Architektur als Medizin? Otto Wagners Spital "Am Steinhof" und Josef Hoffmanns Sanatorium Purkersdorf im Vergleich


Hausarbeit, 2021

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellenlage & Forschungsstand

3. Psyche, Nerven und die Wiener Moderne
3.1. Die Entwicklung psychiatrischen Einrichtungen in Wien vor und um 1900
3.2. Zeitgeist der Wiener Moderne

4. Die Architekten
4.1. Otto Wagner
4.2. Josef Hoffmann

5. Die Bauwerke
5.1. Niederösterreichische Landes-Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke „Am Steinhof“
5.1.2. Die Kirche zum Heiligen Leopold
5.2. Sanatorium Purkersdorf

6. Vergleich
6.1. Stilistischer Vergleich
6.2. Ideelle Unterschiede
6.3. Problematik des Vergleichs

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Nicht einmal 10 Kilometer liegen die beiden Einrichtungen, um die es in dieser Arbeit gehen soll, voneinander entfernt. Heute ist es möglich mit dem Auto innerhalb nur weniger Minuten beide Einrichtungen, welche jeweils Anfang des 20. Jahrhunderts am westlichen Rand des Wiener Stadtbezirks in einem zeitlichen Abstand von nur zwei Jahren eröffnet wurden, zu besichtigen. Doch die Niederösterreichische Landes Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke „Am Steinhof“1 (heute unter dem Namen Klink Penzing geführt) und das Sanatorium Purkersdorf, verbindet viel mehr als nur ihre zeitliche und räumliche Nähe. Beide wurden von jeweils einem herausragenden Architekten der Wiener Moderne erbaut, Otto Wagner und Josef Hoffmann, welche wiederum persönlich wie auch stilistisch viel verbindet. Josef Hoffmann war Schüler Otto Wagners und sein künstlerischer Stil ist maßgeblich durch ihn geprägt. Beide zeichnen sich durch ihren, für ihre Zeit, radikal modernen Architekturstil aus, welcher mit dem bestehenden, historistischen Architekturstil Wiens bricht und durch einfache geometrische Formen und einen Fokus auf Funktion ersetzt.

Umso erstaunlicher scheint es, dass sich eben diese beiden Architekten scheinbar unabhängig voneinander dazu entscheiden Einrichtungen zu bauen, die für psychisch kranke Menschen bestimmt waren. Welche Beweggründe hatten die beiden Architekten? Wollten sie den Patienten durch ihre Architektur helfen? Durch eine nähere Betrachtung und Kontextualisierung der Einrichtungen soll dargestellt werden, aus welchen Gründen Wagner und Hoffmann sich dazu entschieden haben könnten diese zu bauen. Durch diese Vorbereitung soll der Vergleich der beiden Einrichtungen ermöglicht werden, um darzustellen in welchen Aspekten sich die auf den ersten Blick sehr ähnlichen Bauwerke unterscheiden. Dadurch soll die Leitfrage dieser Arbeit zu beantwortet werden: Entwickeln Josef Hoffmann und Otto Wagner unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie Architektur der modernen Gesellschaft helfen kann?

Hierzu soll zuerst ein kurzer Überblick über den aktuellen Forschungsstand und die Quellenlage gegeben werden. Danach werden der historische Kontext, die Architekten und die beiden Einrichtungen dargestellt und beschrieben. Hierauf aufbauend soll ein Vergleich der beiden Einrichtungen erfolgen. Die Arbeit schließt mit einem Fazit in dem die Leitfrage beantwortet und ein Ausblick auf weitere Forschungsfragen gegeben werden soll.

2. Quellenlage & Forschungsstand

Generell lässt sich die Quellenlage der Wiener Moderne im Allgemeinen, wie aber auch über die Werke von Hoffmann und Wagner, als sehr gut einordnen. Viele zeitgenössischen Dokumente und Publikationen sind erhalten und zugänglich. Das Sanatorium Purkersdorf, wie auch das Steinhof Spital sind in ihren Grundzügen fast vollständig erhalten. Auch wenn seit ihrer Erbauung viele bauliche Veränderungen und Modernisierungen erfolgten und z.B. im Sanatorium Purkersdorf das Mobiliar der Wiener Werkstätten nur noch in Teilen erhalten ist, so ist es dank der Fotografien und Beschreibungen der Zeit trotzdem möglich ein verhältnismäßig akkurates Bild der Einrichtungen in ihrem Originalzustand zu erhalten.

Der Forschungsstand im Bereich der Wiener Moderne ist auch als gut anzusehen. Die Wiener Moderne erlangte vor allem durch Bücher wie Carl E. Schorskes Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle 2 in den 1980er Jahren beachtliche internationale Aufmerksamkeit. Seitdem erscheinen jährlich zahlreiche Publikationen zu dieser Kunstperiode. Die beiden hier im Fokus stehenden Einrichtungen sind hierbei durchaus sehr bekannte Werke der beiden Architekten. Jedoch kam die frühe Forschung der Wiener Moderne durchaus in Kritik, da sie dazu tendierte die Wiener Moderne zu stark zu romantisieren und zu idealisieren.3

Seit kurzem geht die Forschung aber auch dazu über die Wiener Moderne durchaus kritischer und interdisziplinärer zu betrachten.4 An diese kritischere Art der Betrachtung soll diese Arbeit anknüpfen und bereits bekannte Werke neu betrachten. Zudem wurden die beiden Gebäude zwar schon ausführlich in der Literatur behandelt, doch eher selten in Verbindung zueinander gesetzt. Für diese Hausarbeit ist vor allem die Forschung von Leslie Topp relevanter Anknüpfpunkt. In ihrer Ausstellung Madness & Modernity: Mental Illness and the Visual Arts in Vienna 1900 aus dem Jahr 2010, welche eine Vielzahl von Arbeiten in einer Ausstellung verbindet, widmeten sich Leslie Topp und Gemma Blackshaw der Verbindung zwischen Geisteskrankheiten und Wiener Moderne. Der Forschungsstand in der Betrachtung der Kunst in Wien mit medizinischer Geschichte wird aber noch als mangelhaft gesehen.5

3. Psyche, Nerven und die Wiener Moderne

Um zu verstehen, weshalb sich Otto Wagner und Josef Hoffmann dazu entschieden haben könnten, sich mit ihrer Architektur der Behandlung von Geisteskrankheiten zuzuwenden, ist es notwendig die beiden Einrichtungen in ihren historischen Kontext zu lesen. Hierzu soll zum einen ein Überblick gegeben werden über die Entwicklung psychiatrischer Einrichtungen im 19 Jhd. und zum anderen der Zeitgeist dieser Periode näher beleuchtet werden.

3.1. Die Entwicklung psychiatrischen Einrichtungen in Wien vor und um 1900

Die Behandlung geistig kranker Menschen wandelte sich rasant im Laufe des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Zwar wurden bereits im 18 Jhd. geistig kranke Menschen versucht zu behandeln, aber die Betroffenen wurden eher wie Gefangene als Patienten behandelt, wie sich beispielsweise am sogenannten ‚Kaiser Joseph’s Guglhopf‘ zeigt, ein Narrenturm in Wien, in welchem die Patienten getrennt vom normalen Krankenhausbetrieb behandelt werden sollten.6 Aus heutiger Sicht lief die Behandlung der Patienten an vielen Einrichtungen zudem sehr unmenschlich ab. Im Zuge der Aufklärung werden im Laufe des 19. Jahrhunderts die bis dahin unmenschliche Behandlung von Patienten jedoch hinterfragt.7 Die Einrichtungen werden im Laufe des Jahrhunderts immer moderner und die Behandlung der Patienten auch humaner. In Österreich wird die Errichtung neuer Institutionen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogar vom Staat gesetzlich gefördert.8 Eine wichtige Einrichtung, welcher aus Folge dieses Gesetzes entsteht, ist die Kaiser Franz Josef-Landes-Heil- und Pflegeanstalt in Mauer-Öhling bei Amstetten, welche zwischen 1898 und 1902 gebaut wird. Sie galt zu dem Zeitpunkt ihrer Eröffnung als hochmodern und ist auch ein wichtiges Vorbild für den Bau von Steinhof. Carlo von Boog, der leitende Architekt von Mauer-Öhling, konzipierte die Anlage wie eine Kolonie mit vielen Gebäuden, die über das Grundstück verteilt sind. Es war auch Boog welcher zuerst den Bau von Steinhof leitete bis ihn Wagner übernahm, um auf den Erfahrungen von Mauer-Öhling aufzubauen.9 Die neuen Einrichtungen wie Steinhof, die um die Jahrhundertwende erbaut werden, wirkten auf die Zeitgenossen sehr innovativ und wurden hoch gelobt:

Doctors and government officials made much of the innovative, progressive nature of the Lower Austrian reforms. In both the professional literature and publicity material, they spoke the language of progress and rebirth: the new Lower Austrian mental hospitals signalled the dawning of a new age of humane, scientific treatment of the insane, in contrast to the barbaric practices of the past.10

Dennoch stand die psychiatrische Behandlung von Patienten in diesen Nervenanstalten in einer Krise: Trotz aller Fortschritte waren kaum Verbesserrungen in der Heilung der Patienten festzustellen, was auch dazu führte, dass die Einrichtungen schnell mit chronisch kranken Patienten überfüllt waren. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in diese Art der Behandlung nahm dadurch stark ab: „the psychiatric profession was in denial about the fact that their beloved asylums has been reduced in practice to nothing more than warehouses“11 Leslie Topp argumentiert, dass genau aus diesem Grund neue Anstalten wie Steinhof errichtet wurden. Die Rhetorik von Reform und Fortschritt, sichtbar gemacht durch hochmoderne Einrichtungen wie Steinhof und Mauer-Öhling, sollte die Öffentlichkeit, Patienten und zu einem gewissen Grad die Fachleute selbst davon überzeugen, dass diese Art der Behandlung funktioniert.12

3.2. Zeitgeist der Wiener Moderne

Das wachsende Interesse der Öffentlichkeit an psychischen Krankheiten scheint parallel zu der Entwicklung der modernen Gesellschaft zu verlaufen. Der Grund weshalb immer mehr Menschen diesen Einrichtungen zugewiesen wurden, so sahen es viele Fachleute der Zeit, lag an den neuen Gegebenheiten moderner Städte. Die Überbelastung der Nerven durch die moderne Großstadt – durch ihre Schnelligkeit, ihren Lärm, ihre Arbeitsbedingungen - seien der Grund, weshalb immer mehr Menschen an Nervenkrankheiten leiden.13 ‚Nervosität‘ wurde so zum Inbegriff der modernen Gesellschaft. In der Einleitung zu seinem Buch Über gesunde und kranke Nerven von 1885 schreibt Richard von Krafft-Ebing, österreichischer Psychiater und früherer Begründer des Sanatorium Purkersdorf, dass trotz aller Fortschritte und Entwicklungen des 19. Jahrhunderts der moderne Mensch weder glücklicher noch gesunder sei als früher. Dies macht er fest an der fortschreitenden Nervosität der Gesellschaft, welche „der Wurm [ist], der an der Frucht des Culturlebens nagt und Lebensfreude und Lebensenergie unzähliger Menschen vergiftet“.14

Krafft-Ebing ist nur ein Bespiel von vielen Wissenschaftlern, die der Moderne kritisch gegenüberstanden und in ihr eine gesundheitliche wie auch gesellschaftliche Gefahr sahen.15

Die kritische Betrachtung moderner Gesellschaft ist auch ein zentrales Thema moderner Kunst, vor allem des Wiener Jugendstils, welche sich zum Teil in den Darstellungen von (psychischen) Krankheiten manifestiert:

Psychiatrie und bildende Kunst teilten eine wechselseitige Faszination füreinander, da sich beide Felder mir den Beziehungen zwischen Körper und Seele auseinandersetzten. Und beide waren von der Vorstellung überzeugt, dass die moderne, urbane Gesellschaft zwar Anzeichen des Niedergangs zeige, aber gleichzeitig, auch über die Heilmittel gegen ihre eigenen Leiden verfüge.16

Expressionisten und Sezessionisten zeigten missgebildete oder fragile Körper, die den akademischen Schönheitsidealen widersprachen. Diese Körper waren Spiegel und Kritik der modernen Gesellschaft. Vor allem das Verhältnis zwischen Innen- und Außenwelt beschäftigte die Sezessionisten, welche u.a.in der Darstellung der kranken Körper Ausdruck findet.17

Dieses Verhältnis zwischen Innen- und Außenwelt ist auch ein zentrales Thema der Jugendstil-Architektur in Wien, wie viele Wohnungen dieser Periode zeigen.18 Vielmehr wurde Architektur (wie auch die Kunst im Allgemeinen) auch als ein Mittel wahrgenommen, die moderne Gesellschaft zu heilen. Indem die moderne Architektur ihre Umgebung Ordnung gibt, könnte sie dazu beitragen die Gesellschaft von ihren ungesunden Einflüssen zu befreien. Nach diesem Verständnis von Kunst und Architektur stehen die neuen Sanatorien, die zu dieser Zeit gebaut werden, sinnbildlich „[…] as the model and starting point for a new, healthier society“.19 Orte wie das Sanatorium Purkersdorf und das Spital Steinhof zeigten wie die Umsetzung der Vision einer modernen Stadt aussehen könnte: Ein geordnetes, hygienisches und durchgeplantes Gelände, mit viel frischer Luft und abseits des Lärms der Großstadt. Die Frage, wieso die Architekten Hoffmann und Wagner Einrichtungen für kranke Menschen errichteten, lässt sich daher mit dem „Wiener Kult des kranken Körpers“20 sowie den utopischen Hoffnungen in Architektur durch Architekten und Ärzte erklären.

4. Die Architekten

4.1. Otto Wagner

[…] The basis of today’s predominant views on architecture must be shifted, and we must become fully aware that the sole departure point for our artistic work can only be modern life.21 ,22

Für seine Zeitgenossen muss diese Aussage, die im Vorwort zur ersten Ausgabe von Otto Wagners Moderne Architektur von 1896 zu finden ist, wie auch der Rest seines ‚Manifests‘, sehr radikal gewirkt haben. Denn Otto Koloman Wagner (1841 - 1918) war zu dem Zeitpunkt als er Moderne Architektur veröffentlichte bereits 55 Jahre alt, angesehener Stadtarchitekt Wiens und vor kurzem erst zum Professor und Leiter für Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien berufen worden. Dass ein so prominenter Architekt wie Wagner eine so radikale Abkehr vom bestehenden Baustil forderte, erregte nicht nur in Wien für Aufsehen. Als einer der ersten Architekten Europas fordert Wagner einen Bruch mit bestehenden Bautraditionen, hin zu einem komplett neuen, modernen Architekturstil.23

Die Frage ‚In welchem Style sollen wir bauen?‘24 beschäftigte Architekten und Stadtplaner das gesamte 19. Jahrhundert: Der vorherrschende historistische Baustil warf in den Augen seiner Kritiker wahllos und oberflächlich Stile vergangener Epochen zusammen. In Wien war vor allen die Ringstraße prominentes Objekt der Kritik, welche Adolf Loos in seiner bekannten Schrift mit einer ‚potemkinschen Stadt‘ vergleicht.25 Dieser allgemeinen Kritik schließt sich Wagner an: Der historistische Baustil steht in keinem Verhältnis zur heutigen Zeit, sei unkreativ und eine bloße Kopie. Laut Wagner, soll ein zeitgemäßer Baustil den Bedürfnissen und technischen Möglichkeiten der Zeit entsprechen: „Modern Art must offer us modern forms that are created by us and that represent our abilites and actions“26 Anstatt die bestehenden Stile weiter zu entwickeln, geht Wagner jedoch weiter und fordert eine Abkehr von allem was zuvor kam, eine „Naissance“27 , begründet in den enormen technischen und gesellschaftlichen Fortschritten des 19 Jahrhunderts.

Doch wie soll diese neue Architektur aussehen? Für Wagner soll sich eine neue Ästhetik aus den Möglichkeiten der Zeit bilden, also den Materialien, Techniken aber auch (Seh-) Gewohnheiten der Zeit, was sich in der Maxime “Artis sola domina necessitas“28 ausdrückt. Praktisch bedeutetet dies für Wagner, den Nutzen moderner Materialien, wie Stahl, und eine Vereinfachung der Formen in geometrische Flächen. Dabei ist die Funktionalität der Bauwerke und Möbel das oberste Ziel, denn erst wenn ein Werk seine Funktion erfüllt und nützlich ist, kann es schön sein: „Something impractical cannot be beautiful“29 Durch die Umsetzung dieser Ideen soll die Architektur und Kunst im allgemeinen wieder in das Leben der Menschen zurückgebracht werden.30

Auffällig bei Wagner und wichtig für das Verständnis von Steinhof ist zudem sein Fokus auf Hygiene. Hygiene wurde im 19 Jhd. als eine der wichtigsten Herausforderungen moderner Architektur gesehen. Sie wurde zu dieser Zeit nicht nur mit Gesundheit verbunden, sondern auch als Vorrausetzung für persönliche Entwicklung und ein glückliches Leben.31 Wagners Interesse an Wohnhygiene lässt sich bereits an seinem gläsernem Bad in seiner Wohnung in der Köstlergasse 3 aus dem Jahr 1898 nachweisen.32 In Moderne Architektur schreibt Wagner: „There are two conditions demanded by modern man that can be considered to be criteria: The greatest possible convenience and the greatest possible cleanliness.”33

4.2. Josef Hoffmann

Josef Franz Maria Hoffmann (1870–1956) ist als eines ihrer Gründungsmitglieder eng verbunden mit der Wiener Secession. Bereits vor der Gründung der Secession im Jahr 1897 war Hoffmann Mitglied des sogenannten ‚Siebernerclubs‘, welcher 1895 gegründet wurde und dem Joseph Maria Olbrich und Koloman Moser, ebenfalls Gründungsmitglieder der Secession, beitraten und in dem über die Neugestaltung der Kunst in allen Bereichen diskutiert wurde. Zu dieser Zeit war Hoffmann auch Architekturstudent an der Wiener Akademie, an welcher Otto Wagner einer seiner Lehrer war, welcher seine Arbeit nachhaltig prägen sollte.34

Ähnlich wie Wagner steht Hoffmann dem traditionellen Baustil sehr kritisch gegenüber. In seiner programmatischen Schrift Einfache Möbel von 1901 schreibt er:

Wir hatten es ja schon so weit gebracht, dass wir unsere Straßen mit offenen Augen blind durcheilen mussten, um nicht in Schmerz und Scham zu vergehen, ob all der Empfindungslosigkeit und Barbarei unserer Bauten und Monumente.35

Wie Wagner, fordert Hoffmann eine neue Art der Kunst, welche sich nicht an vergangenen Stilen orientiert, sondern neues wagt. Auch er vertritt die Ansicht, dass sie vor allem „den jeweiligen Zweck und das Material berücksichtigen sollte“.36 Hoffmanns Architektur und Inneneinrichtungen sind gekennzeichnet durch einfache, kubische Formen, welche sich nicht mit dem für den Jugendstil typischen vegetativen Formen schmücken, sondern auf geometrisches Ornament setzen.37 Dieser Stil Hoffmanns zeigte sich bereits in seinen frühen Arbeiten, wie beispielsweise im Ver Sacrum Zimmer für die erste Seccessionsaustellung 1898. Hier verband Hoffmann bereits Flächenkunst mit Raumkunst und schafft einen einheitlichen Gesamteindruck des Raums, indem er die Möbel und Wände durch ihre ähnliche, einfache Form aufeinander bezieht.38 Charakteristisch für den Stil Hoffmanns zu dieser Zeit ist „[…] das aus Brettern gezimmerte Möbel und das schachtelartige […]“39 , weshalb Hoffmanns Stil auch oftmals auch als ‚Brettlstil‘ bezeichnet wurde.

Mehr noch als bei Wagner verschreibt sich Hoffmann der Idee des Gesamtkunstwerks, „dass ein Haus wie aus einem Guss dastehen sollte und dass uns sein Äußeres auch schon sein Inneres verraten müsste“.40 Das Ideal des Gesamtkunstwerks verfolgt Hoffmann konsequent weiter, was in der Gründung der Wiener Werkstätten im Jahr 1903 kulminiert. Die Gestaltungsprinzipien der Wiener Werksstätte sind angelehnt an das Vorbild der Arts & Crafts Bewegung in England. Funktionalität steht auch hier an oberster Stelle: „Wir gehen vom Zweck aus, die Gebrauchsfähigkeit ist unsere erste Bedingung, unsere Stärke soll in guten Verhältnissen und in guter Materialbehandlung bestehen.“41 Zudem soll die Arbeit des Kunsthandwerkers mit demselben Maß angesehen werden, wie „die des Malers und Bildhauers“.42

Grundsätzlich scheinen sich die künstlerischen Positionen von Wagner und Hoffmann sehr nah zu stehen. Dorothee Müller ordnet die beiden Architekten daher beispielweise zusammen als Hauptvertreter des „konstruktiven Jugendstils“ ein.43 Trotzdem unterscheiden sich die individuellen Stile Wagners und Hoffmanns in vielen Bereichen, wie die folgende Darstellung von Steinhof und des Sanatorium Purkersdorf zeigen wird.

[...]


1 Aus Gründen der Leserlichkeit wird im Verlauf der Arbeit Pflegeanstalt nur noch als Spital „Am Steinhof“ oder nur „Steinhof“ verwiesen werden.

2 Vgl. Schorske, Carl E.: Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle. New York, Frankfurt am Main: S. Fischer, 1982.

3 Vgl. Maderthaner, Wolfgang: Outcast Vienna 1900: The Politics of Transgression, in: Petersen, Hans-Christian. Spaces of the Poor: Perspectives of Cultural Sciences on Urban Slum Areas and Their Inhabitants. Bielefeld: Transcript Verlag, 2013, S. 123.

4 Vgl. Kos, Wolfgang: Vorwort, in: Blackshaw, Gemma und Leslie Topp. Madness and Modernity - Kunst und Wahn in Wien um 1900. Wien: Christian Brandstätter Verlag, 2010, S. 5.

5 Vgl. Topp, Leslie. An Architecture for Modern Nerves: Josef Hoffmann's Purkersdorf Sanatorium, in: Journal of the Society of Architectural Historians, vol. 56, no. 4 1997, S. 434 sowie

Schäfer, Gustav: Die Entwicklung der Krankenhausarchitektur in Wien und Niederösterreich um 1900 – Erkenntnisgewinnung und Wissensaustausch von 1880 bis 1914. Wien, Mai 2012, S. 13.

6 Vgl. Schäfer, 2012, S. 82f.

7 Vgl. Topp, Leslie: Otto Wagner and the Steinhof Psychiatric Hospital: Architecture as Misunderstanding, in: The Art Bulletin, vol. 87, no. 1 2005, S.133.

8 Vgl. Schäfer, 2012, S. 86.

9 Vgl. Schäfer, 2012, S. 92.

10 Topp, 2005, S. 133.

11 Vgl. ebd., S. 137.

12 Vgl. ebd., S. 133-141.

13 Es muss jedoch unterschieden werden zwischen Nervenkrankheiten, wie Nervosität und den akuten psychisch Krankheiten. Zuvor wurden die stärker Erkrankten separat von den normalen (Nerven) Krankheiten behandelt. Unter anderem Steinhof sollte diese Trennung aufheben und so das Ansehen der Nervenheilanstalten in der Öffentlichkeit verbessern. (vgl. Topp, 2005, S. 139)

14 Krafft-Ebing, Richard: Über gesunde und kranke Nerven. Tübingen: H. Laupp'schen, 1885, S. 3.

15 Vgl. Schaffner, Anna Katharina: Exhaustion and the Pathologization of Modernity, in: The Journal of Medical Humanities, Vol. 37,3 2016, S. 327-41.

16 Blackschaw, Gemma und Leslie Topp: Erforschungen des Körpers und Utopien des Irrsinns: Geisteskrankheit, Psychiatrie und Bildende Kunst in Wien zwischen 1898 und 1914, in: Blackshaw, G. und Leslie Topp. Madness and Modernity - Kunst und Wahn in Wien um 1900. Wien: Christian Brandstätter Verlag, 2010, S. 18.

17 Vgl. Wieber, Sabine: Die Verlockung der Nerven. Klasse Weiblichkeit und Neurasthenie in den Damenportäts von Gustav Klimt, in: Blackshaw, Gemma und Leslie Topp. Madness & Modernity: Kunst und Wahn in Wien um 1900. Wien: Christian Brandstätter Verlag, 2010, S. 128.

18 Vgl. Gronberg, Tag: The Inner Man: Interiors and Masculinity in Early Twentieth-Century Vienna, in: Oxford Art Journal, vol. 24, no. 1 2001, S.78.

19 Topp, 1997, S. 417.

20 Blackschaw & Topp, 2010, S. 26.

21 Aus praktischen Gründen wird im Verlauf der Arbeit die ins Englische übersetzte Version des Buchs verwendet. Die Originalsprache des Buches ist Deutsch.

22 Wagner, Otto und Harry Francis Mallgrave (Hrsg. und Übersetzung): Modern Architecture. A Guidebook for His Students to this Field of Art. Wien, Santa Monica: Getty Publications, 1988, S. 30.

23 Wagner / Mallgrave, 1988, S. 60

24 Vgl. Hübsch, Heinrich. In welchem Style sollen wir bauen?. Karlsruhe: Müller, 1828.

25 Loos, Adolf: Die Potemkin'sche Stadt, in: Ver Sacrum. Organ der Vereinigung bildender Künstler Österreichs Juli 1898, S. 17-19.

26 Wagner/ Mallgrave, 1988, S. 76.

27 Ebd., S. 79.

28 Wagner/ Mallgrave, 1988, S. 160.

29 Ebd. S. 82.

30 Ebd. S. 78f.

31 Angerer, Alfred: Hygieia verführt Otto Wagner. Beispiele einer hygienisch motivierten Moderne. Graz, 2015, S. 13-15

32 Heiko, 1984, S.30.

33 Wagner / Mallgrave, 1988, S. 116.

34 Vgl. Hofmann, Ursula: Josef Hoffmann und sein Weg zum Gesamtkunstwerk. Wien, 2007, S. 20.

35 Hoffmann, Josef: Einfache Möbel: Entwürfe und Begleitende Worte von Professor Josef Hoffmann, in: Das Interieur: Wiener Monatshefte für [Wohnungsausstattung und für] angewandte Kunst 1901, S. 194.

36 Hoffmann, 1901, S. 201

37 Vgl. Müller, 1984, S. 102.

38 Vgl. Hofmann, 2007, S.26

39 Dreger, Moritz: Die Schule Hoffmann an der K.K. Kunstgewerbeschule in Wien, in: Das Interieur: Wiener Monatshefte für [Wohnungsausstattung und für] angewandte Kunst 1901, S. 6.

40 Ebd., S. 203.

41 Arbeitsprogram der Wiener Werkstätte zitiert nach: Müller, Dorothee: Klassiker des modernen Möbeldesigns: Otto Wagner - Adolf Loos - Josef Hoffmann - Koloman Moser. München: Keyser, 1984 (2. Auflage), S. 34.

42 Ebd.

43 Vgl. Müller, 1984, S. 55f.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Architektur als Medizin? Otto Wagners Spital "Am Steinhof" und Josef Hoffmanns Sanatorium Purkersdorf im Vergleich
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Kunst)
Veranstaltung
Kunst in Wien
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
26
Katalognummer
V1146583
ISBN (eBook)
9783346524867
ISBN (Buch)
9783346524874
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Secession, Sezession, Wien, Jugenstil, Fin de Siècle
Arbeit zitieren
Ben Joy Muin (Autor:in), 2021, Architektur als Medizin? Otto Wagners Spital "Am Steinhof" und Josef Hoffmanns Sanatorium Purkersdorf im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1146583

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