Die Bedeutung des Streits um das Lütticher Bistum liegt zweifelsohne im kirchenrechtshistorischen Bereich. Der damalige Papst Johann X. wird zur Lösung des Streits herangezogen und erkennt prompt die prisca consuetudo - das Gewohnheitsrecht an. Er gesteht damit dem König zu, Bistümer vergeben und ausschließlisch auf sein Geheiß Bischöfe zu weihen. Dies belegen unmissverständlich zwei Briefe des Papstes an Erzbischof Hermann von Köln und an Karl III., den Einfältigen. Diese Praxis sollte erst 200 Jahre später im Investiturstreit wieder strittig gemacht werden.
Die Seminararbeit beleuchtet alle Quellen, die zu diesem Ereignis vorliegen, insbesondere auch die Annalen des Flodoard von Reims.
Inhaltsübersicht
1. Einleitung : Quellen und Literatur zum Lütticher Bistumsstreit
2. Die Sonderstellung Lothringens
2.1. Die Frage der politischen Eigenständigkeit Lothringens
2.2. Die Rolle des lothringischen Lokaladels
3. Welche Informationen geben die Quellen über den Lütticher Bistumsstreit?
3.1. Die Annalen des Flodoard von Reims
3.2. "Historiarum libri" des Richer von Reims
3.3. Geschichtsschreibung im Kloster Laubach im Hennegau
3. 4. Das Capitulare Karls III. und die beiden Papstbriefe Johanns X.
4. Versuch der Rekonstruktion der Ereignisse um den Lütticher Streit
5. Schlußteil: Die rechtshistorische Bedeutung des Lütticher Bistumsstreits
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Lütticher Bistumsstreit der Jahre 920/921 und analysiert die dabei zutage tretenden kirchenrechtlichen sowie machtpolitischen Spannungsfelder zwischen dem westfränkischen König Karl III., dem lokalen lothringischen Adel und dem Papsttum. Zentrale Forschungsfrage ist dabei die Rekonstruktion des wahren Verlaufs der Ereignisse unter kritischer Würdigung der widersprüchlichen zeitgenössischen Quellen.
- Politische Sonderstellung Lothringens im 9. und 10. Jahrhundert
- Einfluss des lokalen Adels auf die Bistumsbesetzung
- Kritische Quellenanalyse der Historiographen des 10. Jahrhunderts
- Bedeutung des königlichen Investiturrechts
Auszug aus dem Buch
4. Versuch der Rekonstruktion der Ereignisse um den Lütticher Streit
Am 19.Mai 920 starb der Lütticher Bischof Stephan, der ein Verwandter Karls III. war und wohl auch zum königlichen Anhang gehört haben könnte. Genau zu dieser Zeit fand ja der lothringische Aufstand unter Führung Giselberts gegen Karl III. statt. Schon Anfang 919 gab es einen Aufstand Giselberts, den Karl aber niederschlagen konnte, woraufhin Giselbert Lothringen für einige Zeit verließ und sich zum neugewählten ostfränkischen König Heinrich I. begab. Ende Januar 920 kam es dann in Soissons zu einem Aufstand fast aller Vasallen des Königs gegen Karl III., da dieser seinen Ratgeber Hagano nicht entlassen wollte. Karl musste zu Erzbischof Heriveus von Reims flüchten und verbrachte die nächsten 7 Monate in Lothringen. Diese Gelegenheit hat Giselbert, der ja auch von den lothringischen Großen zum Princeps gewählt worden war, wohl ausgenutzt und ließ den Kampf gegen Karl III. in Lothringen wieder aufflammen.
In diesen für König Karl III. also äußerst ungünstigen Zeiten, muß es für diesen wohl besonders wichtig gewesen sein, wieder einen ihm getreuen Vertreter auf den Lütticher Bischofsstuhl zu bekommen. (Gerade wenn noch hinzukommt, daß in dem Bistum auch die Aachener Kaiserpfalz gelegen ist, was die traditionelle Bedeutung des Bistums noch unterstreicht.)
Doch jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob der Lütticher Kleriker Hilduin wirklich der Kandidat Karls III. war. Aus dem Capitulare könnre man nämlich schließen, daß Hilduin nie der Kandidat des Königs war, da Karl III. ihm das Bistum nie verliehen habe. Wenn wir Karl III. also nicht als völlig unglaubwürdig abstempeln wollen, was auch nicht im Sinne Zimmermanns ist, muß man wohl davon ausgehen, daß nie eine Bestätigung und Investitur Hilduins durch den König stattgefunden hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung : Quellen und Literatur zum Lütticher Bistumsstreit: Vorstellung der kirchenrechtlichen Relevanz des Streits und erste Einordnung der divergierenden Quellendarstellungen.
2. Die Sonderstellung Lothringens: Untersuchung der geopolitischen Lage Lothringens zwischen den Machtblöcken und der Rolle des lothringischen Adels.
3. Welche Informationen geben die Quellen über den Lütticher Bistumsstreit?: Detaillierte Analyse der zeitgenössischen Geschichtsschreiber und offizieller Dokumente wie Papstbriefe und Capitulare.
4. Versuch der Rekonstruktion der Ereignisse um den Lütticher Streit: Kritischer Versuch, den tatsächlichen chronologischen Ablauf der Ereignisse unter Berücksichtigung der Interessenkonflikte nachzuzeichnen.
5. Schlußteil: Die rechtshistorische Bedeutung des Lütticher Bistumsstreits: Einordnung des Streits als Beleg für das alte königliche Investiturrecht und dessen Auswirkungen bis in die Neuzeit.
Schlüsselwörter
Lütticher Bistumsstreit, Karl III., Giselbert von Lothringen, Hilduin, Richar von Prüm, Lothringen, Investiturrecht, Papst Johann X., Kirchengeschichte, Karolinger, Mittelalter, Bischofswahl, politische Geschichte, Reichskirchensystem.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Konflikt um die Neubesetzung des Lütticher Bistums in den Jahren 920/921, der in die Zeit der politischen Unruhen in Lothringen und der Auseinandersetzungen zwischen den karolingischen und ottonischen Machtansprüchen fiel.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themen umfassen die politische Eigenständigkeit Lothringens, die Rolle des Adels bei kirchlichen Ämterbesetzungen, das Verhältnis zwischen Königtum und Kirche sowie die kritische Auswertung historischer Quellen des 10. Jahrhunderts.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aus den widersprüchlichen Berichten der zeitgenössischen Historiographen und den offiziellen Dokumenten eine Rekonstruktion des tatsächlichen Verlaufs der Ereignisse rund um den Streit zwischen Hilduin und Richar zu erarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine kritische Quellenanalyse. Dabei werden unterschiedliche Berichte (u.a. Flodoard von Reims, Richer von Reims, Annales Lobienses) miteinander verglichen und auf ihre jeweilige Intention sowie Glaubwürdigkeit hin überprüft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der lothringischen Sonderstellung, eine detaillierte Quellenkritik der beteiligten Chronisten und die schrittweise Rekonstruktion der Ereignisse, von der Vakanz des Stuhls bis zur Entscheidung des Papstes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Lütticher Bistumsstreit, Investiturrecht, König Karl III., Giselbert von Lothringen, Reichskirche und die historische Quellenkritik.
Welche Rolle spielte die Aachener Kaiserpfalz in diesem Bistumsstreit?
Die Aachener Kaiserpfalz lag in der Diözese Lüttich, was dem Bistum eine hohe symbolische und strategische Bedeutung für den westfränkischen König sowie für seine Rivalen verlieh.
Warum wird das "Capitulare Karls III." als kritische Quelle eingestuft?
Es wird als Parteischrift gewertet, da der König damit sein eigenes Vorgehen rechtfertigen wollte, wodurch die darin enthaltenen Vorwürfe gegen den Gegenkandidaten Hilduin nicht als objektiv anzusehen sind.
- Quote paper
- Simone Ernst (Author), 1995, Der Lütticher Bistumsstreit 920/921, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11466