsschulbegriff stammt aus der Kultusministerkonferenz und bildet die Grundlage aller länderspezifischen Bestimmungen von Ganztagsschule, demnach werden unter Ganztagsschulen Schulen verstanden, bei denen:

- an mindestens drei Tagen in der Woche ein ganztägiges Angebot für die Schülerinnen und Schüler bereitgestellt wird, das täglich mindestens sieben Zeitstunden umfasst;
- an allen Tagen des Ganztagsbetriebs den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern ein Mittagessen bereitgestellt wird;
- die Ganztagsangebote unter Aufsicht und Verantwortung der Schulleitung organisiert und in enger Kooperation mit der Schulleitung durchgeführt werden sowie in einem konzeptionellen Zusammenhang mit dem Unterricht stehen (KMK2019, S.4)

Sind alle diese Kriterien erfüllt, handelt es sich nach der Kultusministerkonferenz 2014 um eine Ganztagsschule.

Eine Ganztagsschule kann weiterhin unterteilt werden in drei Formen (KMK 2019):

1) Gebundene Ganztagsschule:
Alle Schülerinnen und Schüler nehmen an mindestens drei Wochentagen für jeweils mindestens 7 Zeitstunden an den ganztägigen Angeboten der Schule teil.
2) Teilgebundene Ganztagschule:
Ein Teil der Schülerinnen und Schüler (zum Beispiel einzelne Klassen oder Klassenstufen) nehmen an mindestens drei Tagen für jeweils mindestens sieben Zeitstunden an den ganztägigen Angeboten der Schule teil.
3) Offene Ganztagsschule:
Einzelne Schülerinnen und Schüler können auf Wunsch an den ganztägigen Angeboten dieser Schulform teilnehmen.

Diese Arbeit bezieht sich auf Familien mit einem oder mehreren Kindern, die eine gebundene Ganztagsschule besuchen oder ganztägige Angebote einer teilgebundenen oder offenen Ganztagsschule wahrnehmen.

3. Familienalltag

3.1 Erwerbstätigkeit

Große Auswirkung auf den Familienalltag hat die berufliche Situation der Eltern. Ein Ziel vieler Eltern ist es, die Familie mit dem Berufsleben zu vereinbaren. Besuchen Kinder erwerbstätiger Eltern eine Halbtagsschule, sehen sich vor allem Mütter und Alleinerziehende zu der Entscheidung gezwungen, zwischen Kinderbetreuung und vollzeitiger Berufstätigkeit zu wählen. Die Ganztagsschule leistet durch das Anbieten einer verlässlichen Betreuung einen erheblichen Beitrag zur Entlastung der Eltern, da diese sich mehr ihrem Berufsleben zuwenden können. 78,3% der Alleinerziehenden Eltern von Grundschülern nehmen das Betreuungsangebot der Schule in Anspruch. Paare mit Kindern, von denen beide vollzeitig berufstätig sind, nutzen das Angebot zu 62% (Holtappels & Klieme & Rauschenbach & Stecher, 2008). Der Ganztag bietet vielen Eltern häufig erst die Möglichkeit einer Vollzeittätigkeit nachzukommen. Im Rahmen einer Untersuchung mit qualitativen Interviews bestehend aus Eltern und einer standardisierten Eltembefragung der Zeitschrift für Erziehungswissenschaften beschreibt eine Mutter diesen Zustand folgendermaßen:

Ja, und einfach, dass man bis 16 Uhr auch voll arbeiten kann. Man muss nicht den Kopf haben: Ruf ichjetzt an oder// Es geht immer. Es wäre auch gar nicht möglich anders. Und ohne Arbeit kann ich mir das auch nicht vorstellen. Ich kann auch nicht irgendwie halbtags arbeiten oder so. Das wäre bei meinem Arbeitgeber sowieso nicht zu machen. Aber ich kann es mir auch nicht vorstellen, nur bis halb zwölf oder zwölf zu arbeiten und dann nur zuHause. (Börner, 2011, S. 225)

Das Familienbild hat sich über die letzten Jahrzehnte stark verändert. Vor allem die Rolle der Frau hat einen Wandel durchlebt: Von 1991 bis 2017 stieg die Erwerbstätigenquote der Frauen von 57% auf fast 72% an (Hans-Böckler-Stiftung, 2014). Die Ganztagsschule schafft die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dafür, Berufs- und Familienleben miteinander in Einklang zu bringen und bietet somit mehr Eltern die Möglichkeit einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.

3.2 Freizeitangebote

An nahezu allen Ganztagsschulen wird ein reichhaltiges Angebot an Freizeitgestaltungen angeboten. Besonders Musik-, Kunst- und Sportbezogene Angebote wurden ausgebaut und auch fachliche Förderung wie Hausaufgabenbetreuung findet ihren Platz. Mehr als 95% der Schulen haben sportliche und mehr als 90% musisch-kulturelle Angebote für die Schülerinnen und Schüler (StEG-Konsortium, 2012-2015).

Durch das breite Angebot der Ganztagsschulen leiden Sport-, Kunst- oder Musikschulen keineswegs unter Verlusten. Die Ganztagsschule erreicht durch ihre Angebote neue Zielgruppen. Beispielsweise gleicht sie die bisherige Unterrepräsentation von Mädchen mit Migrationshintergrund in Sportverbänden aus, ebenso wie die Tatsache, dass musisch-kulturelle Angebote vorwiegend von Kindern oberster Schichten wahrgenommen wurden (GMBF, 2015). Wie der bereits erwähnte PISA-Schock zeigte, beeinflusst die soziale Herkunft eines Kindes den Bildungsprozess massiv. Nach Amoldt und Steiner (2015) nutzen Kinder aus Familien mit einem hohen sozialen Status außerschulische Angebote häufiger als Kinder aus Familien mit einem niedrigen sozialen Status. Das kann sich auch beim privaten Nachhilfeunterricht widerspiegeln, der nur von Kindern genutzt werden kann, deren Eltern ein gewisses ökonomisches Kapital zur Verfügung haben. Durch die Tatsache, dass die Ganztagsschule ihre umfangreichen Freizeitangebote für jeden Schüler zugänglich macht, schafft sie einen Gewinn an sozialer Gleichheit.

Demnach sind die Auswirkungen der Freizeitangebote auf die Familien nicht zu unterschätzen. Kinder deren Eltern bislang keinen Zugang zu außerschulischen Freizeitangeboten hatten, können innerhalb der Ganztagsschule von neuen Angeboten profitieren (Arnoldt & Steiner, 2015). Für den Familienalltag bedeutet das Freizeitangebot der Schule vor allem eine große zeitliche Entlastung für die Eltern. Während an Halbtagsschulen viele Eltern ihre Kinder von der Schule zur Musik­oder Sportschule und von dort wieder nach Hause fahren müssen, entfällt dies bei Ganztagsschulen. Aufgrund dessen, dass Schülerinnen und Schüler ihre Nachmittagsaktivitäten in der Schule ausüben können, sparen sich die Eltern Bring- und Abholzeiten. Die zeitliche Einsparung ist ein wesentlicher Faktor im Rahmen der Auswirkungen auf den Familienalltag, die mit dem Besuch einer Ganztagsschule einhergehen.

3.3 Hausaufgaben

Traditionell ist die Hauaufgabenbetreuung eine Aufgabe, die von Eltern ausgeführt wird. An der Ganztagsschule wird den Eltern diese Aufgabe jedoch abgenommen, die Betreuung der Hausaufgaben findet vor Ort mit Pädagogen und weiteren Lernhelfern statt. Im Schuljahr 2014/15 war die Hausaufgabenbetreuung an 75 bis 90 Prozent der Ganztagsschulen in Deutschland ein zentraler Bestandteil des Angebotes (StEG-Konsortium, 2015). Die Integration der Hausaufgabenbetreuung in den Schulalltag unterstützt die Struktur und Motivation der Schüler (Heyl & Gaiser & Kielblock & Fischer, 2018). Auch die soziale Unterstützung der Mitschülerinnen und Mitschüler hat nach Nordt (2013) positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler.

Die Konsequenzen der schulinternen Hausaufgabenbetreuung für die Familien zeichnen sich vor allem in der Verlagerung der Verantwortung aus. Gerade Eltern aus bildungsfemen Schichten haben häufig nicht die Möglichkeit, ihren Kindern angemessen bei den Hausaufgaben zu helfen. Walter Weidinger beschreibt die Lage so, dass „außerordentlich viele Eltern gar nicht in der Lage sind, die im Allgemeinen von der Schule erwarteten Hilfestellungen zu leisten“ (Weidinger, 2014, S. 35). Auch Kinder von Eltern ohne Deutschkenntnisse können zu Hause wenig bis keine Hilfe bei den Hausaufgaben bekommen. Hinzu kommt, dass die Hausaufgabenbetreuung von der Familienzeit abgeht, die notwendige Freizeit und Erholung der Schülerinnen und Schüler wird stark beeinträchtigt. Auch für Eltern ist die Hausaufgabenbetreuung eine zeitliche und nervliche Herausforderung. Eine Mutter beschreibt das so: „Der sitzt also manchmal den ganzen Nachmittag und braucht meine intensive Betreuung“ (Börner, 2011, S. 226).

Durch die Hausaufgabenbetreuung der Schule werden außerdem schulbezogene Themen innerhalb der Familie weniger thematisiert. Vor allem die Zeit der Hausaufgabenbetreuung bietet in vielen Familien viel Konfliktpotential. Durch die externe Hausaufgabenbetreuung, die von der Ganztagsschule angeboten wird, gibt es oftmals weniger Streit zu Hause (Börner, 2011).

3.4 Familienzeit

Durch die Ganztagsschule erfahren die Eltern eine erhebliche Entlastung in ihrem Alltag. Neben der Tatsache, dass beide Eltern einem Beruf nachgehen können, ergibt sich auch in anderen Hinsichten eine Zeitersparnis. Ganztagsschulen nehmen durch ihr breites Angebot an Nachmittagsaktivitäten den Eltern Arbeit ab. Es müssen keine weiteren Lern- und Freizeitorte aufgesucht werden, sodass es nicht nötig ist, das Kind nach der Schule noch beispielsweise zum Sportverein oder zur Musikschule zu fahren. Somit entfallen auch Bring- und Abholzeiten: „So geht z. B. aus der Zeitbudgetstudie hervor, dass bis zu 50 % der täglichen Wegezeiten von Frauen mit Kindern unter 18 Jahren für Wege mit Kindern und Jugendlichen entfallen können“ (Börner, 2011, S. 233).

Die Familienzeit wird auch nicht mehr belastet durch die konfliktbietende Hausaufgabenbetreuung. Die Verantwortung der Eltern wurde zunehmend auf die Schule verlagert, wodurch die Zeit mit der Familie weniger von schulbezogenen Themen bestimmt wird. Die Zeit innerhalb der Familie kann also ganz anders genutzt werden. Interessant ist, dass Ganztagsschule zunächst einmal mehr Zeit von den Kindern abverlangt als eine Halbtagsschule. Jedoch ist die vorhandene Zeit weniger belastet und kann qualitativ besser genutzt werden: „Ganztägige Bildungsangebote verringern daher nicht lediglich die Quantität der gemeinsam verfügbaren Zeit innerhalb der Familie, sondern sie können - entsprechend ausgestaltet - ein qualitativ wertvolles Element ihrer Ausgestaltung sein“ (BMFSFJ, 2006, S. 16).

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Details

Titel
Wie wirkt sich der Besuch einer Ganztagsschule auf den Familienalltag aus?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V1146551
ISBN (eBook)
9783346525680
ISBN (Buch)
9783346525697
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ganztagsschule, Grundschulpädagogik, Familie, Familienalltag
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Wie wirkt sich der Besuch einer Ganztagsschule auf den Familienalltag aus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1146551

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