Nicht einmal 10 Kilometer liegen die beiden Einrichtungen, um die es in dieser Arbeit gehen soll, voneinander entfernt. Heute ist es möglich, mit dem Auto innerhalb nur weniger Minuten beide Einrichtungen, welche jeweils Anfang des 20. Jahrhunderts am westlichen Rand des Wiener Stadtbezirks in einem zeitlichen Abstand von nur zwei Jahren eröffnet wurden, zu besichtigen. Doch die Niederösterreichische Landes Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke "Am Steinhof" (heute unter dem Namen "Klink Penzing" geführt) und das Sanatorium Purkersdorf verbindet viel mehr als nur ihre zeitliche und räumliche Nähe. Beide wurden von jeweils einem herausragenden Architekten der Wiener Moderne erbaut, Otto Wagner und Josef Hoffmann, welche wiederum persönlich wie auch stilistisch viel verbindet. Josef Hoffmann war Schüler Otto Wagners und sein künstlerischer Stil ist maßgeblich durch ihn geprägt. Beide zeichnen sich durch ihren, für ihre Zeit, radikal modernen Architekturstil aus, welcher mit dem bestehenden, historistischen Architekturstil Wiens bricht und durch einfache geometrische Formen und einen Fokus auf Funktion ersetzt.
Umso erstaunlicher scheint es, dass sich eben diese beiden Architekten scheinbar unabhängig voneinander dazu entscheiden Einrichtungen zu bauen, die für psychisch kranke Menschen bestimmt waren. Welche Beweggründe hatten die beiden Architekten? Wollten sie den Patienten durch ihre Architektur helfen?
Durch eine nähere Betrachtung und Kontextualisierung der Einrichtungen soll dargestellt werden, aus welchen Gründen Wagner und Hoffmann sich dazu entschieden haben könnten, diese zu bauen. Durch diese Vorbereitung soll der Vergleich der beiden Einrichtungen ermöglicht werden, um darzustellen in welchen Aspekten sich die auf den ersten Blick sehr ähnlichen Bauwerke unterscheiden. Dadurch soll die Leitfrage dieser Arbeit zu beantwortet werden: Entwickeln Josef Hoffmann und Otto Wagner unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie Architektur der modernen Gesellschaft helfen kann?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Quellenlage & Forschungsstand
3. Psyche, Nerven und die Wiener Moderne
3.1. Die Entwicklung psychiatrischen Einrichtungen in Wien vor und um 1900
3.2. Zeitgeist der Wiener Moderne
4. Die Architekten
4.1. Otto Wagner
4.2. Josef Hoffmann
5. Die Bauwerke
5.1. Niederösterreichische Landes-Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke „Am Steinhof“
5.1.2. Die Kirche zum Heiligen Leopold
5.2. Sanatorium Purkersdorf
6. Vergleich
6.1. Stilistischer Vergleich
6.2. Ideelle Unterschiede
6.3. Problematik des Vergleichs
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die architektonische Gestaltung und das zugrundeliegende medizinische Konzept der Wiener Moderne anhand des Spitals „Am Steinhof“ von Otto Wagner und des Sanatoriums Purkersdorf von Josef Hoffmann. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob diese Architekten unterschiedliche Antworten auf die Frage fanden, wie Architektur der modernen Gesellschaft bei der Heilung und Pflege psychisch kranker Menschen helfen kann.
- Historischer Kontext der Psychiatrie in Wien um 1900.
- Die architektonischen Ansätze von Otto Wagner und Josef Hoffmann im Vergleich.
- Stilistische und ideelle Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in der Umsetzung als Gesamtkunstwerk.
- Die Bedeutung von Hygiene und Funktionalität in der modernen Krankenhausarchitektur.
- Kritische Analyse der utopischen Hoffnungen in die architektonische Gestaltung.
Auszug aus dem Buch
4.1. Otto Wagner
[…] The basis of today’s predominant views on architecture must be shifted, and we must become fully aware that the sole departure point for our artistic work can only be modern life.21,22
Für seine Zeitgenossen muss diese Aussage, die im Vorwort zur ersten Ausgabe von Otto Wagners Moderne Architektur von 1896 zu finden ist, wie auch der Rest seines ‚Manifests‘, sehr radikal gewirkt haben. Denn Otto Koloman Wagner (1841 - 1918) war zu dem Zeitpunkt als er Moderne Architektur veröffentlichte bereits 55 Jahre alt, angesehener Stadtarchitekt Wiens und vor kurzem erst zum Professor und Leiter für Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien berufen worden. Dass ein so prominenter Architekt wie Wagner eine so radikale Abkehr vom bestehenden Baustil forderte, erregte nicht nur in Wien für Aufsehen. Als einer der ersten Architekten Europas fordert Wagner einen Bruch mit bestehenden Bautraditionen, hin zu einem komplett neuen, modernen Architekturstil.23
Die Frage ‚In welchem Style sollen wir bauen?‘24 beschäftigte Architekten und Stadtplaner das gesamte 19. Jahrhundert: Der vorherrschende historistische Baustil warf in den Augen seiner Kritiker wahllos und oberflächlich Stile vergangener Epochen zusammen. In Wien war vor allen die Ringstraße prominentes Objekt der Kritik, welche Adolf Loos in seiner bekannten Schrift mit einer ‚potemkinschen Stadt‘ vergleicht.25 Dieser allgemeinen Kritik schließt sich Wagner an: Der historistische Baustil steht in keinem Verhältnis zur heutigen Zeit, sei unkreativ und eine bloße Kopie. Laut Wagner, soll ein zeitgemäßer Baustil den Bedürfnissen und technischen Möglichkeiten der Zeit entsprechen: „Modern Art must offer us modern forms that are created by us and that represent our abilites and actions“26 Anstatt die bestehenden Stile weiter zu entwickeln, geht Wagner jedoch weiter und fordert eine Abkehr von allem was zuvor kam, eine „Naissance“27, begründet in den enormen technischen und gesellschaftlichen Fortschritten des 19 Jahrhunderts.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein, stellt die beiden Bauwerke vor und definiert die Forschungsfrage bezüglich des Beitrags der Architektur zur Heilung in der Moderne.
2. Quellenlage & Forschungsstand: Dieses Kapitel bewertet die gute Verfügbarkeit zeitgenössischer Dokumente und reflektiert den Forschungsstand zur Wiener Moderne zwischen Idealismus und kritischer Analyse.
3. Psyche, Nerven und die Wiener Moderne: Der Abschnitt kontextualisiert die Entwicklung der Psychiatrie um 1900 und beleuchtet, wie der Zeitgeist der Moderne die Wahrnehmung von Nervosität und Krankheit beeinflusste.
4. Die Architekten: Hier werden die Biografien und ästhetischen Positionen von Otto Wagner und Josef Hoffmann dargelegt, insbesondere ihr Streben nach einem radikal neuen, funktionalen Baustil.
5. Die Bauwerke: Das Kapitel beschreibt das Spital „Am Steinhof“ und das Sanatorium Purkersdorf detailliert hinsichtlich ihrer architektonischen Konzeption und spezifischer Ausstattungsmerkmale.
6. Vergleich: Es folgt eine tiefgehende Gegenüberstellung der stilistischen und ideellen Ansätze, wobei auch die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Aufträge kritisch hinterfragt werden.
7. Fazit: Das Fazit beantwortet die Leitfrage durch eine Synthese der Ergebnisse und diskutiert die heutige Relevanz der architektonischen Utopien des frühen 20. Jahrhunderts.
Schlüsselwörter
Wiener Moderne, Otto Wagner, Josef Hoffmann, Architektur, Psychiatrie, Am Steinhof, Sanatorium Purkersdorf, Gesamtkunstwerk, Hygiene, Funktionalität, Nervosität, Jugendstil, Krankenhausarchitektur, Städtebau, moderne Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen Architektur und Medizin in der Wiener Moderne anhand zweier prominenter Nervenheilanstalten, um zu verstehen, welche Rolle moderne Gestaltung bei der Heilung und Betreuung psychisch kranker Menschen spielte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte der Psychiatrie um 1900, die architektonischen Theorien von Otto Wagner und Josef Hoffmann sowie die Bedeutung von Hygiene und Gesamtkunstwerk in der modernen Bauweise.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es herauszufinden, ob und inwiefern Wagner und Hoffmann durch ihre Architektur unterschiedliche, utopische Antworten auf die gesundheitlichen Herausforderungen der modernen Großstadtgesellschaft entwickelten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für diese Analyse verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende kunsthistorische Analyse, die architektonische Dokumente, zeitgenössische Quellen sowie aktuelle fachwissenschaftliche Literatur in einen interdisziplinären Kontext setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der historische Kontext der Wiener Psychiatrie, die architektonischen Manifeste der Protagonisten sowie die konkreten Bauwerke „Am Steinhof“ und das Sanatorium Purkersdorf im Detail analysiert und miteinander verglichen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Publikation?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Wiener Moderne, Funktionalismus, Gesamtkunstwerk, Hygienestreben und das Verhältnis von Architektur zu menschlicher Gesundheit charakterisieren.
Inwiefern unterscheiden sich die architektonischen Ansätze von Wagner und Hoffmann in diesem Kontext?
Während Wagner eher als technischer Reformator auftritt, der Hygiene und Funktionalität als evolutionäre Weiterentwicklung nutzt, verfolgt Hoffmann eine radikalere ästhetische Abkehr durch das Konzept des Gesamtkunstwerks.
Welche Rolle spielt der soziale Status der Patienten beim Vergleich der Bauwerke?
Die Arbeit stellt fest, dass der öffentliche Charakter des Steinhof-Spitals im Gegensatz zur privaten, exklusiven Ausrichtung des Sanatoriums Purkersdorf die Gestaltungsfreiheit und die Zielsetzung der Architekten maßgeblich beeinflusste.
- Quote paper
- Ben Joy Muin (Author), 2021, Architektur als Medizin? Otto Wagners Spital "Am Steinhof" und Josef Hoffmanns Sanatorium Purkersdorf im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1146583