Wanderungsbewegungen im großen Stil hat es in der Menschheitsgeschichte immer wieder gegeben. Schon die Römer hatten mit den Folgen der Migration zu kämpfen. Manche Histori-ker gehen sogar soweit und sehen in den damaligen Völkerwanderungen einen von mehreren Gründen für den Zusammenbruch des Römischen Reiches. (vgl. Wöhlcke 2003, S.284) Wie dies auch immer zu bewerten ist, so dürfte es unstrittig sein, dass sich im Laufe der Zeit die Migration in qualitativer sowie in quantitativer Hinsicht verändert hat. Zu keiner Zeit waren so viele Staaten, als auch Menschen von Migration betroffen, wie es heute der Fall ist. Nicht nur durch das Ausmaß, sondern auch durch die wachsende Komplexität von Migration sieht sich die heutige Staatenwelt einer wachsenden Herausforderung gegenüber gestellt. In anbet-racht dessen dürften einfache Problemlösungsmechanismen genauso zum scheitern verurteilt sein wie unilaterales Handeln von Staaten.
Auf institutioneller Ebene gibt es unterschiedliche Varianten des internationalen Regierens, um auf globale Phänomene, wie die Migration eines ist, adäquat zu reagieren. Die angedeute-ten Varianten unterscheiden sich dabei im Grad der Einbeziehung von privaten Akteuren in internationalen Organisationen. Der höchste Grad der Einbeziehung findet sich in so genann-ten Inklusiven Institutionen. Die Wirksamkeit dieser Institutionen wurde u.a. von Rittberger, Huckel, Rieth und Zimmer nachgewiesen. (vgl. Rittberger et al. 2007)
Die vorliegende Arbeit setzt sich nun mit der Problematik auseinander, warum es im Politik-felde Migration bis dato zu keiner Entstehung einer Inklusiven Institution gekommen ist. Um dies zu ergründen wurde das Format einer Einzellfallanalyse gewählt. Gegenstand soll hierbei die International Organization for Migration (IOM) sein. Begründet wird die Auswahl damit, dass es sich bei der IOM um die internationale Organisation mit dem breitesten Aufgaben-spektrum handelt. Zudem zählt sie zu den bedeutendsten Organisationen, welche sich mit dem Bereich der Migration auseinander setzt. (vgl. GCIM 2005, S.72) Auf der Grundlage der Res-sourcentauschtheorie soll die folgende Frage geklärt werden:
Welche Faktoren können auf der Grundlage der Ressourcentauschtheorie benannt werden, warum es sich im Falle der IOM um keine Inklusive Institution handelt?
Um die gestellte Frage zu beantworten, soll zunächst das Phänomen Migration näher beleuchtet werden. Im Anschluss daran wird auf die Probleme des bestehenden internationalen Regierens eingegangen und die unterschiedlichen Regierungsformen vorgestellt. Nach einer genaueren Betrachtung der Ressourcentauschtheorie und der IOM, wird das Untersuchungs-interesse expliziert. Die durchgeführte Analyse orientiert sich an der vorgestellten Theorie
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Ein Blick auf das Phänomen Migration
2. Das Regieren auf globaler Ebene
2.1 Probleme des internationalen Regierens
2.2 Formen des Regierens
3. Die Ressourcentauschtheorie
4. Die International Organization for Migration
5. Die Explizierung des Untersuchungsinteresse
6. Die Anwendung der Ressourcentauschtheorie
6.1 Die Überprüfung des Konsens im Zuständigkeitsbereich
6.1.1 Die Überprüfung des Konsens zwischen der IOM und dem BAB
6.1.2 Die Überprüfung des Konsens im Kontext des Dialoges
6.2 Die Überprüfung der Ressourceninterdependenz
6.2.1 Die Ressourcendependenz des BABs gegenüber der IOM
6.2.2 Die Ressourcendependenz der IOM gegenüber dem BAB
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die institutionelle Struktur der International Organization for Migration (IOM) und analysiert, warum sich diese Organisation trotz einer punktuellen Öffnung gegenüber nichtstaatlichen Akteuren nicht zu einer "Inklusiven Institution" entwickelt hat. Dabei steht die Frage im Zentrum, welche Faktoren der Ressourcentauschtheorie für diesen Umstand ausschlaggebend sind.
- Strukturanalyse internationaler Organisationen im Politikfeld Migration
- Anwendung der Ressourcentauschtheorie zur Erklärung institutioneller Genese
- Rolle des Business Advisory Board (BAB) und des International Dialogue on Migration
- Analyse von Governance-Lücken und Ressourcenabhängigkeiten
Auszug aus dem Buch
3. Die Ressourcentauschtheorie
Die Ressourcentauschtheorie stellt eine Möglichkeit dar, um die Genese von Inklusiven Institutionen theoretisch zu ergründen. Dieser Theorie liegt der Gedanke zugrunde, dass wenn staatliche sowie private Akteure unter einer Ressourcenknappheit leiden, eine institutionelle Kooperationsform angestrebt wird, bei der die jeweiligen Ressourcen der Akteure gebündelt und für alle beteiligten Akteure nutzbar gemacht werden, sofern dadurch der bestehenden Ressourcenknappheit entgegen gesteuert werden kann. Dies tritt selbstverständlich nur dann ein, wenn sich die Ressourcen, über welche die einzelnen Akteure verfügen, gegenseitig ergänzen. Gehen staatliche und private Akteure auf dieser Basis eine institutionalisierte Interdependenzbeziehung ein, so kann diese Kooperationsform als eine Inklusive Institution bezeichnet werden. Zu beachten ist dabei, dass keiner der beteiligten Akteure zu dieser Kooperationsform gezwungen wird. Demnach darf kein asymmetrisches Machtgefüge zwischen den Akteuren vorliegen, bei dem ein Akteur zur Kooperation gezwungen wird.
Grundsätzlich können selbstverständlich nur Ressourcen getauscht werden, über die die Akteure auch tatsächlich verfügen bzw. welche diese kontrollieren. Hierbei spielt es keine Rolle, ob es sich dabei um materielle Ressourcen wie beispielsweise Geld oder immaterielle Ressourcen wie beispielsweise Know-how handelt. Wie bereits angedeutet ist es zudem essentiell, dass die getauschten Ressourcen von den Akteuren auch wirklich für die jeweilige Aufgabenerfüllung benötigt werden.
Damit es zu einem Ressourcentausch im Kontext einer institutionellen Kooperationsform kommt, müssen zunächst zwei Faktoren berücksichtigt werden. Dabei handelt es sich zum einen um den Konsens im Zuständigkeitsbereich (Domain Consensus) und zum anderen um eine Ressourceninterdependenz (Resource Interdependence) zwischen den beteiligten Akteuren. (vgl. Edele 2006, S.45) Der Ressourceninterdependenz vorausgehende Konsens liegt zu Grunde, dass sich die jeweiligen Akteure nicht nur bewusst über die Existenz der potentiellen Partner sind, sondern auch über deren Ziele. In diesem Zusammenhang müssen die beteiligten Akteure die Absichten der Anderen als unterstützend für die eigene Tätigkeit wahrnehmen. Dies setzt aber keinesfalls voraus, dass alle in Frage kommenden Akteure die gleichen Ziele verfolgen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Der Abschnitt erläutert die Relevanz der Migration als globales Phänomen und stellt die IOM als Untersuchungsgegenstand vor, um die Abwesenheit inklusiver institutioneller Formen zu ergründen.
1. Ein Blick auf das Phänomen Migration: Dieses Kapitel skizziert die quantitative und qualitative Entwicklung der weltweiten Migration sowie die damit verbundenen Herausforderungen für Staaten.
2. Das Regieren auf globaler Ebene: Hier werden die Grenzen nationalstaatlichen Handelns sowie verschiedene Formen des internationalen Regierens im Kontext von Governance-Lücken beschrieben.
3. Die Ressourcentauschtheorie: Das Kapitel führt die theoretische Grundlage ein, die erklärt, unter welchen Bedingungen staatliche und private Akteure institutionelle Kooperationen (inklusive Institutionen) eingehen.
4. Die International Organization for Migration: Diese Sektion bietet einen Überblick über die Geschichte, Struktur und Aufgabenbereiche der IOM sowie ihre Kooperationsformate mit privaten Akteuren.
5. Die Explizierung des Untersuchungsinteresse: Hier wird die Forschungsfrage der Arbeit auf Basis der vorangegangenen theoretischen und empirischen Beobachtungen konkret formuliert.
6. Die Anwendung der Ressourcentauschtheorie: Dieses zentrale Kapitel analysiert anhand der Kategorien "Konsens im Zuständigkeitsbereich" und "Ressourceninterdependenz" die Beziehung zwischen der IOM, dem BAB und dem Dialog.
7. Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, dass mangelnde Ressourceninterdependenz und der "Gatekeeper"-Status der Staaten die Bildung einer inklusiven Institution bei der IOM verhindern.
Schlüsselwörter
Migration, Global Governance, IOM, Ressourcentauschtheorie, Inklusive Institutionen, Business Advisory Board, International Dialogue on Migration, Ressourceninterdependenz, Zuständigkeitslücke, Exekutiv Multilateralismus, staatliche Souveränität, globale Mobilität, Migrationspolitik, institutionelle Form, private Akteure
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, warum die International Organization for Migration (IOM) trotz ihrer prominenten Rolle im Migrationsbereich und einer punktuellen Öffnung gegenüber nichtstaatlichen Akteuren keine "Inklusive Institution" ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen Global Governance, die Theorie des Ressourcentauschs, internationale Migrationspolitik sowie die institutionelle Gestaltung internationaler Organisationen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, welche Faktoren auf Grundlage der Ressourcentauschtheorie erklären, warum im Fall der IOM keine Inklusive Institution entstanden ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine Einzelfallanalyse, bei der die Organisationsstruktur der IOM anhand der Konzepte der Ressourcentauschtheorie auf institutionelle Defizite und Interdependenzen geprüft wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung, die Vorstellung der IOM und die detaillierte empirische Anwendung der Theorie auf das Business Advisory Board (BAB) sowie den International Dialogue on Migration.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Ressourcentauschtheorie, Inklusive Institution, Ressourceninterdependenz, Konsens im Zuständigkeitsbereich und Exekutiv Multilateralismus.
Warum spielt das Business Advisory Board (BAB) eine zentrale Rolle?
Das BAB repräsentiert den Versuch der IOM, private Wirtschaftsakteure einzubinden, und dient daher als zentrales Untersuchungsobjekt zur Überprüfung, ob ein substantieller Ressourcentausch stattfindet.
Was verhindert laut der Analyse die Entstehung einer Inklusiven Institution?
Die Analyse zeigt, dass eine unzureichende Ressourceninterdependenz besteht und Staaten als "Gatekeeper" wenig Anreiz haben, Macht an private Akteure abzugeben, da die Kosten für sie den Nutzen überwiegen.
- Quote paper
- Uwe Albrecht (Author), 2008, Exekutiv Multilateralismus - Multilateralismus - Inklusive Institutionen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114730