Frauenbilder im höfischen Roman: Enite


Seminararbeit, 2005
17 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
II.1 Hartmanns Enite im Vergleich zu dem Bild der christlichen Frau im Mittelalter (11. / 12. Jahrhundert)
II.1.1 Herkunft und Erziehung der jungen Enite
II.1.2 Enites Liebe und Sexualität
II.1.3 Treue versus Gehorsamkeit
II.1.4 Sünderin versus Sühnerin
II.1.5 Hartmanns Enite – eine Gefahr für die Romanfiguren?

III. Schlussbetrachtung

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Ziel meiner Arbeit ist es, das höfische Frauenbild am Beispiel der Enite aus Hartmanns von Aue „Erecroman“, mit der geistlichen Sicht auf die mittelalterliche Frau zu vergleichen und zu beweisen, dass Enite zwar dem höfischen Frauenbild entspricht, jedoch mit der geistlichen Idee des weiblichen Geschlechtes nur in abgeschwächter Form übereinstimmt.

Die Beschäftigung mit meinem Thema setzte voraus, dass ich mich mit dem geistlichen Frauenbild des 11. und 12. Jahrhundert beschäftigte. Bei dieser Auseinandersetzung wurde mir erst bewusst, wie vielseitig und facettenreich dieses war.

War ich noch zuvor der Annahme, dass die Frau im Mittelalter nur als Mittel zum Zweck, also zur Mutterschaft und Ehe, diente, und eigentlich etwas darstellte, vor dem die Geistlichen Angst hatten, musste ich meine Meinung teilweise revidieren.

Im 11. und 12. Jahrhundert gab es nämlich zwei extreme geistliche Meinungen: die Frau als Sünde und Schande im Gegensatz zu dem Marienkult, der im 12. Jahrhundert mehr und mehr an Popularität gewann. Im Allgemeinen gesprochen also die Geringschätzung der Frau und die Wertschätzung der Frau.

Das im „Erecroman“ dargestellte höfische Frauenideal hatte eine Mittelstellung zwischen diesen beiden Extremmeinungen inne. Das heißt soviel, als dass sich die beschriebene höfische Idee von der Frau aus beiden Monopolauffassungen in abgeschwächter Form zusammensetzte.

In den folgenden Teilen meiner Ausarbeitung möchte ich nun die Sicht auf Enite, also die höfische Sicht auf die Frau, mit der geistlichen Sicht und ihren Facetten vergleichen und folgende Fragen, die mir bei der Bearbeitung auffielen, beantworten: Entspricht Enite dem geistlichen mittelalterlichen Frauenbild des 11. / 12. Jahrhunderts? Spiegelt sich im Erec ein reelles christliches Frauenbild wider? und Wie definieren sich die unterschiedlichen Sichtweisen der Geistlichen auf die Frau?

II. Hauptteil

II.1 Hartmanns Enite im Vergleich zu dem Bild der christlichen Frau im Mittelalter (11. / 12. Jahrhundert)

In Hartmanns von Aue Roman „Erec“ ist die junge Enite eine der Haupthandlungsfiguren, nämlich die Gefährtin der Erecfigur.

Im Folgenden möchte ich auf die Eigenschaften der jungen Frauengestalt eingehen und sie mit dem christlichen Frauenbild des 11. und 12. Jahrhunderts vergleichen.

Jedoch ist es schwer, Enite als eigenständigen Typus zu fassen, da das Paar mit seinen Taten sehr eng aneinander gebunden ist. So ist es nicht zu umgehen, dass auch die Geschichte um und über Erec im folgenden Erwähnung findet.

II.1.1 Herkunft und Erziehung der jungen Enite

Die Figur der Enite, vom Autor dargestellt als ein junges wunderschönes Mädchen, wird in der Stadt Lut geboren und wächst bei ihren Eltern Koralus und Karsinefite auf. Ihr Onkel ist der Herzog Imain, ein Mann von großer politischer Macht - Enite ist folglich adliger Herkunft.

der juncvrouwen œheim

was der herzoge Ĭmâîn,

des diu hôchzît solde sîn,

der herre von dem lande.

ir geburt was âne schande.[1]

Hartmann von Aue benutzt zur Umschreibung der Enitefigur das Vokabular jucfrouwe. Hier ist der erste Hinweis auf das christliche Frauenbild zu finden, da die Jungfräulichkeit eine der Tugenden der Heiligen Mutter Maria war, die im Mittelalter ein Frauenideal darstellte.[2] Der Erecroman Hartmanns ist in der Blütezeit der Marienverehrung, also zwischen 1180 – 1190 entstanden. Der Marienkult, der sich erst im 11. Jahrhundert entfaltete, hatte im 12. Jahrhundert seinen Höhepunkt.[3]

Selbst die ärgsten Kritiker der mittelalterlichen Frau beteten plötzlich inbrünstig zu der

Mutter Gottes und vertrauten ihr ihre Sünden an, die man kaum einzugestehen wagte; ihr

wurden Gedichte gewidmet und es wurden Betrachtungen über das Mysterium ihrer

Einzigartigkeit angestellt. Aber die jungfräuliche Mutter zu preisen bedeutete keineswegs, der Gesamtheit ihrer geringeren Mitschwestern zu huldigen.[4]

Maria, die Mutter Gottes, wurde zur Mutter schlechthin, in deren Schoß der unwürdige Sohn sich flüchten konnte, um seiner Schmach zu entkommen – sie war die „Zuflucht der Sünder“ und „Hoffnung der Menschheit“.[5] Die besonderen Tugenden der Jungfrau Maria waren: Gottesmutterschaft, Jungfräulichkeit, unbefleckte Empfängnis und die Himmelfahrt.[6]

Der folgende Handlungsverlauf und die Bewährung der Enitefigur wird also angedeutet, indem die Jungfräulichkeit benannt wird und somit der Vergleich mit Maria assoziiert wird. Im weiteren Geschehen muss die Enitefigur nämlich den hohen Status, der ihr am Anfang der Erzählung zukommt, bewähren, was ihr mehr oder minder gelingt. Erst am Ende des Romans wird die Figur der Enite wieder zum Ursprungsideal der Frau zurückgeführt, was ich jedoch erst später erläutern möchte.

Die Figuren Koralus und Karsinefite werden im Erecroman als verarmter Adel dargestellt, was sich auch in Hartmanns Beschreibung der Enite widerspiegelt:

der megede lîp was lobelich.

der roc was grüener varwe,

gezerret begarwe,

abehære über al.

dar under was ir hemde sal

und ouch zebrochen eteswâ:

sô schein diu lîch dâ

durch wîz alsam ein swan.

man saget daz nie kint gewan

einen lîp sô gar dem wunsche gelîch:

und wære sie gewesen rîch,

sô engebræste niht ir lîbe

ze lobelîchem wîbe.

ir lîp schein durch ir salwe wât

alsam iu lilje, dâ si stât

uder swarzen dornen wîz.

ich wæne got sînen vlîz

an si hâte geleit

von schœne und von sælekeit.[7]

Enites Kleidung wird hier als zerrissen und verschlissen dargestellt – die Armut ihrer Eltern ließ keine neueren, schöneres Gewänder zu. Trotzdem wird hier ihre äußerliche Schönheit, die trotz der schlechten Gewandung hervortritt, besonders in den Mittelpunkt gerückt.

Auffällig ist die doppelte Beschreibung ihren schwanenweißen Haut („ sô schein diu lîch dâ / durch wîz alsam ein swan“, ir lîp schein durch ir salwe wât / alsam iu lilje, dâ si stât /uder swarzen dornen wîz.“), die durch ihr Gewand hindurchschimmert. Hier wird eindeutig ein Motiv der Mannesverführung aufgeziegt, was den Bezug zu der biblischen Gestalt der Eva herstellt.

Eva, die Frauengestalt aus der Genesis steht im Mittelalter als eine von zwei Prototypen für ein ganzes Geschlecht und die Bibelgeschichten der Schöpfung und des Sündenfalls, an denen Eva beteiligt war, lasten ständig auf dem mittelalterlichen Bild der Frau.[8]

In den Schöpfungsgeschichten vom Anfang der Genesis heißt es, Eva sei als Rippe der Seite Adams, des ersten Menschen, entnommen worden. Adam erkannte sie darauf dann als seinesgleichen und beide lebten im Paradies.[9] Durch eine Schlange jedoch wurde Eva zu Ungehorsam verleitet und die ganze Zukunft für die Menschheit änderte sich. Für diesen Sündenfall traf Eva eine harte Strafe: „Zu der Frau sprach er: Ich werde sehr vermehren die Mühsal deiner Schwangerschaft, mit Schmerzen sollst du Kinder gebären. Nach deinem Mann wird dein Verlangen sein, er aber wird über dich herrschen.“[10] und sie wurde aus dem Garten Eden verbannt.

Eva steht somit für eine Facette des christliche Bildes der Frau, denn sie ist Schuld am Verderben des Mannes und letztendlich der Welt, da sie der Verlockung trotz Androhung der Todesstrafe nicht widerstehen konnte und sich verführen ließ, vom Baum der Erkenntnis von Gutem und Bösem zu essen, mit dem Ziel so zu werden, wie Gott es ist. Eva ist nach dem Bischof von Rennes (1098) „[…] die übelste der vom Feind ausgelegten Fallen, […] Wurzel des Übels, Sproß aller Laster.“[11]

[...]


[1] von Aue, Hartmann: Erec. Mittelhochdeutscher Text und Übertragung von Thomas Cramer. Fischer Tb, Frankfurt 1999, Zeile 435 - 439

[2] Duby, Georges und Perrot, Michelle: Geschichte der Frauen. Band 2: Mittelalter. Herausgegeben von Christiane Klapisch-Zuber, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main / Wien 1993, S. 39

[3] Pernoud, Régine: Frauenbilder im Mittelalter. Zodiaque Echter, Würzburg 1998, S. 169 - 175

[4] vgl. Anmerkung 2, S. 38

[5] vgl. Anmerkung 2, S. 38

[6] vgl. Anmerkung 2, S. 37 - 39

[7] vgl. Anmerkung 1, Zeile 324 - 341

[8] vgl. Anmerkung 3, S. 92 - 115

[9] vgl. Anmerkung 3, S. 94

[10] Die Bibel. Elberfelder Übersetzung. 9. Auflage. Taschen-Sonderausgabe, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal 2003, 1. Mose 3.16, S. 4

[11] vgl. Anmerkung 2, S. 35 - 36

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Frauenbilder im höfischen Roman: Enite
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Basislektüre –Hochmittelalterliche Dichtung
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V114678
ISBN (eBook)
9783640166886
ISBN (Buch)
9783656057697
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauenbilder, Roman, Enite, Basislektüre, Dichtung
Arbeit zitieren
Katharina Giers (Autor), 2005, Frauenbilder im höfischen Roman: Enite, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114678

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